Hete­ro­ge­nität in Harmonie

Kriti­scher Raum: Meeres­mu­seum Stralsund

Sanierung und Erwei­te­rung des Meeres­mu­seums Stralsund, 2018 – 2025
LP 1–5: Reichel Schlaier Archi­tekten, Stuttgart
LP 6–8: MO Archi­tekten Inge­nieure, Hamburg
Ausstel­lungs­ge­stal­tung: Die Werft, München

Vom Domi­ni­ka­ner­kloster mit Ursprüngen im 13. Jahr­hun­dert über Umnut­zungen als Lager- und Zeughaus, Schule und Waisen­haus wuchs in der UNESCO-Welterbe-Altstadt Stral­sunds über Jahr­hun­derte ein Gebäu­de­kom­plex, der mit der Gründung eines Natur­mu­seums 1951 seine heutige Nutzung erhielt. Mit der inhalt­li­chen Ausrich­tung auf die Meeres­kunde und einer stetig wach­senden Sammlung beein­dru­ckender, sorgsam aufbe­rei­teter Exponate ergänzte das Museum die Anlage um eigene Aus‑, Um- und Anbauten für Ausstel­lungs­flä­chen und Aquarien. Archi­tek­to­nisch prägendstes Zeugnis dieser Zeit ist das 1974 in die Katha­ri­nen­halle einge­brachte, inzwi­schen denk­mal­ge­schützte Raum­fach­werk, das mehrere Ausstel­lungs­ebenen im Kirchen­schiff schafft. In diesem einzig­ar­tigen Kontext entstand ein bei Touristen wie Einhei­mi­schen aller Alters­gruppen hoch­ge­liebtes Museum sowie ein inter­na­tional aner­kannter Forschungs­standort.

Reichel Schlaier Archi­tekten, Sanierung und Erwei­te­rung des Meeres­mu­seums Stralsund, Foto: Brigida González

In eben diesem Kontext wurde 2017 ein Wett­be­werb zur Sanierung und Erwei­te­rung des Meeres­mu­seums ausgelobt. Neben der Neuan­ord­nung des Eingangs­be­reichs und der Entwick­lung eines barrie­re­freien Ausstel­lungs­rund­gangs, sollte die Präsen­ta­tion der Exponate – aber auch die Wahr­neh­mung der Archi­tektur als eigenes Exponat – gestärkt werden. Zudem galt es, die Aqua­ri­ums­technik ener­ge­tisch zu ertüch­tigen und den Komplex unter anderem durch ein neues Groß­aqua­rium zu ergänzen – selbst­ver­ständ­lich mit begrenztem Budget.

Reichel Schlaier Archi­tekten aus Stuttgart konnten den Wett­be­werb für sich entscheiden. Elke Reichel und Peter Schlaier hatten als Mitar­bei­tende von Behnisch Archi­tekten bereits am 2008 eröff­neten Ozeaneum – einem weiteren Standort des Deutschen Meeres­mu­seums in Stralsund mit Fokus auf die Nordi­schen Meere – mitge­wirkt und sich bald darauf selbst­ständig gemacht. Im Gegensatz zu diesem Neubau, der sich kontrast­stark von den umge­benden Bauten abgrenzt, überzeugt ihr Entwurf für das Stammhaus des Museums durch seinen respekt­vollen, inte­gra­tiven Umgang mit dem Bestand. Das nach Teil­schritten am 29. September 2025 voll­ständig wieder­eröff­nete Museum zeigt eindrück­lich, welch ästhe­ti­scher und baukul­tu­reller Gewinn durch eine Gestal­tung erzielt werden kann, die jeweils an den richtigen Stellen zurück­hal­tend als auch selbst­be­wusst ausfor­mu­liert ist.

Lageplan mit farblich markierten Umbauten, Abb.: Reichel Schlaier Archi­tekten

Wie Archi­tektin Elke Reichel erklärt, sei es bei der Planung von Anfang an darum gegangen, die bestehende Archi­tektur nicht in gleicher Form weiter­zu­bauen, sondern die eigenen Setzungen bewusst eigen­ständig zu gestalten – aber nicht als Kontrast, sondern um den viel­fäl­tigen Klang des Ortes harmo­nisch weiter­zu­führen. Für die Fassaden der neu hinzu­ge­fügten Gebäu­de­teile – Foyer, Groß­aqua­rium und Aufsto­ckung des „Schild­krö­ten­hauses“ – fiel die Wahl daher auf in Leis­ten­de­ckung verlegtes Kupfer­blech. Dieses fügt sich als Material in die Back­stein­ar­chi­tektur und histo­ri­schen Dächer der Umgebung ein und führt in seiner Konstruk­ti­ons­weise die rhyth­mi­sche Glie­de­rung der gotischen Fassaden fort.

In den Innen­räumen gelingt es Reichel Schlaier Archi­tekten, mit genauem Blick für die Quali­täten und Anpas­sungs­mög­lich­keiten des Bestands, die hete­ro­gene Archi­tektur als schlüs­sigen Rundgang zusam­men­zu­führen. Über das neue Eingangs­forum in einer ehema­ligen Sport­halle aus dem 19. Jahr­hun­dert führt der Weg in das neue Foyer des Westhofs. Hier nehmen weiß lackierte Stahl­träger den Rhythmus der Fassaden auf. Der Boden­belag besteht aus histo­ri­schen Granit­steinen, die vom Museum jahrelang einge­la­gert waren – ein gutes Beispiel für die Haltung des Museums. Denn die Absicht der Planenden, bei allen notwen­digen Eingriffen möglichst viel der bestehenden Archi­tektur zu erhalten, benötigte keiner Argu­men­ta­tion gegenüber der Bauherr­schaft. Das sorgsame Bewahren ist der Insti­tu­tion Museum gewis­ser­maßen einge­schrieben und seit langem gepflegte Tradition.

Meeres­mu­seum Stralsund, Foyer des Westhofs, Foto: Brigida González

So harmo­nisch wie sich die geschlif­fenen Steine des Foyer­bo­dens in das neue Gesamt­bild einfügen, so selbst­ver­ständ­lich wirken selbst die größeren Eingriffe in den Ausstel­lungs­räumen: etwa eine Öffnung im Raum­fach­werk aus DDR-Zeit, die das Volumen des Kirchen­schiffs nun stärker betont. Auch der für die Barrie­re­frei­heit um wenige Stufen abge­tra­gene Boden des Chores – ein dem Denk­mal­schutz mühevoll abge­run­gener Eingriff – fügt sich durch die Markie­rung der Abbruch­kanten in das hete­ro­gene „Klangbild“ der Archi­tektur ein. Besonders bemer­kens­wert an diesem Eingriff: Die vorher unbe­kannten Funda­mente eines Vorgän­ger­baus wurden entdeckt und sind als weitere Markie­rungen im Boden sichtbar gemacht.

Katha­ri­nen­halle, Foto: Brigida González

Der prag­ma­ti­sche, aber sorgsame Umgang mit dem Bestand von Reichel Schlaier Archi­tekten ermög­licht es, beim Durch­wan­deln des Ausstel­lungs­rund­gangs die Hete­ro­ge­nität der Gebäu­de­teile als ein harmo­ni­sches Ensemble zu erleben. Über die zwei Ebenen des Raum­fach­werks aus den 1970er-Jahren in die Höhe geführt, setzt sich der weitere Weg durch den mit sanften Rampen barrie­re­frei gestal­teten, soge­nannten Hasel­bergbau fort. Über eine neu errich­tete gläserne Brücke, von der aus der besondere bauliche Kontext der Klos­ter­an­lagen noch einmal sichtbar wird, gelangen die Besu­chenden zum Neubau des Groß­aqua­riums.

Die zurück­hal­tende Archi­tek­tur­sprache dieser Innen­räume betont das beein­dru­ckende Wasser­be­cken, das sich über mehrere Stock­werke bis in den Keller erstreckt. Die aus drei 53,5 cm dicken Acryl­glas­scheiben zusam­men­ge­schweißte Glasfront ist leicht geneigt, um Spie­ge­lungen zu vermeiden und besonders klare Einblicke in das 800.000 Liter umfas­sende Becken zu ermög­li­chen. Ungefähr das gleiche Wasser­vo­lumen befindet sich nochmal in den rück­wär­tigen Tech­nik­räumen und wird für die Aufbe­rei­tung und Zirku­la­tion benötigt. Ähnlich wie das gesamte Haus sind auch die Aquarien sich stetig verän­dernde Systeme. Die zur Eröffnung Ende September teils noch etwas kahle – dennoch bereits höchst faszi­nie­rende – Unter­was­ser­welt des Groß­aqua­riums wird sich mit dem Wachstum der Korallen und der zuneh­menden Fisch­be­set­zung weiter­ent­wi­ckeln.

Chor des Kirchen­schiffs, Foto: Brigida González

Entlang der acht Meter hohen, 80 Quadrat­meter großen Scheibe führt der Weg nach unten und schließt an den ehema­ligen Abschluss des Aqua­ri­en­rund­gangs in den Keller­ge­wölben des Klosters an. Damit entsteht ein tatsäch­li­cher Rundgang durch alle Gebäu­de­teile. Ihm folgend verändert sich die Keller­ar­chi­tektur ein weiteres Mal beim Übergang zum Stahl­beton der neueren Bestands­an­bauten. Endpunkt im Keller ist schließ­lich das stock­werk­über­grei­fende Malediven-Becken der Meeres­schild­kröten. Von dort werden die Besu­chenden wieder ans Tages­licht geführt und gelangen in das frühere Muse­ums­re­stau­rant, das nun als Veran­stal­tungsort dient. Auf der raum­über­span­nenden weißen Stahl­kon­struk­tion fügten Reichel Schlaier Archi­tekten Büroräume des Museums als Aufsto­ckung hinzu. Mit dem Übergang zurück zum Foyer des Westhofs endet der Rundgang.

Neues Groß­aqua­rium, Foto: Brigida González

Die hier nur ausschnitt­haft darge­stellte Vielfalt der räum­li­chen Eindrücke, entstanden aus der einzig­ar­tigen Verbin­dung aus Archi­tektur und Exponaten, Geschichte und mate­ria­li­siertem Wandel, erzeugt eine besondere Atmo­sphäre, die einen Besuch unbedingt empfeh­lens­wert macht. Dass dieses komplexe Projekt in dieser Qualität umgesetzt werden konnte, ist der enga­gierten Zusam­men­ar­beit aller Betei­ligten zu verdanken. Insbe­son­dere die gute Zusam­men­ar­beit mit dem Museum wird von den Planenden hervor­ge­hoben: Während die Muse­ums­mit­ar­bei­tenden bei der Funk­tio­na­lität auf viele Details achteten, respek­tierten sie zugleich die gestal­te­ri­schen Vorstel­lungen und Entschei­dungen der Entwer­fenden. Kleine Aufgaben während der Bauphase wurden teilweise in Eigen­leis­tung über­nommen – denn für die Mitar­bei­tenden ist die sorgsame Pflege „ihres“ Hauses geradezu selbst­ver­ständ­lich. Diese liebe­volle Hingabe zu einem Ort ist als Teil der Atmo­sphäre spürbar und wäre für viele andere Orte durchaus wünschens­wert.

Reichel Schlaier Archi­tekten, Sanierung und Erwei­te­rung des Meeres­mu­seums Stralsund, Foto: Brigida González
Lageplan mit farblich markierten Umbauten, Abb.: Reichel Schlaier Archi­tekten
Meeres­mu­seum Stralsund, Foyer des Westhofs, Foto: Brigida González
Katha­ri­nen­halle, Foto: Brigida González
Chor des Kirchen­schiffs, Foto: Brigida González
Neues Groß­aqua­rium, Foto: Brigida González