Pathos des Gesti­schen

„Erinnere Dich an den Eindruck guter Archi­tektur, dass sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen.“Zu Intro Fußnote fn‑1

  1. Ludwig Witt­gen­stein: Vermischte Bemer­kungen, Frankfurt / Main 1977, S. 49. Die Komple­xität des Themas kann hier nur ange­rissen werden.

    ↩︎

I
Als der in Wien groß gewordene Sprach­phi­lo­soph Ludwig Witt­gen­stein (1889 – 1951) diesen Gedanken um 1930 notiert, hat er bereits selbst prak­ti­sche Erfah­rungen mit der Konzep­tion einer anspruchs­vollen Wohn­haus­ar­chi­tektur gesammelt. In Zusam­men­ar­beit mit dem jungen Archi­tekten Paul Engelmann und dem Ingenieur Jacques Groag, die beide durch die reduk­tio­nis­ti­sche Ästhetik des in Intel­lek­tu­el­len­kreisen hoch geschätzten Adolf Loos geprägt waren und die auch Witt­gen­stein schätzte, hat er für seine Schwester Margaret Ston­bo­rough-Witt­gen­stein in der Wiener Kund­mann­gasse, „einem nicht vornehmen Aller­welts­viertel“1, ein Stadt­pa­lais konzi­piert und bis in haus­tech­ni­sche Details hinein präzise durch­ge­ar­beitet. 1928 war die schmuck­lose Stadt­villa mit dem sachlich klaren Interieur, die inmitten eines roman­ti­schen Gartens gelegen ist, bezugs­fertig. Noch wartete Margaret Ston­bo­rough auf die ange­mes­sene Möblie­rung und schrieb dem inzwi­schen in Cambridge weilenden Bruder: das Haus „schreit nach anstän­digen Möbeln.“2 Zwar wollte die Bauherrin, die ansonsten mit den noblen Innen­ein­rich­tungen der Wiener Werk­stätten oder zwischen Anti­qui­täten leben mochte, den Bruder mit ihrer Auffor­de­rung, die eigenen Möblie­rungs­ent­würfe für ihr neues Domizil zu inten­si­vieren, zunächst finan­ziell unter­stützen. Doch ihre Bitte offenbart mehr: Das auf reine Volumina redu­zierte Witt­gen­stein­sche Stadt­pa­lais, dessen Raum-atmo­sphäre in der bel etage durch die „abnorm großen Glastüren“ (Hermine Witt­gen­stein) in Eisen­fas­sung geprägt ist, in dem die Präzision der Hand­werks­ar­beit unmit­telbar ins Auge fällt, das mit einem Fahrstuhl ausge­stattet ist und eine vernünftig orga­ni­sierte Bequem­lich­keit verspricht, „schreit“ nach neuen, entspre­chenden Wohnu­ten­si­lien! Offenbar ist dieser Archi­tektur ein Raum­muster einge­woben, das, wenn auch subkutan, eine grund­le­gende Verän­de­rung des Lebens­stils in opulenter Ring­stra­ßen­ma­nier anmahnt, der der Familie Ston­bo­rough-Witt­gen­stein vertraut war. Und diese Notwen­dig­keit war es, die die Bauherrin in der Archi­tektur ihres Hauses erkannte und dem Bruder mitteilte. Sie wollte seiner „guten Archi­tektur“ mit einer (ange­mes­senen) Geste folgen.Hermine Witt­gen­stein: zit. nach: Bernhard Leitner: The Archi­tec­ture of Ludwig Witt­gen­stein, London 1995, S. 28. „Zu meiner Schwester Gretl aber passte das Haus wie der Handschuh auf die Hand…Das Haus war einfach eine Erwei­te­rung ihrer Persön­lich­keit…“, S. 32. ↩︎Margaret Ston­bo­rough-Witt­gen­stein, zit. nach: Ursula Prokop: Margaret Ston­bo­rough-Witt­gen­stein. Bauherrin, Intel­lek­tu­elle, Mäzenin, Wien/​Köln/​Weimar 2003, S. 169. ↩︎

Paul Engelmann hat die ästhe­ti­schen Absichten Ludwig Witt­gen­steins später expli­ziert und die am Verdikt der Orna­ment­lo­sig­keit des Adolf Loos orien­tierte Form­fin­dung einer zeit­ge­mäßen, modernen Architektur‚sprache‘ verdeut­licht. Es gelte nämlich, schrieb er: „…nichts zu tun, als in richtiger mensch­li­cher Haltung einen Bau technisch richtig zu konstru­ieren, woraus sich die richtige, allein wirklich zeit­ge­mäße Form von selbst ergeben muss: sie soll vom Archi­tekten nicht am Gebrauchs­ge­gen­stand und am Bauwerk absichts­voll ausge­spro­chen werden, sondern sich selbst an ihm zeigen.“3 Mit dieser Aussage ist ein program­ma­ti­scher Aspekt der modernen Archi­tektur verdeut-licht worden, den Witt­gen­stein später (1942) in den Satz fassen sollte: „Archi­tektur ist eine Geste“.4 So gesehen muss die Aussa­ge­fä­hig­keit der Archi­tektur nicht länger an das „schmü­ckende Beiwerk“ eines erläu­ternden Dekorums gebunden bleiben. Vielmehr zeigt das „Bauwerk an sich selbst“, in der Eigenart seiner spezi­fi­schen Raum­or­ga­ni­sa­tion und Raum­wir­kungen, von welchen Gedanken es beseelt ist, was seine Aufgabe und sein Ziel ist. Die Raum­be­nutzer nehmen diese Raum­wir­kungen als „deik­ti­sche Gestenkommunikation…zur Koor­di­nie­rung von Hand­lungen“ (Jürgen Habermas) wahr – im Diskurs zur Archi­tektur wird diese „Gesten­kom­mu­ni­ka­tion“ der Archi­tektur im Rahmen der Gebäu­de­ty­po­lo­gien syste­ma­ti­siert und wie eine Grammatik im Entwurfs­pro­zess hand­habbar.Paul Engelmann: Erin­ne­rungen an Ludwig Witt­gen­stein, in: Ilse Somavilla (Hrsg.): Witt­gen­stein – Engelmann. Briefe, Begeg­nungen, Erin­ne­rungen, Innsbruck / Wien 2006, S. 128. (Hervorh. K.W.) ↩︎Wie Anm.: 1, S. 86. (Hervorh. K.W.) ↩︎

II
„Erinnere Dich an den Eindruck guter Archi­tektur, dass sie einen Gedanken ausdrückt. Man möchte auch ihr mit einer Geste folgen“: Ludwig Witt­gen­steins Sentenz behauptet, dass der „guten“ Archi­tektur Gedanken zu Grunde liegen, die vom betrach­tenden und agie­renden Nutzer erlebt und erkannt werden können. Ein Gebäude ist, so gesehen, präfor­mie­rend. Es offeriert in seiner Raum­bil­dung einen diesem Gedanken ange­mes­senen Gebrauch. Der „Eindruck guter Archi­tektur“ wirkt also auf eine spezi­fi­sche, gleichsam vorsprach­liche Weise auf den Nutzer ein und bietet mehr oder weniger direkt ein Feld seiner habi­tu­ellen Praxis. Tatsäch­lich hat die „gute Archi­tektur“ Quali­täten dieser Art: Man denke an den Habitus eines Menschen, der einen Sakral­raum betritt, der – ist er ein Mann, seine Kopf­be­de­ckung abnehmen, ist dieser Mensch hingegen eine Frau, (in katho­lisch geprägten Ländern) das Haupt mit einem leichten, trans­pa­renten Schleier verhüllen wird – der seine Bewegungs- und Schritt­folgen verlang­samt, die Tonlage dämpft und derart seine Sensi­bi­lität für den räumlich anwe­senden Gedanken des Heiligen zum Ausdruck bringt. Man muss nicht gläubig sein, um diese gleichsam ritua­li­sierten Verhal­tens­muster in unserem Kultur­kreis geradezu „natur­wüchsig“ zu repro­du­zieren. Allein durch die kultu­rellen Prägungen werden im Durch­schreiten eines voll­kommen unge­schmückten Kirchen­raums (zum Beispiel bei den Zister­zi­en­sern) Verhal­tens­weisen wie beispiels­weise Ehrfurcht gleichsam auto­ma­tisch wach gerufen. Derartige Wirkungs­weisen bilden bis heute das gestische Reper­toire einer Rhetorik der Archi­tektur, die dem „Gebrau­chenden“ über die Funktion hinaus eine Wirkung offeriert, in der sich der Gedanke und die Intention der Raum­pro­du­zenten zeigt und über­mit­telt.5 Denn eben das ist ein Zeichen „guter Archi­tektur“, dass ihr etwas über das Funk­tio­nale hinaus anhaftet, dem man sodann, nach Witt­gen­stein, mit der Geste „folgen möchte“ (nicht muss!); schließ­lich handelt es sich um eine frei­willig gewählte Nach­er­zäh­lung der „guten“, der inten­tio­nalen Archi­tektur im gesti­schen Habitus, nicht um einen beha­vou­ris­ti­schen Zwangs­cha­rakter. „Nicht jede zweck­mä­ßige Bewegung des mensch­li­chen Körpers ist eine Geste. So wenig, wie jedes zweck­mä­ßige Gebäude Archi­tektur.“6Einst war sie mit der Säulen­theorie des Vitruv verbunden, die seit dem späten 18. Jahr­hun­dert in der Charak­te­ren­lehre der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­ar­chi­tekten in der archi­tec­ture parlante neue Zeichen-Setzungen erhielt. Siehe dazu: Wilhelm, Karin: Ordnungs­muster der Stadt. Camillo Sitte und der moderne Städ­te­bau­dis­kurs, in: dies. / Detlef Jessen-Klin­gen­berg: Forma­tionen der Stadt. Camillo Sitte weiter­ge­lesen (Bauwelt-Funda­mente 132), Basel / Gütersloh, S. 52 ff. ↩︎Wie Anm.: 5. ↩︎

III
Die Vorstel­lung vom inten­tio­nalen Raum hat die Idee des modernen Schöpfer-Archi­tekten beflügelt, der, wie Le Corbusier, gerne den Blick des Betrach­ters auf die eigene zeich­nende Hand fokus­sierte, um sich gleichsam mit dem Hinweis auf diese Art Urgeste der Archi­tektur schon als leitender Gedan­ken­pro­du­zent des Raums zu präsen­tieren. Und tatsäch­lich werden in den ersten Skizzen der Archi­tek­tinnen und Archi­tekten, in ihrem (ver)zeichnenden Raum­denken erste, spontan hinge­wor­fene Gedanken sichtbar, die sodann in der Suche nach den ange­mes­senen räum­li­chen Ausdrucks­werten durch­ge­spielt werden. Was derart umkreist wird, ist die Suche nach „Pathos­for­meln“ (Aby Warburg) in der Archi­tektur, nach eben jenen ange­mes­senen räum­li­chen „Affekt­ge­bärden“ und „Stim­mungs­werten“, die uns, den Nutzer, zur Geste bringen sollen. Solche Gebärden der Räume können, das wusste Witt­gen­stein, wie die Sprache unter­schied­lich sein: laut, leise, gewählt, prole­ten­haft, unver­ständ­lich, fein gefügt, welt­läufig, oder dialektal. Dass Ludwig Witt­gen­stein mit dem Konzept für das Haus seiner Schwester nur eine der Möglich­keiten gewählt hat, wusste der Sprach­phi­lo­soph aus gutem jüdischen Hause: „…mein Haus für Gretl ist das Produkt entschie­dener Fein­hö­rig­keit, guter Manieren, der Ausdruck großen Verständ­nisses (für eine Kultur). Aber das ursprüng­liche Leben, welches sich austoben möchte – fehlt.“7Wie Anm.: 3, S. 170. ↩︎

Diese Ausgabe von der architekt möchte demgemäß den unter­schied­li­chen Ebenen des Gesti­schen und der Vielfalt von Pathos­for­meln der „guten“ Archi­tektur mit einer Geste des Dankes an die AutorInnen und Redak­teu­rInnen dieses Heftes folgen.

Prof. Dr. phil Karin Wilhelm MA studierte Kunst­ge­schichte, Sozio­logie, Philo­so­phie in Hamburg, Heidel­berg, München, Berlin und Marburg. 1981 wurde sie mit ihrer Disser­ta­tion (Walter Gropius – Indus­trie­ar­chi­tekt) bei Prof. Heinrich Klotz in Marburg promo­viert. Nach verschie­denen Lehr­tä­tig­keiten war sie von 1991 bis 2001 Ordinaria für Kunst- und Archi­tek­tur­ge­schichte im Fach­be­reich Archi­tektur an der Tech­ni­schen Univer­sität Graz und von 2001 bis 2012 Profes­sorin für Geschichte und Theorie der Archi­tektur und Stadt an der TU Braun­schweig. Karin Wilhelm konzi­pierte eine Vielzahl von Ausstel­lungen im In- und Ausland und ist Mitglied des Redak­ti­ons­bei­rats dieser Zeit­schrift.

  1. Hermine Witt­gen­stein: zit. nach: Bernhard Leitner: The Archi­tec­ture of Ludwig Witt­gen­stein, London 1995, S. 28. „Zu meiner Schwester Gretl aber passte das Haus wie der Handschuh auf die Hand…Das Haus war einfach eine Erwei­te­rung ihrer Persön­lich­keit…“, S. 32. ↩︎
  2. Margaret Ston­bo­rough-Witt­gen­stein, zit. nach: Ursula Prokop: Margaret Ston­bo­rough-Witt­gen­stein. Bauherrin, Intel­lek­tu­elle, Mäzenin, Wien/​Köln/​Weimar 2003, S. 169. ↩︎
  3. Paul Engelmann: Erin­ne­rungen an Ludwig Witt­gen­stein, in: Ilse Somavilla (Hrsg.): Witt­gen­stein – Engelmann. Briefe, Begeg­nungen, Erin­ne­rungen, Innsbruck / Wien 2006, S. 128. (Hervorh. K.W.) ↩︎
  4. Wie Anm.: 1, S. 86. (Hervorh. K.W.) ↩︎
  5. Einst war sie mit der Säulen­theorie des Vitruv verbunden, die seit dem späten 18. Jahr­hun­dert in der Charak­te­ren­lehre der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­ar­chi­tekten in der archi­tec­ture parlante neue Zeichen-Setzungen erhielt. Siehe dazu: Wilhelm, Karin: Ordnungs­muster der Stadt. Camillo Sitte und der moderne Städ­te­bau­dis­kurs, in: dies. / Detlef Jessen-Klin­gen­berg: Forma­tionen der Stadt. Camillo Sitte weiter­ge­lesen (Bauwelt-Funda­mente 132), Basel / Gütersloh, S. 52 ff. ↩︎
  6. Wie Anm.: 5. ↩︎
  7. Wie Anm.: 3, S. 170. ↩︎

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