live or let die

Toll. Bad Müns­ter­eifel hat’s geschafft. Heinos Heimat­stadt und Wohnort ist der erste Ort mit einem Outlet-Center, das in eine „histo­ri­sche“ Innen­stadt inte­griert worden ist: „Freuen Sie sich auf Fashion- und Lifestyle-Marken immer 30–70 Prozent günstiger“, wirbt die Website des Unter­neh­mens „City-Outlet Bad Müns­ter­eifel“ sprach­lich unbe­holfen, aber deutlich: Schnäpp­chen­fieber im Fachwerk-Ambiente.

Weder der halbwegs stabile Tourismus noch die rück­läu­fige Zahl von Kurgästen haben offenbar den allmäh­li­chen Nieder­gang des Einzel­han­dels im male­ri­schen Eifel­städt­chen aufhalten können. Statt­dessen gelang es einer orts­an­säs­sigen Gruppe von Inves­toren und Immo­bi­li­en­ent­wick­lern, mit poli­ti­scher Unter­stüt­zung, aber ohne Bürger­be­tei­li­gung, einen Teil­be­stand der leer­ste­henden Flächen aufzu­kaufen und in Verbin­dung mit dem in Wien ansäs­sigen ROS Retail Outlet Shopping zu einem dezen­tralen Outlet umzu­formen. Jetzt sind hier an rund 30 Stellen der Stadt auf 12.000 Quadrat­me­tern Artikel von etwa 40 Marken – vornehm­lich von Textil­her­stel­lern – wohlfeil. Zur Eröffnung im August gab sich sogar der alters­lose Schla­ger­barde Heino ein musi­ka­li­sches Stell­dichein, wenn­gleich er sein Fancafé, das er bisher in Müns­ter­eifel betrieb, wahr­schein­lich aus nach­zähl­baren Gründen für eine Puma-Depen­dance geräumt hat.

Das Konzept von Factory Outlets (FOC) ist bekannt: Dabei verkaufen Hersteller den Waren­be­stand aus Vorjahres- und Muster­kol­lek­tionen sowie Über­pro­duk­tionen – und zwar „marken­ge­recht, profes­sio­nell und profi­tabel“, wie ROS seinen poten­ti­ellen Mietern nahelegt. „Die meisten Marken haben diesen Absatz­kanal längst fest in ihrer Multi-Channel-Strategy verankert und redu­zieren erfolg­reich ihre Lager­be­stände, während die Gewinne steigen,“ verlaut­bart das „Center Manage­ment Team“ des Entwick­lers im Marke­ting­s­lang auf seiner Inter­net­seite.

Beim Bran­chen­riesen ECE sieht man die Auswir­kungen von Shopping-Centern auf die Innen­stadt nur positiv: Die Vorteile seien eine Frequenz­stei­ge­rung, die Schaffung von Arbeits­plätzen, absehbare Folge­inves­ti­tionen und vor allem: ein attrak­tiver Einzel­handel, der „Erleb­bar­keit“ und Events garan­tiere – zusammen mit einem „viel­fäl­tigen Mietermix“ – schla­gende Argumente gegen den wach­senden Online­handel. Denn der boomt wie nie zuvor: Deutsch­land liegt nach einer Studie der Unter­neh­mens­be­ra­tung A.T. Kearney auf Platz 6 der wachs­tums­stärksten Märkte der Welt. Bis 2017 rechnet A.T. Kearney mit einem jähr­li­chen Zuwachs in Deutsch­land von 17 Prozent pro Jahr.

Die Furcht vor dem Einzel­han­dels-Aus durch die Internet-Bestel­lung sitzt bei vielen tief. Um mit solchen Zahlen mithalten zu können, haben die Müns­ter­eifler Developer ganz tief in die Zahlen­sta­tistik geschaut: Bad Müns­ter­eifel habe über 13,6 Millionen Einwohner in einem Einzugs­ge­biet von 90 Minuten Fahrzeit, Köln als einwoh­ner­stärkste Stadt von Nordrhein-Westfalen ist nur 40 Auto­mi­nuten entfernt. Zudem, so werben die Entwickler um ihre Shop-Betreiber, besuchten jedes Jahr 39 Millionen Tages­tou­risten die Eifel, die ein „unnach­ahm­li­ches echtes Flair“ (…) „in original histo­ri­schem Ambiente einer über 1000jährigen Tuch­ma­cher-Stadt“ böte. Dahinter steht das reine Gutmen­schentum: „Im Kern“, so heißt es bei ROS, „steht die Revi­ta­li­sie­rung der histo­ri­schen Innen­stadt von Bad Müns­ter­eifel.“ Hier werde man Teil eines „nach­hal­tigen und politisch korrekten Konzepts“: „Wunder­schöne Denkmäler bleiben erhalten und werden in Zusam­men­ar­beit mit dem Amt für Denk­mal­schutz saniert und renoviert“. Für Kenner der Szene ist klar: Eine Geneh­mi­gung für Outlets auf der Grünen Wiese ist, zumal in NRW, kaum noch zu bekommen. Und so gehen die Entwickler in die Städte selbst. Rund eine Million Besucher soll das Outlet in die Mauern der Stadt spülen, dessen Umsetzung bisher eine zwei­stel­lige Millio­nen­summe erfordert hat.

Doch was, wenn das Konzept floppt? Ein Wirt­schafts­wis­sen­schaftler sieht das Outlet als „letzte Chance“ für Müns­ter­eifel, erkennt aber auch immense Probleme bei der Konzep­tion, auf die bisher nur Mittel­klasse-Marken ange­sprungen sind. Erste Kunden­um­fragen nach einein­halb Monaten bestä­tigen das: Für Marken wie Bugatti, Tom Tailor, Camel Active oder Sala­mander fährt kaum jemand allzu­viele Kilometer. Statt vierzig verkaufs­of­fener Sonntage sind in NRW nur vier erlaubt. Zumal andere Zentren in den Nieder­landen ein breiteres Angebot und vor allem teurere Marken anbieten, für die sich ein Weg lohnt. Und weiteres Ungemach droht: In näherer Umgebung sind vier weitere Outlets in der Planung, die die Kaufkraft weiter aufteilen dürften. Der Sprecher einer Bürger­initia­tive gibt dem Müns­ter­eifler Projekt drei bis vier Jahre. „Danach fahren die Leute ins zentra­lere Königs­winter bei Bonn“, wo auch ein Outlet geplant ist.

Die Marken­armut macht auch den Betrei­bern zu schaffen: Die Verdrän­gung des einge­ses­senen Einzel­han­dels scheint deshalb in Müns­ter­eifel noch nicht am Ende. Die Outlet-Betreiber gehen derzeit von einem Verhältnis von einem Viertel Outlet-Geschäfte zu drei Vierteln anderer Unter­nehmer aus, wollen das Angebot jedoch weiter ausdehnen. Über Kunden­zahlen spricht man nach anfäng­li­cher Euphorie derzeit nicht mehr. Die Zukunft der Stadt jedoch scheint auf Gedeih und Verderb an die Prospe­rität des Unter­neh­mens „City Outlet Bad Müns­ter­eifel“ gekettet. Die Bewohner der Stadt können sich inzwi­schen die inter­es­sante Frage stellen, ob sie eigent­lich nur noch das pitto­reske Inventar einer Shopping Mall in der Form einer histo­ri­schen Stadt sind.

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk