Misch­nut­zung

Eine Chance für Kirchen­ge­bäude

Kirchen­ge­bäude haben eine histo­ri­sche Tradition als multi­funk­tio­nale Orte. Neben den religiös-litur­gi­schen Akti­vi­täten wurden die Räume auch weltlich genutzt, unter anderem als Markt­plätze, für Gerichts­ver­hand­lungen oder Stadt­ver­samm­lungen. Es ist daher kein Zufall, dass sich die Sakral­ar­chi­tektur der roma­ni­schen Kirchen aus der römischen Basilika als Ort der welt­li­chen Zusam­men­kunft entwi­ckelt hat. Der Archi­tek­tur­jour­na­list Felix Hemmers beschreibt einige um- und misch­ge­nutzte Kirchen­pro­jekte aus der heutigen Zeit und gibt einen Überblick über die Vielfalt an inhalt­li­chen und auch räum­li­chen Konzepten.

Die Funktion der roma­ni­schen Gebäu­de­ty­po­logie Kirche wurde in den folgenden Jahr­hun­derten immer weiter auf das Litur­gi­sche verengt, aber auch heute noch bilden Kirchorte wichtige religiöse, aber eben auch kultu­relle und gesell­schaft­lich-soziale Zentren in den Stadt­quar­tieren und Dörfern aus. Neben dem Gottes­dienst finden im Kirchen­schiff Konzert­ver­an­stal­tungen statt, es gibt Raum für Kunst­in­stal­la­tionen und weitere kultu­relle Veran­stal­tungen, wie zum Beispiel Lesungen. Häufig ist direkt neben einer Kirche eine Kinder­ta­ges­stätte unter­ge­bracht, während im Gemein­de­haus Kochkurse, Inte­gra­ti­ons­kurse, Jugend­ar­beit und die Stadt­teil­bi­blio­thek von Ehren­amt­li­chen orga­ni­siert werden.

Kirchen sind häufig eine der wenigen physi­schen Orte, an denen sich Menschen treffen können. Für eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft sind solche Orte unver­zichtbar. Es ist nur folge­richtig, dass Kirchen und ihre Neben­ge­bäude stadt­pla­nungs­recht­lich häufig auf Flächen des Gemein­be­darfs stehen. Im Zuge der aktuell aus den bekannten Gründen statt­fin­denden inner­kirch­li­chen Restruk­tu­rie­rung, sowohl in der katho­li­schen als auch der evan­ge­li­schen Kirche, sind als Konse­quenz neben dem Verlust der Kirchen als Orte der Reli­gi­ons­aus­übung auch die aus sozio-kultu­reller Perspek­tive mindes­tens genauso wichtigen weiteren Funk­tionen von einem dras­ti­schen Rückgang bedroht. Die flächen­de­ckende Schlie­ßung von Kirchen­ge­bäuden hinter­lässt ein Vakuum an spiri­tu­ellen, emotio­nalen und eben sozio-kultu­rellen Bedürf­nissen vor Ort. Dabei sind diese Aspekte für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt von essen­zi­eller Bedeutung.

Wird die beschrie­bene multiple Bedeutung der Kirchen­ge­bäude bezie­hungs­weise der Standorte im Kontext der Umstruk­tu­rie­rung mitbe­dacht, bietet die geplante Aufgabe der litur­gi­schen Funktion einer Kirche aber auch Poten­ziale. In der histo­ri­schen Tradition des Ortes können bei einem Rückgang des Bedarfs an litur­gi­scher Nutzung die anderen funk­tio­nalen Säulen gestärkt oder durch neue Funk­tionen ergänzt werden. Inter­es­san­ter­weise bietet eine solche Misch­nut­zung auch die Chance, den reli­giösen Aspekt, wenn auch meist in verän­derter Form, lebendig zu erhalten. Essen­ziell ist dabei die genaue Analyse des umge­benden Quartiers. Nur so kann durch­drungen werden, welche Bedarfe an kultu­rellen und gesell­schaft­lich-sozialen Funk­tionen vor Ort konkret vorhanden sind. Dafür ist eine Betei­li­gung der jewei­ligen Gruppen und Indi­vi­duen wichtig. Denn nur wenn es auch eine faktische Nachfrage gibt, kann ein neues Nutzungs­kon­zept erfolg­reich in der Praxis etabliert und gelebt werden. Es gibt bereits einige Beispiele, die zeigen, dass genau diese Trans­for­ma­tion eines Kirchen­stand­ortes zu einer Misch­nut­zung gelingen kann. Im Folgenden werden einige dieser Projekte vorge­stellt, um einen Überblick über die Vielfalt an inhalt­li­chen und in der Folge auch räum­li­chen Konzepte zu vermit­teln.

Die Dort­munder Segens­kirche

Brüning Klapp Rein, Umbau der Dort­munder Segens­kirche, Foto: Felix Hemmers

Bereits seit 2009 wird die Dort­munder Segens­kirche als multi­funk­tio­nales Gemein­de­zen­trum genutzt. Aufgrund einer verklei­nerten Gemeinde und immer weniger Teil­nahmen am Gottes­dienst entschied sich die Segens­ge­meinde, das Kirchen­ge­bäude flexibler zu nutzen. Das Gemein­de­büro sollte in die Kirche verlegt werden, gleich­zeitig sollten jedoch weiterhin Gottes­dienste in verschie­denen Größen­ord­nungen statt­finden können. Mit dieser Grund­kon­zep­tion wurde ein Archi­tek­tur­wett­be­werb durch­ge­führt, den das Büro Brüning Klapp Rein mit seinem Entwurf für sich entscheiden konnte.

Für den Umbau wurde der Altar­be­reich in den Zentral­raum inte­griert. Die beiden nörd­li­chen und südlichen Konchen sind nun mittels einer flexiblen Trennwand zum Zentral­raum zuschaltbar. Auf diese Weise lässt sich der Raum an Veran­stal­tungen unter­schied­li­cher Größe anpassen. Regel­mäßig finden hier Musik­ver­an­stal­tungen, aber auch weiterhin besondere Fest­got­tes­dienste statt. Die kleineren Räume in den Konchen werden für Gemein­de­ver­samm­lungen und Seminare genutzt oder für externe Nutzungen vermietet. Die Bereiche an der West- und Ostseite des Sakral­ge­bäudes wurden durch akustisch wirksame Wand­ver­klei­dungen vom Zentral­raum abge­trennt. Deren chan­gie­rende, orange-rötliche Farbig­keit geht in die umlau­fenden Emporen über und erzeugt einen kraft­vollen neuen Raum, der in Kontrast zu der umge­benden histo­ri­schen Bestands­ar­chi­tektur steht. Im ehema­ligen Altar­be­reich befinden sich nun die Sakristei sowie eine große Gemein­schafts­küche. Auf der Empore wurde ein Bereich durch eine Glaswand vom zentralen Multi­funk­ti­ons­raum abge­trennt, hier hat das Gemein­de­büro seinen Platz gefunden.1https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​s​e​g​e​n​s​k​i​r​c​h​e​-​m​u​l​t​i​f​u​n​k​t​i​o​n​a​l​e​s​-​g​e​m​e​i​n​d​e​z​e​n​t​r​u​m​-​m​i​t​-​g​o​t​t​e​s​d​i​e​n​s​t​s​t​a​e​t​te/ ↩︎

Lukas­kirche in Gelsen­kir­chen-Hassel

Kroos + Schlemper Archi­tekten, Umbau der Lukas­kirche in Gelsen­kir­chen-Hassel, Foto: Rüdiger Glahs

Bei der Entwick­lung eines neuen Nutzungs­kon­zepts für die Lukas­kirche in Gelsen­kir­chen-Hassel wurde die ursprüng­liche Grundidee des Bauwerks aus der Nach­kriegs­mo­derne aufge­griffen. Bereits bei seiner Errich­tung wurde das Sakral­ge­bäude von seinem Archi­tekten Günther Marschall als Versamm­lungs­raum für den Stadtteil gedacht. In dieser Tradition entwi­ckelte die Evan­ge­li­sche Lukas­ge­meinde zusammen mit enga­gierten Bürge­rinnen und Bürgern ein Konzept für ein soziales Stadt­teil­zen­trum, was in die Gründung des Vereins „Soziale Stadt – Stadt­teil­zen­trum Hassel e. V.“ mündete. In verschie­denen Workshops konnte das Konzept immer weiter verfei­nert werden.

In zwei Bauab­schnitten wurden dann das ehemalige Gemein­de­zen­trum sowie der Kirchen­raum nach Entwürfen des Archi­tek­tur­büros Kroos + Schlemper umgebaut, zudem sind weitere Anbauten entstanden. Seit der Fertig­stel­lung des letzten Bauab­schnitts im Jahr 2018 beher­bergt das Stadt­teil­zen­trum „Bonni“ verschie­denste Einrich­tungen, die soziale und inte­gra­tive Funk­tionen vereinen. Neben einer Gastro­nomie mit Großküche, die als Inte­gra­ti­ons­be­trieb unter­halten wird, finden Thea­ter­auf­füh­rungen für Kinder statt. Zudem gibt es ein regel­mä­ßiges Betreu­ungs­an­gebot, Schulungs- und Bera­tungs­an­ge­bote sowie eine Fahr­rad­werk­statt. Der ehemalige Kirchen­raum dient dabei als zentrale Versamm­lungs­stätte. Dort wurden zwei rever­sible, multi­funk­tional nutzbare Kuben eingebaut, um Veran­stal­tungen in verschie­denen Größen ermög­li­chen zu können. Die Abtren­nung aus feinen, hölzernen Latten erzeugt eine klare Ables­bar­keit zwischen Bestands­ar­chi­tektur und neuen Elementen. Gleich­zeitig lassen sie den Gesamtraum erfahrbar und passen sich der Atmo­sphäre des von rohen Mate­ria­lien wie Beton und Ziegel­stein geprägten Innen­raums an.2https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​e​v​-​l​u​k​a​s​k​i​r​c​h​e​-​s​t​a​d​t​t​e​i​l​z​e​n​t​r​u​m​-​h​a​s​s​e​l​-​b​o​n​ni/ ↩︎

Frie­dens­kirche in Bochum-Stahl­hausen

soan Archi­tekten, Umbau der Frie­dens­kirche in Bochum-Stahl­hausen, Foto: Christian Huhn

Auch in der Frie­dens­kirche in Bochum-Stahl­hausen ist ein soziales und inte­gra­tives Stadt­teil­zen­trum entstanden. Der Stadtteil ist als ehemalige Arbei­ter­sied­lung geprägt von der Stahl­in­dus­trie, die Bevöl­ke­rung weist einen hohen Migra­ti­ons­an­teil auf. Durch die Zusam­men­ar­beit der evan­ge­li­schen Gemeinde Bochum mit einem lokalen Verein für multi­kul­tu­relle Kinder- und Jugend­hilfe und Migra­ti­ons­ar­beit konnte das Konzept für ein Stadt­teil­be­geg­nungs­zen­trum entwi­ckelt werden. Statt das Gebäude abzu­reißen, ist im Zuge eines Stadt­ent­wick­lungs­pro­gramms ein Ort entstanden, der für Menschen aller Reli­gionen offen ist. Dafür wurde die Kirche nach Plänen von soan Archi­tekten umgebaut und um einen neuen Anbau erweitert. Im ehema­ligen Gottes­dienstraum befinden sich seitdem Grup­pen­räume, in denen Veran­stal­tungen sowie Inte­gra­tions- und Sprach­kurse statt­finden, sowie Büros und ein Jugend­be­reich. Zudem wurde ein kleiner Sakral­raum einge­richtet, der reli­gi­ons­über­grei­fend als „Raum der Stille“ frei zugäng­lich ist. Hier finden weiterhin auch kleinere Gottes­dienste statt. Im neuen Anbau sind weitere Gruppen- und Krea­tiv­räume vorhanden, in denen unter anderem Kunst­kurse angeboten werden, außerdem ist ein offener Stadt­teil­treff mit Cafeteria unter­ge­bracht. Das Projekt hat 2016 einen Preis im Wett­be­werb „Kirchen­ge­bäude und ihre Zukunft“ der Wüstenrot Stiftung erhalten und ist seitdem als multi­funk­tio­nale Weiter­nut­zung eines Kirchen­bau­werks bekannt geworden.3https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​f​r​i​e​d​e​n​s​k​i​r​c​h​e​-​s​t​a​d​t​t​e​i​l​e​n​t​r​u​m​-​w​e​s​t​e​nd/ ↩︎

Sozio-kultu­relles Gemein­de­zen­trum in Willich-Neersen

Elmar Paul Sommer, Umbau der Kirche St. Mariä Empfängnis in Willich-Neersen, Foto: Elmar Paul Sommer

In einer eher klein­städ­tisch geprägten Umgebung im Ortsteil Neersen der Stadt Willich ist durch ein hohes Maß an ehren­amt­li­chem Enga­ge­ment der Gemeinde ein reli­giöses und sozio-kultu­relles Gemein­de­zen­trum in der Kirche St. Mariä Empfängnis entstanden. Dafür wurden die gemeind­li­chen und sozialen Funk­tionen aus dem maroden Gemein­de­haus in das Kirchen­ge­bäude trans­fe­riert. Daneben konnten weitere soziale und kari­ta­tive Nutzungen in das Konzept inte­griert werden. Dazu gehören eine Sozi­al­sta­tion der Caritas, eine offene Küche, Grup­pen­räume, eine Bücherei und eine Klei­der­kammer. Dafür wurden nach einem Entwurf des Archi­tekten Elmar Sommer drei neue Ebenen in das große Kirchen­schiff einge­bracht. Ein Teil des Raumes wurde für eine sakrale Nutzung belassen, hier finden weiterhin Gottes­dienste und Andachten statt. Das neue Nutzungs­kon­zept des Kirchen­ge­bäudes hat dadurch ein soziales Zentrum für den gesamten Ortsteil geschaffen.4https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​s​t​-​m​a​r​i​a​e​-​e​m​p​f​a​e​n​g​n​i​s​-​s​o​z​i​a​l​-​k​u​l​t​u​r​e​l​l​e​s​-​g​e​m​e​i​n​d​e​z​e​n​t​r​um/ ↩︎

Markt­kirche in Essen

Gerber + Partner, Umbau der Markt­kirche in Essen, Foto: Felix Hemmers

In der Markt­kirche in Essen, der zentralen evan­ge­li­schen Kirche im Stadt­ge­biet, bilden die Gottes­dienste noch immer den klaren Nutzungs­schwer­punkt. Bereits in den 1990er-Jahren entwi­ckelten sich jedoch erste Ideen zu einer Nutzungs­er­wei­te­rung über die Funktion der Gemein­de­kirche hinaus. Zu dieser Zeit bildete sich ein lokaler Bauverein für die Markt­kirche, erste Kunst­aus­stel­lungen und Konzert­ver­an­stal­tungen für die Stadt­ge­sell­schaft wurden orga­ni­siert. In der Folge wurde ein deutsch­land­weiter Wett­be­werb für die Umge­stal­tung der Kirche ausgelobt, den das Dort­munder Archi­tek­tur­büro Gerber + Partner gewann. Ein voll verglaster Kubus, bestehend aus 50 einzelnen, tiefblau einge­färbten Glas­platten, wurde 2006 an das Gebäude angesetzt. Der Westchor gilt seitdem als ein heraus­ra­gendes Beispiel moderner Glaskunst. Durch ihn wird der gesamte Kirchen­raum in ein bläulich chan­gie­rendes Licht getaucht.

Der Markt­kirche ist so eine inhalt­liche sowie bauliche Trans­for­ma­tion hin zu einer offenen, aktiven Kirche in der Essener Innen­stadt gelungen. Durch Kunst­aus­stel­lungen, offene Gottes­dienste und poli­ti­sche Botschaften ist sie ein wichtiger Ort des Austauschs und der Begegnung geworden. Es ist ein Raum entstanden, an dem alle Menschen, ob gläubig oder nicht, aus der Hektik und dem Lärm der Innen­stadt entfliehen und Momente der Ruhe und Einkehr erfahren können.5https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​m​a​r​k​t​k​i​r​c​h​e​-​m​a​r​k​t​k​i​r​c​h​e​-​e​s​s​en/ ↩︎

Lieb­frau­en­kirche in Duisburg

hermanns archi­tekten, Umbau der Lieb­frau­en­kirche in Duisburg, Foto: Max Schulz / Stiftung Bren­nender Dornbusch

Ebenfalls in zentraler Innen­stadt­lage liegt die Lieb­frau­en­kirche in Duisburg. Auch hier entwi­ckelte sich bereits sehr früh, neben den regel­mäßig statt­fin­denden Gottes­diensten, eine parallele Nutzung für Kultur‑, Kunst- und Konzert­ver­an­stal­tungen. Um eine drohende Schlie­ßung der Kirche Anfang der 2000er-Jahre aufgrund sinkender Mitglieds­zahlen zu verhin­dern, gründete sich die „Stiftung Bren­nender Dornbusch“. Mithilfe eines lokalen Unter­neh­mers, einer enga­gierten Bürger­schaft und der Gemeinde konnte das Kirchen­ge­bäude dem Stadtraum als Ort der Kultur und des Dialogs erhalten bleiben. Orga­ni­siert durch ehren­amt­liche Stif­tungs­mit­ar­bei­te­rinnen und ‑mitar­beiter ist die Kirche frei zugäng­lich. Neben wech­selnden Kunst­aus­stel­lungen und Konzerten finden in der weiterhin gewid­meten Kapelle in der Unter­kirche noch Gottes­dienste zu beson­deren Anlässen statt. Sie dient außerdem zum Gebet und zur Einkehr in der hekti­schen Innen­stadt­um­ge­bung. Baulich waren aufgrund des Nutzungs­kon­zepts keine größeren Um- oder Anbau­maß­nahmen notwendig, wodurch die denk­mal­ge­schützte Nach­kriegs­ar­chi­tektur in ihrer Propor­tion und Wirkung erhalten werden konnte.6https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​l​i​e​b​f​r​a​u​e​n​k​i​r​c​h​e​-​m​u​l​t​i​f​u​n​k​t​i​o​n​a​l​e​r​-​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​s​r​a​u​m​-​c​i​t​y​k​i​r​c​he/ ↩︎

Kreu­zes­kirche in Essen

Hannemann Archi­tekten, Umbau der Kreu­zes­kirche Essen, Foto: Subbass1 (CC BY-SA 4.0)

Bei der Entwick­lung eines neuen Nutzungs­kon­zepts für die Essener Kreu­zes­kirche standen Gemein­schaft­lich­keit und Multi­funk­tio­na­lität im Vorder­grund. Die Anfang der 2000er-Jahre fest­ge­stellten erheb­li­chen Sanie­rungs­zwänge für das Sakral­ge­bäude konnte die evan­ge­li­sche Altstadt­ge­meinde nicht aus eigenen Mitteln stemmen. Aus dieser Situation heraus entstand ein Träger­kon­zept aus mehreren kirch­li­chen und privaten Nutzern. Die Kirchen­ge­meinde teilt sich seit 2013 mit dem „Forum Kreu­zes­kirche Essen e. V.“ und einem lokalen Krea­tiv­un­ter­nehmer die Nutzung des Sakral­ge­bäudes. Im Forum der Kreu­zes­kirche sind neben vielen Bürge­rinnen und Bürgern auch die Univer­sität Duisburg-Essen und weitere lokale Akteure aus Kultur und Wissen­schaft vertreten, die sich unter dem Motto der Begegnung von Glaube, Wissen­schaft und Kunst zusam­men­ge­funden haben.

Für die neue gemein­schaft­liche Nutzung der kirch­li­chen, kultu­rellen und privat­wirt­schaft­li­chen Partner wurde das Gebäude saniert und im Innern zu einem multi­funk­tional nutzbaren Veran­stal­tungsort umgebaut. Wichtige Ausstat­tungen wie Licht­tra­versen und tech­ni­sche Anlagen wurden inte­griert, ebenso eine mobile Bühne und ein mobiler Altar. Der Innenraum ist seitdem in ein helles Weiß getaucht. Die evan­ge­li­sche Kirchen­ge­meinde Essen-Altstadt nutzt das Gebäude weiterhin als Gottes­dienst­stätte. Das „Forum Kreu­zes­kirche Essen e. V.“ orga­ni­siert gemein­nüt­zige Kultur­ver­an­stal­tungen, daneben wird das Gebäude als kommer­zi­eller Veran­stal­tungsort für Tagungen, Feiern und Konzerte vermietet.7https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​k​r​e​u​z​e​s​k​i​r​c​he/ ↩︎

Drei­fal­tig­keits­kirche Münster

Pfeiffer Ellermann Preckel, Umnutzung der Drei­fal­tig­keits­kirche Münster, Foto: Felix Hemmer
Pfeiffer Ellermann Preckel, Umnutzung der Drei­fal­tig­keits­kirche Münster, Foto: Felix Hemmers

Bei der Umnutzung der Drei­fal­tig­keits­kirche in Münster wurde ein anderer Schwer­punkt gesetzt. Nach einigen litur­gi­schen Umbauten wurden Anfang der 2000er-Jahre mehrere lokale Gemeinden zusam­men­ge­legt und es erfolgte eine Neuor­ga­ni­sa­tion der Kirchen­ge­bäude. Als dann das Dach als einsturz­ge­fährdet erklärt wurde, entschloss sich das Bistum, die Kirche außer Dienst zu stellen. Die katho­li­sche Bischof-Hermann-Stiftung entwi­ckelte ein Konzept für ein Obdach­losen-Wohnheim in der Kirche. Aufgrund finan­zi­eller Schwie­rig­keiten gestal­tete sich die Umsetzung aller­dings sehr schwierig. Schließ­lich stieg die Wohnungs­bau­ge­sell­schaft der Stadt Münster in das Projekt mit ein. Durch die Erwei­te­rung des sozialen Wohn­kon­zepts zu einer Misch­nut­zung mit gewerb­lich nutzbaren Büro­räumen im obersten Geschoss sowie Miet­woh­nungen in zwei neu errich­teten Anbauten, konnte das Projekt schließ­lich 2013 reali­siert werden.

Die Umsetzung des gemischten Nutzungs­kon­zepts hat das Archi­tek­tur­büro Pfeiffer Ellermann Preckel aus Münster geplant. Da die Außen­fas­sade unter Denk­mal­schutz steht, entschieden sich Bauherrin und Archi­tekten dazu, einen selbst­tra­genden Kern in den ehema­ligen Innenraum der Kirche zu setzen. Zentrum dieses Kerns ist der offene Lichthof, der über eine durch­ge­hende Dach­ver­gla­sung mit viel Tages­licht versorgt wird. Die zentrale Blick­achse durch das ehemalige Kirchen­schiff bleibt dadurch in neuer Form erhalten. Gläserne Brücken verbinden die beiden Seiten­trakte auf allen Ebenen und geben dem Raum Leben­dig­keit. Symbo­lisch stehen sie für die verschie­denen Nutzungen, die hier unter einem Dach zusam­men­ge­kommen sind.8https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​d​r​e​i​f​a​l​t​i​g​k​e​i​t​s​k​i​r​c​h​e​-​s​o​z​i​a​l​e​s​-​w​o​h​n​p​r​o​j​e​k​t​-​u​n​d​-​g​e​w​e​r​b​e​r​a​e​u​me/ ↩︎

Diese Auswahl an Kirchen­stand­orten, die im Sinne einer multi­funk­tio­nalen Nutzung umgebaut wurden, zeigt die zu Beginn des Artikels erläu­terten Poten­ziale von Kirchen­ge­bäuden für das religiöse, aber vor allem auch kulturell-soziale Gefüge der Städte und Ortschaften. Bei Einbe­zie­hung des Umfelds und dessen Bewoh­ne­rinnen und Bewohner können solche Konzepte einen Beitrag zur aktiven Quar­tiers­ent­wick­lung leisten und die Trans­for­ma­tion zur sozialen Stadt mitge­stalten. Dafür bedarf es einer inten­siven und lösungs­ori­en­tierten Zusam­men­ar­beit kirch­li­cher, städ­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Insti­tu­tionen. Daraus können kreative und gleich­zeitig bedarfs- und gemein­wohl­ori­en­tierte Nutzungs­kon­zepte für Kirchen­ge­bäude entstehen. So früh wie möglich sollten dabei auch Archi­tek­tinnen und Archi­tekten sowie Fach­planer mit einbe­zogen werden, um die Konzepte in ange­mes­sene und quali­tät­volle Raum­struk­turen zu über­setzen

Felix Hemmers ist Archi­tek­tur­jour­na­list und befasst sich seit seinem Studium der Innen­ar­chi­tektur intensiv mit Kirchen­räumen und zukunfts­ori­en­tierten Nutzungs- und Raum­kon­zepten. Neben seiner Arbeit in einem Archi­tek­tur­büro betreut er für den Verein Baukultur Nordrhein-Westfalen das Projekt „Zukunft-Kirchen-Räume“, zuletzt auch als Kurator der Wander­aus­stel­lung „Kirchen als Vierte Orte – Perspek­tiven des Wandels“. Er setzt sich für den Erhalt von Kirchen­ge­bäuden als Gemein­schafts­orte ein.

Korrek­tur­hin­weis: In der gedruckten Version dieses Textes hieß es, der Umbau der Dort­munder Segens­kirche sei durch das Archi­tek­tur­büro Brüning Rein erfolgt. Tatsäch­lich war es Brüning Klapp Rein. Wir haben das korri­giert.

  1. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​s​e​g​e​n​s​k​i​r​c​h​e​-​m​u​l​t​i​f​u​n​k​t​i​o​n​a​l​e​s​-​g​e​m​e​i​n​d​e​z​e​n​t​r​u​m​-​m​i​t​-​g​o​t​t​e​s​d​i​e​n​s​t​s​t​a​e​t​te/ ↩︎
  2. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​e​v​-​l​u​k​a​s​k​i​r​c​h​e​-​s​t​a​d​t​t​e​i​l​z​e​n​t​r​u​m​-​h​a​s​s​e​l​-​b​o​n​ni/ ↩︎
  3. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​f​r​i​e​d​e​n​s​k​i​r​c​h​e​-​s​t​a​d​t​t​e​i​l​e​n​t​r​u​m​-​w​e​s​t​e​nd/ ↩︎
  4. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​s​t​-​m​a​r​i​a​e​-​e​m​p​f​a​e​n​g​n​i​s​-​s​o​z​i​a​l​-​k​u​l​t​u​r​e​l​l​e​s​-​g​e​m​e​i​n​d​e​z​e​n​t​r​um/ ↩︎
  5. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​m​a​r​k​t​k​i​r​c​h​e​-​m​a​r​k​t​k​i​r​c​h​e​-​e​s​s​en/ ↩︎
  6. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​l​i​e​b​f​r​a​u​e​n​k​i​r​c​h​e​-​m​u​l​t​i​f​u​n​k​t​i​o​n​a​l​e​r​-​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​s​r​a​u​m​-​c​i​t​y​k​i​r​c​he/ ↩︎
  7. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​k​r​e​u​z​e​s​k​i​r​c​he/ ↩︎
  8. https://​www​.zukunft​-kirchen​-raeume​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​d​r​e​i​f​a​l​t​i​g​k​e​i​t​s​k​i​r​c​h​e​-​s​o​z​i​a​l​e​s​-​w​o​h​n​p​r​o​j​e​k​t​-​u​n​d​-​g​e​w​e​r​b​e​r​a​e​u​me/ ↩︎
Brüning Klapp Rein, Umbau der Dort­munder Segens­kirche, Foto: Felix Hemmers
Kroos + Schlemper Archi­tekten, Umbau der Lukas­kirche in Gelsen­kir­chen-Hassel, Foto: Rüdiger Glahs
soan Archi­tekten, Umbau der Frie­dens­kirche in Bochum-Stahl­hausen, Foto: Christian Huhn
Elmar Paul Sommer, Umbau der Kirche St. Mariä Empfängnis in Willich-Neersen, Foto: Elmar Paul Sommer
Gerber + Partner, Umbau der Markt­kirche in Essen, Foto: Felix Hemmers
hermanns archi­tekten, Umbau der Lieb­frau­en­kirche in Duisburg, Foto: Max Schulz / Stiftung Bren­nender Dornbusch
Hannemann Archi­tekten, Umbau der Kreu­zes­kirche Essen, Foto: Subbass1 (CC BY-SA 4.0)
Pfeiffer Ellermann Preckel, Umnutzung der Drei­fal­tig­keits­kirche Münster, Foto: Felix Hemmer
Pfeiffer Ellermann Preckel, Umnutzung der Drei­fal­tig­keits­kirche Münster, Foto: Felix Hemmers