Teamgeist in der Schweiz

Wolfgang Rossbauer, Architekt BDA, archi­tek­tur­büro wolfgang rossbauer, Biburg/​Zürich

Den Weg zur Bäcker­an­lage bestimmen als „Cabaret-Bar“ getarnte Strip­lo­kale und Money-Transfer-Shops, die ihre Dienste in den Schau­fens­tern auf rumänisch und kroatisch bewerben und somit indirekt Hinweise darauf geben, wo die mini­berockten Frauen, die verein­zelt an der Straße stehen, herkommen mögen. Keine dreißig Gehmi­nuten vom Zürcher Haupt­bahnhof im Bezirk Ausser­sihl ist Zürich nicht die auf Hochglanz polierte Metropole von FIFA, Finanz­welt oder Martin-Suter-Romanen. Hier bilden Bauten von Max Dudler, Peter Märkli oder EM2N die Kulisse einer Stadt für alle. Skatende Kids und Familien mit Kindern ebenso wie Spritties mit Dosenbier in der Hand und eben auch Prosti­tu­ierte. Unweit dieses Mikro­kosmos hat der gebürtige Bayer Wolfgang Rossbauer sein Büro.

Am Schreib­tisch
„Reprä­sen­tativ ist es nicht.“ Lachend, mit einer einla­denden Geste bittet der Architekt herein. An drei Schreib­ti­schen sitzen sechs Mitar­beiter, der Raum ist klein, die Decken niedrig. Alles steht voll mit Büchern und Arbeits­mo­dellen. „Für mich bleibt immer nur der Platz hinten in der Ecke.“ Wieder lacht Wolfgang Rossbauer, während er auf den tatsäch­lich recht über­sicht­li­chen Schreib­tisch deutet, auf dem kaum die Espres­so­tasse neben dem Laptop Platz findet. Zürich hat Rossbauer aus zwei Gründen gewählt. Zum einen war ihm die Stadt durch sein Studium an der ETH vertraut, zum anderen habe er hier die Chance bekommen, zu bauen. „Nach Studium und Mitarbeit in Büros im Ausland dachte ich, jetzt mache ich mich zuhause selb­ständig. 28 Akqui­se­ver­suche habe ich im ersten halben Jahr unter­nommen. Außer einem kleinen Einfa­mi­li­en­haus ist nichts weiter daraus geworden.“ In der Schweiz dagegen durfte das junge Büro auch an Wett­be­werben teil­nehmen. Als Referenz genügte ein im Studium gemeinsam mit Ivica Brnic und Florian Graf entwor­fenes und im afgha­ni­schen Bamiyan reali­siertes Hofhaus.

„Hier wird Archi­tektur, das Entwerfen und das Bauen als kultu­reller Akt verstanden“, sagt Rossbauer. Und nach einer Pause fügt er nach­denk­lich hinzu: „Anders als in meiner bayri­schen Heimat.“ Dass er sich dennoch mit Projekten in seiner Heimat­re­gion rund um das gut vierzig Kilometer südöst­lich von Regens­burg gelegene Biburg beschäf­tigt, sei eine Form der „Trau­ma­the­rapie“. Wieder lacht der junge Architekt, der auch in der Lehre tätig ist. Immer wieder sind Entwürfe, wie etwa die Planungen und Über­le­gungen für die Orts­durch­fahrt Siegen­burg, Thema der Aufga­ben­stel­lung für seine Studie­renden an der Hoch­schule Luzern. Die Ergeb­nisse stellt er dann vor Ort in Bayern vor – auch und gerade wenn sie vermeint­lich radikale Lösungen beinhalten wie die Schlie­ßung der Orts­durch­fahrt für Autos und das Etablieren eines auto­freien Dorf­platzes zwischen Kirche, Wirts- und Pfarrhaus als Ergänzung zu einem neuen Markt­platz.

Im Kafi
Anders als noch im Büro mit Blick auf Fotos und Modelle der bayri­schen Projekte spricht Wolfgang Rossbauer im „Kafi für Dich“ nicht mehr mit bayri­schem Akzent. Schnell redet er immer noch, aber seine Stimme über­schlägt sich nun mit deutlich schwei­zer­deut­scher Klang­farbe. „Denken gelernt habe ich nicht in der Schule. Wirklich zu denken gelernt habe ich am Klavier“, sagt Rossbauer mit Blick auf den kleinen Park der Bäcker­an­lage. Diese sinnliche Erfahrung als unmit­tel­bare Kopplung taktiler, hapti­scher, visueller und akus­ti­scher Reize beschreibt er als elementar prägend. Das Konkrete und Prak­ti­sche habe ihm in seiner Schulzeit gefehlt. Wirk­li­ches Lernen habe daher am Klavier, auf dem Fußball­platz und in einer benach­barten Schrei­nerei statt­ge­funden.

Geblieben ist bis heute das Klavier. Es steht in der hintersten Ecke des Büros, hinter einem Vorhang, noch hinter dem kleinen Schreib­tisch des Archi­tekten. Das Schaffen von Struk­turen, das Gene­rieren von Atmo­sphären, von Span­nungen und ihr Auflösen habe er am Piano begriffen. Auch das Verstehen eines Hauses als struk­tu­relles Ganzes, das Durch­dringen seines Aufbaus und die Fügungen seiner Einzel­teile, seiner Themen, könne man „wunderbar am Klavier nach­voll­ziehen, inter­pre­tieren und simu­lieren“, führt der Klassik-Liebhaber Rossbauer aus. Dabei geht es ihm nicht darum, etwas in Raum zu über­setzen, „weil es so schön klingt.“ Tatsäch­lich inter­es­siert ihn der Aufbau, die Archi­tek­tonik der Musik. Beethoven, Brahms, Schumann, Debussy, Schost­a­ko­witsch, Rach­ma­ninow und auch Prokofjew führt Wolfgang Rossbauer dabei als musi­ka­li­sche Inspi­ra­ti­ons­quellen ins Feld.

Vor Ort
„Es ist ja nicht so, dass die jungen Archi­tekten in Deutsch­land nicht smart wären, aber das System lässt es nicht zu, dass sie zum Zuge kommen. Hier bekommt man als junger Architekt einfach seine Chance.“ Wie sich die Ergeb­nisse solcher Chancen ausnehmen, kann man elf Tram-Stationen von der Bäcker­an­lage entfernt, am Römerhof in Zürich-Hottingen, sehen. Hier liegen oberhalb der Ilgen­straße die gleich­na­mige Schul­an­lage und etwas weiter nördlich der dazu­ge­hö­rige Hort. Die Instand­set­zung der denk­mal­ge­schützten Schul­häuser aus den Jahren 1877 und 1889 sowie der ange­glie­derten Turnhalle wurde von Rossbauer und seinem Team um den Neubau eines kleinen Garde­ro­ben­traktes ergänzt. Zuvor schon konnte das Büro 2009 den Wett­be­werbs­ge­winn für den Hort des Areals für sich entscheiden – die Instand­set­zung der Schule und das Herrichten der alles verbin­denden Außen­lagen waren Folge­auf­träge. Wie gut die Stadt daran getan hat, den jungen Archi­tekten zu vertrauen, merkt man, wenn man sich dem Gelände nach­mit­tags an einem Werktag nähert: Kinder spielen auf dem Hof, Bälle werden gekickt, Rufe und Gelächter schallen über das Areal, Eltern stehen zum Plausch zusammen. Nicht nur dass sowohl Neubau wie auch sanierter Altbau archi­tek­to­nisch gelungen sind, sie funk­tio­nieren als eine Art Stadt­teil­zen­trum im Kleinen.

Das Thema Schulbau ist Wolfgang Rossbauer und seinen Mitstrei­tern seitdem geblieben. Derzeit planen sie in Arbeits­ge­mein­schaft mit dem Büro Hull Inoue Radlinsky eine Volks­schule in Bern. „Als ohnehin schon junges Büro haben wir eine Arbeits­ge­mein­schaft mit einem Bauma­nage­ment­büro gegründet, dessen Gründer Jahrgang 1980 ist und der genau einen Mitar­beiter hat – Jahrgang 1982. Da möchte ich mir die Gesichter der Verant­wort­li­chen in meiner Heimat­ge­meinde in Bayern gar nicht vorstellen, wenn man dort in einer solchen Konstel­la­tion vorstellig würde. Hier geht das.“ Wegen der Möglich­keiten, die er als junger Architekt in der Schweiz bekommt, aber auch wegen seines Teams, wie Wolfgang Rossbauer nicht müde wird zu betonen. Weniger als Einzel­person sieht er sich für die Projekte verant­wort­lich, als vielmehr alle am Bau Betei­ligten, insbe­son­dere seine Kollegen im Büro. Ein Team junger und moti­vierter Archi­tekten aus Deutsch­land, der Schweiz, Spanien und Norwegen, die gemeinsam die Chancen ergreifen, die sich ihnen in der Schweiz bieten.

David Kasparek

neu im club im DAZ-Glashaus
Gespräch mit Wolfgang Rossbauer und seinem Team: 10. Juni, 19.00 Uhr
Werk­schau­pro­jek­tion: 11. Juni bis 17. Juli
Deutsches Archi­tektur Zentrum DAZ
Köpe­ni­cker Straße 48 / 49
10179 Berlin

www​.rossbauer​.com

neu im club wird unter­stützt von Vitra, Epson, den BDA-Partnern und den Unter­nehmen des DAZ-Freun­des­kreises.

Fotos: D. M. Wehrli/​Hannes Henz/​Rossbauer