Leib, Atem, Atmo­sphäre

Hermann Schmitz

Über­le­gungen zu einem Konstrukt

Die Luft ist ein Konstrukt, mit dem die Menschen viele hete­ro­gene Erfah­rungen so geist­reich zusam­men­fassen, dass sie daraus reichen Stoff für ihr Vorher­sehen, Planen und Mani­pu­lieren gewinnen. Dass sie für diese Synthese keine sinnliche Grundlage haben, hat schon Thomas Hobbes gesehen: „Um die Luft für etwas zu halten, bedarf es der Vernunft. Im Ausgang von welchem Sinn sollten wir denn urteilen, dass Luft besteht, da wir sie doch weder sehen noch hören noch schmecken, noch riechen und auch nicht durch Tasten als ein Etwas erkennen können?“(1) Das Konzept der Luft stammt von den Griechen. Aär, der Dunst, wurde von Anaxi­menes (6. Jahr­hun­dert v. Chr.) zum Fundament der ersten natur­phi­lo­so­phi­schen Kosmo­gonie gemacht und stieg als Luft im folgenden Jahr­hun­dert zum ‚Welt­princip‘ (Diogenes von Apollonia) und einem der vier Elemente (Empe­do­kles) auf. Von der Luft haben wir nur indirekte Zeugnisse aus dem Spüren am eigenen Leib. Die beiden wich­tigsten sind die Atmung und der Wind, verknüpft durch die schon von Anaxi­menes ausge­nützte Erfahrung, dass man beim Ausatmen blasen und einen leichten Windhauch spüren kann.

Zu diesen dyna­mi­schen Ereig­nissen kommen die mehr zuständ­li­chen, atmo­sphä­ri­schen, die uns von frischer und verbrauchter, feuchter und trockener, warmer und kalter Luft sprechen lassen, wo es sich darum handelt, dass wir am eigenen Leib und nur in ihm etwas spüren, das ihn unge­glie­dert umgibt, aufnimmt und gleichsam über­schwemmt. Wenn wir das der Luft zuspre­chen, unter­schlagen wir, dass etwas uns mit sich einnimmt, und schieben dieses Wider­fah­rende auf einen Gegen­stand ab. Solche am eigenen Leib gespürten Zeugnisse für Luft werden durch Verän­de­rungen an festen Körpern ergänzt, die dem Ein- oder Austritt von Luft zuge­schrieben und durch Pumpen, Ventile usw. technisch genützt werden. Auf solche Beob­ach­tungen baut die moderne Natur­wis­sen­schaft ihre raffi­nier­teren theo­re­ti­schen Konstruk­tionen über die Luft.

Der Wind und die gespürten Atmo­sphären sind Halbdinge in flächen­losen Räumen. Halbdinge unter­scheiden sich von Voll­dingen (Dingen im Vollsinn) in der Dauer und in der Kausa­lität. Die Dauer der Dinge ist stetig, die der Halbdinge unter­brechbar. Die Kausa­lität der Dinge ist drei­gliedrig oder mittelbar, in dem Sinn, dass sich Ursache (zum Beispiel Stein), Einwir­kung (zum Beispiel Stoß) und Effekt (zum Beispiel Zertrüm­me­rung oder Verschie­bung des getrof­fenen Gegen­standes) unter­scheiden lassen; bei der zwei­glied­rigen (unmit­tel­baren) Kausa­lität der Halbdinge fallen Ursache und Einwir­kung dem Effekt gegenüber zusammen. Ein Beispiel ist die charak­te­ris­ti­sche Stimme eines Menschen oder einer Tierart. Sie erschallt, verstummt und kehrt zurück, ohne dass es Sinn hätte, zu fragen, wo und wie sie die Zwischen­zeit verbracht hat. Sie trifft den Hörer unmit­telbar, wie ein stechender oder lauernder Blick, nicht als Ursache hinter einer Einwir­kung; die Schall­wellen, Nerven­im­pulse und derglei­chen, die die Natur­wis­sen­schaft einschiebt, gehören nicht zum Phänomen. Zugleich unter­scheidet sich die Stimme von der Schall­folge, in der sie ertönt, durch ihren behar­renden Charakter: die Schall­folge wächst, die Stimme nicht.

Andere Halbdinge sind der Wind, der einen trifft wie die Stimme oder der Blick, die reißende Schwere, wenn man ausgleitet und stürzt oder sich gerade noch fängt, viele Klang­folgen und Geräusche, Gefühle als ergrei­fende Atmo­sphären, das Licht, das aufscheint, blendet und auf den Dingen spielt(2), Probleme, die man nicht los wird, die in Lange­weile und gespannter Erwartung uner­träg­lich aufdring­liche Zeit sowie der Schmerz: Er ist nicht nur eigener Zustand, sondern auch ein zudring­li­cher Wider­sa­cher; man muss sich mit ihm ausein­an­der­setzen und kann nicht in ihm aufgehen wie (beispiels­weise bei panischer Flucht) in der ihm verwandten, nicht minder pein­li­chen Angst. Die Menschen neigen dazu, Halbdinge in Volldinge umzu­deuten, zum Beispiel den Wind in bewegte Luft, den elek­tri­schen Schlag in elek­tri­schen Strom; das gehört zu ihrer Selbst­be­haup­tung, da erst stetig dauernde und als Ursachen schon im Latenz­zu­stand vor der Einwir­kung erfass­bare Umge­bungs­be­stand­teile ihnen genügend Spielraum für planendes Erwarten lassen.

Ohne Titel, Foto: Fritztram (CC BY-NC-SA 2.0 via flickr)

Der Wind und am eigenen Leib gespürte Atmo­sphären sind räumlich in flächen­losen Räumen. Flächenlos sind ferner die Räume des Schalls, der einpräg­samen (feier­li­chen, drückenden, morgend­lich zarten) Stille, des unauf­fäl­ligen Rück­feldes, das man durch kleine Bewe­gungen beständig in Anspruch nimmt, der frei sich entfal­tenden Gebärde, des Wassers für den Schwimmer, der sich vorwärts kämpft oder ruhig tragen lässt, des spürbaren Leibes im Gegensatz zum sicht­baren und tastbaren Menschen­körper. Am eigenen Leib kann man keine Flächen spüren; sie finden sich weder an den bloßen leib­li­chen Regungen (wie Angst, Schmerz, Hunger, Durst, Ekel, Frische, Müdigkeit), noch am leib­li­chen Ergrif­fen­sein von Gefühlen (wie Zorn, Scham, Freude, Trauer), noch an der spürbaren Eigen­be­we­gung oder an den leib­li­chen Rich­tungen, die unum­kehrbar in die Weite führen wie der Blick.

In flächen­losen Räumen kann es auch keine Punkte und Strecken geben, daher auch keine drei­di­men­sio­nalen Körper, die nur über Strecken einführbar wären, wie auch Lagen und Abstände; ohne Lagen und Abstände kann es aber auch keine Orte geben, die zu sagen gestatten, wo etwas ist. Dass man sich trotzdem gesteuert verhalten kann, beweist jede flüssige Körper­be­we­gung, wie beispiels­weise Gehen, Laufen, Sprechen, Kauen, Schwimmen, Tanzen, Klavier­spielen; sie würde sofort ihre Flüs­sig­keit verlieren, wenn sie nach Lagen (Winkeln) und Abständen abge­messen werden, statt spontan den Bahnen des moto­ri­schen Körper­schemas zu folgen. Die Bewegung in flächen­losen Räumen ist daher auch kein Orts­wechsel, zum Beispiel die des Windes, von dem man getroffen wird; erst der Bewegung der zum Vollding ergänzten Luft können Abstände aufge­prägt werden.

Statt der Flächen, räum­li­chen Dimen­sionen, Lagen und Abstände gibt es in flächen­losen Räumen außer Weite und Rich­tungen ein dyna­mi­sches Volumen, das man an der Atmung ablesen kann, einem weiteren Zeugnis für Luft in der Erfahrung, das ich vorhin neben den Wind und die Atmo­sphären gestellt habe. Im Allge­meinen läuft die Atmung unbemerkt ab, aber man kann sie auch beob­achten, ohne sie zu stören. Dabei darf man aber nicht an Einsau­gung und Ausstoß von Luft zwecks Gasaus­tausch in der Lunge denken; davon gehört nichts zur Erfahrung beim Atmen. Dieses, so wie man es am eigenen Leib beob­achten kann, gliedert sich in Einatmen und Ausatmen. Beim Einatmen schwillt in der Brust- oder Bauch­ge­gend spürbar eine Leibes­insel, wie ich so etwas nenne, wobei die Schwel­lung allmäh­lich, wenn auch in Sekun­den­schnelle, in eine Spannung übergeht, die, ehe sie uner­träg­lich wird, durch die leibliche Richtung des Ausatmens in die Weite abgeführt wird. Es handelt sich um das für die leibliche Dynamik(3) grund­le­gende Zusam­men­wirken von Engung und Weitung, die mit wech­selndem Über­ge­wicht zum vitalen Antrieb verschränkt sind; in dieser Verschrän­kung wird die Engung zur Spannung, die Weitung zur Schwel­lung. Wenn die Verschrän­kung sich auflöst, schwindet der Antrieb: Im Schreck, als bloßer Engung, ist er gelähmt; in Müdigkeit, beim Dösen oder Einschlafen, wenn er in bloße Weitung ausläuft, ist er erschlafft.

Beim Einatmen baut er ein Volumen auf, das flächenlos und daher auch nicht drei­di­men­sional und nicht durch Schnitte teilbar ist. Solches prädi­men­sio­nales, dyna­mi­sches Volumen kommt häufig vor: als das Wasser, wie es dem Schwimmer begegnet, der sich vorwärts kämpft oder richtig tragen lässt; beim Schall, der zum Beispiel als spitzer Pfiff mit engem, als ausla­dender Glocken­klang mit weitem Volumen gehört wird; als das eindring­liche Volumen der brütend lastenden oder feierlich weiten Stille; als das die meist kleine ausge­führte Bewegung weit über­tref­fende Volumen einer ausho­lenden Gebärde, etwa beim stolzen Sich­auf­richten, das man ihr als Gebär­desinn sowohl ansieht als auch am eigenen Leibe im Vollzug spürt. Im dyna­mi­schen Volumen zehren Spannung und Schwel­lung von der Konkur­renz mitein­ander. Beim Einatmen verschiebt sich anfäng­li­ches Über­ge­wicht der Schwel­lung zum Über­ge­wicht der Spannung, bis die Verschrän­kung sich löst, indem das Ausatmen als unum­kehr­bare leibliche Richtung die Engung in die Weite abführt. Solche leibliche Rich­tungen sind nämlich Formen leib­li­cher Weitung, die sich nicht wie Schwel­lung der Engung entge­gen­setzen, sondern diese mit sich nehmen können; daher kann das Ausatmen sowohl entspannt (weitend) als auch stoßend (engend) sein, der Blick sowohl diffus (weitend) als auch konver­gent (engend).

Dieses leibliche Geschehen, für das die Atmung hier nur als Beispiel dient, wird von der natur­wis­sen­schaft­li­chen Inter­pre­ta­tion, die lediglich das Verhältnis mate­ri­eller Körper wie die Luft (als Gas) und den Menschen­körper nebst konstruk­tiven Beigaben betrifft, völlig über­gangen. Tatsäch­lich ist aber das spontane Tun, Lassen und Streben der Menschen wesent­lich leiblich, wenn auch an Körper gebunden, und wendet sich diesen erst in der Über­le­gung zu. Das gilt sogar für das Zusam­men­wirken. Ein frap­pantes Beispiel ist das unge­plante Ballett, das sich allabend­lich (oder zu anderen Zeiten) auf den bevöl­kerten Gehwegen der Städte abspielt. Flüchtige, achtlose Blicke der Passanten genügen, um Zusam­men­stöße zu vermeiden, obwohl jeder etwas anderes (beispiels­weise ein Kaufziel) im Sinn hat und keiner den eigenen Körper sieht, so dass er diesen auch nicht der Lage und dem Abstand nach auf die Vermei­dung des Zusam­men­stoßes mit dem Nächsten und dessen Neben- und Hinter­män­nern oder ‑Frauen einstellen kann, schon gar nicht seine Schultern und Arme, mit denen er milli­me­ter­genau durch­kommt. Es gelingt durch Einlei­bung, das heißt leibliche Kommu­ni­ka­tion im Kanal eines gemein­samen vitalen Antriebs, indem der Blick sich an die Bewe­gungs­sug­ges­tion – die anschau­liche Vorzeich­nung bevor­ste­hender Bewegung – der Entge­gen­kom­menden hängt und diese in das moto­ri­sche Körper­schema überträgt.

Solche Einlei­bung gibt es überall, wo etwas durch seinen Ausdruck spontane Reak­tionen weckt, auch im Verhältnis zu Leiblosem; sie werden dann durch leibnahe Brücken­qua­li­täten, die sowohl am eigenen Leib gespürt als auch an Gestalten wahr­ge­nommen werden können, vermit­telt, nämlich durch Bewe­gungs­sug­ges­tionen und syn-ästhe­ti­sche Charak­tere. Ich muss dafür auf Ausfüh­rungen an anderer Stelle verweisen.(4) Die unmit­tel­barste Einlei­bung ist die in Halbdinge, wohl der einzige Zugang zu diesen, während die Volldinge durch die Distanz von Ort zu Ort schon mehr Gele­gen­heit für eine Subjekt-Objekt-Spaltung geben. Da es nie gelingen wird, die Halbdinge ganz in Volldinge aufzu­saugen, wird sich die Einlei­bung aus ihrer beson­deren Offenheit für das Nächst­lie­gende nicht vertreiben lassen.

Das mensch­liche Leben verläuft zu einem großen, ja zum größten Teil in den Bahnen der leib­li­chen Dynamik und der leib­li­chen Kommu­ni­ka­tion, und diese verlangen andere Kate­go­rien und andere Aufmerk­sam­keit als die mate­ri­ellen Körper, wobei die Menschen diesen abge­winnen wollen, was von ihnen zu erwarten ist, mit Hoch­sti­li­sie­rung in der Natur­wis­sen­schaft als der Wissen­schaft der sche­ma­ti­schen Prognos­ti­zier­bar­keit. Wer nur in natur­wis­sen­schaft­li­chen Begriffen denkt, sieht am mensch­li­chen Leben vorbei. Das betrifft auch ein Denken, das sich einseitig an der physi­ka­lisch verstan­denen Energie und ihrer Einspa­rung orien­tiert. Der Mensch lebt nicht nur in einem drei­di­men­sio­nalen Ortsraum, in dem alles irgendwo ist, sondern ebenso in einem mit diesem sich über­la­gernden flächen­losen Raum, in dem allein er sich flüssig zu bewegen vermag, und für dieses Leben bedarf er viel „frischer Luft“, die aber kein Gas mehr ist, sondern eine Atmo­sphäre, die ihn umgibt und durch­dringt: Er bedarf der leib­li­chen Kommu­ni­ka­tion mit Atmo­sphären.

Anmer­kungen
1 Thomas Hobbes: Elemente der Philo­so­phie, Erste Ableitung: Der Körper, übersetzt, mit einer Einlei­tung und mit text­kri­ti­schen Anmer­kungen versehen und heraus­ge­geben von Karl Schuhmann, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1997, S. 321.
2 Schöne Beob­ach­tungen dazu enthält das Buch von Gernot Böhme: Atmo­sphäre, Suhrkamp, 7. Auflage, Frankfurt/​Main 2013, S. 134–168.
3 Hermann Schmitz: Der Leib, de Gruyter, Berlin 2011, S. 15–27: Die Dynamik des Leibes
4 ebda., S. 29–57: Leibliche Kommu­ni­ka­tion

Prof. em. Dr. habil. Hermann Schmitz (*1928) studierte von 1949 bis 1953 an der Univer­sität Bonn, wo ihn vor allem Erich Rothacker beein­flusste, und promo­vierte dort 1955 mit einer Disser­ta­tion über „Goethes Alters­denken in Begriff und Symbol“. 1958 wurde er Assistent am Institut für Philo­so­phie der Univer­sität Kiel, habi­li­tierte sich dort mit der Schrift „Hegel als Denker der Indi­vi­dua­lität“ und wurde 1971 ordent­li­cher Professor am selben Institut, das er bis zur Emeri­tie­rung 1993 leitete. Schmitz begrün­dete mit seinem zehn­bän­digen „System der Philo­so­phie“ (1964ff.) eine neue philo­so­phi­sche Richtung, die Neue Phäno­me­no­logie.

Foto: Fritztram (CC BY-NC-SA 2.0 via flickr)

Ohne Titel, Foto: Fritztram (CC BY-NC-SA 2.0 via flickr)