Parks entwerfen

Buch der Woche

Wer schon einmal an einem Sommertag durch den Park am Gleis­dreieck gelaufen ist, weiß um seine Beliebt­heit bei den Berlinern. Ungläubig ist man zuweilen ange­sichts der Tatsache, dass offenbar alle Angebote der vorge­schla­genen Nutzung auch rege ange­nommen werden: Der Skatepark, die Fuß- und Basket­ball­plätze, Trai­nings­ge­räte, Tisch­ten­nis­platten, Sitz­tri­bünen sowie Boule- und Spiel­plätze sind hier belebte Orte. Hinzu kommen die frei nutzbaren Flächen wie die großen Wiesen, auf denen gepick­nickt und gelesen, Federball und Frisbee gespielt wird. Die mehr­spu­rigen Wegenetze, die das Areal durch­ziehen, werden von Joggern, Fahr­rad­fah­rern und Fußgän­gern bevölkert. Trotz der hohen Fluk­tua­tion kommen sie sich selten in die Quere. Man kann von einem Groß­stadt­idyll sprechen – stilecht, mit Ausblick auf die Hoch­gleise und die „Skyline“ am Potsdamer Platz.

Unter dem Titel  „Parks entwerfen. Berlins Park am Gleis­dreieck oder die Kunst, lebendige Orte zu schaffen“ haben Leonard Grosch und Constanze A. Petrow dem Park, der mitt­ler­weile mit dem Deutschen Land­schafts­ar­chi­tek­tur­preis ausge­zeichnet wurde, eine Publi­ka­tion gewidmet. Haupt­an­liegen ist es, die hier ange­wandten Gestal­tungs­kon­zepte darzu­legen, verbunden mit dem Anspruch, daraus allge­mein­gül­tige und prägnante Grund­sätze der Entwurfs­bil­dung zu destil­lieren.

Leonard Grosch ist Mitbe­gründer des Land­schafts­ar­chi­tek­tur­büros atelier LOIDL, das von 2011 bis 2014 mit der Umge­stal­tung des Gleis­drei­ecks beauf­tragt war. Er berichtet im ersten Teil des Buches von den Prin­zi­pien, die ihn bei seiner Arbeit geleitet haben und deren konkreter Umsetzung. Zudem werden unter griffigen Über­schriften auf andere Park­ent­würfe über­trag­bare Stra­te­gien abstra­hiert. Als wichtige Voraus­set­zung sieht Grosch beispiels­weise das Erkennen und Nutzen bereits vorhan­dener Quali­täten an den Orten der Entste­hung: „Alles, was sich sinnvoll in das Konzept einbetten lässt, soll genutzt werden“.  Dies sei ressour­cen­spa­rend und befrie­dige ein in der Bevöl­ke­rung bestehendes „Bedürfnis nach Geschichte“.

In Hinblick auf das Programm des Parks plädiert Grosch für ein ausge­wo­genes Verhältnis zwischen belebten Hotspots mit einer Ballung von Nutzungs­mög­lich­keiten und ruhigeren Plätzen des Natur­er­le­bens. Ebenso wichtig ist für ihn die sorgsame Insze­nie­rung dieser Orte, um sie attraktiv und verstehbar zu machen. Bei der Planung des räum­li­chen Park-Gerüsts sei versucht worden, Resträume und ‑flächen zu vermeiden, die nicht eindeutig erklärt werden können und nicht einsehbar sind. Dies könnte mitunter Grund dafür sein, dass der Park im Gegensatz etwa zum Görlitzer Park kein Anzie­hungs­punkt für Drogen­dealer ist. Die Sensi­bi­lität des Autors dafür, dass Orte auch immer Stim­mungen und Atmo­sphären hervor­rufen, wird in seinen Ausfüh­rungen deutlich, bleibt jedoch durch den Bezug zum tatsäch­lich Entstan­denen kein unkon­kreter Gemein­platz. Zusätz­lich anschau­lich macht das Gesagte ein groß­zü­giger und anspre­chender Bildteil.

Der zweite Teil des Buches stammt von Constanze A. Petrow, die seit 2009 am Fach­ge­biet Entwerfen und Frei­raum­pla­nung an der TU Darmstadt lehrt. Auch sie entwi­ckelt mit ihren soge­nannten „Stell­schrauben“ eine Art Leitfaden des modernen Park­ent­wurfs und kommt  oftmals zu sehr ähnlichen Ergeb­nissen wie Grosch, wenn­gleich sie den Park noch diffe­ren­zierter – in der Planung als auch in der Nutzung – als wichtigen Bestand­teil der aktiven Bürger­ge­sell­schaft betrachtet. Essen­tiell für beide Autoren ist die schon im Titel enthal­tene Idee der Leben­dig­keit. Reali­sierbar sei diese etwa durch Erzeugung von Orten und Einbauten, die nutzungs­offen sind und somit Krea­ti­vität anregen, durch die Schaffung von unter­schied­li­chen Raum­at­mo­sphären sowie durch die Durch­mi­schung von öffent­li­chen und privaten Plätzen (wie etwa Klein­gärten). Die ange­strebte Diver­sität des Parks soll dabei  auch zu einer Durch­mi­schung von Bevöl­ke­rungs- und Alters­gruppen führen.

Den Abschluss der Publi­ka­tion bildet ein kurzer Text der Sozio­logen Frieder Beckmann, Meike Haken und Antonia Muschner. Unter­sucht wird hier die Wahr­neh­mung des Parks durch die Besucher, wobei immer wieder auf das Erleben von Stim­mungen und die Nach­voll­zieh­bar­keit der Park­kon­zepte abgezielt wird. Durch diesen Exkurs wird nicht nur deutlich, dass Grosch und Petrow einer Weiter­ent­wick­lung und Über­prü­fung ihrer Thesen offen gegen­über­stehen, sondern auch der hohe Stel­len­wert des Parks für seine Benutzer. Mit ihrer opti­mis­ti­schen Haltung, dass ein Park diese Bedürf­nisse auch erfüllen und somit die Gesell­schaft berei­chern kann, dass er Urbanität in Form von Begegnung, Öffent­lich­keit und Aktivität, aber auch Rückzug und Gebor­gen­heit bieten kann, wirken die Autoren mit diesem Buch auf jeden Fall anste­ckend.

Elina Potratz

Leonard Grosch / Constanze A. Petrow: Parks entwerfen. Berlins Park am Gleis­dreieck oder die Kunst, lebendige Orte zu schaffen. 192 S. mit 143 farb. und s/​w Abb. und Plänen, 29,80 Euro, JOVIS Verlag, Berlin 2015, ISBN 978–3‑86859–369‑3.

Fotos: JOVIS Verlag