neu im club

Christian Roth, Sascha Zander, zander­rothar­chi­tekten BDA, Berlin

Sascha Zander und Christian Roth im Gespräch mit David Kasparek und Andreas Denk

Christian Roth, Sascha Zander, wie sind Sie zur Archi­tektur gekommen, und wie haben Sie zusam­men­ge­funden?
Sascha Zander: Das Studium erschien spannend und war es dann auch.
Christian Roth: Wir haben hinter­ein­ander in der Schlange zur Imma­tri­ku­la­tion gestanden…
Sascha Zander: …und haben uns nach verschie­denen Stationen in Berlin wieder­ge­troffen.

Gab es Persön­lich­keiten oder archi­tek­to­ni­sche Erleb­nisse während Ihres Studiums in Aachen, Düssel­dorf, London oder Madrid, die Sie beein­druckt oder geprägt haben?
Christian Roth: In Madrid haben mich Abalos und Herreros beein­druckt, bei denen ich Entwürfe gemacht habe. Ihnen ist es gelungen, als bauende Archi­tekten an der Univer­sität Freiraum für Konzept und Theorie zu haben. In Aachen hat mich beein­druckt, dass man durch eine Diplom-Prüfung in Baukon­struk­tion fallen konnte, weil man Kleist nicht gelesen hatte – und das meine ich nicht nur ironisch.
Sascha Zander: Ich bin nach dem Vordiplom von Aachen nach London geflohen und war begeis­tert von Peter Cook, bei dem ich Diplom machen durfte, und später von Elia Zenghelis an der Kunst­aka­demie in Düssel­dorf.

Wie gehen Sie an einen Entwurf heran? Und wie arbeiten Sie dabei zusammen? Wer macht was?
Christian Roth: Ein Entwurf im Wohnungsbau ist stark geprägt von wirt­schaft­li­chen Para­me­tern…
Sascha Zander: …und diese muss man erst einmal über­prüfen. Wie viele Quadrat­meter passen auf’s Grund­stück.
Christian Roth: Ansonsten ist immer wieder der Ort wichtig. Daraus entwi­ckeln wir eine Idee, die dann auch beinhaltet, wer die zukünf­tigen Bewohner sein könnten. Es ist immer diese Kombi­na­tion aus wirt­schaft­li­chen Zwängen, Infor­ma­tionen durch den Ort und über die Bewohner, oder gerade die Nicht­in­for­ma­tion über einen Teil, was dann zum Beispiel Flexi­bi­lität zum Entwurfs­kon­zept erhebt, die am Ende das Haus werden läßt.
Sascha Zander: Wir reden über die Projekte oder eine Idee, zeichnen, Zander ist der Optimist und Roth der Beden­ken­träger.

zanderrotharchitekten, li87, Wohnungsbau, Berlin 2002 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zander­rothar­chi­tekten, li87, Wohnungsbau, Berlin 2002 – 2007, Foto: Andrea Kroth

Inwieweit ist Archi­tektur eine Forschungs­auf­gabe? Wieviel Konven­tion und wie viel Expe­ri­ment verträgt ein gutes Haus?
Sascha Zander: Wir haben immer viel Expe­ri­ment zuge­lassen, am Anfang aus Naivität und univer­si­tärer Gewohn­heit, was manchmal durch die Realität bestraft wird. Die Aufgabe ist, Naivität durch Profes­sio­na­lität nicht zu ersetzen, sondern zu ergänzen. Das gelingt uns nach 15 Jahren recht gut. Bei vielen Dingen ist es ja so, wenn man vorher wüßte, was man nachher weiß, würde man sie nicht tun – dann wäre die Welt ärmer.
Christian Roth: Man muss nicht immer alles neu erfinden. Es gibt einige Standards, die einmal entwi­ckelt, allen Projekten gut tun. Häufig sind es auch Themen, die einen über mehrere Projekte hinweg oder immer wieder begleiten – wir haben zum Beispiel ein manisches Faible für alles Punkt­sym­me­tri­sche.
Sascha Zander: Ein Gebäude sollte immer ein Beitrag sein und zwar auf den unter­schied­lichsten Ebenen: zum Städ­ti­schen, im Detail, in der Orga­ni­sa­tion.

Ihr viel­dis­ku­tiertes Projekt in der Zelter­straße 5 ist ein Wohn­ver­such, bei dem hohe Dichte und geringe Distanz zwischen den einzelnen Parteien auspro­biert werden. Was war Ihre Absicht bei der Konzep­tion des Gebäudes und welche verall­ge­mei­ner­bare Erkenntnis haben Sie aus dem Projekt gewonnen?
Christian Roth: Inter­es­san­ter­weise ist die Konzep­tion des Gebäudes ganz stark aus dem Ort entstanden. Das Grund­stück ist für Wohnungsbau nicht gut geeignet. Die Stra­ßen­fas­sade ist nach Norden gerichtet und an zwei weiteren Seiten von 22 Meter hohen Brand­wänden umgeben. Diesen Mißlich­keiten haben wir alle Entschei­dungen im Projekt unter­ge­ordnet und so kamen die Haupt­prä­missen des Projekts zustande: Lasst uns, wo möglich, nicht so hoch bauen, damit Licht ins Projekt, in den Hof kommt… Wir heben den Hof ins erste Ober­ge­schoss, der Sonne entgegen… Es darf keine mittel­mä­ßigen Wohnungen geben… Eine Wohnung hat Garten­an­schluss oder ist ein Penthouse. So sind die unter­schied­li­chen Typo­lo­gien entstanden. Zur Straße hin für den Berliner Block niedrige, nur vier­ge­schos­sige Reihen­häuser mit Zugang direkt von der Straße aus und Dach­garten, im Hinter­haus sehr groß­zü­gige drei­ge­schos­sige Garten­häuser mit direktem Anschluss an den Garten – und den wirklich besten Grund­rissen im Projekt, oben drauf dann Pent­häuser mit Südfas­sade und Zugang zu Dach­gärten mit Blick über Berlin.
Sascha Zander: Entstanden ist dabei ein Projekt als Abbild und Heraus­for­de­rung der Gesell­schaft, insbe­son­dere in so einem Fami­li­en­viertel wie dem Prenz­lauer Berg. Viele wollen eigent­lich auf dem Land leben, in einer ökolo­gi­schen und sozialen Gesell­schaft. Hier bekommen sie genau das: wobei ökolo­gisch heißt, dass sie inmitten der Stadt wohnen, mit kurzen Wegen und ener­ge­tisch effek­tiver Dichte. Sozial meint dabei, dass sie in einem Dorf wohnen – und ein Dorf ist nicht das Land, sondern die Verdich­tung des Landes mit sozialen Kontakten, die auch Reibungen bedeuten können. Wenn es einem zu viel wird, erholt man sich nicht im Wald, sondern im Dschungel der Großstadt.

zanderrotharchitekten, ze5, Baugemeinschaft, Berlin 2008 – 2010, Foto: Simon Menges
zander­rothar­chi­tekten, ze5, Bauge­mein­schaft, Berlin 2008 – 2010, Foto: Simon Menges

Zugleich spielen Sie dort mit verschie­denen Wohn­ty­po­lo­gien, die zu einem Hybrid zusam­men­wachsen. Ist das ein beson­deres Interesse von Ihnen?
Christian Roth: Für uns ist Hybrid eher eine Mischung aus unter­schied­li­chen Nutzungen, hier sind es nur unter­schied­liche Wohn­ty­po­lo­gien. Bei dem Projekt ging es darum, wie man eine extensive Typologie, nämlich die des Einfa­mi­li­en­hauses, so inten­si­vieren kann, dass sie in die Stadt passt, und zwar so, dass Begegnung entsteht und nicht nur Reibung. Das ist uns – glauben wir – gelungen. Das Projekt verbindet suburbane Qualität und Stadt.
Sascha Zander: Einen richtigen Hybriden planen wir zur Zeit mit Super­markt im Berliner Bötzow­viertel…

Das Nach­denken über die Stadt hat für Ihre Arbeit – wie beim Wett­be­werb zur Hafen­kante Bremen, beim Berliner Mauerpark – eine kaum zu über­se­hende Bedeutung. Welchen Para­me­tern kann die Gestal­tung des urbanen Raums heute folgen, und welche Rolle sollte die Archi­tektur dabei spielen?
Christian Roth: Das ist eine sehr inter­es­sante und schmei­chel­hafte Unter­stel­lung. Bei allem, was wir tun, denken wir über den Ort nach, und Ort hat unter­schied­lichste Maßstäbe. Beim Projekt im Mauerpark war es dann eindeutig die Frage: Wie können Bewohner und Park­be­nutzer trotz unter­schied­lichster Inter­essen – privat und öffent­lich – am gleichen Ort mitein­ander klar­kommen. Unsere Antwort war dann: Beide Gruppen werden nur glücklich, wenn sie nicht ständig aufein­ander Rücksicht nehmen müssen. Wir haben für die Bewohner Inseln geplant, heraus­ge­hoben aus dem Park: Rundherum ist alles öffent­lich, auf meiner Insel bin ich – oder sind wir – die kleine Gemein­schaft und für uns.
Sascha Zander: Bei einem Projekt wie dem Mauerpark kann Archi­tektur, oder besser Städtebau, tatsäch­lich urbanen Raum gestalten, aber auch – je nachdem wie er umgesetzt wird – diese Chance vertun. Bei den meisten Aufgaben, die wir bear­beiten, geht es mehr darum, dass das Gebäude seine Rolle im städ­ti­schen Gefüge nicht verbockt, also ganz einfach im Erdge­schoss der Stadt auch etwas bietet.
Christian Roth: Inter­es­sant sind Räume für uns, wenn sie nicht zu eindeutig sind. In der Berliner Stadt der Grün­der­zeit ist die Trennung zwischen öffent­lich und privat messer­scharf – hier die Straße und hinter der Tür, der Wand, das Private. Spannend wird es, wenn dieses Verhältnis aufweicht, wenn es etwas dazwi­schen gibt, aber ohne in der Belang­lo­sig­keit flie­ßender Außen­räume der Nach­kriegs­zeit zu enden.

zanderrotharchitekten, Hafenkante, Wettbewerb, Bremen 2011
zander­rothar­chi­tekten, Hafen­kante, Wett­be­werb, Bremen 2011

Welche Rolle spielt das theo­re­ti­sche Nach­denken über Archi­tektur in Ihrer Arbeit?
Christian Roth: Unsere Projekte erfor­schen hoch­ver­dich­teten städ­ti­schen Raum. Anlass unserer Über­le­gungen ist immer ein Projekt. Wenn man Ort und Aufga­ben­stel­lung analy­siert, oder, da wir viel Projekt­ent­wick­lung selbst machen, sich eine Aufgabe stellt, dann stellt sich immer grund­sätz­lich die Frage, wie wir in bestehenden Struk­turen höhere Qualität verwirk­li­chen können.

Ihr Werk­ver­zeichnis beinhaltet auch einige Umbauten und Sanie­rungen im Bestand. Welche Bedeutung, glauben Sie, kommt der Bestands­pflege und ‑hege zu?
Sascha Zander: Nachdem wir in unserer Büro­ju­gend einen wunder­schönen Neubau bis zur letzten Schraube durch­ge­plant hatten, haben wir einige Jahre lang 0815-Berliner Grün­der­zeit­ge­bäude saniert. Dass man Wohnungs­bauten aus der Grün­der­zeit wunderbar in moderne Wohnungen – zusam­men­ge­legt oder geteilt – umbauen kann und auch meistens ein Bad unter bekommt, ist bekannt, aber eine relativ eintönige Aufgabe. Span­nender erscheint uns der Umgang mit dem Erbe der jüngeren Vergan­gen­heit, also des indus­tria­li­sierten Bauens der DDR, aber genauso der Bauten aus der Bundes­re­pu­blik aus der gleichen Zeit.
Christian Roth: Diesen Gebäuden wird wenig Wert­schät­zung entge­gen­ge­bracht, dabei ist es so, dass viele tatsäch­lich gute Gebäude sind oder zumindest eine so starke Struktur haben, dass sie in neuem Zusam­men­hang weiter­leben können. Ein schönes Beispiel der kompletten Verwand­lung durch die Umin­ter­pre­ta­tion einer bestehenden starken Struktur ist unser Schul­ge­bäude in Schul­zen­dorf.

zanderrotharchitekten, ill, Grundschule, Sanierung und Erweiterung, Schulzendorf 2005 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zander­rothar­chi­tekten, ill, Grund­schule, Sanierung und Erwei­te­rung, Schul­zen­dorf 2005 – 2007, Foto: Andrea Kroth

Wie haben Sie Ihr Büro in der unüber­sicht­li­chen Archi­tek­tur­szene Berlins posi­tio­niert? Haben Sie, wie bei Ihrer Arbeit mit Baugruppen, gezielt nach Nischen gesucht?
Sascha Zander: Wir haben nach einer Möglich­keit gesucht, Häuser zu entwerfen – und dann zu bauen. Da uns zum Start unserer Karriere niemand beauf­tragt hat, haben wir nach einer Option Ausschau gehalten, die Aufträge selbst zu gene­rieren. Durch unsere gute Orts­kenntnis in Teilen Berlins konnten wir so Grund­stücke sichern und die ersten Baugrup­pen­pro­jekte selbst entwi­ckeln und umsetzen. Dadurch haben wir uns mitt­ler­weile als Wohnungs­bau­spe­zia­listen etabliert, wobei das auf Grund der aktuellen Entwick­lung keine Nische mehr ist.

Was halten Sie von der Strategie, ein Archi­tek­tur­büro als Marke zu etablieren? Wie wichtig ist Ihnen die Entwick­lung einer wieder­erkenn­baren „Hand­schrift“?
Christian Roth: Das ist uns nicht wichtig. Unsere Hand­schrift sollte sein, für jeden Ort und jede Aufgabe eine gute – aus unserer Sicht dann die richtige – Lösung zu finden. Es gibt Themen, die uns inter­es­sieren und die immer wieder in unseren Projekten vorkommen. Themen, die sich für eine Marke eignen, erschöpfen sich oft in Äußer­lich­keiten, dem Design. Das ist aber nur ein Aspekt von Gebäuden. Wir lieben Grund­risse und Schnitte, Schemata, und wenn sich plötzlich alles fügt, alles zusam­men­passt. Dabei beginnen wir fast immer von Innen – und am schönsten ist es, wenn das Projekt irgend­wann selber weiß, wie es aussehen muss. Daraus kann man keine Marke machen.

zanderrotharchitekten, Haus Hecken, Biesenthal, 2004 – 2005, Foto: zanderroth
zander­rothar­chi­tekten, Haus Hecken, Biesen­thal, 2004 – 2005, Foto: zander­roth

Wie wohnen Sie eigent­lich selbst?
Sascha Zander: Wir wohnen beide in selbst geplanten Gebäuden und nicht im Char­lot­ten­burger Altbau.
Christian Roth:
Ich wohne in einem der Reihen­häuser in der Zelter­straße, innen 3,65 Meter breit und über vier Geschosse…

Sie sind seit kurzem Mitglieder des BDA. Wie nehmen Sie diesen Wahlbund wahr? Was erhoffen Sie sich von ihm?
Sascha Zander und Christian Roth: Wir freuen uns über die Berufung und haben keine Erwar­tungs­hal­tung.

Die Präsen­ta­tion der Arbeiten von zander­rothar­chi­tekten im Glashaus des DAZ in Berlin wird am 5. März um 20 Uhr eröffnet und ist bis zum 17. April (montags bis freitags zwischen 10 und 17 Uhr) zu sehen (siehe auch der architekt 1/14, S. 80).

Fotos: Andrea Kroth, Simon Menges, zander­roth

zanderrotharchitekten, li87, Wohnungsbau, Berlin 2002 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zander­rothar­chi­tekten, li87, Wohnungsbau, Berlin 2002 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zanderrotharchitekten, ze5, Baugemeinschaft, Berlin 2008 – 2010, Foto: Simon Menges
zander­rothar­chi­tekten, ze5, Bauge­mein­schaft, Berlin 2008 – 2010, Foto: Simon Menges
zanderrotharchitekten, Hafenkante, Wettbewerb, Bremen 2011
zander­rothar­chi­tekten, Hafen­kante, Wett­be­werb, Bremen 2011
zanderrotharchitekten, ill, Grundschule, Sanierung und Erweiterung, Schulzendorf 2005 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zander­rothar­chi­tekten, ill, Grund­schule, Sanierung und Erwei­te­rung, Schul­zen­dorf 2005 – 2007, Foto: Andrea Kroth
zanderrotharchitekten, Haus Hecken, Biesenthal, 2004 – 2005, Foto: zanderroth
zander­rothar­chi­tekten, Haus Hecken, Biesen­thal, 2004 – 2005, Foto: zander­roth