Von der Limmat zur Dreisam zurück

Christoph Justies und Nic Rünzi, Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Freiburg

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath

Freiburg Wiehre, das südlich von Dreisam und Altstadt gelegene Stadt­viertel, ist dominiert von frei­ste­henden, grün­der­zeit­li­chen, drei­ge­schos­sigen Häusern. Verein­zelt fallen Schnee­flo­cken, die schnee­be­deckten Hänge der umlie­genden Ausläufer des Schwarz­walds und die Krümel von Streusalz auf der Treppe des herr­schaft­li­chen Gebäudes in der Schwaig­hof­straße künden vom anste­henden Winter. Justies/​Rünzi Archi­tekten haben hier seit kurzem ihre Büroräume. Eine glück­liche Fügung, wie Christoph Justies erzählt: Eigent­lich seien die Räum­lich­keiten bereits anderen Mietern zuge­spro­chen gewesen, diese hätten aber einen Rück­zieher gemacht und schließ­lich habe ein befreun­deter Architekt den Kontakt zur Vermie­terin herge­stellt.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Grundriss 1. OG Mehr­fa­mi­li­en­haus, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath

Christoph Justies und ich sitzen bei hervor­ra­gendem Espresso im Bespre­chungs­zimmer des Büros, auf dem Tisch liegt das Smart­phone. Per Video-App ist Nic Rünzi zuge­schaltet: Er sitzt vor einer großen Weltkarte in einem kleinen Haus in Santa Monica. In Freiburg ist es 10.30 Uhr, in Los Angeles halb zwei Uhr nachts. „Wir machen hier eine lange geplante Auszeit mit der Familie“, erklärt Rünzi. Seit August letzten Jahres also liegt die Büro-Verant­wor­tung vor allem auf den Schultern von Christoph Justies. „Ich bin ihm wirklich sehr dankbar, dass wir das hier machen können“, sagt Nic Rünzi. „Wir tele­fo­nieren oft“, schiebt Justies nach, wenn­gleich die Zeit­ver­schie­bung dieses Unter­fangen nicht unbedingt einfacher mache. Beide betonen, wie wichtig ihnen der gegen­sei­tige Austausch in der alltäg­li­chen Arbeit dennoch ist. Christoph Justies lacht: „Die Gefahr, sich zu verrennen, ist einfach deutlich höher, wenn man alleine arbeitet.“
Die beiden gebür­tigen Badener haben rund um die Jahr­tau­send­wende Archi­tektur studiert, zunächst an der TH Karlsruhe, wo Justies 2003 sein Diplom ablegte: „Das war Saure-Gurken-Zeit für den Start in die Berufs­welt “, erinnert er sich zurück. Über eine Station im Büro Kleihues ging er schließ­lich in die Schweiz zu Gigon Guyer Archi­tekten. Nic Rünzi wechselte bereits im Grund­stu­dium an die ETH Zürich, aber auch er begann seine beruf­liche Praxis im Büro von Annette Gigon und Mike Guyer. „Das war eine tolle, intensive und sehr berei­chernde Zeit“, sagt er. „Es kamen viele junge Leute aus unter­schied­li­chen Nationen zusammen und haben mit viel Verve Archi­tektur gemacht.“

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath

Knapp zehn Jahre waren es schließ­lich, die beide in Zürich verlebten, ehe die Rückkehr ins Breisgau anstand, die fehlende Nähe zur Familie und der Wunsch, „etwas eigenes“ zu machen, waren schließ­lich ausschlag­ge­bend für den Rückzug nach Deutsch­land und die Gründung des gemein­samen Büros. Geblieben ist bis heute die Faszi­na­tion für die Schweizer Archi­tektur. Christoph Justies benennt drei Punkte: „Reduktion, Mate­ria­lien, hoch­wer­tige Verar­bei­tung.“

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath

Dem ersten eigenen Projekt der beiden Archi­tekten – den zwei Häusern in Ebnet – sieht man dieses Importgut an. Im Osten Freiburgs, am Hang über dem Dreis­amtal, liegt an diesem Freitag, anders als unten in der Stadt, Schnee. Die beiden Sicht­be­ton­bauten graben sich in den Berg ein und machen deutlich, was gute Archi­tekten aus den gültigen Bebau­ungs­plänen heraus­ar­beiten können. Die Nach­bar­be­bauung changiert zwischen biederem forma­l­äs­the­ti­schen Nicht-Anspruch, mit zwei Regel­ge­schossen sowie Sattel­dach und solider Holz­bau­ar­chi­tektur, der man den Willen zur Fort­schrei­bung lokaler Bautra­di­tionen immerhin ansehen kann. Auf dem steilen Hang­grund­stück haben Justies / Rünzi Archi­tekten zwei unter­schied­lich große Gebäude reali­siert, die sich ob ihrer Mate­ria­lität zu einem stimmigen Ensemble zusam­men­fügen. Die Sicht­be­ton­mauern wurden nach dem Ausschalen gespitzt, was zu einem inter­es­santen Zusam­men­spiel der Ober­flä­chen­struktur und den – den Baupro­zess bis heute ablesbar machenden – Muster­li­nien der Schal­ta­feln führt. So wirkt das Gebäude, als nehme es zyklo­pen­hafte Elemente der Archi­tek­tur­ge­schichte in sich auf, lassen sich die entstan­denen Linien doch wie die Fügungs­punkte gigan­ti­scher Bausteine lesen. In der Kombi­na­tion mit dem aus der Schweiz impor­tierten Anspruch an die Hand­werk­lich­keit ist ein faszi­nie­rendes Duett entstanden, das zu Recht mit einem Preis bei der Hugo-Häring-Auszeich­nung des BDA-Baden-Würt­tem­berg honoriert wurde.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath

Im Gegensatz zur rauen Wand­ober­fläche, die den Häusern eine Anmutung gibt, die an Granit, Gneis und andere Natur­steine denken lässt, sind die Laibungen allesamt glatt belassen worden, was die Öffnungen wie in ein Massiv geschnit­tene Höhlen aussehen lässt. Das raue Grau des Betons wird souverän gekontert durch das helle Braun der Eichen­holz­fenster. Das talsei­tige und größere der beiden Häuser nimmt vier Wohnungen auf. Im Erdge­schoss, das sich teilweise weit ins Erdreich eingräbt, finden sich Keller- und Tech­nik­räume sowie eine Garage, deren Dach die groß­zü­gige Terrasse der Wohnungen darüber bildet. Im Eingangs­be­reich und dem innen­lie­genden, von oben belich­teten Trep­pen­haus, erinnert der Boden an Terrazzo, ist aber aus großen Rest­stück­platten eines am Bau betei­ligten Hand­werk­be­triebs geschnitten, und kontras­tiert in seinem gespren­kelten Grün fein das sonst vorherr­schende Weiß der verputzten Wände und der aus einem Stahl­blech gebil­deten dünnen Trep­pen­brüs­tung.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Doppel­kin­der­garten Rüti, Wett­be­werb, Schweiz 2016, Abb.: JRA

Der zweite Bauteil ist deutlich kleiner und wird als Ganzes genutzt. Anders als der von einem Sattel­dach gekrönte größere Bruder, ist dieser mit einem Pultdach gedeckt. Dachform und die aus dem Volumen ausge­schnit­tene Dach­ter­rasse sind Ergeb­nisse gründ­li­cher Über­le­gungen, wie möglichst viele Räume dem Wohn­be­reich zuge­schlagen und gleich­zeitig die Vorgaben des Bebau­ungs­plans einge­halten werden können. Das Erdge­schoss beher­bergt einen großen Wohnraum, der im Bereich der Küche einge­schossig ist, sich dann aber zwei­ge­schossig weitet und durch die großen Fenster den präch­tigen Blick über das Dreis­amtal freigibt. Die Fenster sind allesamt mit verdeckten Beschlägen ausge­führt, was ihnen das Rahmen der umlie­genden Land­schaft gelingen lässt. Das Trep­pen­haus hier, mit gleichem Brüs­tungs­de­tail aber Holz­fuß­boden, führt zu den oberen beiden Geschossen, wo sich Schlaf- und Bade­zimmer sowie die Galerie zum Wohnraum im Erdge­schoss finden.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA mit Miriam Vogel Innen­ar­chi­tektur, Umbau Project Office E+H PCPS AG, Reinach, Schweiz 2018 – 2019, Abb.: ARGE MVI / JRA

Das Projekt kam auf einen Impuls aus der Familie von Nic Rünzi zustande. Wie so oft finden sich auch im Fall von Justies / Rünzi Archi­tekten die ersten Bauherren in der eigenen Familie. Das ist für die Archi­tekten ‚Fluch‘ und ‚Segen‘ zugleich, wie Nic Rünzi augen­zwin­kernd ausführt: „Auf der einen Seite bleibt das Projekt für uns stets aktuell und wir müssen eben nochmal ran, wenn etwas nicht funk­tio­niert. Auf der anderen Seite können wir aber im Laufe der Zeit unmit­telbar über­prüfen, wie gut Entwurf, Planung und Ausfüh­rung funk­tio­nieren.“ Davon, dass die eigene Konzep­tion aufgehen kann, sind die beiden Archi­tekten dennoch überzeugt. „Wir haben viel Aufwand in die Recherche zu diesen Themen gesteckt, haben zudem in der Schweiz schon Sicht­be­ton­häuser mit Ortbeton gebaut. Die beste Lösung war uns schon deshalb so wichtig, weil eben die eigene Familie invol­viert ist“, erklärt Rünzi.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Betreu­ungs­ge­bäude Aemtler, Wett­be­werb, Zürich, Schweiz 2013, Abb.: JRA

Dem Projekt und seinen Details sieht man genau das an. So ist das Ensemble derzeit auch die Topre­fe­renz im Werben um neue Bauherren. „In die meisten Wett­be­werbs­ver­fahren kommen wir aufgrund der Zulas­sungs­be­schrän­kungen gar nicht rein“, sagt Justies und kann dabei seinen Ärger kaum verhehlen. So bleiben private Bauherren und ein Bauträger, für den Justies / Rünzi Archi­tekten derzeit ein Projekt mit 56 Wohn­ein­heiten in Rhein­felden entwerfen. „Das werden wir aber nach Leis­tungs­phase fünf abgeben müssen“, fügt Christoph Justies an. Dennoch habe sich hier schon eine Taktik bewährt, die sich die beiden Archi­tekten von ihren ehema­ligen Chefs abge­schaut haben: „Annette Gigon und Mike Guyer sind mit poten­zi­ellen Bauherren oft zu reali­sierten eigenen Projekten gefahren, um sie von sich zu über­zeugen und die eigenen Ideale zu verdeut­li­chen. Das machen wir auch so“, erklärt Justies. Nic Rünzi fügt lachend an: „Auch wenn das bei uns im Moment eben nur ein Haus ist.“ Neben dem genannten Projekt in Rhein­felden sowie einem Dach­ausbau mit expres­siver Gaube in Heuweiler wird daran in abseh­barer Zeit auch ein Haus in Achkarren etwas ändern, das derzeit in der Ausfüh­rungs­pla­nung ist, und dem die Freude am Material und der Detail­lie­rung, die das Ensemble in Ebnet ausmacht, schon jetzt anzusehen ist.

www​.justies​ruenzi​.com

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Christoph Justies und Nic Rünzi:
6. März 2019, 19.00 Uhr
Werk­schau­pro­jek­tion:
7. März bis 7. Mai 2019

www​.neuimclub​.de
www​.daz​.de

Medi­en­partner: www​.marlowes​.de

neu im club wird unter­stützt von
dormakaba, Erfurt und Heinze sowie
den BDA-Partnern.

Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Grundriss 1. OG Mehr­fa­mi­li­en­haus, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Wohn­häuser Ebnet, Freiburg 2015 – 2017, Fotos: Yohan Zerdoun / 
Jessica Alice Hath
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Doppel­kin­der­garten Rüti, Wett­be­werb, Schweiz 2016, Abb.: JRA
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA mit Miriam Vogel Innen­ar­chi­tektur, Umbau Project Office E+H PCPS AG, Reinach, Schweiz 2018 – 2019, Abb.: ARGE MVI / JRA
Justies / Rünzi Archi­tekten BDA, Betreu­ungs­ge­bäude Aemtler, Wett­be­werb, Zürich, Schweiz 2013, Abb.: JRA