Räume der Reflexion

Wo findet Philo­so­phie statt?

Inwiefern hängt der Akt des Denkens von konkreten archi­tek­to­ni­schen Dispo­si­tionen ab? Kann man überall philo­so­phieren oder bedarf es geeig­neter Räume? Dies ist eine genuin philo­so­phi­sche Frage, denn zu ihrer Beant­wor­tung muss geklärt werden, was unter „Archi­tektur“ und „Denken“ bezie­hungs­weise „Philo­so­phie“ zu verstehen ist. Zwar erscheint es intuitiv plausibel anzu­nehmen, dass man in jedwedem Ort denken, reflek­tieren, „Philo­so­phie machen“ kann – beim Kochen, im Keller, auf den Gipfeln des Himalayas – und doch ist es lohnens­wert zu über­prüfen, ob die Art und Weise, wie Philo­so­phie prak­ti­ziert wird, von Archi­tek­turen abhängt.

Akademien, Gymnasien und Biblio­theken

Die Philo­so­phie, so scheint es, ist aus der körper­li­chen Betä­ti­gung entstanden. In der altgrie­chi­schen Zeit war die Gymnastik (altgrie­chisch gymnos, nackt) ein Ort für freie körper­liche und geistige Übungen. Das Wort „Schule“ stammt aus dem Altgrie­chi­schen σχολή (scholé) und bedeutet freie Zeit, Muße, Faulheit. Der zentrale Raum der Gymnastik war die Palaistra1 – ein recht­eckiger, meist zum Himmel offener Innenhof, umgeben von über­dachten Kolon­naden, dem so genannten Peristyl. Die Gymnasien waren öffent­liche Gebäude. Sie enthielten Renn­stre­cken, ein Sphai­ris­tèrion, das für das Training der Boxer reser­viert war, eine Konima für die Ringer und einen Platz, der andere Übungen wie das Springen erlaubte; und „neben dem Dampfbad ein für die Schwimmer geöff­netes Schwimmbad“.2Eine Liste zur Konstruk­tion einer idealen Palaistra findet sich bei Vitruv. ↩︎Delorme, Jean: Gymnasion, Étude sur les monuments consacrés à l’éducation en Grèce (des origines à l’Empire romain), Paris 1960, S. 254 f. ↩︎

Eines dieser Gymnasien, die Akademie („akademeia“), nord­west­lich des Stadt­zen­trums von Athen, war mit schönen Bäumen bepflanzt worden.3 In der Mitte befand sich eine von heiligen Oliven­bäumen markierte Renn­strecke, von schat­tigen Wegen umgeben. Nach seiner Rückkehr aus Sizilien im Jahre 387 v. Chr. eröffnete Platon dort seine Schule und reser­vierte einen Schrein (τεμενος) für die Musen.4 Tägliche körper­liche Übungen und die Sammlung von Truppen zwangen Platon, seine Lehre aus der Akademie in einen Garten zu verlegen, den er in der Nähe, in Kolonos Hippios, besaß.5Aris­to­phanes: Wolken, v. 1005. ↩︎Olym­pio­dore: Vit. Plat., 4, S. 1, S. 14. ↩︎Diogenes Laertius, III, 5; einer seiner Schüler namens Mithri­dates ließ ein Bild Platos von dem Künstler Silanion anfer­tigen (Diog. Laert, III, 25}. ↩︎

W. Stuart Thompson & Phelps Barnum, Rekon­struk­tion der Stoa des Attalos, Athen, Grie­chen­land 1952 – 1965, Foto: SiaKou96 (via Wikimedia /  CC BY-SA 4.0)

Die Plato­ni­sche Akademie bildet damit die älteste und dauer­haf­teste Insti­tu­tion ihrer Art in Grie­chen­land. Der Unter­richt fand teils auf Platons Gelände, teils im nahe­ge­le­genen öffent­li­chen Gymnasion statt. Die Frage, inwieweit der Wissens­transfer formal orga­ni­siert war und in welcher Form er stattfand, ist umstritten, insbe­son­dere im Hinblick auf die Rolle der Lehr­ver­an­stal­tung. Die Lektion war in der Regel kostenlos, und der Grundsatz der Gleich­heit der Lernenden wurde ange­strebt, was für die damalige Zeit unge­wöhn­lich war. So fehlte tenden­ziell eine soziale Rang­ord­nung nach Abstam­mung, Herkunft und Geschlecht. Zwei Schü­le­rinnen Platons, die anschei­nend Männer­klei­dung trugen und später auch Bücher schrieben, waren Axiothea von Phleius und Lasthe­neia von Mantineia.

Solche Gymnasien befanden sich vorzugs­weise in einer schönen Umgebung und, wenn möglich, in der Nähe von Wasser. Mehrere plato­ni­sche Dialoge nutzten diese szeni­schen Reize für ihre lyrische Rahmung. Die Schul­mit­glieder verstanden sich als lebendige Gemein­schaft, die sich in gemein­samen Mahl­zeiten, Symposien und Festivals ausdrückte. Das Lykeion war einer der Lieb­lings­plätze von Sokrates, der gerne Gymnastik und Palästren beob­ach­tete. Auch hier traf er sein Publikum. Im fünften Jahr­hun­dert bestand das Lykeion aus einer Gruppe von offenen Konstruk­tionen, die sich um einen Freiraum konzen­trierten, umgeben von weit­läu­figen Plantagen und einem Kanal­system. Es ist wahr­schein­lich, dass der Maler Kléagoras die Wände des Lyzeums mit alle­go­ri­schen Darstel­lungen verziert hat.6Auf den Spuren von Sokrates machten es mehrere Philo­so­phen, darunter Prot­agoras, zu ihrem Lehr­zen­trum.7 Aris­to­teles gründete dort 335 v. Chr. zusammen mit seinem Freund Theoprast eine Schule.8 Wegen ihrer Gewohn­heit, während der Diskus­sion im Peripatos, der Säulen­halle, herum­zu­laufen, wurden Aris­to­teles und seine Anhänger „Peri­pa­tetikoi“ genannt. Sokrates besuchte die Jugend­li­chen auch in einem anderen Gymnasion, dem Kyno­sarges. Sein Schüler Anti­sthenes gründete dort die kynische Schule. Auch Diogenes war einst sein Schüler. Nicht wenige seiner Nach­folger blieben diesem Garten treuer als den Lehren des Meisters.9 Die Stoa, gegründet von Zenon von Kition, entstand in der Stoa Poikile, der bemalten Säulen­halle, die im 5. Jahr­hun­dert v. Chr. errichtet wurde und sich an der Nordseite der alten Agora von Athen befindet.10 Zenon lehrte dort und hielt von dieser Stoa aus, die eine dorische Säulen­fas­sade und eine ionische Innen­ko­lon­nade hatte, Vorträge vor Anhängern und Zufalls­pu­blikum.Xenophon: Anabasis, VIII, 8, S. 1. ↩︎Diogenes Laertius: IX, S. 54. ↩︎Cicero: Academici, S. 17. ↩︎Wie es die „Häresie“ von Ariston von Chios beweist. Siehe: Diogenes Laertius, VII, 2, S. 161. ↩︎Ursprüng­lich die Veranda von Peisianax genannt (Πεισιανάκτειος στοά). ↩︎

Epikur gründete seine Schule nach seiner Rückkehr nach Athen im Jahr 306 v. Chr., als die Demo­kratie wieder­her­ge­stellt worden war. Er kaufte einen Garten mit einer kleinen Villa in den Athener Vororten und öffnete ihn für alle, die bereit waren, eine Gemein­schaft in seinem Geiste zu bilden. Epikur soll 200 Schüler angezogen haben. Die Schule hieß Ho Kepos, „der Garten“. Den Gästen wurden aller Komfort, Wasser und Brot angeboten. Im Gegensatz zur Moral seiner Zeit nahm er unter seinen Gästen und Studenten auch Ehepaare, Hetären und Sklaven auf.

Das erste Auftreten einer Exedra – eines halb­kreis­för­migen oder recht­eckigen Unter­richts­raums mit Bänken an drei Wänden – in einer Bildungs­ein­rich­tung ging einher mit der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Lehre. Die Städte gewährten nun ihre offi­zi­elle Schirm­herr­schaft für den philo­so­phi­schen Unter­richt, der dort zuvor privat erteilt wurde. Zur Hoch­schule befördert, wurden die Gymnasien dann mit solchen Exedren und mit Biblio­theken ausge­stattet.11Delorme, 1960: S. 328, S. 331. ↩︎

Raffael, Die Schule von Athen, Stanza della Segnatura, Vatikan 1510 – 1511

Die beein­dru­ckendste syste­ma­ti­sche Konstruk­tion der Antike zur Förderung der philo­so­phi­schen Forschung war das Museion von Alex­an­dria. Die Archi­tektur des Museion wurde als Einrich­tung einer philo­so­phi­schen Gemein­schaft konzi­piert und verkör­perte ein Idealbild wissen­schaft­li­cher Forschung. Die Grund­über­zeu­gung, die diese Konstruk­tion leitete, scheint gewesen zu sein, dass sich Wissen­schaft kollektiv in einem System von Gebäuden reali­siert. Das Museion kombi­nierte Gebäu­de­typen im Hinblick auf die Produk­tion von Wissen. Diese wurde wie an einer Monta­ge­linie aufge­reiht: das Gebäude für die formale, wissens­ba­sierte Kommu­ni­ka­tion (Lehre und Dispu­ta­tion), genannt Exedra, dessen vierte Seite offen zu einer Kolonnade führt; das Trik­li­nium, der Saal für die Mahl­zeiten, wurde mit einer Holzdecke ausge­stattet, die von Säulen getragen wurde und den Blick auf den Himmel freigab; die von Bäumen gesäumte Allee, der Peripatos, für den inneren Dialog der Gelehrten beim Auf- und Abbewegen, allein oder im Dialog mit anderen; die Biblio­thek – die große, berühmte Biblio­thek Alex­an­driens – bestand aus Regalen, die von Säulen und Bänken zum Lesen und Lernen umgeben waren; der große Saal in der Biblio­thek, genannt Oikos, für die Treffen aller Wissen­schaftler; die Hallen für die Einrich­tung wissen­schaft­li­cher Geräte und schließ­lich die gemein­samen Wohn- und Schlaf­be­reiche.

Die Geschichte der Philo­so­phie hört zum Glück nicht mit der Schlie­ßung der antiken philo­so­phi­schen Schulen unter der Herr­schaft des Chris­ten­tums auf. Zu den weiteren para­dig­ma­ti­schen Orten der Reflexion gehören später das Kloster mit dem Klos­terhof, die Stadt­bü­cherei, die Univer­si­täts­ge­bäude, öffent­liche Hörsäle, anato­mi­sche Theater, Labore, Salons.

Der akade­mi­sche Körper

In allen Beispielen – der Akademie, dem Lykeion, dem Kyno­sarges, der Stoa, dem Kepos und auch im Museion – wird der Körper des Philo­so­phen ebenso wie die Vorstel­lung, was es bedeutet zu philo­so­phieren, anders gedacht. Ebenso kontras­tieren die Vorstel­lungen des Philo­so­phie­rens als Grup­pen­ak­ti­vität und die Politik der philo­so­phi­schen Gemein­schaft auf offen­sicht­liche Weise: Und doch wird der sich denkend indi­vi­du­ie­rende Körper und das disku­tie­rende Kollektiv auf vergleich­bare Weise archi­tek­to­nisch präpa­riert. Der akade­mi­sche Körper wächst neben körper­li­chen Übungen, aber in einem exklu­siven, aris­to­kra­ti­schen Garten, weit weg von den städ­ti­schen Unruhen, durch Medi­ta­tion und Konzen­tra­tion ebenso wie durch intel­lek­tu­ellen Wett­streit. Der akade­mi­sche Körper hat viel Zeit und widmet sich dem Studium kano­ni­scher Texte. Er fügt sich in eine Schul­hier­ar­chie. Andere philo­so­phi­sche Schulen sind auf die Möglich­keit von Bewegung und Dialog ange­wiesen. Dort Philo­so­phie zu betreiben bedeutet, einen Spazier­gang durch den Garten zu machen, um die eigene und die umgebende Natur zu studieren. Der stoische Körper wird in städ­ti­sche Konflikte inves­tiert. Er benötigt dazu Geis­tes­ge­gen­wart und Ausge­gli­chen­heit, um die rheto­ri­sche Kraft konkur­rie­render Akti­vi­täten und Schulen, wie zum Beispiel der Sophisten, abzu­wehren. Die stoische Philo­so­phie will einen kosmo­po­li­ti­schen Körper ausbilden. Die epiku­rei­sche Garten­party nimmt den Körper des Philo­so­phen als sein Instru­ment an, auf dem er zu spielen lernt, wenn er angenehme Hand­lungen mit Gleich­ge­sinnten austauscht.

Die beiden in der Beschrei­bung solcher Schulen meist genannten Ressourcen sind Biblio­theken und Unter­richts­räume. Obschon ebenso notwendig, werden Küchen, Wein­keller oder Räume für Ruhe oder Schlaf kaum erwähnt. Die implizite Annahme aller betrach­teten Fälle scheint zu sein, dass die Philo­so­phie als buch­ba­sierter Unter­richt zwischen Profes­soren und Studenten gedeiht.

Kreuzgang des Klosters Eberbach, Foto: David Kasparek

Doch Philo­so­phie findet sicher­lich nicht einfach dort statt, wo Wissen über Philo­so­phie vermit­telt wird. Am stärksten wird im Epiku­reismus der Schwer­punkt auf die Bildung einer philo­so­phi­schen Gemein­schaft gelegt. Aber was auch immer eine solche philo­so­phi­sche Gemein­schaft von einer mysti­schen oder reli­giösen Sekte unter­scheidet, es ist sicher­lich kein ausrei­chendes Kriterium für die Praxis der Philo­so­phie. Neben dem Unter­richt und der Gemein­schafts­bil­dung sind die Arti­ku­la­tion von Zweifeln, die Debatte und die eigen­sin­nige Forschung wesent­lich. Die Beziehung der Archi­tek­turen zur Philo­so­phie scheint hier zu sein, dass sie die philo­so­phi­schen Trans­ak­tionen aufspalten; sie bieten einen relativ idealen Rahmen für Ruhe und Gespräch am Tag; sie plat­zieren die Aktivität als Absei­tig­keit, mit der Darstel­lung von Privat­sphäre, Freizeit und intel­lek­tu­eller Devianz. Sie bieten Einrich­tungen zum Unter­richten, Sprechen, Schreiben, Spazie­ren­gehen und Archi­vieren.

Auf den zweiten Blick scheint es auffällig, dass diese Aspekte den Anschein von Selbst­ver­sor­gung in Kombi­na­tion mit einem vom Intellekt bestimmten Körper erzeugen. Berück­sich­tigt man, wie die Vorstel­lung vom Garten und der Säulen­halle in Kreuz­gängen (Klos­ter­höfen) verschmilzt, sieht man, dass die Philo­so­phie davon abhängig zu sein scheint, in quadra­ti­schen Kreisen zu laufen und Bewe­gungen mit möglichst wenig Ablenkung zu wieder­holen, mühelose, sinnlose Bewe­gungen. Das Haupt­merkmal ist es, sich abzu­setzen – eine demons­tra­tive agonale Haltung, auch wenn es um die Kulti­vie­rung von Freuden als soziale Distink­tionen geht.

Was ist Philo­so­phie?

Es wäre verlo­ckend, ein ideales Gebäude zu entwerfen, das diese Art von Philo­so­phie erleich­tert, fördert und bekannt macht. Oder, dialek­tisch, an eine Archi­tektur zu denken, die diese philo­so­phi­sche Praxis massiv negiert oder unmöglich macht. Drittens könnte man versuchen, ein Konzept der Philo­so­phie auf der Grundlage der Archi­tektur zu skiz­zieren, das heißt, die Frage „Was ist Philo­so­phie?“ zu beant­worten durch eine Beschrei­bung der notwen­digen Merkmale ihrer Archi­tektur als äußerer Bedin­gungen der Möglich­keit. Die Arbeit der intel­lek­tu­ellen Auto­ri­täten in den frühen philo­so­phi­schen Schulen hat sicher kommu­ni­ka­tive, soziale und insti­tu­tio­nelle, aber auch raum­zeit­liche Aspekte. Man könnte Philo­so­phie als abhängig von bestimmten Medien, von spezi­fi­schen Insti­tu­tio­na­li­sie­rungen (einschließ­lich der Sprache) – und von Archi­tektur bezeichnen. Warum Archi­tektur? Analog zum Unter­schied zwischen jeder Art von agonaler Bewegung und Sport, der auf die Existenz eines Stadions oder einer anderen geeig­neten Sport­ar­chi­tektur zurück­zu­führen ist, könnte man sagen, dass das, was das Basteln an einem neuen Gedanken oder das Entwerfen einer Argu­men­ta­tion von echter Philo­so­phie trennt, die Existenz einer diskur­siven Arena ist, um eine Habermas’sche Haltung einzu­nehmen.

Was sind die notwen­digen und ausrei­chenden Kriterien für einen solchen Raum? Das notwen­dige Kriterium ist, dass es eine Ausstel­lung des Diskurses und einen Kampf mit Argu­menten ermög­licht. Das hinrei­chende ist, dass sich dieses Fort­treiben der Reflexion öffent­li­cher Kritik auslie­fert. Dieses Kriterium stellt die Philo­so­phie als eine diskur­sive Aktivität dar, es würde also um gelehrte Dialoge gehen, um die Möglich­keit, sich gegen­seitig mit Zweifeln zu konfron­tieren und Argumente zu testen, die schließ­lich aufge­nommen, aufge­schrieben und einer poten­zi­ellen Öffent­lich­keit präsen­tiert werden, die Zeugnis ablegt, lernt und als Schieds­richter agiert.

Was als Philo­so­phie gilt, im Gegensatz zu dem, was in anderen diskur­siven Arenen gesagt wird, geht über den para­dig­ma­ti­schen Glau­bens­satz hinaus, ist nicht leicht wider­legbar und kann trotz seiner Exzen­tri­zität der zukünf­tigen Über­zeu­gung dienen. Es muss also eine Möglich­keit geben, frei und unab­ge­si­chert zu sprechen. Ein Sprechen, das auf keine soziale Position und keine gemein­same Erfahrung rekur­riert. Besten­falls entwirft es Begriffe oder zeigt ein neuar­tiges Schema, das uns dazu bringt, die Welt in neuem Licht und viel­leicht ange­mes­sener wahr­zu­nehmen, zu vermit­teln und auszu­drü­cken. Ein entspre­chend ausrei­chendes Kriterium sollte es daher ermög­li­chen, eine philo­so­phi­sche Archi­tektur von einer juris­ti­schen oder parla­men­ta­ri­schen Struktur zu unter­scheiden.

Dieser Ansatz scheint nicht viel­ver­spre­chend, wenn man bedenkt, dass genau wie die lite­ra­ri­schen Formen der Philo­so­phie nicht fixiert sind und sich im Laufe der Zeit entwi­ckeln, von Dialogen, Briefen und langen Gedichten über Traktate bis hin zu Essays und Apho­rismen (einige würden Malerei und Film hinzu­fügen), die Orte, an denen die Philo­so­phie statt­findet, Kräften unter­liegen, die ihre zeit­li­chen Brüche und Para­dig­men­wechsel antreiben.

Wir könnten uns an den Vorschlag von Gilles Deleuze halten, Philo­so­phie als Inge­nieur­wis­sen­schaft der Begriffe zu defi­nieren. Ich finde das über­zeu­gend, aber diese Technik hat einige Voraus­set­zungen und notwen­dige Kontext­be­din­gungen und ist nicht mit einer Bastelei im geistigen Hobby­keller zu verknüpfen. Es ist ein kollek­tives Unter­fangen, das ein Streben nach heuris­ti­scher Kraft ebenso impli­ziert wie eine Debatte über die Stich­hal­tig­keit von Argu­menten und Darstel­lungs­formen.

Raffael, Die Schule von Athen, Stanza della Segnatura, Vatikan 1510 – 1511, Foto: Lure (CC 0)

Für alle denkbaren Philo­so­phien ist eine entspre­chende Archi­tektur nicht leicht zu erschließen. Vielmehr sollten wir uns der Grund­frage der Archi­tek­tur­phi­lo­so­phie zuwenden: Wie (mit welchen Verfahren) konzi­piert man Archi­tektur? Erwarten wir von der Archi­tektur, dass sie die ihr entspre­chende Philo­so­phie reprä­sen­tiert? Ist Archi­tektur als Symbol­system zu defi­nieren, das durch die räumliche Anordnung von plas­ti­schen Elementen Bedeutung vermit­telt? Hilft uns die Erfindung einer ange­mes­senen Reihe von Symbolen, die Schlüs­sel­bot­schaft des Plato­nismus zu lesen? Oder sollten wir glauben, dass Archi­tektur im Unter­schied zum bloßen Bauen und zum bloßen Inge­nieur­wesen Funk­tionen auf ästhe­ti­sche Weise erfüllt? Führt Archi­tektur zu Erfah­rungen, indem wir ein Ideal darstellen oder uns drängen, es reflex­artig zu erleben? Oder soll Archi­tektur als eine Macht­ma­schi­nerie verstanden werden, die nicht davon abhängt, anerkannt zu werden, sondern auf der Ebene von Körpern und affek­tiven Energien wirksam ist und schließ­lich psychi­sche Effekte durch Über­wa­chungs- und Kontroll­tech­no­lo­gien konstru­iert?

Hilft uns ein Raum der Reflexion, eine philo­so­phi­sche Haltung zu erfahren, weil er ästhe­tisch oder ethisch anspruchs­voll ist? Oder denken wir Archi­tektur als eine Maschine, die Philo­so­phen hervor­bringt – fast unfrei­willig und unab­hängig von Absichten und Symbolen, durch die Disziplin der Wände, Passagen und Bewe­gungs­rich­tungen oder durch die Zwänge der Wahr­neh­mung?

Das Denken befreien

Wollen wir eine Archi­tektur, die uns zum Nach­denken anregt, wie ein Denkmal, das im Idealfall alle zukünf­tigen Gene­ra­tionen zur Erin­ne­rung zwingt, oder wie ein „denkendes Monument“, das uns keine andere Wahl lässt, als zu reflek­tieren (ein Äqui­va­lent von Bruno Latours „Berliner Schlüssel“)? Wir erwarten von der Philo­so­phie, dass sie sich von Indok­tri­na­tion einer­seits und von gelehrter Konver­sa­tion ande­rer­seits unter­scheidet, denn wenn wir durch Indok­tri­na­tion als Subjekte produ­ziert werden, wären unsere Gedanken nicht unsere eigenen Gedanken. Und im zweiten Fall könnten die Gespräche durchaus angenehm sein, wären aber nur philo­so­phi­scher Klatsch oder ange­lernte Zitate, kein origi­näres Denken.

Dasselbe gilt auch für die Archi­tektur: Ich wäre weder zufrieden mit einer Archi­tektur, die haupt­säch­lich reprä­sen­tiert, noch mit einer, die mich zwingt, mich in einer bestimmten Weise zu verhalten, wahr­zu­nehmen und zu denken. Beide Möglich­keiten könnten als didak­tisch bezeichnet werden. Zwischen diesen beiden Optionen gibt es eine dritte, die ich zu vertreten versuche – nämlich die Archi­tektur als eine öffent­liche Ressource, als Struktur, die instand­setzt und erleich­tert, bezie­hungs­weise kollek­tives Handeln überhaupt erst ermög­licht: Archi­tektur ist ein Weg, um nicht auf funk­tio­nie­rende Reali­täten, sondern auf neue Möglich­keiten zu stoßen. Archi­tektur bedeutet: einen Anfang machen.

Und eine philo­so­phi­sche Archi­tektur wäre eine, die dies deutlich macht. Wir müssten eine Archi­tektur erfinden, die hilft, das Denken zu befreien, die uns selbst bewusst macht, was es bedeutet, auf Erden zu sein, bewusst, wie heikel und wertvoll mensch­liche Bezie­hungen sind, aufmerksam dafür, wie man freund­schaft­liche Bezie­hungen zu allen möglichen anderen Wesen entwi­ckelt; es wäre eine Archi­tektur, die uns die Voraus­set­zungen, Grund­lagen und Möglich­keiten unserer Existenz verstehen ließe. Sie ließe uns die Grund­lagen unserer Existenz im Denken, an Orten der Reflexion, freilegen.

Ein solches Archi­tek­tur­ver­ständnis ist Ergebnis philo­so­phi­scher Forschung. Archi­tek­tur­phi­lo­so­phie, wie ich sie verstehe, ist weder eine Spielart der Archi­tek­tur­theorie noch eine Unter­ab­tei­lung der Umwelt­ethik, der Ästhetik oder der Philo­so­phie der Technik. Solche Zuord­nungen neigen dazu, zu übersehen, auf welche drän­genden zeit­ge­nös­si­schen Fragen die philo­so­phi­sche Befragung der Archi­tektur reagiert. Archi­tektur, so scheint es mir, ist nicht nur ein weiteres indif­fe­rentes Thema für die Philo­so­phie, sondern erfordert eine gewisse Haltung.

Die archi­tek­tur­phi­lo­so­phi­sche Methode macht es erfor­der­lich, einen Schritt über den Konstruk­ti­vismus, den histo­ri­schen oder neuen Mate­ria­lismus und den Post­struk­tu­ra­lismus hinaus zu wagen. Zu den Grund­über­zeu­gungen gehört, dass Denken, Milieus und Umwelten von Bauwerken bedingt sind. Diese entstehen aus der Inter­ak­tion (mensch­lich, nicht­mensch­lich, materiell). Archi­tek­turen erzeugen Infra­struk­turen, indem sie Affor­danzen und Hand­lungs­felder erfinden, und bestimmen so die Realität, in der sich Körper, Wahr­neh­mungen, Bewe­gungen und Imagi­na­tionen entwi­ckeln.

Prof. Dr. Ludger Schwarte ist Professor für Philo­so­phie an der Kunst­aka­demie Düssel­dorf. Studium der Philo­so­phie, Literatur und Poli­to­logie in Münster, Berlin und Paris. Promotion (1997) und Habi­li­ta­tion (2007) im Fach Philo­so­phie an der FU Berlin. Wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter an der FU Berlin von 2000 bis 2006, Assis­tenz­pro­fessor an der Uni Basel von 2006 bis 2009. Professur für Theorie des Ästhe­ti­schen an der Zürcher Hoch­schule der Künste 2009. Forschungs­auf­ent­halte und Gast­do­zen­turen an der Univer­sität Paris 8 und am GACVS (Washington), an der Maison des Sciences de l‘Homme (Paris), an der Univer­sität Abidjan, an der Columbia Univer­sity (New York), an der EHESS (Paris) und am IKKM (Weimar). Arbeits­schwer­punkte: Ästhetik, poli­ti­sche Philo­so­phie, Kultur­phi­lo­so­phie, Wissen­schafts­ge­schichte. Zahl­reiche Veröf­fent­li­chungen.

  1. Eine Liste zur Konstruk­tion einer idealen Palaistra findet sich bei Vitruv. ↩︎
  2. Delorme, Jean: Gymnasion, Étude sur les monuments consacrés à l’éducation en Grèce (des origines à l’Empire romain), Paris 1960, S. 254 f. ↩︎
  3. Aris­to­phanes: Wolken, v. 1005. ↩︎
  4. Olym­pio­dore: Vit. Plat., 4, S. 1, S. 14. ↩︎
  5. Diogenes Laertius, III, 5; einer seiner Schüler namens Mithri­dates ließ ein Bild Platos von dem Künstler Silanion anfer­tigen (Diog. Laert, III, 25}. ↩︎
  6. Xenophon: Anabasis, VIII, 8, S. 1. ↩︎
  7. Diogenes Laertius: IX, S. 54. ↩︎
  8. Cicero: Academici, S. 17. ↩︎
  9. Wie es die „Häresie“ von Ariston von Chios beweist. Siehe: Diogenes Laertius, VII, 2, S. 161. ↩︎
  10. Ursprüng­lich die Veranda von Peisianax genannt (Πεισιανάκτειος στοά). ↩︎
  11. Delorme, 1960: S. 328, S. 331. ↩︎
W. Stuart Thompson & Phelps Barnum, Rekon­struk­tion der Stoa des Attalos, Athen, Grie­chen­land 1952 – 1965, Foto: SiaKou96 (via Wikimedia /  CC BY-SA 4.0)
Raffael, Die Schule von Athen, Stanza della Segnatura, Vatikan 1510 – 1511
Kreuzgang des Klosters Eberbach, Foto: David Kasparek
Raffael, Die Schule von Athen, Stanza della Segnatura, Vatikan 1510 – 1511, Foto: Lure (CC 0)