Je komplexer, desto besser

Kupke und Lambeck Archi­tekten BDA, Berlin

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Foto: Simon Menges

Das erste Projekt, das Thomas Kupke und Paul Lambeck gemeinsam reali­sierten, war der Umbau der Aumühle in Oberursel. Die 1649 erstmals erwähnte Mahlmühle erlebte unter­schied­lichste Nutzungen, zuletzt diente sie – bis das Unter­nehmen 2017 ins Gewer­be­ge­biet umzog – zur ther­mo­plas­ti­schen Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung, was inmitten der grün­der­zeit­li­chen Villen­be­bauung etwas deplat­ziert gewirkt haben mag. Die Aufgabe von Kupke und Lambeck war es, in diesen Räum­lich­keiten, dem histo­ri­schen Mühl­ge­bäude sowie Gewer­be­hallen und einem Bürobau aus den 1950er- und 60er-Jahren, familien- und alters­ge­rechte Wohnungen unter­zu­bringen. Sieben typo­lo­gisch verschie­dene Bauab­schnitte, von denen zwei abge­bro­chen wurden, Neubau, Umbau, Schad­stoff­sa­nie­rung – ein ziemlich anspruchs­volles Projekt für den Einstieg. Paul Lambeck sagt, es sei eigent­lich die falsche Reihen­folge gewesen: „Zuerst das große, komplexe, kaum greifbare Projekt; später dann kamen Anfragen nach einer Einbau­küche oder einem neuen Bad, die viel eher geeignet gewesen wären, sich erst einmal einzu­finden.“

Thomas Kupke studierte in Karlsruhe und arbeitete zunächst in London und danach sechs Jahre lang für David Chip­per­field Archi­tects in Berlin, wo er über­wie­gend Wohnungs­neubau verant­wor­tete. Als ihn über Ecken die Anfrage für das Projekt erreichte, war er noch nicht ganz ein Jahr selbst­ständig tätig und lehrte zur Quer­fi­nan­zie­rung in Karlsruhe. Da sein damaliger Büro­partner Stadt­planer war, suchte er Unter­stüt­zung mit Erfahrung im Altbau – und fand Paul Lambeck. Lambeck hatte in Berlin studiert und bei Jo Coenen archi­tects & urbanists gear­beitet. Der Pendelei zwischen Luxemburg, Amsterdam, Hamburg und Berlin über­drüssig, wechselte er anschlie­ßend nach Berlin, wo er für brandt + simon archi­tekten und später Lehrecke Witschurke Archi­tekten tätig war, bevor er Thomas Kupke kennen­lernte und bei der Aumühle mit einstieg.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Parkett aus Stufen der früher dort vorhan­denen Wendel­treppe, Foto: T. Kupke / KuLA

Die Gründung ihres Büros erfolgte dann mit dem nächsten Projekt, mit dem sie nach wie vor eng verbunden sind: Im Erdge­schoss des fünf­stö­ckigen Wohn- und Geschäfts­hauses in Berlin Neukölln, das sie 2018 bis 2022 umbauten und sanierten, befindet sich heute ihre Nieder­las­sung. Ein großer Teil des Dach­stuhls des denk­mal­ge­schützten Grün­der­zeit­baus war von Pilzen befallen und beschä­digt, die Stahl­träger der Balkone waren korro­diert, die Keller­decke baufällig. Während alle im Coro­na­lock­down saßen, haben sie an den Verstre­bungen getüftelt, die erhal­tenen Stuck­ele­mente abgeformt und nach Möglich­keiten gesucht, beim Abbrechen der Keller­decke den alten Terrazzo­boden darüber zu erhalten. Die Balkone konnten sie in Zusam­men­ar­beit mit einem Statiker und enga­gierten Hand­wer­kern wieder mit der gemau­erten Brüstung anbauen, innen sanierte ein Tischler die Türen.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Foto: Simon Menges

Diese Detail­ver­liebt­heit zeichnet all ihre Projekte aus: Sei es, dass sie eine Wendel­treppe zum Parkett umar­beiten, wie bei der Ober­ur­seler Aumühle. Oder die Eigen­an­fer­ti­gung des gesamten Inte­ri­eurs, wenn sich keine passende Fertig­teil­lö­sung findet, wie bei einem Büro­ausbau für einen Risi­ko­ka­pi­tal­in­vestor in Berlin Mitte: In Zusam­men­ar­beit unter anderem mit Mitar­bei­tenden einer Thea­ter­werk­statt wurden Ausstat­tungs­stücke von den Badac­ces­soires über höhen­ver­stell­bare Tische bis hin zu einer Wendel­treppe selbst entworfen und gefertigt.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Wohn- und Geschäfts­haus, Berlin-Neukölln 2022, Foto: Thomas Kupke / KuLA

Detail­ver­liebt ist aber nicht nur der Ferti­gungs­pro­zess, sondern auch die Vorbe­rei­tung: Akribisch arbeiten sie sämtliche Unter­lagen durch, um „die Geschichten, die hinter einem solchen Gebäude stecken, zu erkunden und wirklich zu verstehen“, wie Thomas Kupke sagt. Wie wurde etwas errichtet, was war wo wie genau ange­bracht, was wurde später umge­ar­beitet, wo liegen mögliche Tücken des Baus? Sie versuchen, dieses Vorgehen zu syste­ma­ti­sieren, kritische Punkte und Fall­stricke zu sammeln und in Kontroll­in­stru­mente zu über­setzen. Die Check­listen und orga­ni­sierten Arbeits­ab­läufe sollen es auch für jüngere Mitar­bei­tende einfacher machen, die bisher noch nie im Bestand gear­beitet haben. Beinahe sei ihnen einmal ein Grund­buch­ein­trag durch­ge­rutscht, in dem verfügt war, dass der Hinterhof eines Hauses frei­zu­halten sei – fast hätten sie dort einen Fahrstuhl gebaut. Das Auffinden und die Sichtung aller verfüg­baren Dokumente sei auch deswegen so wichtig, weil es einen stra­te­gi­schen Vorteil bringe, ergänzt Paul Lambeck: „Je mehr man über das Gebäude weiß, desto eher kann man die Denk­mal­pflege auf seine Seite bringen.“

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Wohn- und Geschäfts­haus, Berlin-Neukölln 2022, restau­rierte Tür, Foto: Thomas Kupke / KuLA

In der Regel arbeiten sie zusammen an den Projekten, wobei Thomas Kupke mit seiner Vorliebe für die profunde Erfor­schung der Bausub­stanz in der Regel die ersten Leis­tungs­phasen übernimmt, und Paul Lambeck bei der Entwurfs­pla­nung mit einsteigt. Vor allem die Objekt­über­wa­chung und ‑betreuung obliegt schließ­lich ganz ihm, während Kupke schon das nächste Projekt vorbe­reitet.

Einen Wachs­tums­schub erhielt ihr Büro mit dem Auftrag, mehrere Kinder­ta­ges­stätten und Kita­kü­chen der 1950er- bis 1970er-Jahre eines evan­ge­li­schen Kita-Verbands zu sanieren und umzubauen. Derzeit haben sie sechs fest­an­ge­stellte Mitar­bei­tende, die sie unter­stützen und es ihnen ermög­li­chen, sich kompli­zierten Bauauf­gaben zu widmen – ihre bevor­zugte Tätigkeit. „Je komplexer, desto besser. Je schwie­riger ein Projekt ist, je mehr Aspekte es hat, desto mehr Spaß macht es uns“, so Thomas Kupke.

Diese Freude, sich wirklich tief in alle Aspekte eines Bestands einzu­denken, wurde durch den Gewinn eines offenen Wett­be­werbs belohnt, dessen erster Bauab­schnitt mitt­ler­weile fertig gestellt ist. Im Stadtkern von Gengen­bach, einer im Schwarz­wald gelegenen Stadt, sollen zwei denk­mal­ge­schützte Gebäude zu einem Verwal­tungs­standort zusam­men­ge­legt und barrie­re­frei zugäng­lich werden: das alte Rathaus und der rück­wärtig benach­barte Klos­ter­spei­cher, in dem das Bauamt unter­ge­bracht ist. Die verschie­denen Höhen­ni­veaus beider Häuser stellte eine Schwie­rig­keit dar, die die anderen Entwürfe dadurch zu lösen versuchten, dass sie als Scharnier einen Trep­pen­turm in den Zwischen­raum setzten – direkt neben das histo­ri­sche Trep­pen­haus des Rathauses. Kupke und Lambeck waren die einzigen, die die histo­ri­sche Treppe erwei­terten und über ihre Zwischen­level die Anbindung des Nach­bar­ge­bäudes ermög­lichten. Der Aufzug konnte so in eine zentra­lere Lage im Rathaus einge­setzt werden. Die groß­zü­gigen Räume im zwischen­ge­schal­teten Neubau nutzten sie statt­dessen für das Foyer des Ratssaals, eine Cafeteria und klima­ti­sierte Bespre­chungs­räume mit Medi­en­technik und moderner Ausstat­tung, die im Bestand weitaus schwie­riger zu reali­sieren gewesen wären.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Rathaus Gengen­bach, Ratsaal im Dach­ge­schoss des Klos­ter­spei­chers von 1680, Visua­li­sie­rung: Zograph / KuLA

Die Arbeit im Bestand setze zwar Schranken, aber das sei auch befreiend, findet Paul Lambeck. Lieber tüfteln sie am Umgang mit Vorhan­denem, verbes­sern und ertüch­tigen es für aktuelle Nutzungen, als etwas neu zu erfinden. Das verhin­dere auch, dass sich Routine und Lange­weile einstellt, auch bei ähnlichen Bauauf­gaben. Während sie die meisten Typo­lo­gien bisher stets nur einmal bear­bei­teten – „Wieder­ho­lungs­rate von eins!“, so Paul Lambeck –, gibt es ein wieder­keh­rendes Motiv: Beinahe jedes Jahr bauen sie ein kleines Häuschen aus dem erwei­terten Bekann­ten­kreis um, sei es eine Villa oder ein Reihen­haus, derzeit eines in der ab 1911 entstan­denen Flie­ger­sied­lung in Berlin Tempelhof. Das Inter­es­sante dabei sei, dass sie nie in die Versu­chung kämen, das gleiche Bad nochmal zu bauen, weil die Leitungen, die Rohre, die tragenden Wände jedes Mal wo anders lägen.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Rathaus Gengen­bach, Schnitt durch Aufzug und neue Split­le­vel­ge­schosse – der Einbau ersparte den Neubau eines Trep­pen­kerns

Es gäbe so viel zu lernen, bezüglich histo­ri­scher Ferti­gungs­tech­niken und Bauweisen, aber auch bezüglich des Materials: „Wenn wir uns irgendwo mit Schutz­an­zügen und Masken bewegen müssen, dann immer in Räumen mit jüngerer (Um-)Baugeschichte. Es sind vor allem die Baustoffe des 20. Jahr­hun­derts, die gefähr­lich und giftig sind. Sobald wir in die tieferen Schichten vordringen, finden wir Lehm, Stroh, Hanf und Holz – eben natür­liche Mate­ria­lien.“ Durch ihren Arbeits­alltag wohl­wis­send, dass Baumüll ein Problem darstellt, denken sie even­tu­elle Entsor­gungen bei ihren Projekten immer mit.

Kupke und Lambeck Archi­tekten, Villa in Berlin-Zehlen­dorf, 2024, Eingangs­halle, Foto: Tor Harrison

Schließ­lich erklärt Lambeck seine Begeis­te­rung für den Bestand durchaus auch ein bisschen mit einer Trotz­re­ak­tion: „Als ich studierte, war das Bauen im Bestand noch das Schmud­del­kind der Archi­tektur. Uns wurde immer gesagt, wir würden künftig sowieso ‚nur noch‘ im Bestand bauen können, als sei das was Schlechtes.“ Das Bild vom vermeint­lich notwen­digen Übel hat sich grund­le­gend gewandelt. Nicht, dass die Arbeit von Thomas Kupke und Paul Lambeck dieser Bestä­ti­gung bedurft hätte.

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Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Foto: Simon Menges
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Parkett aus Stufen der früher dort vorhan­denen Wendel­treppe, Foto: T. Kupke / KuLA
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Aumühle, Oberursel 2020, Foto: Simon Menges
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Wohn- und Geschäfts­haus, Berlin-Neukölln 2022, Foto: Thomas Kupke / KuLA
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Wohn- und Geschäfts­haus, Berlin-Neukölln 2022, restau­rierte Tür, Foto: Thomas Kupke / KuLA
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Rathaus Gengen­bach, Ratsaal im Dach­ge­schoss des Klos­ter­spei­chers von 1680, Visua­li­sie­rung: Zograph / KuLA
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Rathaus Gengen­bach, Schnitt durch Aufzug und neue Split­le­vel­ge­schosse – der Einbau ersparte den Neubau eines Trep­pen­kerns
Kupke und Lambeck Archi­tekten, Villa in Berlin-Zehlen­dorf, 2024, Eingangs­halle, Foto: Tor Harrison