In den Raum geschrieben steht ‚Verant­wor­tung‘

Schluß­be­trach­tungen zum 10. BDA-Tag

„Zu allen Zeiten hat die düstere Seite der Stadt Bürger verschreckt und Literaten angezogen“, die deren Schick­sale beschrieben – diese beißende Sozi­al­kritik kam von dem expres­sio­nis­ti­schen Dichter und Lite­ra­tur­kri­tiker Ludwig Rubiner vor knapp hundert Jahren. Seine Stadt gehört heute der Vergan­gen­heit an, aber in der Literatur lebt sie fort, um sie mahnend zu bewahren, in vielen Geschichten, in Geschichten der Stadt, in Geschichten des Lebens und der Menschen. „Unser Haus, die Stadt“, eine roman­ti­sche Parabel also – ein Traum? Eine Metapher für ein Lebens­ge­fühl? Viel­leicht. Eine Heraus­for­de­rung an die Archi­tek­ten­schaft, insbe­son­dere den BDA, auf jeden Fall.

In einem weiteren Bogen betrachtet sprechen wir über Städte, in denen Zivi­li­sa­tion und Kultur geboren wurden – von der Wiege der Demo­kratie – und ihren poli­ti­schen Insti­tu­tionen. Wir sprechen über die Orte, an denen wir uns versam­meln, öffent­liche Orte, an denen wir uns als Bürger zu erkennen geben, als Bürger mit dem Recht, die eigene Geschichte zu schreiben.

In der west­li­chen Welt leben bald drei von vier Menschen in städ­ti­schen Orten. Aris­to­teles sagte einst, der Mensch sei ein poli­ti­sches Tier, bald wird es heißen: der Mensch ist ein städ­ti­sches Tier. Städte sind multi­kul­tu­rell, sie sind viel­fältig, offen, und demo­kra­tisch. Und genau so wünschen wir uns unsere Stadt, als eine Welt ohne Grenzen.

Wie es heute um unsere Häuser und unsere Städte steht, um ihre Charak­te­ris­tika, ihre Durch­mi­schung, was und wer ihre Entwick­lungen prägt, darum ging es heute, und insbe­son­dere darum, wie die Akteure handeln, die Politik, Bürger­meister und Räte, die Inves­toren und die vielen Planer.

Gewiss, es gilt für jede Stadt, ob düster oder licht, ihr Spie­gel­bild zeigt allemal die Qualität der sie Prägenden, und auch immer wieder den Unmut ihrer Bewohner, wenn sie die Systeme ihrer Stadt aus der Balance geraten sehen.

Wie weit in unserer wohl­ha­benden Bundes­re­pu­blik die Städte von den Zuständen entfernt sind, die Ludwig Rubiner 1912 beschrieb, dazu konsta­tieren wir rasch: weit, sehr weit. Aber neigen wir nicht allzu leicht dazu, die Gewit­ter­wolken am Himmel zu übersehen? Es sind beun­ru­hi­gende Signale, wenn wir fest­stellen müssen, dass in vielen Städten unseres Landes vermehrt Nied­rig­lohn­emp­fänger und von Alters­armut Betrof­fene ein und dieselben Gegenden besiedeln. Die Ursachen dafür sind uns hinrei­chend bekannt. Schnoddrig wäre es zu sagen: so sei das eben nun mal – die Schloss­allee ist halt nicht ihre Adresse.

Tatsäch­lich zeigt sich eine wachsende Kluft, nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen armen und reichen Quar­tieren. Und Bilder armer, oft trost­loser Straßen und urbaner Verwahr­lo­sung, wie sie schon Rubiner beschrieben hat, erwachen erneut, und schon wirken Abriss­birnen als Symbol von Hilf­lo­sig­keit und städ­te­bau­li­cher Barbarei. Armut links, Reichtum rechts. Verfal­lenes oder Provi­so­ri­sches auf der einen und Aufpo­liertes, Schmuckes auf der anderen Seite. Vieler­orts herrscht Ungleich­heit – Hochhaus neben Hütte und Luxus neben Tristesse. Nein, so ist es noch nicht.

Foto: Andreas Bormann

Also doch nur Kassandra-Rufe? Nein, auch nicht, denn wir müssen genau hinschauen wollen. Haben wir hier und da die alte Stadt per se und unser Wissen um sie nicht schon aufge­geben, ist nicht ihr Rand zur Zuflucht geworden, und lässt nicht ande­rer­seits neue Pracht die Zentren glänzen? Und draußen, davor – die Vertrie­benen, deren Wohn­stätten in drohender Verarmung zu wuchern beginnen, wo sie versuchen, sich in ihre schat­tigen vier Wände zu retten, in denen schon der Staat oder die Mächtigen als unge­liebte Gäste mitwohnen.

Wir aber, die Archi­tekten und Stadt­planer, geben uns unbeirrt als Gene­ra­listen und negieren, dass wir bereits den Blaumann des Sach­zwang­ver­wal­ters mit dem Etikett jener tragen, die sich mit großem Erfolg politisch und ökono­misch in Szene zu setzen wissen. Es ist mehr denn je an uns Archi­tekten, die Betriebs­blind­heit unseres selbst­ver­liebten Tuns zu verlassen. Anstatt zu Epigonen aller möglichen Entwick­lungen zu werden, sollten wir uns auf unsere wahre Profes­sion besinnen: Denkräume und Land­schaften der offenen Möglich­keiten schaffen, wo die Beson­der­heit des Beson­deren die unbe­schreib­liche Fülle des Wirk­li­chen erschließt.

Wofür all das? Für „Unser Haus, die Stadt“ und ihre Bewohner, und um wehrhaft zu werden, drohte ihm Gefahr. Beispiels­weise für eine Über­prü­fung der Grenzen wuchernder Städte. Oder für eine moderne Boden­po­litik als Garant für ein Grund­recht des Wohnens. Mindes­tens aber für die Freiheit, zusammen mit allen Akteuren eine Stadt weiter zu denken. Und schließ­lich für eine Stadt des Gemein­wohls und Gemein­sinns, die Literaten inspi­riert, ihre und unsere eigene Geschichte vom Lebens­wert fort­zu­schreiben.

Das alles verpflichtet uns, den wohl gehüteten Gral des Gene­ra­listen mit einem erwei­terten und inter­ak­tiven Selbst­ver­ständnis zum Leuchten zu bringen. Das Bild der Stadt, der Zwilling unseres Verständ­nisses von Stadt, wird uns überleben und wird sich je nach dem Geist der Prägenden ihrer Zeit düster oder licht in die Geschichten der Stadt einschreiben.

Dipl.-Ing. Erwien Wachter (*1943) machte sein Diplom 1970 an der TU München. Zwischen 1969 und 1979 nahm er an Ausgra­bungen in Ägina / Grie­chen­land der Baye­ri­schen Akademie der Wissen­schaften und der Univer­sität Salzburg teil. Seit 1975 ist Erwien Wachter frei­schaf­fender Architekt in München. Zwischen 1983 und 2005 hatte er diverse Lehr­auf­träge für Städtebau, Entwerfen und Baukon­struk­tion an der Hoch­schule München inne. 1988 wurde Wachter in den BDA berufen, war zwischen 1990 und 2000 Vorstands­mit­glied im Kreis­ver­band München Ober­bayern, seit 2005 verant­wort­li­cher Redakteur BDA-Infor­ma­tionen und ist seit 2008 koop­tiertes Mitglied des Landes­vor­stands BDA Bayern. Seit Ende 2013 ist Erwien Wachter BDA-Präsi­di­ums­mit­glied, seit Januar 2014 zudem koop­tiertes Mitglied im Redak­ti­ons­beirat dieser Zeit­schrift.

Foto: Andreas Bormann