Integrale Intel­li­genz

Archi­tektur als Teil einer „Lebens­wis­sen­schaft“

Habe nun, ach! Philo­so­phie,
Juris­terei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm –
Meine Schüler an der Nase herum
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.“
Goethe, Faust I

Zur Einfüh­rung ins Berliner Gespräch 2012
Der bekannte, mitunter ergrei­fende Monolog Fausts im Studier­zimmer präsen­tiert einen mensch­li­chen Typus, der im 19. Jahr­hun­dert vermehrtes Interesse fand. In ihm ließen sich die umgrei­fenden Erkennt­nisse der „aufge­klärten“ Welt idea­ler­weise in einer Person vereinen: Faust vertritt den Ideal­typus des „Renais­sance­men­schen“, der über huma­nis­ti­sches Wissen und natur­wis­sen­schaft­liche Kennt­nisse glei­cher­maßen verfügt – eine Kombi­na­tion univer­seller Bildung, die sich ange­sichts der Epochen­wende, die die Aufklä­rung, die Fran­zö­si­sche Revo­lu­tion, der sprung­hafte Anstieg natur­wis­sen­schaft­li­chen und kultur­his­to­ri­schen Wissens und die  Indus­tria­li­sie­rung mit sich brachte, bewähren sollte. Die Idee Alexander von Humboldts, mit seinem univer­salen Hauptwerk „Kosmos“ in fünf Bänden „die Erschei­nungen der körper­li­chen Dinge in ihrem allge­meinen Zusam­men­hange, die Natur als ein durch innere Kräfte bewegtes und belebtes Ganzes“1 darzu­stellen, erinnert wohl nicht von ungefähr an Fausts Wunsch, zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusam­men­hält.“ Und zwei­fels­ohne darf man diese Näherung Humboldts an ein univer­sales Bildungs­ideal durchaus auch als Form einer Selbst­sti­li­sie­rung nach dem Vorbild Goethes respek­tive seines Prot­ago­nisten Faust betrachten.Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physi­schen Welt­be­schrei­bung, Bd. 1, Stuttgart / Tübingen 1845, Vorrede. ↩︎

Georg Kersting, Faust im Studier­zimmer, Öl auf Leinwand, 1829, Privat­samm­lung

Der Architekt als „Gewalt­mensch“
Eine wissen­schaft­liche Basis bekam die Anschau­ungs­form des „Renais­sance­men­schen“ 1860 durch Jakob Burck­hardts Buch „Die Kultur der Renais­sance in Italien“. Burck­hardt stellt fest: „Wenn nun dieser Antrieb zur höchsten Ausbil­dung der Persön­lich­keit zusam­men­traf mit einer wirklich mächtigen und dabei viel­sei­tigen Natur, welche sich zugleich aller Elemente der damaligen Bildung bemeis­terte, dann entstand der ‚allsei­tige Mensch‘, l‘uomo univer­sale, welcher ausschließ­lich Italien angehört.“2Jakob Burck­hardt: Die Kultur der Renais­sance in Italien, Basel 1860, zit. n. d. Ausg. Leipzig 111913, S. 151. Zum „Berufs­bild“ des Archi­tekten im 15. und 16. Jahr­hun­dert zuletzt: Hubertus Günther: Der Architekt in der Renais­sance, in: Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufs­standes. Publi­ka­tion zur Ausstel­lung des Archi­tek­tur­mu­seums der TU München in der Pina­ko­thek der Moderne, 27. September 2012 bis 3. Februar 2013, hrsgg. von Winfried Nerdinger in Zsa. mit Hanna Böhm u.a., München 2012, S.81ff. ↩︎

Am meisten schien diesem Typus des „Gewalt­men­schen“, wie Burck­hardt ihn auch nennt, die Person des allsei­tigen, ja genialen Künstlers der Renais­sance zu entspre­chen: „Menschen von enzy­klo­pä­di­schen Wissen gab es durch das ganze Mittel­alter in verschie­denen Ländern, weil dieses Wissen nahe beisammen war; ebenso kommen noch bis ins 12. Jahr­hun­dert allsei­tige Künstler vor, weil die Probleme der Archi­tektur relativ einfach und gleich­artig waren und in Skulptur und Malerei die darzu­stel­lende Sache über die Form vorherrschte. Im Italien der Renais­sance dagegen treffen wir einzelne Künstler, welche in allen Gebieten zugleich lauter Neues und in seiner Art Voll­endetes schaffen und dabei noch als Menschen den größten Eindruck machen. Andere sind viel­seitig, außerhalb der ausübenden Kunst, ebenfalls in einem ungeheuer weiten Kreise des Geistigen.“3 Burck­hardts Begeis­te­rung für den uomo univer­sale kulmi­niert schließ­lich in der Beschrei­bung der Person Leon Battista Albertis, dessen umfang­reiche Fähig­keiten und Kennt­nisse als Architekt, Gelehrter, Künstler, Schrift­steller, Erfinder, Hand­werker, Sportler und sogar als Hellseher auf mehreren Seiten hymnen­haft ausge­breitet werden.4Ebda. ↩︎Ebda., S. 153ff. ↩︎

Alexander von Humboldt in seiner Biblio­thek, Chro­mo­li­tho­gra­phie nach einem Aquarell von Eduard Hilde­brandt, 1856, Staat­liche Museen zu Berlin Preu­ßi­scher Kultur­be­sitz, Kunst­bi­blio­thek

Albertis Darstel­lung in den Viten der Renais­sance, aus denen Burck­hardt seine Kennt­nisse des Autors von „de re aedi­fi­ca­toria“ bezieht, rekur­riert wiederum auf das Bild des Archi­tekten, das Vitruv in seinen „decem libri“ gezeichnet hatte, um deren Über­set­zung und richtige Inter­pre­ta­tion seit dem Fund der St. Galler Hand­schrift im Jahre 1416 das Denken der archi­tek­tur­in­ter­es­sierten italie­ni­schen Huma­nisten kreiste: Vitruv postu­liert im ersten Buch seiner Schrift, dass die Baukunst „vielerley Kennt­nisse und mannig­fal­tiger Gelehr­sam­keit“ bedürfe.5 Seiner Prüfung und Beur­tei­lung unter­lägen nämlich auch alle Werke, die von den anderen Künsten geschaffen würden. Deshalb müsse der Architekt profunde Kennt­nisse in Praxis und Theorie der Archi­tektur glei­cher­maßen besitzen. Zudem aber müsse der Architekt „fertig mit der Feder, geschickt im Zeichnen, der Geometrie kundig, in der Optik nicht unwissend, in der Arith­metik unter­richtet, in der Geschichte bewandert seyn, die Philo­so­phen fleißig gehört haben, Musik verstehen, von Medizin Kenntnis haben, mit der Rechts­ge­lehr­sam­keit bekannt seyn und die Ster­nen­kunde samt dem Himmels­laufe erlernt haben.“6August Rode: Des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst, aus der römischen Urschrift übersetzt, Erster Band, Leipzig 1796, S. 12ff., hier S. 12. ↩︎Ebda., S. 13. ↩︎

Der viel­ge­lehrte Alberti bot sich also als Projek­ti­ons­figur sowohl für das an der Nach­ah­mung und das Über­treffen der Antike  begeis­terte Italien des 16. Jahr­hun­dert wie für Burck­hardts Inter­pre­ta­tion an, die dem von ihm empfun­denen „Kultur­ver­fall“ seiner Zeit ein histo­ri­sches Ideal als Analogie entge­gen­stellen wollte.

Schwin­dende Substanz
Das Ende der idea­li­sierten Vorstel­lung einer „enzy­klo­pä­di­schen Archi­tektur“ im 18. und 19. Jahr­hun­dert hat Gerd de Bruyn unlängst ausführ­lich und über­zeu­gend darge­stellt. Für ihn kenn­zeichnet diese Entwick­lung eine Trennung der Disziplin in Kunst und Wissen­schaft.7 Spätes­tens mit der Gründung der École Nationale des Ponts et Chaussées in Paris 1747 setzt jeden­falls eine Spezia­li­sie­rungs­be­we­gung ein, die zwischen Archi­tekten, die an der Akademie studieren, und Inge­nieuren unter­scheidet, die an anderen Spezi­al­schulen ausge­bildet werden. Die syste­ma­ti­sierte Konstruk­ti­ons­lehre Jean-Nicolas-Louis Durands an der 1794 gegrün­deten Ecole Poly­tech­nique, die zugleich eine Gestal­tungs­lehre war, erwies sich zwar als prag­ma­tisch gegenüber den ins Über­di­men­sio­nale und Unzähl­bare gewach­senen Bauauf­gaben der take-off-Phase der Indus­tria­li­sie­rung.8 Zugleich bedeutete sie aber auch einen Verlust an Ausbil­dungs­tiefe und Infor­ma­ti­ons­dichte, die man den inge­nieur­tech­ni­schen Zöglingen der Poly­tech­nique nicht mehr zumuten wollte und konnte.Gerd De Bruyn: Die enzy­klo­pä­di­sche Archi­tektur, Bielefeld 2008, insb. S. 97ff. ↩︎Hierzu: Ulrich Pfam­matter: Die Erfindung des modernen Archi­tekten. Poly­tech­ni­sche und indus­tri­elle Ausbil­dung für Archi­tekten und Inge­nieure – ein Kapitel Bauge­schichte, Basel 1997. ↩︎

Philibert de l’Orme, Der gute und der schlechte Architekt, in: Le premier tome de l’ar­chi­tec­ture, Paris 1567

Eine weitere Verlust­er­fah­rung von einstiger Univer­sa­lität stellte sich noch im Verlauf des 19. Jahr­hun­derts ein: Sie betraf das Wissen um das richtige Verständnis histo­ri­scher Stil­formen, die sich im heute so genannten Eklek­ti­zismus – der mehr oder minder will­kür­li­chen Verwen­dung von histo­ri­schen Versatz­stü­cken zur Fassa­den­ge­stal­tung – zeigen. Im Gegensatz zum „echten“ Histo­rismus, der sich durch ein histo­ri­sches Wissen auszeich­nete, dass analog zu zeit­ge­nös­si­schen indi­vi­du­ellen Posi­tionen und  gesell­schaft­li­chen Zuständen histo­ri­sche Phänomene erkennen und erklären konnte, war sich das von speku­lativ bauenden Unter­neh­mern prak­ti­zierte „Baupfu­schertum“, wie es der BDA in seinem Grün­dungs­ma­ni­fest 1903 bezeich­nete, dieser histo­ri­schen Bezüge nicht bewusst.

Philibert de l’Orme, Der gute und der schlechte Architekt, in: Le premier tome de l’ar­chi­tec­ture, Paris 1567

Im 20. Jahr­hun­dert häufen sich solche teils selbst gewollten, teils erzwun­genen Rückzüge: Allein das Schweigen der Grün­der­ge­nera­tion der Moderne in Bezug auf die Quellen ihrer archi­tek­to­ni­schen Gestal­tung hat hier Verhee­rendes bewirkt. Im Kampf gegen die über­kom­mene „Stilkunst“ des kaiser­zeit­li­chen „Prot­zen­tums“ und im Bestreben, dem Publikum die Möglich­keit einer völlig neuen, eben „stillosen“ Baukunst zu sugge­rieren, waren Gropius und Co. viele Mittel recht – insbe­son­dere das Verschweigen propor­tio­naler und typo­lo­gi­scher Über­nahmen aus der histo­ri­schen Archi­tektur, die wohl für alle Archi­tekten der klas­si­schen Moderne nach­ge­wiesen werden können. Die Versuche Bruno Tauts, noch zur Hochphase des Inter­na­tio­na­lismus eine inter­na­tio­na­lis­mus­kri­ti­sche „Architekturlehre“als Remedium gegen die Über­for­mung regio­naler Tradi­tionen zu lancieren, blieb in der fort­schritts­gläu­bigen Epoche von vielen Fach­kol­legen wahr­schein­lich nahezu unbemerkt.9Bruno Taut: Kenchiku Geijutsu-Ron, hrsgg. von Hideo Shinoda, Tokyo 1948; dt.: Bruno Taut. Archi­tek­tur­lehre. Grund­lagen, Theorie und Kritik, Beziehung zu den anderen Künsten und zur Gesell­schaft. Hrsgg. von Tilman Heinisch und Goerd Peschken, Berlin 1977; zuletzt erschienen in: ARCH­+ 194, Berlin 2010. ↩︎

Auch die Nach­kriegs­zeit eignete sich nicht zur neuer­li­chen Erwei­te­rung des Blick­win­kels. Die schiere Masse des neu zu Bauenden ließ senti­men­tale Annä­he­rungen an ein roman­ti­sches Archi­tek­ten­ideal kaum zu. Noch in den sechziger Jahren betrach­tete die Moderne-Fraktion strenger Observanz die kultur­anthro­po­lo­gi­sche Wende Le Corbu­siers, die mit Notre-Dame du Haut in Ronchamp 1954 ihren ersten Ausdruck fand, als „Sünden­fall“. CIAM-Dissi­denten wie Peter und Alison Smithson oder Giancarlo di Carlo, die eine gewis­ser­maßen kultur­his­to­risch fundierte Auffas­sung von Archi­tektur und Stadt entwi­ckelten, blieben Ausnah­me­erschei­nungen – in der allge­meinen fach­li­chen Wahr­neh­mung der Zeit Sonder­linge, die eine eher theo­re­tisch zu denkende Position inmitten einer selbst­ge­wissen, allmäh­lich routi­niert werdenden Moderne vertraten – und damit keinen „Schaden“ anrichten konnten.

Den Rest servierte die in ihrer ironisch vorge­führten Gelehr­sam­keit unver­stan­dene Post­mo­derne ab – und das sich ihr verdan­kende Ausbil­dungs­system, das zwischen sprach­losem Geniekult und einsei­tiger Konzen­tra­tion auf die formalen und kompo­si­to­ri­schen Bestand­teile der Archi­tektur das „Entwerfen“ zur einzig wesent­li­chen archi­tek­to­ni­schen Disziplin stili­siert und dabei eine immer geringere Komple­xität und Univer­sa­lität in Kauf genommen hat. „Außerhalb ihres Fachs (…) erodiert die Bedeutung von Archi­tekten seit Jahr­zehnten“, schrieb Nils Ball­hausen vor kurzem, „inzwi­schen hat der Gene­ra­list von einst viele Kompe­tenzen aus der Hand gegeben, an die Fach­planer, die Künstler oder die Fertig­haus­an­bieter. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung – zumindest in Deutsch­land – machen Archi­tekten die Welt nur kompli­zierter (Kosten­über­schrei­tung) und werden allen­falls als notwen­diges Übel (Bauvor­la­ge­be­rech­ti­gung) akzep­tiert. Nur eine Minder­heit kann sich auf den globalen Märkten profi­lieren, tendiert aber in ihren Aussagen oft zur Belie­big­keit.“10Nils Ball­hausen: Das Bild des Archi­tekten, in: Bauwelt 1–2 2010, S. 16f., hier S. 17. ↩︎

Foto: Klein, Quelle: Bundesarchiv,
Minis­te­rium für Aufbau, Modell­werk­statt: „ Am Hacke­schen Markt in Berlin arbeiten erfahrene Archi­tektur-Modell­bauer und Bildhauer mit leichten, gewandten Händen an Modellen für neue Bauten in Berlin und der DDR. In der Schraub­zwinge des Kollegen Hoffmann von den Archi­tek­tur­werk­stätten befindet sich hier einer der F‑Blöcke der Stalin­allee.“ Foto: Klein, Quelle: Bundes­ar­chiv, Bild 183–27387-0004 / CC-BY-SA

Neuer Zwang zur Univer­sa­lität
Die Stadt als wesent­li­cher Wohnort des Menschen birgt in vielerlei Hinsicht eine Vielzahl von Problemen: die Themen Ener­gie­ge­win­nung, Klima­wandel, drohende Engpässe bei der Wasser­ver­sor­gung, globale Migration, Schrump­fungs­pro­zesse in makro- und mikro­geo­gra­phi­schen Dimen­sionen, die höhere Lebens­er­war­tung der Bevöl­ke­rung, die zuneh­mende Segre­ga­tion der Gesell­schaft werden künftig noch mehr die Diskus­sion um die Existenz und die Gestalt unserer Lebens­räume bestimmen.

Sie wiederum sind Anlass für eine ungeheure Anzahl von Inter­pre­ta­ti­ons­an­sätzen, die inzwi­schen so diver­si­fi­ziert sind, dass sie die Gesamt­heit des urbanen Gemein­we­sens, für das sie eigent­lich entwi­ckelt werden sollten, völlig aus den Augen verloren haben. Dabei kommt jenem, der die unter­schied­li­chen Ergeb­nisse der „Spit­zen­for­schung“ zur Kenntnis nimmt, immer mehr der Verdacht, dass der städ­ti­sche Problem­kosmos eigent­lich so groß ist, dass es viel allge­mei­nere Frage­stel­lungen sein könnten, die uns bewegen müssten, wenn wir das Leben und das Überleben in den Städten garan­tieren wollen.

Aus dieser Erkenntnis heraus erheben wir die Forderung nach einem inte­gralen Denken in Bezug auf Archi­tektur und Stadt: Die Komple­xität unserer Welt, die Viel­schich­tig­keit unserer Städte können wir nicht durch Einzel­er­geb­nisse von Klima­for­schern, von Migra­ti­ons­wis­sen­schaft­lern, von Geron­to­logen, Mate­ri­al­wis­sen­schaft­lern oder Elek­tro­phy­si­kern – aber auch nicht allein von Archi­tekten – in den Griff bekommen.

Es ist dafür zwar nicht die Rückkehr zum Burck­hardtschen Renais­sanceideal, aber eine Neuori­en­tie­rung am Humboldt­schen Wissens­ethos nötig. Humboldt unter­sucht in seinem „Kosmos“ die Phänomene unserer Lebens­um­welt mit annähernd gleichem Interesse und versucht, zwischen ihnen Verknüp­fungen herzu­stellen, die die Welt in ihrer Gesamt­heit erfassen wollen. Das müsste auch heute das Ziel sein. Bei einer inte­gralen Zusam­men­schau der wissen­schaft­li­chen, tech­ni­schen und künst­le­ri­schen Lösungs­an­sätze der anste­henden Probleme werden wir nicht mehr die Detail­ge­nau­ig­keit der heutigen Forschungen und Studien erreichen können, weil gerade sie ein wesent­li­cher Grund für die Zersplit­te­rung der Erkennt­nisse der verschie­denen Diszi­plinen und damit für deren Sprach­lo­sig­keit unter­ein­ander ist.

Foto: NASA/ERC
Der Wissen­schaftler und ehemalige Testpilot Albert J. Kelley und der Architekt Edward Durell Stone präsen­tieren dem Direktor des Forschungs­zen­trums Winston E. Kock das als joint venture erar­bei­tete Modell des Elec­tro­nics Research Centers der NASA. Hier wurde ab September 1964 die elek­tro­ni­sche Ausstat­tung der Apollo-Ära entwi­ckelt. Foto: NASA/ERC

Dafür müsste neben die Ebene der Forschung eine Ebene der Vermitt­lung treten, die die Wissen­schaften und Künste unter­ein­ander kommu­ni­kabel macht. Dafür ist eine prag­ma­ti­sche Durch­drin­gungs­tiefe von Themen nötig, die durch die Fragen nach Relevanz, Über­trag­bar­keit und Anwend­bar­keit bestimmt wird. Wir – Wissen­schaftler, Techniker, Künstler – werden ein Gefühl dafür entwi­ckeln müssen, wie tief wir das Wesen eines Gegen­stands oder eines Sach­ver­halts durch­dringen müssen, um die Resultate unserer Analyse und Forschungen an andere Ergeb­nisse, andere Sach­ver­halte, andere Wissen­schaften anschließen zu können. Wir müssen dafür einen neuen Begriff einer anwend­baren Wissen­schaft und ein neues Ethos des Denkens entwi­ckeln, das uns auf breiter Basis kommu­ni­ka­tions- und hand­lungs­fähig macht.

An dieser ethisch begrün­deten, prag­ma­tisch operie­renden Quer­schnitts­wis­sen­schaft muss sich die Archi­tektur als Wissen­schaft einer der wesent­li­chen kultu­rellen Errun­gen­schaften des Menschen in beson­derem Maße betei­ligen. Das weite Feld der Archi­tektur eignet sich besonders gut, Erkennt­nisse unter­schied­li­cher Diszi­plinen der Gesell­schafts­wis­sen­schaften, der Sozi­al­wis­sen­schaften, der Geis­tes­wis­sen­schaften und der tech­ni­schen Diszi­plinen zu verbinden, so dass sie in den Entwurf von inte­gralen Modellen für Häuser und Lebens­räume münden, die den sich sehr schnell wandelnden Lebens­be­din­gungen ange­messen sind. Dabei lassen sich neben abstrakten und konkreten, archi­tek­to­ni­schen und stadt­bau­li­chen Stra­te­gien Erkennt­nisse über neue Arbeits­formen von freien Archi­tekten in inter­dis­zi­pli­nären Arbeits­gruppen und Netz­werken entwi­ckeln. Wenn wir in diesem Sinne Archi­tektur als Lebens­mittel begreifen, würde die Archi­tektur als Bildnerin des Raums in diesem erwei­terten Sinn eine Kern­dis­zi­plin von etwas, was wir mit Recht als Lebens­wis­sen­schaft bezeichnen könnten.11Zumeist werden bislang die Biowis­sen­schaften – von der anglo­säch­si­schen Benennung life sciences abge­leitet – als „Lebenswissenschaft(en)“ bezeichnet. Vgl. hierzu: Christoph Cremer (Hg.): Vom Menschen zum Kristall: Konzepte der Lebens­wis­sen­schaften von 1800 – 2000, Wiesbaden 2008. In Abgren­zung dazu ist hier eine neue, integrale Wissen­schaft unter Mitwir­kung zahl­rei­cher verschie­dener Diszi­plinen und Künste gemeint, die eine verträg­liche Einrich­tung des mensch­li­chen Lebens auf der Erde zum Ziel hat. ↩︎

Prof. i. V. Andreas Denk (*1959) ist Archi­tek­tur­his­to­riker und Chef­re­dak­teur dieser Zeit­schrift. Er lehrt Archi­tek­tur­theorie an der Fach­hoch­schule Köln, lebt und arbeitet in Bonn und Berlin. Zahl­reiche Veröf­fent­li­chungen, Vorträge, Mode­ra­tionen und Veran­stal­tungs­kon­zepte.

  1. Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physi­schen Welt­be­schrei­bung, Bd. 1, Stuttgart / Tübingen 1845, Vorrede. ↩︎
  2. Jakob Burck­hardt: Die Kultur der Renais­sance in Italien, Basel 1860, zit. n. d. Ausg. Leipzig 111913, S. 151. Zum „Berufs­bild“ des Archi­tekten im 15. und 16. Jahr­hun­dert zuletzt: Hubertus Günther: Der Architekt in der Renais­sance, in: Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufs­standes. Publi­ka­tion zur Ausstel­lung des Archi­tek­tur­mu­seums der TU München in der Pina­ko­thek der Moderne, 27. September 2012 bis 3. Februar 2013, hrsgg. von Winfried Nerdinger in Zsa. mit Hanna Böhm u.a., München 2012, S.81ff. ↩︎
  3. Ebda. ↩︎
  4. Ebda., S. 153ff. ↩︎
  5. August Rode: Des Marcus Vitruvius Pollio Baukunst, aus der römischen Urschrift übersetzt, Erster Band, Leipzig 1796, S. 12ff., hier S. 12. ↩︎
  6. Ebda., S. 13. ↩︎
  7. Gerd De Bruyn: Die enzy­klo­pä­di­sche Archi­tektur, Bielefeld 2008, insb. S. 97ff. ↩︎
  8. Hierzu: Ulrich Pfam­matter: Die Erfindung des modernen Archi­tekten. Poly­tech­ni­sche und indus­tri­elle Ausbil­dung für Archi­tekten und Inge­nieure – ein Kapitel Bauge­schichte, Basel 1997. ↩︎
  9. Bruno Taut: Kenchiku Geijutsu-Ron, hrsgg. von Hideo Shinoda, Tokyo 1948; dt.: Bruno Taut. Archi­tek­tur­lehre. Grund­lagen, Theorie und Kritik, Beziehung zu den anderen Künsten und zur Gesell­schaft. Hrsgg. von Tilman Heinisch und Goerd Peschken, Berlin 1977; zuletzt erschienen in: ARCH­+ 194, Berlin 2010. ↩︎
  10. Nils Ball­hausen: Das Bild des Archi­tekten, in: Bauwelt 1–2 2010, S. 16f., hier S. 17. ↩︎
  11. Zumeist werden bislang die Biowis­sen­schaften – von der anglo­säch­si­schen Benennung life sciences abge­leitet – als „Lebenswissenschaft(en)“ bezeichnet. Vgl. hierzu: Christoph Cremer (Hg.): Vom Menschen zum Kristall: Konzepte der Lebens­wis­sen­schaften von 1800 – 2000, Wiesbaden 2008. In Abgren­zung dazu ist hier eine neue, integrale Wissen­schaft unter Mitwir­kung zahl­rei­cher verschie­dener Diszi­plinen und Künste gemeint, die eine verträg­liche Einrich­tung des mensch­li­chen Lebens auf der Erde zum Ziel hat. ↩︎
Georg Kersting, Faust im Studier­zimmer, Öl auf Leinwand, 1829, Privat­samm­lung
Alexander von Humboldt in seiner Biblio­thek, Chro­mo­li­tho­gra­phie nach einem Aquarell von Eduard Hilde­brandt, 1856, Staat­liche Museen zu Berlin Preu­ßi­scher Kultur­be­sitz, Kunst­bi­blio­thek
Philibert de l’Orme, Der gute und der schlechte Architekt, in: Le premier tome de l’ar­chi­tec­ture, Paris 1567
Philibert de l’Orme, Der gute und der schlechte Architekt, in: Le premier tome de l’ar­chi­tec­ture, Paris 1567
Foto: Klein, Quelle: Bundesarchiv,
Minis­te­rium für Aufbau, Modell­werk­statt: „ Am Hacke­schen Markt in Berlin arbeiten erfahrene Archi­tektur-Modell­bauer und Bildhauer mit leichten, gewandten Händen an Modellen für neue Bauten in Berlin und der DDR. In der Schraub­zwinge des Kollegen Hoffmann von den Archi­tek­tur­werk­stätten befindet sich hier einer der F‑Blöcke der Stalin­allee.“ Foto: Klein, Quelle: Bundes­ar­chiv, Bild 183–27387-0004 / CC-BY-SA
Foto: NASA/ERC
Der Wissen­schaftler und ehemalige Testpilot Albert J. Kelley und der Architekt Edward Durell Stone präsen­tieren dem Direktor des Forschungs­zen­trums Winston E. Kock das als joint venture erar­bei­tete Modell des Elec­tro­nics Research Centers der NASA. Hier wurde ab September 1964 die elek­tro­ni­sche Ausstat­tung der Apollo-Ära entwi­ckelt. Foto: NASA/ERC