Erhard An-He Kinzel­bach, Architekt BDA, KNOWSPACE, Berlin

Erhard An-He Kinzel­bach im Gespräch mit David Kasparek

David Kasparek: Herr Kinzel­bach, welche Personen haben Sie geprägt und Ihre Arbeit als Architekt beein­flusst?
Erhard An-He Kinzel­bach:
Da gibt es einige, die mich beein­flusst haben. Thomas Sieverts, Dietmar Eberle und Alejandro Zaera-Polo waren für mich im Studium wichtig, auch Farshid Moussavi in der Zeit, als ich selbst in der Lehre aktiv wurde. Und natürlich, wenn auch weniger direkt, Rem Koolhaas, in dessen Büro ich gear­beitet habe. Zuletzt Wang Shu, der mich als Professor an seine Archi­tek­tur­schule nach China geholt und dort sehr gefördert hat.

Sind die Einflüsse von Thomas Sieverts und Wang Shu unter­schied­liche Pole oder zwei Seiten einer Medaille?
Beide sind sehr unter­schied­lich, aber dennoch gibt es viele Elemente, die sie in meinen Augen verbindet. Allein der Aspekt der Durch­drin­gung und Inter­de­pen­denz von Stadt und Land­schaft findet sich bei beiden wieder. Bei Sieverts sieht man das in seiner Betrach­tung der ‚Zwischen­stadt’. Die Frage, inwiefern Stadt und Land­schaft, Innen und Außen eins sind und in einem konti­nu­ier­li­chen Zusam­men­hang stehen, spielt auch in Wang Shus Archi­tektur eine große Rolle.

Sie sind sowohl in China als auch in Deutsch­land aufge­wachsen, haben in Darmstadt und Zürich studiert und sind dann in die USA und später nach Öster­reich gegangen. Hatten Sie das Gefühl, mehr sehen zu müssen?
Meine Ausbil­dung in Darmstadt und an der ETH war sehr technisch. Ich wollte mich mehr mit Archi­tek­tur­theorie beschäf­tigen, deswegen der Schritt an die Columbia Univer­sity. Das Master­stu­dium dort war stark von Theorie geprägt, neuen Tech­no­lo­gien und Form­fin­dungen, das hat mich inter­es­siert. Nach Öster­reich bin ich zum Unter­richten gegangen, an die Akademie der bildenden Künste in Wien.

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensionisten- und Pflegeheim, Hainburg, Österreich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzel­bach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensio­nisten- und Pfle­ge­heim, Hainburg, Öster­reich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott

In Öster­reich findet sich dann auch ein inter­es­santer Bau von Ihnen: das Landes­pen­sio­nis­ten­heim in Hainburg ist ein in einem Park gelegener langer Baukörper, dessen vielfach gefaltete Fassade auf mehreren Ebenen wirksam  scheint.
Das ist ein Anbau an ein Pfle­ge­heim – letztlich eine Anein­an­der­rei­hung von 50 Einzel­zim­mern, ein Gemein­schafts­pro­jekt mit Christian Kronaus. Wir haben uns gefragt, ob 50 iden­ti­sche und durch­re­gle­men­tierte Zimmer in der Summe wohl gute Archi­tektur ergeben können. Es ging uns dabei von Anfang an um die Spannung zwischen Repe­ti­tion und Diffe­ren­zie­rung.  Dazu kam der Kontext des großen Parks hinter dem Bestandsbau, in dem wir möglichst viele Bäume erhalten wollten, was nur einen langen Riegel als Baukörper zuließ. Durch die zweifache Faltung der Fassade versuchten wir, die Linea­rität des Baukör­pers zu brechen und gleich­zeitig jedes Zimmer an der Fassade ablesbar zu machen. Zudem vermit­telt der Farb­ver­lauf der Fassaden-Schin­de­lung zwischen den Farben des Bestands und dem Grundton des Parks.

Dieser Schachzug führt einer­seits zu einer Verzah­nung des Gebäudes mit dem Ort, lässt ihn aber deutlich als etwas Neues erscheinen. Was ist Ihnen heute wichtiger, die Inte­gra­tion des Baus in den Bestand oder das bewusste Abgrenzen von der vorge­fun­denen Situation?
Das hängt ganz sicher zunächst einmal von der Bauauf­gabe ab. Bei diesem Projekt – wie auch beim Gericht in St. Pölten – war die Aufgabe, funk­tional an einen bestehenden Bau anzu­knüpfen. Das bringt andere Notwen­dig­keiten mit sich, als wenn es ‚nur’ um eine Baulü­cken­schlie­ßung geht.

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach, Gerichtsgebäude, St. Pölten, Österreich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzel­bach, Gerichts­ge­bäude, St. Pölten, Öster­reich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott

Wie sieht Ihre Methode bei einem solchen Weiter­bauen aus?
Zwei aus der Genetik entlehnte Begriffe umschreiben es ganz gut: zunächst gibt es einen ‚Genotyp’, der unab­hängig ist von einem Kontext und erst dann kommt der ‚Phänotyp’, der konkret von der Umgebung beein­flusst wird. Mit dieser Methodik versuche ich etwas Proto­ty­pi­sches zu schaffen, das ortun­ab­hängig aber nicht regellos ist, sondern typo­lo­gi­schen Kriterien folgt und schließ­lich in einen Lebens­raum gesetzt wird, der das Projekt rück­kop­pelnd auch noch einmal wesent­lich verändert.

Können Sie sich Situa­tionen vorstellen, in denen der Kontext eine strikte Unter­ord­nung verlangt oder eben erfordert, sich ihm mit dem Projekt und einer starken Geste entge­gen­zu­stellen?
Beides ist mit Sicher­heit möglich. Diese Spannung war auch bei den Projekten in St. Pölten und Hainburg ein wichtiges Thema: eigen­ständig sein auf der einen Seite – und gleich­zeitig den histo­ri­schen Bauten nicht die Show stehlen, was in sich ein Wider­spruch sein kann.

Wie sind Sie mit diesem Wider­spruch umge­gangen?
In St. Pölten haben wir versucht, es glei­cher­maßen über die Mate­ria­lität und die Glie­de­rung der Kubatur zu lösen.  Das Fassa­den­ma­te­rial ist ein sehr modernes, passt sich in seiner Färbung aber subtil dem Altbau an. Die Glie­de­rung der Kubatur in zwei Körper sorgt für eine direkte funk­tio­nale Anbindung, schafft aber auch eine deutliche trennende Glasfuge zum Altbau hin.

Beide Projekte haben Sie gemeinsam mit Christian Kronaus geplant und umgesetzt. Beim Entwurf für den Multi­media-Pavillon im Jinhua Archi­tec­ture Park haben Sie mit Ai Weiwei zusam­men­ge­ar­beitet. Bei Projekten in China, Öster­reich und Deutsch­land und dem Studio zeitweise in New York, Wien, Hangzhou und nun in Berlin stellt sich die Frage, inwiefern Archi­tektur für Sie das dauer­hafte Pflegen eines Netzwerks und das Arbeiten in tempo­rären unter­schied­li­chen Koope­ra­tionen ist?
Christian Kronaus habe ich in Wien kennen­ge­lernt, Ai Weiwei kennt mich von Kindes­beinen an. In der Tat habe ich immer, egal an welchem Ort, mit lokalen Akteuren zusam­men­ge­ar­beitet. Das ist aber kein program­ma­ti­sches Netzwerk, wie andere das betreiben und sich auch darüber defi­nieren. Dennoch sind das keine Fäden, die nach Voll­endung eines Projektes abge­schnitten werden – mit Christian Kronaus habe ich gerade erst wieder gemeinsam an einem Wett­be­werb teil­ge­nommen.

Ihre Projekte und Partner lassen auf eine Art Rück­be­sin­nung auf das jeweils Lokale schließen. Ist das eine Gegen­be­we­gung zum Archi­tek­tur­ex­port der Stars, oder eine eher lineare Weiter­ent­wick­lung?
Natürlich gibt es die Großen nach wie vor, aber ich denke, das Modell des Star­ar­chi­tekten hat keine Zukunft.  Allein die Art und Weise wie Projekte heute entstehen, mit dem Archi­tekten als Moderator von komplexen Prozessen mit vielen, auch lokalen Akteuren, zeigt das. Lokale Mate­ria­lität zum Beispiel ist fast schon eine Mode geworden. Dennoch ist es gut, dass es diese Bewegung gibt. Die Notwen­dig­keit der Nach­hal­tig­keit ist ein weiterer Aspekt, der zu einer solchen lokal geprägten Archi­tektur führt. Ich gehe an meine Projekte expe­ri­men­tell heran  – die Einbin­dung von und Rück­kop­pe­lung mit lokalen Elementen, auch dem gebauten Kontext, ist dabei vorwärts­ge­wandt und keine Rück­be­sin­nung.

Ist die Neuent­de­ckung des Lokalen eine Reaktion auf die Globa­li­sie­rung?
Ja. Natürlich führt die Globa­li­sie­rung und die mit ihr einher­ge­hende Tendenz der kultu­rellen Verein­heit­li­chung manchmal auch zu einer neuen Blüte regio­naler Iden­ti­täten und Kulturen. Leider geht es nur selten über das Folk­lo­ris­ti­sche hinaus. Dazu kommt für mich, dass das Bauen an sich doch etwas sehr Lokales ist. Vor Ort auf der Baustelle wird immer lokal entschieden. Und zwar so, dass es manchmal schon schwierig sein kann beispiels­weise von Deutsch­land aus in Öster­reich zu bauen – da muss man gar nicht nach China gehen.

KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Songzhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE
KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Song­zhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE

Während man bei den noch im Bau befind­li­chen Projekten im CHEGS Campus im chine­si­schen Baoding eine Formen­sprache erkennt, die bereits in anderen Projekten Ihres Büros aufscheint, ist das bei den Studio Houses in Song­zhuang anders. Was ist der Grund?
Ich würde nicht von Formen­sprache reden, mir geht es in meiner Arbeit eher um die Entwurfs­me­thodik, und da sind die Studio Houses keine Ausnahme. Ich nehme an, Sie spielen auf die Mate­ria­lität an: Es ist der einzige Ziegelbau, den ich bisher reali­siert habe. Ich weiß nicht, ob ich von mir aus einen Ziegelbau entworfen hätte, wenn es nicht durch die Vorschriften im Dorf vorge­geben worden wäre. Das tradi­tio­nelle nord­chi­ne­si­sche Dorf besteht aus Hofhäu­sern mit roten oder auch grauen Ziegeln. Zwar ist es in China so, dass das Baurecht immer weicher wird, je weiter man sich aus den großen Zentren entfernt, doch in diesem Künst­ler­dorf war es eine strikte Auflage, mit roten Ziegeln zu bauen.

Wie kam der Kontakt zu dem Künstler zustande?
Wir lernten uns während des Projekts zum Jinhua Archi­tec­ture Park kennen. Das war ein koope­ra­tives Projekt, bei dem Ai Weiwei 17 Archi­tekten und Künstler aus aller Welt einge­laden hat, jeweils einen Pavillon für den Park zu gestalten. Wang Xingwei – der Künstler, für den ich später die Atelier­häuser bauen durfte – hat dort die öffent­li­chen Toiletten konzi­piert (lacht).

Ihr Pavillon im Jinhua Archi­tec­ture Park wiederum wirkt modular konzi­piert.
Ja, war er auch. Entworfen wurde er als Abfolge von Fertig­teilen – im Prinzip einer west­li­chen ökono­mi­schen Logik folgend. In China war dann aber die ratio­nalste und kosten­güns­tigste Variante, den geome­trisch komplexen Bau am Stück zu schalen. Die Zimmerer dort sind sehr gut, der Arbeits­lohn ist niedrig und es war der bessere Weg, um das archi­tek­to­ni­sche Ziel zu erreichen. So wurde in diesem Kontext der Begriff ‚Kosten­ef­fi­zienz’ ganz anders besetzt als hier. Das Projekt ist also auch ein Beispiel für die kontex­tu­elle Rück­kopp­lung vor Ort, die das Projekt in gewisser Weise verändert, ohne dem Projekt aber zu schaden.

Im Jinhua Archi­tec­ture Park gab es keinen gebauten Kontext als Maßgabe. Wodurch ergab sich die von Ihnen genannte ‚komplexe’ Geometrie des Pavillons?
Ich würde von einem gebauten Diagramm sprechen. Nämlich insofern, als dass sich die Geometrie des Pavillons durch das Verschneiden zweier Projek­ti­ons­trichter ergab. Das Raum­pro­gramm des Multi­me­dia­pa­vil­lons inter­pre­tierte ich ganz wörtlich und machte daraus eine ‚Film-Vorführbox’.  Um die Koexis­tenz des Innen­raums und des Open-Air-Kinos baulich zum Ausdruck zu bringen, besann ich mich auf die beiden Projek­ti­ons­trichter. Im Grunde genommen ist die Ausgangs­geo­me­trie eine einfache Röhre, die vom virtu­ellen Raum eines äußeren und eines inneren Projek­ti­ons­trich­ters verformt wird. Die Nutzung findet also eine direkte physische Entspre­chung im Gebäude.

In Baoding hatten Sie die Chance, gleich mehrere Bauten auf engstem Raum zu entwi­ckeln, die derzeit teilweise noch im Bau sind. Wie kam es dazu?
Eigent­lich sollte ich nur ein Projekt umsetzen. Es gab dort eine alte Lager­halle aus den 1970er Jahren, die zu einem Frei­zeit­raum für die Mitar­beiter umgebaut werden sollte. Nach dem damaligen Planungs­stand durfte dieses Haus aber nicht abge­rissen werden, und so konzi­pierten wir eine Umnutzung. Dann kam die Frage auf, ob nicht das Haupt­ge­bäude um einen zehn­ge­schos­sigen Laborturm erweitert werden sollte, und so habe ich dafür eine Idee entwi­ckelt. Schließ­lich sollte das Torhaus moder­ni­siert werden, kein Neubau zwar, aber eine neue Fassade. In der Zwischen­zeit durfte die alte Lager­halle doch abge­rissen werden, und es wurde eine Kantine benötigt. Die inzwi­schen bis zur Ausfüh­rungs­pla­nung fort­ge­schrit­tene Planung war hinfällig, und die Kantine ist ein ganz neues Projekt geworden. Solche Prozesse sind in China nicht unge­wöhn­lich.

KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.
KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.

Die Kantine wird geprägt von einer massiven Natur­stein­fas­sade, die sich wie eine zweite Haut um das Gebäude zieht und sich partiell immer wieder auflo­ckert und verdichtet.
Im Inneren verbirgt sich auf zwei Etagen jeweils ein konti­nu­ier­li­cher großer Raum. Die Auflo­cke­rung der stei­nernen Fassade ergibt sich durch die dahin­ter­lie­genden raumhohen Glas­fenster, dazu kommen pro Etage je zwei große Öffnungen, die nicht von den Steinen verdeckt werden. Im Baoding wird es im Sommer mitunter sehr heiß, so dass die Verschat­tung durch die Stein­fas­sade einen sehr konkreten Zweck erfüllt. Die Form orien­tiert sich in meinen Entwürfen immer an der perfor­mance

Sie haben als Kind zwei Jahre in China gelebt und bis vor kurzem an der China Academy of Art unter­richtet. Für die einen ist es das gelobte Land, in dem man  groß­maß­stäb­lich arbeiten und ganze Städte entwi­ckeln kann, für andere scheint es proble­ma­tisch: ange­fangen vom Entzug der Ausfüh­rungs­pla­nung über den vermeint­li­chen Diebstahl geistigen Eigentums bis hin zu Fragen nach der poli­ti­schen Verant­wor­tung des Archi­tekten. Sie haben vor allem kleinere Projekte in China reali­siert. Wie verhält es sich da?
Ich möchte klar unter­scheiden zwischen Groß­pro­jekten und den kleinen, für chine­si­sche Verhält­nisse winzigen Projekten, die ich dort gemacht habe. Grund­sätz­lich bleibt es ambi­va­lent: Es ist aufregend, was sich in China alles verändert – auch gesell­schaft­lich – und die Bautä­tig­keit geht damit einher. Es gibt große Chancen, gleich­zeitig geht vieles in die falsche Richtung. Im Städtebau zum Beispiel wird zuviel ‚top down’ geplant. Das folgt der klassisch modernen Utopie, aber so kann auf urbaner Ebene nicht viel Qualität im mensch­li­chen Maßstab entstehen. Was aber das Bauen von Einzel­pro­jekten betrifft, so gibt es aber auch inter­es­sante Aspekte. Dass es beispiels­weise Entwurfs­ar­chi­tekten und Ausfüh­rungs­ar­chi­tekten gibt, ist nicht unbedingt schlecht. Die Abläufe sind oft auch anders als in Europa; manche mag das frus­trieren, ich finde es spannend, da es eine Anpassung erfordert. Wir sind zum Beispiel bei den chine­si­schen Projekten dazu über­ge­gangen, sie ohne Details zu entwi­ckeln. Oder aber mit so einfachen Details, dass sie extrem fehler­re­sis­tent sind. Viel­leicht könnte dies auch für andere Kontexte eine funk­tio­nie­rende Arbeits­weise sein. Gute Archi­tektur mit Details, die im Grunde jeder reali­sieren kann – auch schlecht oder nicht ausge­bil­dete Bauar­beiter wie etwa die Bauern in Song­zhuang – das ist an sich schon ein Wert.

Das erinnert an die Haltung einiger angel­säch­si­scher oder nieder­län­di­scher Büros, die viele Detail­fragen – für deutsche Archi­tekten ungewohnt – offen lassen, im Vertrauen darauf, dass sie auf der Baustelle schon noch schlüssig beant­wortet würden. Ist das ein Ansatz, den Sie aus Ihrer Mitarbeit bei OMA mitge­bracht haben?
Viel­leicht kommt das unbewusst von dort, ja (lacht). Auf jeden Fall habe ich die diagram­ma­ti­sche Arbeits­weise von OMA in mein Denken über­nommen. Das beinhaltet auch, ein Diagramm bis zum Ende durch­zu­halten. Ob das Detail des Fens­ter­an­schlusses nun aber so oder anders aussieht, gefährdet ein starkes Diagramm an sich nicht.

In den letzten Wochen war China wieder mit negativen Schlag­zeilen in den euro­päi­schen Medien präsent, die über das akute Smog-Problem chine­si­scher Städte berich­teten…
Ich bin weder ein ‚China Basher’ noch ein ‚Panda Hugger’. Es gibt ohne Zweifel sehr viele Miss­stände, dennoch bin ich relativ wohl­wol­lend. Eines der Haupt­ar­gu­mente ist ja immer, dass man einen solch immensen Wandel in so kurzer Zeit gar nicht anders durch­führen könne, als mit Verlusten. Welche Verluste akzep­tabel sind, darüber muss kritisch disku­tiert werden. Auch in China gibt es Kritiker, Wang Shu ist einer von ihnen. Er sieht die Stadt­ent­wick­lung sehr kritisch und prangert an, dass die tradi­tio­nelle Baukultur unwie­der­bring­lich verloren geht. Wenn man das vergleicht mit den Dingen, die in der Stadt­ent­wick­lung in Europa in der Vergan­gen­heit passiert sind, so müssen die Menschen in China viel­leicht gewisse Erfah­rungen einfach selbst machen.

KNOWSPACE, Multimedia-Pavillon, Jinhua Architecture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE
KNOWSPACE, Multi­media-Pavillon, Jinhua Archi­tec­ture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE

Sie haben den Vergleich zur euro­päi­schen Geschichte gezogen: Können Sie sich vorstellen, dass in China in ferner oder naher Zukunft Altstädte wieder aufgebaut werden, die momentan abge­rissen werden?
Das muss ich mir nicht vorstellen, das passiert bereits jetzt. Während an der einen Stelle die echte Altstadt abge­rissen wird, wird ein paar Meter weiter eine fake-Altstadt nach dem gleichen Muster neu gebaut. Das ist wirklich schi­zo­phren an der aktuellen Situation in China, in der eine neue und wohl­ha­bende Mittel­schicht beginnt, wenn auch oft nur ober­fläch­lich, sich auf die Tradition zu besinnen. Dadurch entsteht ein Markt für solche nach­ge­bauten Altstädte. Es wird also gleich­zeitig platt gemacht und neu – angeblich schöner – wieder aufgebaut. Diese Heran­ge­hens­weise gibt es bei sehr vielen Projekten in China. In der Regel wird auf einem Grund­stück alles, was am Ort spezi­fisch ist, einge­ebnet und dann fängt man von dieser tabula rasa aus an. Das betrifft nicht nur Gebautes, sondern auch kleine Hügel zum Beispiel, die ein Baugrund­stück in unseren Augen viel­leicht inter­es­sant machen würden.

Sollten sich euro­päi­sche Archi­tekten in China überhaupt enga­gieren?
Warum nicht? Die Frage ist natürlich, wie viel Einfluss euro­päi­sche Archi­tekten in China haben können. Wir wissen aus der Praxis in Europa, dass Archi­tekten gesell­schaft­lich immer weniger Einfluss haben. Warum sollte das ausge­rechnet in China anders sein? Dennoch können wir versuchen, Einfluss zu nehmen. Das gelingt jedoch nur, wenn wir uns dem Bauen in China gegenüber nicht grund­sätz­lich verschließen.

Die poli­ti­sche Dimension von Archi­tektur ist kompli­ziert – wie man unter anderem an der kontro­versen Debatte um die Olym­pia­bauten in Peking gesehen hat. Ich selbst würde keine Prunk­bauten für die Kommu­nis­ti­sche Partei planen. Gleich­zeitig ist es jedoch nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen in einem Land, in dem die Partei alle Ebenen der Gesell­schaft durch­zieht. Kaum ein Projekt wird ganz ohne Kontakt mit Partei­funk­tio­nären reali­siert, das ist für Archi­tekten aus dem Ausland nicht unbedingt immer ersicht­lich. Gleich­zeitig wäre es in meinen Augen jedoch töricht, wegen des poli­ti­schen Systems in China keine Gebäude mehr zu planen, die der Verbes­se­rung der gebauten Umwelt für die Bevöl­ke­rung dienen. Chine­si­sche Archi­tekten stellen die Grund­satz­frage über das Enga­ge­ment auslän­di­scher Archi­tekten inter­es­san­ter­weise nicht. Es wird aber nicht mehr immer alles auto­ma­tisch für gut befunden, nur weil es aus dem Ausland kommt. Als Architekt frage ich mich daher nicht, ob ich in China bauen sollte, sondern wie.

Erhard An-He Kinzel­bach spricht am 8. Mai ab 20 Uhr im Glashaus des DAZ mit Andreas Denk und David Kasparek über Einflüsse, Diagramme und das Arbeiten in China.

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neu im club wird unter­stützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unter­nehmen des DAZ-Freun­des­kreis.

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensionisten- und Pflegeheim, Hainburg, Österreich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzel­bach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensio­nisten- und Pfle­ge­heim, Hainburg, Öster­reich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach, Gerichtsgebäude, St. Pölten, Österreich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott
Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzel­bach, Gerichts­ge­bäude, St. Pölten, Öster­reich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott
KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Songzhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE
KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Song­zhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE
KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.
KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.
KNOWSPACE, Multimedia-Pavillon, Jinhua Architecture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE
KNOWSPACE, Multi­media-Pavillon, Jinhua Archi­tec­ture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE