Ping-Pong Part­ner­schaft

Buch der Woche: Downtown Denise Scott Brown

Sehr lange hat Denise Scott Brown auf ihre erste Solo-Ausstel­lung warten müssen. Erst im letzten November öffnete das Archi­tek­tur­zen­trum Wien schließ­lich seine Pforten für eine große Schau ihres umfang­rei­chen Schaffens in Archi­tektur, Archi­tek­tur­theorie und Stadt­pla­nung, die bis vor wenigen Wochen zu sehen war. Was davon bleibt, ist der Katalog der Ausstel­lung, der unter­haltsam und bildreich in das Leben und Werk Scott Browns einführt.

Angelika Fitz / Katharina Ritter (Hrsg.): Downtown Denise Scott Brown. Your Guide to Downtown Denise Scott Brown. Catalogue by Jeremy Eric Tenenbaum, 168 S. mit 100 farb., teils ganzseit. Abb., Text in engl. Sprache, 36,– Euro, Park Books, Wien 2018/19

Denise Lakofski, geboren 1931 im heutigen Sambia, studierte in Johan­nes­burg, wo sie ihren ersten Ehemann Robert Scott Brown kennen­lernte. Nach dem Studium an der Archi­tec­tural Asso­cia­tion in London und der Über­sie­de­lung in die USA, wo sie Stadt­pla­nung und Archi­tektur an der Univer­sity of Penn­syl­vania studierte, starb ihr erster Ehemann bei einem Auto­un­fall. 1960 lernte sie schließ­lich ihren Univer­si­täts-Kollegen Robert Venturi kennen – sie wurden ein Paar, unter­rich­teten gemeinsam und heira­teten schließ­lich. In diese Lebens­phase fällt auch die „Entde­ckung“ von Las Vegas als Inspi­ra­ti­ons­quelle für eine neue Archi­tek­tur­sprache. Dabei war es Scott Brown, die Venturi 1966 hierhin brachte und mit ihm die Eigen­heiten der sonder­baren Stadt aus Hotels, Bars, Casinos, Restau­rants und Imbiss­buden erkundete.

Aus der Faszi­na­tion für die von Kommerz und Popu­lär­kultur geprägte Stadt, deren verna­ku­läre Archi­tek­turen durch Zeichen und Symbole zum Sprechen gebracht werden, entstand ihre erste gemein­same Publi­ka­tion „Learning from Las Vegas“, zusammen mit dem Studenten Steven Izenour. Dass das Buch oft nur Robert Venturi zuge­spro­chen wird, gehört zu den Unge­rech­tig­keiten, die Scott Brown immer wieder erfahren musste. Denn ihre Ideen entwi­ckelten die beiden bis zu Venturis Tod im Jahr 2018 stets zusammen und oft in größeren Teams. Gemeinsam forderten sie etwa eine Öffnung der Archi­tektur gegenüber der Geschichte, dem Kontext, Möglich­keiten der Kommu­ni­ka­tion und sozialen Belangen. Ihre archi­tek­to­ni­schen Entwürfe, an denen Scott Brown den gleichen (wenn nicht  sogar größeren) Anteil hatte, brachte ihnen schließ­lich 1991 den Pritzker Prize ein – bezeich­nen­der­weise wurde er jedoch nur Venturi verliehen.

Sowohl die Ausstel­lung als auch das Buch hangeln sich an einem fiktiven städ­ti­schen Platz entlang, an dessen Fassaden und Schau­fens­tern Scott Browns Geschichte erzählt wird. Dabei werden zum einen Hinter­grund und Lebens­lauf entfaltet, zum anderen Projekte, Erin­ne­rungen sowie Arbeits- und Denk­an­sätze. Hier geht es beispiels­weise auch um besagte Arbeit im Team, die mit „Joint­krea­ti­vität“ beschrieben wird. Scott Brown glaubt an die Technik des Gedanken-Ping-Pongs, bei dem Ideen im vertrau­ens­vollen Diskurs hin- und herge­worfen werden. Ihr zufolge entstehen hieraus die besten Ergeb­nisse. Auch das Verhältnis zur Post­mo­derne wird ange­rissen: Während Scott Brown und Venturi in der Archi­tek­tur­ge­schichte bis heute als Mitbe­gründer der Bewegung betrachtet werden, wollten sie sich selbst davon deutlich distan­zieren. Statt­dessen bevor­zugten sie den Begriff „Manie­rismus“ und bekannten sich nicht nur zum Regel­ver­stoß, sondern auch zu ihrer Liebe zum Clash, zum Zusam­men­stoß kontras­tie­render Elemente. Nur durch die hierdurch entste­hende „messy vitality werde eine Stadt zur Stadt.

In allen Kapiteln, die mit fanta­sie­vollen Titeln über­schrieben sind, äußert sich Scott Brown selbst und unter­füt­tert dies mit biogra­phi­schen Erzäh­lungen. So spricht sie unter anderem über Segre­ga­tion in ihrem Herkunfts­land Südafrika und die Frage nach menschen­recht­li­chen Erwä­gungen in ihrer Arbeit. Ergänzt wird „Downtown Denise Scott Brown“ durch ein Glossar, in dem alle bedeu­tenden Personen, Orte und Stich­worte aus ihrem Leben zusam­men­ge­fasst und erklärt werden. Insgesamt ist der Band damit eine spannende, bunte, bild­reiche und kurz­wei­lige Einfüh­rung in das Schaffen der oft margi­na­li­sierten Archi­tektin und bemer­kens­werten Persön­lich­keit – gerade für dieje­nigen, die die Ausstel­lung im AzW nicht sehen konnten.

Elina Potratz

Angelika Fitz / Katharina Ritter (Hrsg.): Downtown Denise Scott Brown. Your Guide to Downtown Denise Scott Brown. Catalogue by Jeremy Eric Tenenbaum, 168 S. mit 100 farb., teils ganzseit. Abb., Text in engl. Sprache, 36,– Euro, Park Books, Wien 2018/19, ISBN 978–3‑03860–127‑2

 

Angelika Fitz / Katharina Ritter (Hrsg.): Downtown Denise Scott Brown. Your Guide to Downtown Denise Scott Brown. Catalogue by Jeremy Eric Tenenbaum, 168 S. mit 100 farb., teils ganzseit. Abb., Text in engl. Sprache, 36,– Euro, Park Books, Wien 2018/19