Je komplexer, desto besser
Kupke und Lambeck Architekten BDA, Berlin

Das erste Projekt, das Thomas Kupke und Paul Lambeck gemeinsam realisierten, war der Umbau der Aumühle in Oberursel. Die 1649 erstmals erwähnte Mahlmühle erlebte unterschiedlichste Nutzungen, zuletzt diente sie – bis das Unternehmen 2017 ins Gewerbegebiet umzog – zur thermoplastischen Kunststoffverarbeitung, was inmitten der gründerzeitlichen Villenbebauung etwas deplatziert gewirkt haben mag. Die Aufgabe von Kupke und Lambeck war es, in diesen Räumlichkeiten, dem historischen Mühlgebäude sowie Gewerbehallen und einem Bürobau aus den 1950er- und 60er-Jahren, familien- und altersgerechte Wohnungen unterzubringen. Sieben typologisch verschiedene Bauabschnitte, von denen zwei abgebrochen wurden, Neubau, Umbau, Schadstoffsanierung – ein ziemlich anspruchsvolles Projekt für den Einstieg. Paul Lambeck sagt, es sei eigentlich die falsche Reihenfolge gewesen: „Zuerst das große, komplexe, kaum greifbare Projekt; später dann kamen Anfragen nach einer Einbauküche oder einem neuen Bad, die viel eher geeignet gewesen wären, sich erst einmal einzufinden.“
Thomas Kupke studierte in Karlsruhe und arbeitete zunächst in London und danach sechs Jahre lang für David Chipperfield Architects in Berlin, wo er überwiegend Wohnungsneubau verantwortete. Als ihn über Ecken die Anfrage für das Projekt erreichte, war er noch nicht ganz ein Jahr selbstständig tätig und lehrte zur Querfinanzierung in Karlsruhe. Da sein damaliger Büropartner Stadtplaner war, suchte er Unterstützung mit Erfahrung im Altbau – und fand Paul Lambeck. Lambeck hatte in Berlin studiert und bei Jo Coenen architects & urbanists gearbeitet. Der Pendelei zwischen Luxemburg, Amsterdam, Hamburg und Berlin überdrüssig, wechselte er anschließend nach Berlin, wo er für brandt + simon architekten und später Lehrecke Witschurke Architekten tätig war, bevor er Thomas Kupke kennenlernte und bei der Aumühle mit einstieg.

Die Gründung ihres Büros erfolgte dann mit dem nächsten Projekt, mit dem sie nach wie vor eng verbunden sind: Im Erdgeschoss des fünfstöckigen Wohn- und Geschäftshauses in Berlin Neukölln, das sie 2018 bis 2022 umbauten und sanierten, befindet sich heute ihre Niederlassung. Ein großer Teil des Dachstuhls des denkmalgeschützten Gründerzeitbaus war von Pilzen befallen und beschädigt, die Stahlträger der Balkone waren korrodiert, die Kellerdecke baufällig. Während alle im Coronalockdown saßen, haben sie an den Verstrebungen getüftelt, die erhaltenen Stuckelemente abgeformt und nach Möglichkeiten gesucht, beim Abbrechen der Kellerdecke den alten Terrazzoboden darüber zu erhalten. Die Balkone konnten sie in Zusammenarbeit mit einem Statiker und engagierten Handwerkern wieder mit der gemauerten Brüstung anbauen, innen sanierte ein Tischler die Türen.

Diese Detailverliebtheit zeichnet all ihre Projekte aus: Sei es, dass sie eine Wendeltreppe zum Parkett umarbeiten, wie bei der Oberurseler Aumühle. Oder die Eigenanfertigung des gesamten Interieurs, wenn sich keine passende Fertigteillösung findet, wie bei einem Büroausbau für einen Risikokapitalinvestor in Berlin Mitte: In Zusammenarbeit unter anderem mit Mitarbeitenden einer Theaterwerkstatt wurden Ausstattungsstücke von den Badaccessoires über höhenverstellbare Tische bis hin zu einer Wendeltreppe selbst entworfen und gefertigt.

Detailverliebt ist aber nicht nur der Fertigungsprozess, sondern auch die Vorbereitung: Akribisch arbeiten sie sämtliche Unterlagen durch, um „die Geschichten, die hinter einem solchen Gebäude stecken, zu erkunden und wirklich zu verstehen“, wie Thomas Kupke sagt. Wie wurde etwas errichtet, was war wo wie genau angebracht, was wurde später umgearbeitet, wo liegen mögliche Tücken des Baus? Sie versuchen, dieses Vorgehen zu systematisieren, kritische Punkte und Fallstricke zu sammeln und in Kontrollinstrumente zu übersetzen. Die Checklisten und organisierten Arbeitsabläufe sollen es auch für jüngere Mitarbeitende einfacher machen, die bisher noch nie im Bestand gearbeitet haben. Beinahe sei ihnen einmal ein Grundbucheintrag durchgerutscht, in dem verfügt war, dass der Hinterhof eines Hauses freizuhalten sei – fast hätten sie dort einen Fahrstuhl gebaut. Das Auffinden und die Sichtung aller verfügbaren Dokumente sei auch deswegen so wichtig, weil es einen strategischen Vorteil bringe, ergänzt Paul Lambeck: „Je mehr man über das Gebäude weiß, desto eher kann man die Denkmalpflege auf seine Seite bringen.“

In der Regel arbeiten sie zusammen an den Projekten, wobei Thomas Kupke mit seiner Vorliebe für die profunde Erforschung der Bausubstanz in der Regel die ersten Leistungsphasen übernimmt, und Paul Lambeck bei der Entwurfsplanung mit einsteigt. Vor allem die Objektüberwachung und ‑betreuung obliegt schließlich ganz ihm, während Kupke schon das nächste Projekt vorbereitet.
Einen Wachstumsschub erhielt ihr Büro mit dem Auftrag, mehrere Kindertagesstätten und Kitaküchen der 1950er- bis 1970er-Jahre eines evangelischen Kita-Verbands zu sanieren und umzubauen. Derzeit haben sie sechs festangestellte Mitarbeitende, die sie unterstützen und es ihnen ermöglichen, sich komplizierten Bauaufgaben zu widmen – ihre bevorzugte Tätigkeit. „Je komplexer, desto besser. Je schwieriger ein Projekt ist, je mehr Aspekte es hat, desto mehr Spaß macht es uns“, so Thomas Kupke.

Diese Freude, sich wirklich tief in alle Aspekte eines Bestands einzudenken, wurde durch den Gewinn eines offenen Wettbewerbs belohnt, dessen erster Bauabschnitt mittlerweile fertig gestellt ist. Im Stadtkern von Gengenbach, einer im Schwarzwald gelegenen Stadt, sollen zwei denkmalgeschützte Gebäude zu einem Verwaltungsstandort zusammengelegt und barrierefrei zugänglich werden: das alte Rathaus und der rückwärtig benachbarte Klosterspeicher, in dem das Bauamt untergebracht ist. Die verschiedenen Höhenniveaus beider Häuser stellte eine Schwierigkeit dar, die die anderen Entwürfe dadurch zu lösen versuchten, dass sie als Scharnier einen Treppenturm in den Zwischenraum setzten – direkt neben das historische Treppenhaus des Rathauses. Kupke und Lambeck waren die einzigen, die die historische Treppe erweiterten und über ihre Zwischenlevel die Anbindung des Nachbargebäudes ermöglichten. Der Aufzug konnte so in eine zentralere Lage im Rathaus eingesetzt werden. Die großzügigen Räume im zwischengeschalteten Neubau nutzten sie stattdessen für das Foyer des Ratssaals, eine Cafeteria und klimatisierte Besprechungsräume mit Medientechnik und moderner Ausstattung, die im Bestand weitaus schwieriger zu realisieren gewesen wären.

Die Arbeit im Bestand setze zwar Schranken, aber das sei auch befreiend, findet Paul Lambeck. Lieber tüfteln sie am Umgang mit Vorhandenem, verbessern und ertüchtigen es für aktuelle Nutzungen, als etwas neu zu erfinden. Das verhindere auch, dass sich Routine und Langeweile einstellt, auch bei ähnlichen Bauaufgaben. Während sie die meisten Typologien bisher stets nur einmal bearbeiteten – „Wiederholungsrate von eins!“, so Paul Lambeck –, gibt es ein wiederkehrendes Motiv: Beinahe jedes Jahr bauen sie ein kleines Häuschen aus dem erweiterten Bekanntenkreis um, sei es eine Villa oder ein Reihenhaus, derzeit eines in der ab 1911 entstandenen Fliegersiedlung in Berlin Tempelhof. Das Interessante dabei sei, dass sie nie in die Versuchung kämen, das gleiche Bad nochmal zu bauen, weil die Leitungen, die Rohre, die tragenden Wände jedes Mal wo anders lägen.

Es gäbe so viel zu lernen, bezüglich historischer Fertigungstechniken und Bauweisen, aber auch bezüglich des Materials: „Wenn wir uns irgendwo mit Schutzanzügen und Masken bewegen müssen, dann immer in Räumen mit jüngerer (Um-)Baugeschichte. Es sind vor allem die Baustoffe des 20. Jahrhunderts, die gefährlich und giftig sind. Sobald wir in die tieferen Schichten vordringen, finden wir Lehm, Stroh, Hanf und Holz – eben natürliche Materialien.“ Durch ihren Arbeitsalltag wohlwissend, dass Baumüll ein Problem darstellt, denken sie eventuelle Entsorgungen bei ihren Projekten immer mit.

Schließlich erklärt Lambeck seine Begeisterung für den Bestand durchaus auch ein bisschen mit einer Trotzreaktion: „Als ich studierte, war das Bauen im Bestand noch das Schmuddelkind der Architektur. Uns wurde immer gesagt, wir würden künftig sowieso ‚nur noch‘ im Bestand bauen können, als sei das was Schlechtes.“ Das Bild vom vermeintlich notwendigen Übel hat sich grundlegend gewandelt. Nicht, dass die Arbeit von Thomas Kupke und Paul Lambeck dieser Bestätigung bedurft hätte.








