Schule für alle

Marika Schmidt, Archi­tektin BDA, mrschmidt Archi­tekten, Berlin

Das Gespräch mit Marika Schmidt kehrt immer wieder zu ihrem Schwer­punkt Schulbau zurück. Auch an ihrem Bürositz Berlin ist das Thema in diesem Dezember 2020 gegen­wärtig: „Schon die Neue gesehen?“, fragt eine Image­kam­pagne für die Berliner Schul­bau­of­fen­sive auf großen Plakaten und zeigt erste gebaute Ergeb­nisse. Zügig gebaut, ökolo­gisch nach­haltig und pädago­gisch wertvoll sollten sie werden, hieß es zum Start 2017. Doch der pädago­gi­sche Anspruch sei schnell aus dem Fokus gerückt, sagt Marika Schmidt konster­niert. Statt der „Compart­ments“ genannten Cluster um ein offenes Forum (siehe der architekt 2/19) entstehen oftmals doch wieder alther­ge­brachte Mittel­flur-Schulen. Auch die Mitte 2020 ange­kün­digte Serie neuer Holz­mo­dul­schulen sieht Marika Schmidt skeptisch, das Bauen mit Holz reiche allein nicht aus: „Es geht ja nicht nur um das Wie, sondern zuerst um das Was. Es ist schade, dass viel Geld ausge­geben wird, um erst einmal Abhilfe für die nächsten 25 Jahre zu schaffen, statt die gesell­schaft­liche Zukunft mit den neuen Schul­ge­bäuden zu gestalten. Wir könnten als eines der wohl­ha­bendsten Länder der Welt viel mehr als das, was wir tun.“

mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts

Was sie damit meint, zeigt ihr Grund­schul-Neubau im meck­len­bur­gi­schen Dett­manns­dorf, für den sie 2019 vom BDA die Nike für soziales Enga­ge­ment erhielt. Hier lassen sich jeweils zwei Klas­sen­räume über Schie­be­wände mit einem gegen­über­lie­genden, zum Beispiel für Projekt­ar­beit oder als Hort nutzbaren Grup­pen­raum verbinden. Es gibt keinen Flur, statt­dessen bewegen sich die Schü­le­rinnen und Schüler in einer Enfilade durch die Grup­pen­räume. So wird die gesamte Fläche zum Lern- und Begeg­nungs­raum, beob­achtet Marika Schmidt: „Die Kinder bleiben hängen, sind neugierig, gucken rein und spielen mit den anderen. Das führt zu einem ganz anderen Sozi­al­ver­halten, als wenn sie einfach nur auf einem Flur anein­ander vorbei­ziehen würden.“ Aspekte des Gemein­schaft­li­chen im Schulbau hat sie bereits 2014 zusammen mit Rolf Schuster und Studie­renden der TU Braun­schweig im Buch „Schul­ge­sell­schaft. Vom Dazwi­schen zum Lernraum“ (jovis Verlag) anhand von 30 typo­lo­gisch rele­vanten Schul­bauten der vergan­genen 90 Jahre zeich­ne­risch unter­sucht.

mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts

Marika Schmidt ist selbst in der 1000-Seelen-Gemeinde Dett­manns­dorf aufge­wachsen, die sie Mitte der 1990er Jahre zum Studium an der TU Berlin verlassen hat, während zu Hause der Umbruch begann: „In den ersten Jahren nach der Wende ist baulich gar nichts passiert – und ab Mitte der Neunziger hat sich innerhalb kurzer Zeit sehr viel verändert. Als ich dann Archi­tektur studierte, habe ich einen anderen Blick auf die Dinge gelernt, mit denen ich aufge­wachsen bin, und Fragen gestellt.“ Diese mündeten 2004 in ihre Diplom­ar­beit, eine land­schafts­räum­liche Studie von Nordost-Meck­len­burg. Die Ober­schule in Dett­manns­dorf war nach der Wende zur staat­li­chen Haupt­schule geworden, die wiederum 2003 geschlossen wurde. Marika Schmidt erinnert sich: „Es war allen klar: Wenn es im Ort keine Schule mehr gibt, haben junge Familien keinen Grund mehr, hier zu wohnen, und das Dorf wird vergreisen.“ Das Ziel war also nichts weniger, als die Schule und damit das Dorf zu erhalten. Ein gemein­nüt­ziger Förder­verein mit christ­lich-huma­nis­ti­schem Bildungs­ver­ständnis gründete sich, um die Möglich­keiten zu eruieren, die der Schul­standort bot. Auch Marika Schmidt, damals noch Studentin, wurde zurate gezogen. 2005 wurde dann die Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf als Regio­nal­schule in freier Träger­schaft in den bestehenden Gebäuden eröffnet.

mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts

Marika Schmidt arbeitete zu dieser Zeit nach­ein­ander bei ROBERT­NEUN, David Chip­per­field und Kuehn Malvezzi in Berlin sowie bei Ryue Nishizawa in Japan, bevor sie sich 2010 mit ihrem Büro mrschmidt Archi­tekten im Alter von 34 Jahren parallel zur wissen­schaft­li­chen Mitarbeit an der TU Braun­schweig selb­ständig machte – mitten in der Dürre­pe­riode nach der Finanz­krise, als fast keine Wett­be­werbe ausge­schrieben wurden: „Es war eine schwie­rige Zeit für junge Archi­tekten. Mir war schon seit dem Studium bewusst: Wenn ich mal selber bauen möchte, dann geht es für mich eher über die Heimat.“

mrschmidt Architekten, Altersgerechtes Wohnhaus mit Atelier, Dettmannsdorf-Kölzow 2014–2017, Foto: mrschmidt
mrschmidt Archi­tekten, Alters­ge­rechtes Wohnhaus mit Atelier, Dett­manns­dorf-Kölzow 2014–2017, Foto: mrschmidt

Und so führten sie die ersten Aufträge zurück nach Dett­manns­dorf, unter anderem der Neubau eines alters­ge­rechten Wohn­hauses mit Atelier. Das flächige Wohnhaus ist in drei gestaf­felte Riegel mit entspre­chend gefal­teter Dach­kon­struk­tion geglie­dert. Der Grundriss setzt sich aus mehreren Räumen gleicher Maße zusammen, die sich um einen Innenhof reihen. Trotz der Lage im Grünen entwi­ckelte Marika Schmidt eine deutliche Trennung zwischen Innen und Außen. Über große Fenster in der Holz­fas­sade entstehen zwar durchaus Außen­be­züge, die Grenzen verschwimmen jedoch nicht – und auch der Innenhof ist mehr Wohnraum als Garten.

mrschmidt Architekten, Bühne der Evangelischen Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2011–2013, Foto: mrschmidt
mrschmidt Archi­tekten, Bühne der Evan­ge­li­schen Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2011–2013, Foto: mrschmidt

Zur Weiter­ent­wick­lung des Dett­manns­dorfer Schul­ge­ländes entwarfen mrschmidt Archi­tekten 2013 einen Pavillon aus Stahl und Holz, der als Bühne, Sommer­klas­sen­zimmer oder Pausendach viel­fältig nutzbar ist und den Schulhof neu ordnet. Dieser war zuvor zwischen den Zweck­bauten der 1950er bis 1970er Jahre unde­fi­niert geblieben. Der Kontext beschäf­tigte sie auch später beim Neubau der Grund­schule: „Es ist ein schwie­riger Bestand, weil es nichts gibt, woran man sich gerne anlehnt: keine etablierte Bautra­di­tion, keine tollen histo­ri­schen Motive, keine schönen Räume. Im Entwurfs­pro­zess war die Frage nach Gebäu­de­körper und Hülle eine der schwie­rigsten: Wie platziert man hier etwas, das das Umfeld besser macht, ohne es zu kompro­mit­tieren?“ Sie entschieden sich schließ­lich für ein Tragwerk aus Stahl­beton und Holz­fas­saden mit lasierten Fich­ten­holz­platten.

Inzwi­schen ist die Grund­schule nicht nur zum selbst­ver­ständ­li­chen Teil des Campus der Evan­ge­li­schen Schule Dett­manns­dorf, sondern zur sozialen Dorfmitte geworden. Denn nach Schul­schluss und an den Wochen­enden dient das Gebäude als variabler Treff­punkt für Gruppen und Vereine sowie in den Ferien als Jugend­wan­der­quar­tier. Möglich macht dies insbe­son­dere die offene Orga­ni­sa­tion von Cafeteria, Mehr­zweck­raum und Biblio­thek im Erdge­schoss, die bei Bedarf zu einer großen Veran­stal­tungs­fläche verbunden werden können. So ist das Gebäude meistens in Gebrauch und wird zum Begeg­nungsort – ein Ansinnen auch des Schul­för­der­ver­eins.

mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts

Marika Schmidt schaut begeis­tert nach Dänemark oder in die Nieder­lande, wo die Inte­gra­tion von Schulen ins soziale Leben schon viel weiter gediehen ist, indem zum Beispiel Arzt­praxen, Jobcenter oder Gebur­ten­sta­tionen mit Schulen kombi­niert werden: „Dort macht man es anders als in Berlin, wo man die Schulen gern auf große Brachen außerhalb von allem setzt. Man lässt dort die Schulen möglichst in den Zentren der Stadt­teile, Vororte, Klein­städte oder Dörfer – und baut räumliche Barrieren ab, da Schulen per se Räume wie zum Beispiel Veran­stal­tungs­flä­chen haben, die sich die Kommunen heute nicht mehr leisten können. Schulen sind neben Biblio­theken die letzten nicht-kommer­zi­ellen Orte unserer Gesell­schaft.“ In Dett­manns­dorf zeigt sich der Erfolg dieses umfas­senden Ansatzes an der wach­senden Bevöl­ke­rungs­zahl und der intakten Versor­gungs­lage. Und es geht weiter: Momentan bauen mrschmidt Archi­tekten hier eine Kita für 96 Kinder.

mrschmidt Architekten, Altersgerechtes Wohnhaus mit Atelier, Dettmannsdorf-Kölzow 2014–2017, Foto: Christoph Rokitta
mrschmidt Archi­tekten, Alters­ge­rechtes Wohnhaus mit Atelier, Dett­manns­dorf-Kölzow 2014–2017, Foto: Christoph Rokitta

Damit solche inte­grierten Bauauf­gaben kein Einzel­fall bleiben, gibt Marika Schmidt ihr Wissen in der Lehre weiter, zuletzt in Vertre­tung der Professur für Entwerfen und Grund­lagen des Entwer­fens an der Hoch­schule Bochum. Außerdem erar­beitet sie Mach­bar­keits­stu­dien, um Bauver­ant­wort­liche in der Projekt­ent­wick­lung für ein möglichst gutes gebautes Ergebnis zu unter­stützen. Ihr Wirken in Meck­len­burg hat längst auch über­re­gio­nale Aufmerk­sam­keit erregt und ihr Aufträge für Studien in Sachsen und Rheinland-Pfalz einge­bracht. Dabei schwingt viel baukul­tu­reller Idea­lismus mit: „Es lassen sich schon im Vorfeld Konflikte erkennen und Entwurfs­po­ten­tiale erörtern. Bauherren sollten um ihre Möglich­keiten zur program­ma­ti­schen Steuerung wissen.“ Für das Enga­ge­ment in der Planungs­vor­be­rei­tung möchte Marika Schmidt auch andere an inno­va­tiven archi­tek­to­ni­schen Lösungen inter­es­sierte Kolle­ginnen und Kollegen gewinnen, denn: „Ein Gebäude ist nur so gut, wie die Aufgabe, die gestellt wird.“
Maxi­mi­lian Liesner

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mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
mrschmidt Archi­tekten, Neubau Grund­schule, Evan­ge­li­sche Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
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mrschmidt Architekten, Altersgerechtes Wohnhaus mit Atelier, Dettmannsdorf-Kölzow 2014–2017, Foto: mrschmidt
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mrschmidt Archi­tekten, Bühne der Evan­ge­li­schen Schule Dett­manns­dorf, Dett­manns­dorf 2011–2013, Foto: mrschmidt
mrschmidt Architekten, Neubau Grundschule, Evangelische Schule Dettmannsdorf, Dettmannsdorf 2015–2017, Foto: Andrew Alberts
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mrschmidt Architekten, Altersgerechtes Wohnhaus mit Atelier, Dettmannsdorf-Kölzow 2014–2017, Foto: Christoph Rokitta
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