Platz für Neues

Initia­tive fordert Umdenken beim Leipziger Leuschner-Platz

Ein nahezu leerer Platz in inner­städ­ti­scher Lage – in welcher deutschen Großstadt gibt es so etwas noch? Der Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig, südlich an den Innen­stadt­ring angren­zend, ist so ein Platz. Ein Filet­stück, insbe­son­dere in einer schnell wach­senden Stadt. Grund genug, bei der Neube­bauung besondere Umsicht walten zu lassen. Die „Initia­tive Leipziger Archi­tekten“, ein Zusam­men­schluss aus Mitglie­dern des BDA Sachsen, des Bundes Deutscher Baumeister, Archi­tekten und Inge­nieure und weiterer Verei­ni­gungen, bezwei­felt, dass die gebotene Rücksicht bei den städ­ti­schen Planungs­ver­ant­wort­li­chen tatsäch­lich besteht und wendet sich jetzt mit einem Alter­nativ-Vorschlag zum bereits bestehenden Bebau­ungs­plan-Entwurf an die Öffent­lich­keit.

Anlass ist eine Abstim­mung am 16. Dezember im Stadtrat über die neuen Leit­li­nien für den Platz. Die Grundlage soll ein Bebau­ungs­plan-Vorent­wurf sein, der 2010 von Petr Pelcák (Brno) und Ingo Andreas Wolf (Leipzig) entwi­ckelt wurde – unter voll­kommen anderen Vorzei­chen, nicht nur was die Gesamt­si­tua­tion der damals noch schrump­fenden Stadt betrifft. Zu der Zeit war auch noch geplant, eine monu­men­tale Fläche für ein Einheits- und Frei­heits­denkmal vorzu­halten, das nun aller­dings nicht errichtet wird. Dessen unge­achtet hält die städ­ti­sche Verwal­tung am Bebau­ungs­plan-Vorent­wurf fest.

Die Initia­tive will in ihrem Alter­na­tiv­vor­schlag ein urbanes „Binde­glied zwischen Innen- und Südvor­stadt“ entwi­ckeln. Sie schlägt vor, die im derzei­tigen B‑Plan-Entwurf frei­ge­hal­tene Fläche an der Westseite des Platzes deutlich zu verklei­nern und sie östlich mit vier Quar­tieren, die sich um Innenhöfe grup­pieren, zu begrenzen. Maßgeb­lich sind der histo­ri­sche Grundriss und auch bereits bestehende Infra­struk­turen. „Schon die ökolo­gi­sche Vernunft gebietet es, erst erschlos­sene Bauflä­chen sinnvoll zu nutzen, bevor man neue Bauge­biete ausweist“, heißt es im Erläu­te­rungs­text. „Dies trifft auch für die sicher­lich aufwen­dige Über­bauung der S‑Bahnstation zu, die allein durch die damit verbun­dene privi­le­gierte Erschlie­ßung einen sehr hohen Gegenwert erfährt.“ Nicht zuletzt spielten ökono­mi­sche Argumente eine Rolle: „Auch für die kommu­nalen Finanzen ist es ratsam, die Baugrenzen sinnvoll auszu­schöpfen. Dadurch werden Kauf­er­löse erzielt, Herstel­lungs- und Unter­halts­kosten für Frei­flä­chen vermieden und letzt­end­lich durch die Nutzung dauerhaft Steu­er­erlöse generiert.“

Der Leuschner-Platz hat eine bewegte Geschichte: Bis in die 1940er Jahre ein klein­teilig bebautes Quartier um den damaligen „Königs­platz“, mit Markt­halle und rundem Panorama-Bau, wurde das Areal im Zweiten Weltkrieg groß­flä­chig zerstört. Während die Ecke Harkort­stra­ße/M­artin-Luther-Ring bis zur Einmün­dung der histo­ri­schen Nonnen­mühl­gasse in den 1990er Jahren mit Büro­häu­sern bebaut wurde, blieben die rest­li­chen Flächen Brachen.

Bis heute wird der Platz, obwohl so prominent gelegen, von den Leip­zi­gern kaum überquert, geschweige denn als Aufent­halts­fläche genutzt. Zugänge und Übergänge gibt es erst seit Kurzem, in der Wahr­neh­mung der meisten Leute ist der Platz nach wie vor ein unde­fi­nierter Freiraum mit einer verwor­renen Ansamm­lung aus Park­plätzen, Gebüsch, dem unge­nutzten ehema­ligen Bowling­center aus den 1980er Jahren und hier und da einem tempo­rären Veran­stal­tungs­zelt. Erst in den letzten Jahren wurde der Platz zur Fläche, um die man mit Verve und nicht selten poli­ti­schen Argu­menten stritt: Nach verschie­denen Bürger­werk­stätten, Kunst-Wett­be­werben und Umfragen wurde 2012 ein Wett­be­werb für ein „Freiheits- und Einheits-Denkmal“ ausge­schrieben, aus dem zwar ein Sieger hervor­ging (M + M, München, ANNABAU, Berlin). Doch nach einigen büro­kra­ti­schen Volten, juris­ti­schen Verfahren und ungeahnt heftigen Bürger­pro­testen wurde das Verfahren 2014 ergeb­nislos für beendet erklärt. 2013 wurde die S‑Bahn-Station von Max Dudler einge­weiht, dessen unter­ir­di­sche Halle durch ihre gestal­te­ri­sche Konse­quenz und Strenge durchaus überzeugt – der obere Eingang hingegen wirkt im Moment wie ein verse­hent­lich liegen­ge­las­sener Riesen-Quader auf der Weite des großen Platzes (ein Quartier des Alter­nativ-Entwurfes soll den Ausgang inte­grieren). Erst vor einigen Monaten wurde der Kirchen­neubau St. Trini­tatis (Schulz und Schulz, Leipzig) einge­weiht, der auf dem histo­ri­schen Grundriss eines Kauf­hauses steht und den Platz zusammen mit einem noch zu errich­tenden Quartier an der Westseite seine Fassung zurück­gibt. Ein erster Anfang auf dem Weg zum neuen alten Leuschner-Platz, der 2013 einen Namens­zu­satz bekommen hat, der momentan vor allem an das nicht reali­sierte Denkmal erinnert: „Platz der fried­li­chen Revo­lu­tion“.

Juliane Richter

Abbil­dungen: Initia­tive Leipziger Archi­tekten, copyright: Ronald R. Wanderer, Adalbert Haberbeck, Uwe Brösdorf;
Juliane Richter;
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