Wie man Orte macht

Bauten des Projekts „16 Stationen“ im Rahmen der Garten­schau Remstal, in Schwä­bisch Gmünd von Florian Nagler, in Lorch von Hild und K, in Plüder­hausen von Uwe Schröder und in Kernen im Remstal von Kühn Malvezzi, 2016 bis 2019

Der Weg ins Remstal führt durch die Stutt­garter Peri­pherie. Er zeigt die Probleme, die aus der Verschmel­zung einer Metropole mit ihrem Umland resul­tieren: die schier nicht eindämm­bare Auswei­tung des „Speck­gür­tels“ mit seinen anti­ur­banen Sied­lungs­struk­turen, die Zentrums­lo­sig­keit der Sied­lungen, die mediokren Einfa­mi­li­en­haus-Agglo­me­rate und die nur an Verkehrs­gunst, Rendite und Gewinn orien­tierten, zufällig erschei­nenden Ansied­lungen von Industrie, Gewerbe und Handel. Das trifft auch auf das noch stel­len­weise idyl­li­sche Remstal im Osten Stutt­garts zu: Die Bundes­straße B 29, die durch das Tal führt, ist hier Entwick­lungs­träger der von den Kommunen allzu sehr erwünschten Ökono­mi­sie­rung der Land­schaft, aber auch Verur­sa­cher einer uner­hörten Land­zer­stö­rung.

Diese Entwick­lung war offenbar Grund genug für die Bürger­meister der 16 Städte und Gemeinden im Tal, darüber nach­zu­denken, was man zur Stabi­li­sie­rung und Verbes­se­rung der Situation tun könnte. Sie nutzten die Möglich­keit zu einer „kleinen Garten­schau“, die in Baden-Würt­tem­berg zwischen zwei Landes­gar­ten­schauen veran­staltet wird, um etliche land­schaft­liche Verbes­se­rungen am Fluss – Rena­tu­rie­rungen, Begrü­nungen, Park­an­lagen, Frei­zeit­ein­rich­tungen und derglei­chen mehr oder weniger sinnvolle Dinge – vorzu­nehmen.

Am inter­es­san­testen ist ein archi­tek­to­ni­sches Projekt, das die Stutt­garter Archi­tektin Jórunn Ragnars­dóttir (Lederer Ragnars­dóttir Oei) kuratiert hat: Unter dem Titel „16 Stationen“ haben die Garten­schau-Gemeinden ebenso viele Bauwerke bei Archi­tekten aus ganz Deutsch­land in Auftrag gegeben. Jede Kommune bekam eins der ausge­wählten Archi­tek­tur­büros zugelost, darunter Schulz und Schulz, Volker Staab, Arno Brandl­huber, Schneider + Schu­ma­cher, Christoph Mäckler und andere mehr. Jedes Büro konnte eine spezi­fi­sche Landmarke in der Farbe Weiß entwerfen, die entlang eines imagi­nären Wegs die Gemeinden an der Rems mitein­ander verbinden sollten.

Im Dezember 2016 trafen sich die Archi­tekten mit den Orts­bür­ger­meis­tern zu einem Kollo­quium im Remstal, bei dem die Standorte fest­ge­legt und besich­tigt wurden. Seit Mai dieses Jahres sind die Arbeiten von der Quelle bis zur Mündung der Rems in den Neckar fertig­ge­stellt und an ihren Orten zu besich­tigen. Im Hinter­grund der sehr unter­schied­li­chen, nur zum Teil gelun­genen Beiträge stellen sich Fragen: Was haben die 16 „Follies“ eigent­lich mit der Remstal-Realität zu tun? Sind die Land­marken tatsäch­lich Iden­ti­täts­träger oder können sie es werden? Und was verstehen ihre Archi­tekten heute unter Orts­spe­zifik? Vier besonders gelungene Beispiele geben darüber Aufschluss.

Florian Nagler Archi­tekten, Station 4, Schwä­bisch Gmünd, alle Fotos: Andreas Denk

Oberhalb von Schwä­bisch Gmünd, im Ortsteil Rehnenhof, hat der Münchner Architekt Florian Nagler eine alte Linde zu einem Sitz‑, Tanz- und Schaubaum ausgebaut. Eine einfache, hand­werk­lich gefügte Konstruk­tion aus massiven Balken für die Geschoss­de­cken und Stützen und fili­granem Stabwerk für die Wand­ab­schlüsse umgibt jetzt den Stamm des alten Baums und weist eine natür­liche und zwei künst­liche Platt­formen aus: Die untere, auf einem alten Stein­so­ckel aufsit­zende Fläche hat der Münchner Architekt dem Verweilen und dem Picknick zuge­eignet. Eine steile Treppe führt hinauf in das erste Turm­ge­schoss, das zum Musi­zieren und Tanz einladen soll. Damit erinnert Nagler an die alte Tradition der Tanz­linden, die insbe­son­dere in Süddeutsch­land oft der Mittel­punkt dörf­li­cher Feste und Bräuche waren. Solche oft kunstvoll gelei­teten Bäume trugen meist ein Podest, damit man in der Baumkrone tanzen konnte. Bei Bedarf lassen sich die Öffnungen der neuen Tanzlinde zum Tal sogar durch Segel­tuch­vor­hänge schließen, so dass die Festi­vi­täten auch bei Wind und Regen statt­finden können. Eine weitere Treppe führt zur zweiten Plattform, die in Wipfel­höhe der alten Linde ansetzt und einen gran­diosen Blick auf die Altstadt von Schwä­bisch Gmünd und das Vorland der Schwä­bi­schen Alb eröffnet. Florian Nagler ist mit seinem Bauwerk nicht nur die origi­nelle Wieder­be­le­bung einer alten Tradition gelungen, sondern auch eine viel­fältig nutzbare Archi­tektur, die das Leben des Ortes berei­chern wird. Mehrere Kisten mit Leergut deuten bereits darauf hin, dass sich die Möglich­keiten von Naglers schönem sozio­kul­tu­rellen Bauwerk bereits in einschlägig inter­es­sierten, jugend­li­chen Kreisen herum­ge­spro­chen hat.

Hild und K Archi­tekten BDA, Station 5, Lorch

Eine andere Strategie haben Hild und K., ebenfalls aus München, erprobt: Auf dem Gelände des roma­ni­schen Klosters in Lorch, dem Fami­li­en­kloster der Hohen­zol­lern, steht der soge­nannte „Lugins­land“, ein bewohntes Fach­werk­haus, das einstmals, hoch über dem Tal gelegen, wahr­schein­lich zur Über­wa­chung der Fern­han­dels­straße gedient hat. Dionys Ottl, lang­jäh­riger Partner von Andreas Hild, schlug feder­füh­rend vor, das Gebäude mit einer neuen, dem Thema gemäßen weißen Fassade auszu­statten. Dafür haben die Münchner Archi­tekten die Bürger­schaft Lorchs aktiviert. 55 Frauen aus der Heim­stif­tung des Klosters, aus Schulen, Insti­tu­tionen und Vereinen der Stadt und andere Ehren­amt­liche haben mit einer groben Strick­ware aus wetter­festen Nylon­tauen in genau vorbe­rei­teter Größe Ornamente, Bilder und Schrift­teile gestrickt, die über dem Ober­ge­schoss und dem Dach des Hauses zu einem textilen Überwurf zusam­men­ge­setzt worden sind. Der weiße Umhang hebt das Gebäude durch sein „All-over“ aus seiner Umgebung hervor und belebt zudem das archi­tek­to­ni­sche Thema der Beklei­dung mit einer origi­nellen Variante – ein Problem, dass das Münchner Archi­tek­tur­büro auch bei anderen Bauauf­gaben immer wieder beschäf­tigt hat. Zugleich ist das „Klos­ter­stück“ eine feine Erin­ne­rung an die in Klöstern gepflegte Hand­ar­beit, die mit einer klugen Form der Bürger­be­tei­li­gung nicht nur die Idee der Archi­tekten vermit­telt, sondern auch das Konzept der „16 Stationen“ von Jorún Ragnars­dottir nach­haltig in der Erin­ne­rung von Stadt und Region verankern dürfte. Nach dem Ende der Garten­schau soll die „Vorhang­fas­sade“ zur Hülle eines Aussichts­pa­vil­lons im Klos­ter­be­zirk werden.

Uwe Schröder, Station 6, Plüder­hausen

Auf einer der für das Remstal typischen Streu­obst­wiesen steht über der Ortschaft Plüder­hausen der „Hoch­zeits­turm“ von Uwe Schröder. Der Bonner Architekt hat einen lokalen Ritus zum Ausgangs­punkt seines Entwurfs gemacht: In Plüder­hausen ist es seit einer Reihe von Jahren wieder wie zu Zeiten der Landes­me­lio­ri­sa­tion im 18. Jahr­hun­dert üblich, dass Paare nach der Eheschlie­ßung einen Obstbaum auf einer „Hoch­zeits­wiese“ pflanzen. Uwe Schröder hat dieser Sitte mit seinem Turmbau einen einpräg­samen archi­tek­to­ni­schen Rahmen gegeben: Die Außen­hülle des Turms aus weiß engo­biertem Ziegel kontras­tiert mit rotem, brand­be­las­senen Backstein in dem über zwei Stufen durch zwei schlanke Spitz­bögen betret­baren Innern des Bauwerks. Der leicht an Schinkels gotische Entwürfe erin­nernde Bau ist mit einem Sattel­dach aus Holz­schin­deln bedeckt, wie es sich in der Region insbe­son­dere als Wetter­schutz an den Außen­wänden der Häuser findet. Der kleine Innenraum auf quadra­ti­scher Grund­fläche öffnet sich mit zwei fens­ter­ar­tigen Öffnungen zu den Seiten und mit einem hohen Spitz­bogen ins Tal. Mit Gestalt und Ausstat­tung des Turms hat Schröder den länd­li­chen Brauch um weitere Elemente erweitert: Die frisch verhei­ra­teten Paare betreten neben­ein­ander durch die Bögen den Turm, können eine Glücks­münze durch einen messing­ge­fassten Schlitz im Turmboden werfen, suchen dann mit Blick auf Ort und Tal einen Platz für den zu pflan­zenden Baum, ergreifen schließ­lich jeweils einen an zwei seitlich ange­brachten Ringen befes­tigten Spaten und schreiten dann gemeinsam durch den großen Spitz­bogen den Hang hinab zum ausge­wählten Pflanzort.

Diesem alt-neuen Brauch hat der Architekt einen roman­ti­schen Ort gegeben, der Tradition und Zukunfts­ge­wandt­heit mit einem räumlich-rituellen Erlebnis verbindet – eine besonders gelungene und hinter­grün­dige Form des Kontext­be­zugs, die sich bei den „16 Stationen“ im Remstal findet. Das iden­ti­täts­för­dernde Potential des Hoch­zeits­turms durch seine Bezüge zu Geschichte, Topo­gra­phie und zu den Menschen hat auch die Gemeinde Plüder­hausen erkannt – sie bietet inzwi­schen vor dem Turm stan­des­amt­liche Eheschlie­ßungen an.

Kühn Malvezzi, Station 13, Kernen im Remstal

Die Berliner Archi­tekten Kühn Malvezzi hingegen haben den Ortsbezug ihres Pavillons am nord­öst­li­chen Hang des Kernen, südlich des gleich­na­migen Orts­zu­sam­men­schlusses, mit einer Mehr­fach­ko­die­rung herge­stellt. Der Berg wird hier vor allem für den Weinanbau genutzt. Das kleine haus­ähn­liche Gebilde von Simona Malvezzi, Johannes und Wilfried Kühn besteht aus einem Beton­so­ckel mit zwei talsei­tigen Stufen zum Sitzen, Rahmen aus Lärchen­holz und einer orts­ty­pi­schen Holz­schin­del­ver­klei­dung. Es ähnelt in Typus, Größe und Mate­ria­lität den Wingerter-Häuschen, den Hütten der Wein­gärtner in der Region. Zwei frei­ste­hende Holz­rahmen vor dem Haus stellen die visuelle Verbin­dung zu einem talwärts gelegenen Rank­ge­rüst her, das aus den gleichen Elementen besteht. Das Gerüst steht über einem Pflück­beet, das zusammen mit drei anderen Pflanz­flä­chen jeweils mit der Größe der Gebäu­de­grund­fläche den zweiten Teil des Konzepts der Archi­tekten bildet, das mit den Land­schafts­ar­chi­tekten atelier le balto (Berlin) und lokalen Hand­wer­kern entstanden ist. Das neue Wingerter-Häuschen soll nicht nur als Ausguck in die Ferne, als Wetter­schutz, Rastplatz oder Veran­stal­tungsort dienen, sondern zugleich als Display für die besondere Kultur­land­schaft der Gegend. Sträucher, Bäume und andere Gewächse, die in den Beeten gedeihen, bieten den Besuchern jahres­zeit­lich verschie­dene Früchte, Beeren und Kräuter zum Selber­pflü­cken an und doku­men­tieren so die Möglich­keiten der frucht­baren Böden und des milden Klimas der Region. Dass die Archi­tekten auch die Option auf einen Ausbau des Hauses mit einer Panora­ma­scheibe zum Tal und zwei berg­sei­tigen Portalen ins Auge gefasst haben, belegt den Gedan­ken­reichtum, der in diese Arbeit geflossen ist und die Möglich­keiten, die eine Arbeit mit histo­ri­schem, geogra­phi­schem und sozialem Ortsbezug ermög­licht.

Kritiken und Fotos zu allen Beiträgen der „16 Stationen“ finden sich nebst den unbedingt hilf­rei­chen Geodaten hier:
Station 0: Im Remstal. Ein archi­tek­to­ni­sches Reise­ta­ge­buch
Station 1: Essingen
Station 2+3: Mögg­lingen bis Böbingen an der Rems
Station 4+5: Schwä­bisch Gmünd bis Lorch
Station 6+7: Plüder­hausen bis Urbach
Station 8+9: Schorn­dorf bis Winter­bach
Station 10+11: Rems­halden bis Weinstadt
Station 12+13: Korb bis Kernen
Station 14+15: Waib­lingen bis Fellbach
Station 16: Remseck am Neckar

Florian Nagler Archi­tekten, Station 4, Schwä­bisch Gmünd, alle Fotos: Andreas Denk
Hild und K Archi­tekten BDA, Station 5, Lorch
Uwe Schröder,
Station 6,
Plüder­hausen
Kühn Malvezzi,
Station 13, Kernen
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