In der Neustadt

Für ihr erstes Gespräch nach seiner Wahl zum neuen Präsi­denten des BDA trafen sich Alexander Poetzsch und Die-Architekt-Chef­re­dak­teurin Elina Potratz in den Räumen seines Büros in der Dresdner Neustadt. Als erster ostdeut­scher und offen schwuler BDA-Präsident markiert seine Wahl einen wichtigen Schritt zu mehr Diver­sität und Reprä­sen­ta­tion im Verband. Im Interview spricht er über seine Ziele und Visionen für die Entwick­lung des BDA – und darüber, welche Erfah­rungen aus seiner eigenen Büro­praxis seine Vorstel­lungen für die kommende Amtszeit prägen.

Herr Poetzsch, heute sind Sie Präsident des BDA. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit dem BDA?

Meine aller­erste Begegnung mit dem BDA war tatsäch­lich über das, was ich als eine Art Werte­ge­mein­schaft wahr­ge­nommen habe. Mir war schon als junger Architekt klar, dass der BDA nicht nur ein Berufs­ver­band ist, sondern auch eine Haltung verkör­pert. Dann erhielt ich 2007 mit dem Büro, in dem ich damals gear­beitet habe, eine Aner­ken­nung beim BDA-Preis für den Umbau eines Bestands­ge­bäudes zu einer Anwalts­kanzlei. Das war das erste Mal, dass ich nicht nur vom BDA gehört habe, sondern direkt in Kontakt kam.

BDA-Präsident Alexander Poetzsch, Foto: Thomas Müller

Und kurz darauf wurden Sie auch in den BDA berufen…

Genau. Damals war die Kolle­gen­schaft noch deutlich älter, und man wurde durchaus kritisch beäugt. Bei einem meiner ersten Treffen wurde ich sogar gebeten, noch ein Bier zu bringen – mein Gegenüber hielt mich für den Kellner. Kurz danach kam ich in den Arbeits­kreis junger Archi­tek­tinnen und Archi­tekten (AKJAA) im BDA. Dort habe ich eine unglaub­liche Kolle­gia­lität, freund­schaft­liche Atmo­sphäre und gegen­sei­tige Unter­stüt­zung erlebt. Das hat mich sehr geprägt. Mein Ziel war es später, als stell­ver­tre­tender Landes­vor­sit­zender und dann als Landes­vor­sit­zender, genau diese Art von Kolle­gia­lität auch im BDA Sachsen zu leben.

Sie sind vom Regio­nal­grup­pen­spre­cher über den Landes­vor­stand bis zum Landes­vor­sit­zenden aufge­stiegen. Was hat Sie motiviert, diesen Weg weiter­zu­gehen?

Ich habe einfach gemerkt, wie viel man bewegen kann und wie schön es ist, wenn Ideen Wirkung entfalten – für den Berufs­stand, aber auch für die Baukultur insgesamt. Am Anfang haben wir viele Veran­stal­tungen orga­ni­siert und uns oft geärgert, wenn kaum jemand kam. Dann haben wir begonnen, ziel­ge­rich­teter zu arbeiten: Wen wollen wir anspre­chen? Welche Formate funk­tio­nieren? Wer sind die entschei­denden Multi­pli­ka­toren? Wenn das gelingt, kann man Impulse setzen und sogar mit der Politik aushan­deln, an welchen Stell­schrauben man Prozesse verbes­sern kann. Und zugleich haben wir damit ein starkes Wir-Gefühl im Landes­ver­band entwi­ckelt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ein prägnantes Beispiel war der geplante Abriss des Tech­ni­schen Rathauses in Leipzig. Gemeinsam mit Kolle­ginnen und Kollegen aus Leipzig wurde ein Statement formu­liert, das wir anschlie­ßend als Landes­vor­stand veröf­fent­licht haben. Am Ende hat der Leipziger Stadtrat seine Entschei­dung tatsäch­lich noch einmal überdacht, und das Gebäude bleibt nun erhalten und wird nach­ge­nutzt. Ein anderes Beispiel ist, dass wir eine Förderung beim Freistaat beantragt haben, um einen mobilen Gestal­tungs­beirat zu gründen, als konkrete Unter­stüt­zung für Kommunen in Ostsachsen. Statt nur Veran­stal­tungen zu orga­ni­sieren, wollten wir ein Format schaffen, das wirklich hilft.

Im Büro von Alexander Poetzsch Archi­tek­turen, Foto: Matthias Popp

Bei Ihrer Wahl haben Sie von stra­te­gi­scher Kommu­ni­ka­tion gespro­chen. Was meinen Sie damit?

Ich glaube, dass wir als BDA in unserer Kommu­ni­ka­tion ruhig etwas „edgier“ sein könnten – also kantiger, poin­tierter. Bislang ist es ja so, dass der BDA in manchen Kreisen, aber auch von einigen Mitglie­dern, noch ein wenig als eine Art „Rota­rier­club der Baukultur“ wahr­ge­nommen wird – ein vornehmer Verband, der schöne quadra­ti­sche Hefte produ­ziert. Das entspricht aber längst nicht mehr der Realität, und es ist auch nicht zeitgemäß. Wir haben groß­ar­tige Themen und starke Posi­tionen. Aber wir müssen uns fragen: Welche davon sind gesell­schaft­lich relevant, und wie kommu­ni­zieren wir sie so, dass sie auch wahr­ge­nommen werden? Gleich­zeitig müssen wir klären, welche Themen für uns als Berufs­ver­band zentral sind – für die freien Archi­tek­tinnen und Archi­tekten – und diese gezielt adres­sieren, sowohl nach innen als auch nach außen, an die richtigen Part­ne­rinnen und Partner.

Gibt es Themen oder Formate, die Sie fort­führen möchten?

Es gibt sehr viele Punkte, an die wir anknüpfen wollen. Es gibt auch eine gemein­same Präsi­di­ums­klausur mit dem schei­denden Präsidium, als eine Art Staf­fel­stabüber­gabe. Formate wie der BDA-Tag oder das Berliner Gespräch sind zentrale Elemente unserer Arbeit. Sie richten sich einer­seits an die Kolle­gen­schaft, ande­rer­seits aber auch an die breite Öffent­lich­keit, die uns als Verband wahrnimmt. Ich wünsche mir, dass der BDA-Tag künftig noch offener wird – dass auch Studie­rende und Kolle­ginnen und Kollegen, die (noch) keine Mitglieder sind, teil­nehmen. Ebenso wichtig ist mir das Thema Junior-Mitglied­schaft, das wir in einigen Landes­ver­bänden bereits einge­führt haben. Dieses Modell sollten wir verste­tigen. Der BDA funk­tio­niert auf unter­schied­li­chen Ebenen – Bundes‑, Landes- und Regio­nal­ver­band – und ich finde es wichtig, diese Ebenen stärker zusam­men­zu­denken.

Welche Rolle wird die Berufs­po­litik künftig im BDA spielen?

Eine sehr zentrale. Es gibt ja bereits das vom früheren Präsidium initi­ierte Posi­ti­ons­pa­pier „Mit Archi­tektur Politik gestalten“, und der Bundes­vor­stand hat den Auftrag formu­liert, das Thema Berufs­po­litik künftig stärker zu bespielen. Wir haben als Archi­tek­tinnen und Archi­tekten die besten Argumente – nämlich unsere eigenen Projekte. Sie zeigen anschau­lich, wie sehr gute Archi­tektur die gebaute Umwelt prägen und verbes­sern kann – wenn wir die richtigen Rahmen­be­din­gungen haben: Vertrauen, passende Verfahren, faire Hono­rie­rung, eine konse­quente Bestands­per­spek­tive, das Denken im Quartier und inter­dis­zi­pli­näres Arbeiten. All das braucht stabile Grund­lagen – und genau dafür formu­liert das Posi­ti­ons­pa­pier konkrete Vorschläge an die Politik.

Gerade in Zeiten, in denen demo­kra­ti­sche Aushand­lungs­pro­zesse unter Druck geraten, ist das wichtiger denn je. Demo­kratie lebt vom Dialog, vom Verhan­deln – und das braucht Räume, die Austausch ermög­li­chen. Solche Räume können wir gestalten. Dafür müssen aber auch die Bedin­gungen stimmen. Deshalb ist es so wichtig, dass der BDA berufs­po­li­tisch stärker aktiv wird. Wir haben die Möglich­keit, Dinge anzu­spre­chen und einzu­for­dern, die die Archi­tek­ten­kam­mern so nicht formu­lieren können – und diese Freiheit sollten wir nutzen.

Sie führen ein Büro in Dresden mit rund 30 Mitar­bei­tenden. Welche Themen aus dem Büro­alltag bringen Sie ein?

Ganz konkret: das Thema Preis­wett­be­werb versus Leis­tungs­wett­be­werb. Diese Praxis, dass in Verga­be­ver­fahren mit hohen Hono­rar­nach­lässen gear­beitet wird – teils auch von Kolle­ginnen und Kollegen im BDA –, ist ein echtes Problem. Außerdem das große Thema Normie­rung und Regeln: Wir brauchen mehr Ermes­sens­spiel­räume, mehr Möglich­keits­räume. Und natürlich der Umbau, das Bauen im Bestand und die Frage: was wird wirklich gebraucht? Wie können wir orga­ni­sa­to­risch, räumlich, konstruktiv Lösungen finden, bevor wir alles mit Technik über­frachten oder Räume produ­zieren, die am Ende kaum genutzt werden?

Im Büro von Alexander Poetzsch Archi­tek­turen, Foto: Matthias Popp

Und wie lässt sich die Präsi­dent­schaft mit dem Büro verein­baren?

Ich habe natürlich mit meiner Vorgän­gerin und den Vorgän­gern gespro­chen und weiß ungefähr, worauf ich mich einlasse. Ich habe das früh­zeitig mit meinen Kolle­ginnen und Kollegen im Büro bespro­chen. Wir haben die Struktur angepasst, Projekt­lei­tungen neu aufge­stellt, ein Team­coa­ching gemacht – damit das Büro eigen­ständig läuft, wenn ich unterwegs bin. Und das Schönste ist: Sie stehen total hinter mir. Ich habe manchmal das Gefühl, jetzt sind alle im Büro ein bisschen Präsident.

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BDA-Präsident Alexander Poetzsch, Foto: Thomas Müller
Im Büro von Alexander Poetzsch Archi­tek­turen, Foto: Matthias Popp
Im Büro von Alexander Poetzsch Archi­tek­turen, Foto: Matthias Popp