Planen für Diver­sität

Annette Rudolph-Cleff im Interview mit Carmen Mendoza & Giovanna Marconi

Im Interview disku­tieren Carmen Mendoza, Stadt­pla­nerin und Profes­sorin an der Univer­sitat Inter­na­cional de Catalunya in Barcelona, und Giovanna Marconi, Inhaberin des UNESCO-Lehr­stuhls für soziale und räumliche Einglie­de­rung inter­na­tio­naler Migranten an der Univer­sità Iuav di Venezia, über die räumliche Dimension von inclusion Zu Intro Fußnote fn‑1 und darüber, wie Archi­tektur und Stadt­pla­nung auf Migration reagieren und zur Schaffung offener Städte beitragen können. Die Fragen stellte Annette Rudolph-Cleff, Profes­sorin am Fach­ge­biet Entwerfen und Stadt­ent­wick­lung der TU Darmstadt.

  1. In Erwei­te­rung zum deutschen Begriff der Inklusion meint der angel­säch­si­sche Begriff „inclusion“ Vielfalt, Teilhabe, Diver­sität, gesell­schaft­liche Offenheit und Zuge­hö­rig­keit.

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Foto: Heinz Baumann, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)

Annette Rudolph-Cleff: Welche Rolle können Stadt­pla­nung und Archi­tektur bei der Bewäl­ti­gung der Heraus­for­de­rungen der Migration in immer viel­fäl­ti­geren Städten spielen?

Giovanna Marconi: Archi­tektur und Stadt­pla­nung können inte­gra­tive Städte schaffen. Wir sollten uns nicht fragen, was wir für Migran­tinnen und Migranten tun können, sondern vielmehr, was wir für die Vielfalt in unseren Städten machen können. Unsere Aufgabe ist es, auf die Bedürf­nisse möglichst vieler Menschen einzu­gehen, die in Städten leben, arbeiten und öffent­liche Räume nutzen. Es liegt in unserer Verant­wor­tung, Räume so zu gestalten, dass sie den Bedürf­nissen der verschie­denen Stadt­be­woh­nenden gerecht werden. Deshalb sollten wir für eine immer viel­fäl­ti­gere Gesell­schaft planen. Dazu gehört, die Bedürf­nisse der verschie­denen Bevöl­ke­rungs­gruppen zu verstehen, deren Präsenz und Ansprüche in der Stadt vor allem aufgrund anhal­tender Migration zunehmen.

Carmen Mendoza: Ich möchte betonen, dass die räumliche Dimension der Inte­gra­tion eines der wich­tigsten, aber oft über­se­henen Themen in der heutigen Migra­ti­ons­de­batte ist. Und genau hier können Archi­tekten und Stadt­pla­ne­rinnen einen echten Unter­schied machen. Wir müssen uns fragen, wie die gebaute Umwelt und die städ­ti­sche Form die Fähigkeit von Migran­tinnen und Migranten beein­flussen, aktive Mitglieder der Stadt zu werden. Den poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und huma­ni­tären Aspekten der Migration wird Aufmerk­sam­keit geschenkt – besonders, da Menschen ihr Leben auf der Überfahrt über das Mittel­meer riskieren, um unsere Städte zu erreichen –, die räum­li­chen Aspekte werden jedoch oft vernach­läs­sigt. Wir sollten uns fragen: Wie tragen Städte physisch der Vielfalt Rechnung und wie fördern sie Inter­ak­tion und Inklusion? Dieser Aspekt sollte ein grund­le­gender Bestand­teil poli­ti­scher Agenden und Stadt­pla­nungs­stra­te­gien sein. Wenn Inte­gra­tion ganz­heit­lich erfolgen soll, muss sie auf allen Ebenen der Stadt berück­sich­tigt werden, von der Stadt­pla­nung bis zur archi­tek­to­ni­schen Gestal­tung. Die räumliche Dimension ist von großer Bedeutung – unab­hängig davon, ob es sich um vorüber­ge­hende oder dauer­hafte Unter­künfte handelt. Unsere Disziplin kann durch inklu­sives Design, verschie­dene Typo­lo­gien und Räume aktiv dazu beitragen, Städte auf physische und greifbare Weise offener und inter­ak­tiver zu gestalten.

Welche Bedeutung hat der öffent­liche Raum für die Stärkung inklu­siver und vernetzter städ­ti­scher Gemein­schaften?

Marconi: Der öffent­liche Raum ist ein wesent­li­cher Bestand­teil des städ­ti­schen Netzwerks. Dieses umfasst Einrich­tungen, Dienst­leis­tungen, Frei­flä­chen, kommer­zi­elle Akti­vi­täten sowie alle Formen des bürger­schaft­li­chen und gemein­schaft­li­chen Enga­ge­ments. Die Art und Weise, wie wir öffent­liche Räume gestalten, entscheidet darüber, ob Menschen mitein­ander inter­agieren. Andern­falls kann es in multi­kul­tu­rellen Städten dazu kommen, dass verschie­dene Gruppen in Paral­lel­welten leben.

Wie können Vielfalt und zugrun­de­lie­gende Konflikte unter­sucht werden? Wie können Geschlecht, Zugäng­lich­keit und Sicher­heit bei der Gestal­tung inklu­siver Räume berück­sich­tigt werden? Wie können wir unter­schied­liche Bedürf­nisse erkennen?

Marconi: Ich schicke meine Studie­renden in multi­kul­tu­relle Stadt­viertel, um vor Ort zu recher­chieren. Sie sprechen mit Menschen und Laden­be­sit­zern, erfassen bestehende Einrich­tungen und fragen die Bewoh­nenden, was sie benötigen, um sich im öffent­li­chen Raum sicher und wohl zu fühlen. Vielfalt wird oft mit Sicher­heits­be­denken in Verbin­dung gebracht. Diese werden wiederum maßgeb­lich von poli­ti­schen Diskursen, Medi­en­be­richten und theo­re­ti­schen Konzepten zu Migration und Vielfalt geprägt. Es ist wichtig zu verstehen, wie verschie­dene Gruppen einen Ort erleben und nutzen. Dazu gehören Beob­ach­tung, aktives Zuhören und Forschung. Unsere Städte zeichnen sich durch das aus, was Sozio­logen als „Super­di­ver­sität“ bezeichnen. Dieser Begriff umfasst nicht nur die Natio­na­lität, sondern auch viele andere sich über­schnei­dende Dimen­sionen von Identität und Verletz­lich­keit. Ob jemand eine Frau, ein Kind, ein älterer Mensch oder eine Person mit Behin­de­rung ist, hat Einfluss darauf, wie der Raum wahr­ge­nommen wird und wie man sich darin bewegt. Unser Ziel ist es, diese Perspek­tiven zu berück­sich­tigen, gründ­liche Forschung zu betreiben und damit öffent­liche Räume für alle ange­nehmer und sicherer zu machen.

Mendoza: Ein wichtiger Wandel in unserem Beruf besteht darin, soziale Faktoren in unsere Analysen zu inte­grieren. Wenn wir der ableh­nenden Haltung gegenüber Migran­tinnen und Migranten entge­gen­treten wollen, müssen wir uns von angst­ba­sierten Erzäh­lungen lösen und statt­dessen gemein­same Vorteile viel­fäl­tiger Gemein­schaften hervor­heben. Der Städtebau bietet hierfür wirkungs­volle Werkzeuge. Inte­gra­tive Nach­bar­schaften zu gestalten bedeutet, anzu­er­kennen, dass Migran­tinnen und Migranten die gleichen Rechte haben wie alle anderen, einschließ­lich des Zugangs zu einla­denden öffent­li­chen Räumen, sicheren Straßen und kultu­rellen Orten, die Zuge­hö­rig­keit fördern und Isolation verrin­gern. Wir sollten daher die Entwick­lung von ange­mes­senem Wohnraum in viel­fäl­tigen, gemischt genutzten Quar­tieren prio­ri­sieren, in denen sich Menschen nieder­lassen und aktiv am Gemein­schafts­leben teil­nehmen können. Dazu gehört auch die Schaffung von Räumen, die alltäg­liche Begeg­nungen fördern, wie Parks, Schulen, Geschäfte. Wenn Menschen einander kennen­lernen, hören sie auf, sich als Fremde zu sehen. Das ist die Grundlage für Inte­gra­tion und gegen­sei­tigen Respekt.

Gleich­zeitig müssen wir räumliche Gerech­tig­keit und Chan­cen­gleich­heit in der Stadt­pla­nung thema­ti­sieren. Das bedeutet, Segre­ga­tion zu vermeiden und die räumliche Konzen­tra­tion von Armut zu verhin­dern. Damit eine sozi­al­ge­rechte Stadt­pla­nung gelingt, müssen jedoch die Stimmen sowohl der Aufnah­me­ge­sell­schaft als auch der Migran­tinnen und Migranten einbe­zogen werden.

Wie können Städte ihre Räume und Dienst­leis­tungen so anpassen, dass sie die kultu­rellen Bedürf­nisse und Erfah­rungen viel­fäl­tiger Gemein­schaften wider­spie­geln?

Mendoza: Eine zentrale Heraus­for­de­rung besteht darin, kultu­relle Ange­mes­sen­heit zu erreichen: Elemente in die gebaute Umwelt zu inte­grieren, die für Menschen unter­schied­li­cher kultu­reller Hinter­gründe einladend und passend sind.

Marconi: Es ist entschei­dend, Barrieren abzubauen, die Menschen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund den Zugang zu Schulen, Gesund­heits­ver­sor­gung, Biblio­theken und anderen öffent­li­chen Dienst­leis­tungen erschweren. Dazu gehört sowohl die Entwick­lung migra­ti­ons­spe­zi­fi­scher Angebote als auch die Befä­hi­gung von Menschen, bestehende Regel­an­ge­bote zu verstehen und zu nutzen. Gleich­zeitig müssen öffent­liche Insti­tu­tionen ihre Kapa­zi­täten ausbauen. Fach­kräfte im Dienst­leis­tungs­be­reich benötigen die richtigen Werkzeuge und ein Verständnis für viel­fäl­tige Bedürf­nisse – insbe­son­dere in sensiblen Bereichen wie dem Gesund­heits­wesen, wo Sprach- und Kultur­un­ter­schiede erheb­liche Heraus­for­de­rungen darstellen können. Schulen sind ein gutes Beispiel dafür, wie Inte­gra­tion erfolg­reich gelingen kann. Grund­schulen in ganz Europa haben Praktiken über­nommen, die gegen­sei­tiges Lernen und kultu­relles Verständnis fördern. In zunehmend diversen Klas­sen­zim­mern gehen die Lehr­kräfte oft mit kreativen Ansätzen voran. So lernen Schü­le­rinnen und Schüler etwas über ihre Herkunfts­länder, indem sie gemeinsam Gerichte der Eltern probieren oder sich mit fami­liären Tradi­tionen ausein­an­der­setzen. Diese kleinen, aber bedeu­tungs­vollen Gesten helfen dabei, Brücken zwischen Kulturen zu bauen.

Foto: Heinz Baumann, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)

Wie können inklusive Gestal­tung und Politik sowohl die Rechte als auch die Würde der verletz­lichsten Mitglieder der Gesell­schaft wahren und stärken?

Marconi: Wir sollten verstehen, dass wir, wenn wir die Rechte einer Gruppe innerhalb der Gesell­schaft aushöhlen, letztlich die Rechte aller aushöhlen. Ich denke dabei etwa an Sitzbänke mit Trenn­stegen, auf denen man zwar sitzen, aber nicht liegen kann. In Italien haben viele Kommunen sogar begonnen, Bänke ganz zu entfernen, um zu verhin­dern, dass sich Menschen dort versam­meln. Doch wenn Bänke aus dem öffent­li­chen Raum verschwinden, wird auch allen anderen die Nutzung dieses Raums verwehrt – auch mir, wenn ich müde bin, meiner Groß­mutter oder Reisenden. Wenn wir die Rechte anderer verwei­gern, unter­graben wir womöglich auch unsere eigenen.

Mendoza: Ich stimme voll­kommen zu. Verletz­liche Bevöl­ke­rungs­gruppen, wie zum Beispiel obdach­lose Menschen, sind besonders betroffen, wenn Stadt­ge­stal­tung nicht inklusiv ist oder es an räum­li­cher Gerech­tig­keit fehlt. Und das betrifft nicht nur die Gestal­tung. Es beginnt alles mit poli­ti­schen Entschei­dungen, die Gestal­tung folgt dann lediglich und spiegelt die poli­ti­schen Rahmen­be­din­gungen, die Haltung oder den Blick auf bestimmte Gruppen in der Stadt wider.

Marconi: Man kann es auch anders­herum betrachten: Wenn wir den Fokus darauf legen, inklusive Räume für benach­tei­ligte Menschen zu schaffen, werden diese Räume meist für alle inklusiv. Wenn wir die Bedürf­nisse derje­nigen in den schwie­rigsten Lebens­lagen berück­sich­tigen, sei es beim Zugang zu Wohnraum, zu Dienst­leis­tungen oder zu öffent­li­chen Räumen, fördern wir zugleich räumliche und soziale Gerech­tig­keit.

Mendoza: Jeder Mensch hat das Recht, in der Stadt mit einem Gefühl der Bestän­dig­keit und Zuge­hö­rig­keit zu leben. Es reicht nicht aus, „Migran­ten­ein­rich­tungen“ oder „vorüber­ge­hende Unter­künfte für Migranten“ zu schaffen. Wir haben die Verant­wor­tung, Nach­bar­schaften zu schaffen: Räume, die kontext­ab­hängig, anpas­sungs­fähig und parti­zi­pativ sind. Wenn wir eine erfolg­reiche Inte­gra­tion wollen, sollten wir von Anfang an alles richtig machen.

Welche Möglich­keiten gibt es denn für kommunale Akteure, um nach­hal­tige Stra­te­gien zur Inte­gra­tion zu entwi­ckeln, insbe­son­dere im Bereich des Wohnens?

Mendoza: Die Kommunen spielen im Inte­gra­ti­ons­pro­zess eine entschei­dende Rolle. Idea­ler­weise sollten sie vonein­ander lernen, indem sie verglei­chende oder Längs­schnitt­stu­dien durch­führen, die die Entwick­lung der Inte­gra­tion im Laufe der Zeit verfolgen. Besonders wichtig sind Koor­di­nie­rungs­me­cha­nismen zwischen Kommu­nal­ver­wal­tungen, die mit ähnlichen Migran­ten­gruppen zu tun haben. Durch die Zusam­men­ar­beit können sie sich über bewährte Verfahren austau­schen, kontext­spe­zi­fi­sche Heraus­for­de­rungen iden­ti­fi­zieren und gemeinsam inte­gra­tive Stra­te­gien unter Verwen­dung parti­zi­pa­tiver und quali­ta­tiver Methoden entwi­ckeln. Die Entwick­lung von indi­ka­tor­ba­sierten Rahmen­werken würde wertvolle Erkennt­nisse darüber liefern, welche Stra­te­gien wirksam sind und welche nicht.

Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist Barcelona. Während der neun­jäh­rigen Amtszeit des ehema­ligen Bürger­meis­ters richtete die Stadt ein „Refugee City Office“ ein, das sich auf Inte­gra­tion konzen­trierte. Obwohl Barcelona nur eine geringe Zahl von Neuan­kömm­lingen aufnahm, verfolgte die Stadt einen proak­tiven Ansatz: sie ermit­telte den Bedarf, stellte vorüber­ge­hende Unter­künfte bereit, verbes­serte Inte­gra­ti­ons­mo­delle und bot Sprach- und Orien­tie­rungs­kurse an. Vor allem aber bemühte man sich bewusst darum, den Migran­tinnen und Migranten selbst zuzuhören. Klar defi­nierte Rollen für die kommu­nalen Akteure sind uner­läss­lich. In Fällen, in denen die Kommu­nal­ver­wal­tungen versagen, springen häufig NGOs ein. Idea­ler­weise sollte es jedoch eine enge Abstim­mung und Zusam­men­ar­beit zwischen den Kommu­nal­be­hörden und den Gemein­schafts­or­ga­ni­sa­tionen geben.

Marconi: Wohnraum ist ein wichtiges Thema, mit dem wir uns seit mehreren Jahren an der Univer­sität Venedig befassen. Die zentrale Heraus­for­de­rung besteht darin, einen gleich­be­rech­tigten Zugang zu Wohnraum für alle zu gewähr­leisten. Dabei sind vor allem zwei Bereiche zu berück­sich­tigen: der öffent­liche Wohnungsbau und der private Miet­woh­nungs­markt. Die Verfüg­bar­keit von Sozi­al­woh­nungen variiert in Europa stark. In Ländern wie Italien sind nur etwa vier Prozent des Wohnungs­be­stands öffent­lich, was bei weitem nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Dies führt häufig zu einem Wett­be­werb unter den Armen. Noch schlimmer ist, dass einige Kommu­nal­ver­wal­tungen proble­ma­ti­sche Maßnahmen ergreifen. So wird beispiels­weise gefordert, dass die Bewerber seit 15 Jahren in der Gegend wohnen müssen. Solche Kriterien schließen Migran­tinnen und Migranten effektiv aus. Dies sind insti­tu­tio­nelle Formen der Ausgren­zung, die wir entschieden ablehnen.

Das eigent­liche Schlacht­feld ist jedoch der private Wohnungs­markt, auf dem Vorur­teile weit verbreitet sind. Beim Unwillen, an „Ausländer“ zu vermieten, gibt es teilweise rassis­ti­sche Hier­ar­chien: Dieje­nigen, die als „näher“ an der Mehr­heits­be­völ­ke­rung wahr­ge­nommen werden, stoßen manchmal auf weniger Hinder­nisse. Die Reaktion der Zivil­ge­sell­schaft spielt daher eine entschei­dende Rolle. NGOs, gesell­schaft­liche und poli­ti­sche Initia­tiven fördern den gleich­be­rech­tigten Zugang und bekämpfen diskri­mi­nie­rende Praktiken. Eine wirksame Strategie besteht darin, nicht nur finan­zi­elle Garantien zu bieten, sondern auch kultu­relle und sprach­liche Vermitt­lung. Viele Vermie­te­rinnen und Vermieter sind nicht feind­selig einge­stellt, sondern haben lediglich Angst vor Kommu­ni­ka­ti­ons­bar­rieren, Sach­schäden oder recht­li­chen Kompli­ka­tionen. Mediation schafft Vertrauen und verwan­delt anfäng­li­ches Zögern oft in eine lang­fris­tige Zusam­men­ar­beit. Zu den viel­ver­spre­chenden Ansätzen gehört auch die stra­te­gi­sche Planung, bei der unge­nutzte Gebäude zu kommu­nalen Zentren umfunk­tio­niert werden. Auf diese Weise bleiben diese Räume über die Notfall­phase hinaus wertvolle öffent­liche Güter.

Wie können sich Wohn­in­itia­tiven für Migranten von kurz­fris­tigen Lösungen zu nach­hal­tigen Lösungen entwi­ckeln und welche Art der Zusam­men­ar­beit zwischen öffent­li­chen, privaten und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteuren ist erfor­der­lich, um diesen Wandel zu ermög­li­chen?

Marconi: Eine große Heraus­for­de­rung beim Thema Wohnen besteht darin, dass die Kommu­nal­ver­wal­tungen oft zu sehr auf die alltäg­li­chen Anfor­de­rungen konzen­triert sind, um eine lang­fris­tige Inte­gra­tion zu planen. Im Gegensatz dazu arbeiten NGOs im Entwick­lungs­sektor seit langem daran, diese Lücke zu schließen, indem sie oft private Vermieter ermutigen, an Migran­tinnen und Migranten zu vermieten. Ein gutes Beispiel hierfür ist ein vom Norwe­gi­schen Flücht­lingsrat in Grie­chen­land gelei­tetes Programm. Die Initia­tive zielte darauf ab, Anreize für Immo­bi­li­en­be­sitzer zu schaffen, an Asyl­be­wer­be­rinnen und ‑bewerber zu vermieten, indem kosten­lose Reno­vie­rungs­ar­beiten angeboten wurden. Im Gegenzug verpflich­teten sich die Vermie­te­rinnen, mit der NGO einen Miet­ver­trag mit einer Mindest­lauf­zeit von fünf Jahren zu unter­zeichnen und ihre Immobilie an einen Asyl­be­wer­benden zu vermieten. Auf diese Weise entstand eine für beide Seiten vorteil­hafte Verein­ba­rung: Die Vermieter, von denen viele von der grie­chi­schen Finanz­krise betroffen waren, bekamen reno­vierte Wohnungen und garan­tierte Miet­ein­nahmen, die von der NGO finan­ziert wurden, während die Asyl­be­werber Zugang zu sicherem Wohnraum erhielten. Was als Notmaß­nahme begann, entwi­ckelte sich allmäh­lich zu einem stabilen, lang­fris­tigen Unter­brin­gungs­mo­dell. Das Programm war in Athen nach der syrischen Flücht­lings­krise besonders erfolg­reich und führte zur effek­tiven Nutzung vieler zuvor leer­ste­hender Wohnungen. Programme wie dieses zeichnen sich dadurch aus, dass sie sowohl den Einwan­dernden als auch den lokalen Gemein­schaften zugu­te­kommen und somit eine nach­hal­tige und inte­gra­tive Lösung für das Wohnungs­pro­blem darstellen.

Mendoza: Ein weiteres Beispiel ist die Akti­vie­rung leer­ste­hender Wohn­ein­heiten, wie nach der Immo­bi­li­en­krise 2008 in Spanien. Viele leer­ste­hende Wohnungen befanden sich im Besitz von Banken. Die Kommunen konnten eine Schlüs­sel­rolle spielen, indem sie solche Wohnungen erwerben oder anmieten und sie für gefähr­dete Gruppen wie Migran­tinnen und Menschen, die von Obdach­lo­sig­keit oder prekären Wohn­ver­hält­nissen betroffen sind, zur Verfügung stellen. Auch das Konzept der Über­gangs­woh­nungen muss neu überdacht werden. Sie dienen als Notlösung, aber es müssen klarere Wege zu dauer­haften Lösungen geschaffen werden. In Städten wie Barcelona werden bei der Ankunft Wohnungen zur Verfügung gestellt, aber ihre Zahl reicht bei weitem nicht. Viele Menschen werden daher von NGOs unter­ge­bracht, die mit der Stadt­ver­wal­tung zusam­men­ar­beiten. Die Unter­künfte sind in normale Wohn­ge­bäude inte­griert, sodass bereits ein gewisses Maß an Inte­gra­tion gegeben ist. Damit solche Systeme funk­tio­nieren, ist jedoch eine Allianz zwischen verschie­denen Akteuren erfor­der­lich: Stadt­ver­wal­tungen, NGOs, Anwohner und der Privat­sektor.

Foto: Christian Lanz, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)

Welche positiven Beispiele gibt es für eine erfolg­reiche Zusam­men­ar­beit zwischen Kommunen und NGOs bei der Verbes­se­rung des Zugangs zu Wohnraum für Migranten und gefähr­dete Gruppen?

Marconi: Ein positives Beispiel ist ein aus dem Migra­tions- und Inte­gra­ti­ons­fonds finan­ziertes Projekt, das vor etwa 18 bis 20 Monaten abge­schlossen wurde. Die Stadt­ver­wal­tung von Padua leitete das Projekt, das sich auf einen verbes­serten Zugang zu Wohnraum konzen­trierte. In einer Part­ner­schaft mit NGOs wurden Wohnungen gesucht. Den Vermie­te­rinnen wurden sowohl finan­zi­elle als auch nicht-finan­zi­elle Garantien angeboten. Die Miet­zu­schüsse wurden nach einem Stufen­mo­dell gewährt: Die Gemeinde übernahm in den ersten sechs Monaten 100 Prozent der Miete, in den nächsten drei Monaten 50 Prozent und in den letzten drei Monaten 25 Prozent. Danach über­nahmen die Miete­rinnen und Mieter die vollen Zahlungen. Während dieser Über­gangs­phase boten die NGOs den Migranten kultu­relle und sprach­liche Unter­stüt­zung an, erläu­terten die Miet­ver­träge und halfen bei der Inte­gration in die Gemein­schaft, durch lokale Orien­tie­rungs­hilfen und Aufklä­rung über Müll­tren­nung. Das Projekt zielte nicht nur darauf ab, die wirt­schaft­liche Not zu lindern, sondern auch, auf die Diskri­mi­nie­rung auf dem Wohnungs­markt zu reagieren. Insgesamt wurde nur eine kleine Zahl an Wohnungen vermietet, aber mit bedeu­tender Wirkung. Leider wurde das Programm nach Auslaufen der Finan­zie­rung nicht im Rahmen der regulären Politik fort­ge­setzt. Eine parallele Studie der Univer­sität zeigt aber, dass dieser Ansatz kosten­ef­fi­zi­enter ist als Notun­ter­künfte.

Mendoza: Ein gutes Beispiel ist die Stadt Barcelona, in der trotz eines poli­ti­schen Wechsels die Inte­gra­ti­ons­be­mü­hungen in der Kommu­nal­ver­wal­tung fort­ge­setzt wurden. Das 2015 ins Leben gerufene Programm „Plan Corsica“ unter­stützt die soziale Inte­gra­tion von Asyl­be­wer­bern über den anfäng­li­chen Zeitraum von sechs Monaten hinaus, indem es eine bedarfs­ge­rechte Unter­brin­gung für Einzel­per­sonen und Familien bietet, in der die Menschen bis zu einem oder zwei Jahren nach Erhalt des Asyls bleiben können. Das Programm deckt die Ausgaben und bietet indi­vi­du­elle Unter­stüt­zung, einschließ­lich sozialer und psycho­lo­gi­scher Hilfe, Rechts­be­ra­tung, Hilfe bei der Einschu­lung der Kinder, Sprach­kurse und Unter­stüt­zung bei der Arbeits­suche. Die Ergeb­nisse sind positiv und belegen ein hohes Maß an sozialer Inte­gra­tion und Autonomie der Teil­neh­menden. Neben den kommu­nalen Sozi­al­diensten in den Vierteln waren zahl­reiche lokale Einrich­tungen und NGOs an dem Programm beteiligt. Die Kombi­na­tion aus Unter­brin­gung und profes­sio­neller Unter­stüt­zung zeigt, dass die Flücht­lings­hilfe umfas­sendes kommu­nales Enga­ge­ment und ein Netzwerk zusam­men­ar­bei­tender Orga­ni­sa­tionen erfordert.

Wie kann Archi­tektur und Stadt­pla­nung zur Förderung von Vielfalt, Gerech­tig­keit und Zuge­hö­rig­keit in Städten beitragen?

Marconi: Ich denke, dass Plane­rinnen, Urba­nisten und Archi­tekten auf die Schaffung inte­gra­tiver Städte hinar­beiten sollten. Das bedeutet, dass wir jeder Tendenz zur Ghet­toi­sie­rung benach­tei­ligter Gruppen entge­gen­wirken müssen. Wir sollten versuchen, soziale und räumliche Stig­ma­ti­sie­rung zu vermeiden. Es ist wichtig, einen Ortsbezug und ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit zu ermög­li­chen, indem wir Räume schaffen, die den Menschen helfen, sich mit ihrer Umgebung verbunden zu fühlen.

Mendoza: Die Schaffung inklu­siver Städte ist das Ziel von Städtebau und die Essenz unserer Arbeit. Jane Jacobs hat es meiner Meinung nach sehr treffend ausge­drückt, als sie sagte, dass Städte nur dann funk­tio­nieren können, wenn sie für alle konzi­piert sind. Städte haben die Fähigkeit, allen etwas zu bieten, aber nur, wenn sie von allen gestaltet werden. Die Planung muss also parti­zi­pativ und inte­grativ sein. Wenn wir das nicht erreichen, dann machen wir unsere Arbeit nicht gut.

Foto: Heinz Baumann, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)
Foto: Heinz Baumann, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)
Foto: Christian Lanz, Bild­ar­chiv ETH-Biblio­thek Zürich (CC BY-SA 4.0)