Ressource Kultur­erbe

Von der Denk­mal­pflege für den Erhalt des Baube­stands lernen

Klima­wandel und Ressour­cen­knapp­heit haben mit Brisanz die Notwen­dig­keit eines substanz­scho­nenden und wert­erhal­tenden Umgangs mit dem Baube­stand in den gesell­schaft­li­chen und fach­li­chen Fokus gerückt. Es geht erneut um einen Perspek­tiv­wechsel im Bauwesen und die Umkehrung von Denk­an­sätzen: Umbau statt Neubau, Lowtech statt Hightech, lang­fris­tige Nutzungs­per­spek­tiven statt kurz­fris­tige Erneue­rungs­zy­klen. Denk­mal­pflege – so die These dieses Beitrags der Archi­tektin Christina Krafczyk – kann mit ihrem Wissen zur Bewertung und Erhaltung des Bestands ein wesent­li­cher Impuls­geber für das notwen­dige Umdenken sein.

Der Hinweis auf die Relevanz konser­va­to­ri­schen Wissens für das künftige Umsteuern im Bauwesen kam bereits seit den 1990er-Jahren durch die Arbeiten von Uta Hassler. Hier wurde erstmals die Bedeutung eines Perspek­tiv­wech­sels, auch für die Denk­mal­pflege und den Umgang mit dem Bestand, formu­liert und begründet. Mit ihrem breiteren, über die rein kunst­wis­sen­schaft­liche Ausrich­tung der Denk­mal­pflege hinaus­ge­henden Forschungs­an­satz zur Verän­de­rungs­dy­namik der gebauten Umwelt, wurden Grund­lagen für aktuelle Fragen der Wert­erhal­tung gelegt.

Hassler konnte zeigen, dass die Rückkehr zu den Prin­zi­pien lang­fris­tiger Nutzung für die gebaute Umwelt notwendig ist – und wie groß der Rückgang der durch­schnitt­li­chen Halt­bar­keit der Objekte im Bestand ist: Je jünger der Bestand, desto geringer ist seine Chance auf Überleben.1 Viele ältere solide Bauten sind Beispiele zukunfts­fä­higer Konstruk­tionen, für „Kurz­frist­ob­jekte“ des jüngeren Bestands sind Konzepte einer Weiter­nut­zung auf Zeit notwendig – und auch hier muss, wie beim Denk­mal­schutz, eine Auswahl getroffen werden. Das Nieder­säch­si­sche Landesamt für Denk­mal­pflege hat, aufbauend auf Hasslers Argu­men­ta­ti­ons­linie, in den letzten beiden Jahren mit Aktionen auf die Relevanz der Denk­mal­pflege für eine exzel­lente Umbau‑, Klima- und Kultur­po­litik hinge­wiesen.2Uta Hassler, Long-term-Buil­ding­stock survival and inter­ge­ne­ra­tional manage­ment: the role of Insti­tu­tional Regimes, in: Building Research & Infor­ma­tion 37, 2009; Uta Hassler, Preser­ving the recent past?, in: Uta Hassler (Hrsg.), Vom Baustoff zum Baupro­dukt, Zürich 2018, S. 47; Uta Hassler: Ein Erhal­tungs­pa­radox, in: Die Archi­vie­rung der Gegenwart, Wien 2024, S. 49–64. ↩︎Die Kampagne wurde mit der vom Land Nieder­sachsen geför­derten Publi­ka­tion Uta Hasslers „Bauen und Erhalten“ (Zürich 2020) gestartet. ↩︎

Das Mathe­ma­ti­sche Institut der Univer­sität Göttingen (1929) nach dem Entwurf des Preu­ßi­schen Hoch­bau­amts­lei­ters Werner Seidel beein­druckt mit seiner soliden, archi­tek­to­nisch quali­tät­vollen Gestalt und seiner über­ra­schend guten baulichen Über­lie­fe­rung. Dazu gehört der fast voll­ständig original erhaltene Außenbau mit bauzeit­li­chen Fenstern und Türen, die im Inneren in wesent­li­chen Teilen original erhaltene baufeste Ausstat­tung sowie kern­bau­zeit­liche Gebäu­de­technik. (Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Biblio­thek im Ober­ge­schoss, Foto: Andreas Bormann, 2021)

Alle sprechen vom Bestand

Während der letzten fünf Jahr­zehnte, in denen die Denk­mal­schutz­ge­setze der Bundes­länder bestehen, hat sich der Fokus der Bautä­tig­keiten weg vom Neubau hin zum „Bauen im Bestand“ verlagert. Der „Bestand“ ist freilich heterogen und stammt – so wissen wir aus der genannten Forschung seit den 1990er-Jahren3 – zu mehr als der Hälfte aus der Phase des Wieder­auf­baus nach dem Zweiten Weltkrieg, des Wirt­schafts­wun­ders und seiner Folge­jahre. Nur ein deutlich kleinerer Teil des Gebäu­de­be­stands ist deutlich älter als 100 Jahre, und nur zum kleinsten Teil, circa zwei bis drei Prozent des Gebäu­de­be­stands, handelt es sich um ausge­wie­sene Baudenk­male. Die jüngeren Bestände folgen anderen Erhal­tungs­pro­zessen als die Objekte vorin­dus­tri­eller Baupro­duk­tion. Das Problem der Masse junger Bestände ist sowohl ein Problem der Erhaltung wie auch der Inven­ta­ri­sa­tion, sowohl in in der Brei­ten­er­hal­tung wie in der Denk­mal­pflege.Uta Hassler / Niklaus Kohler / Herbert Paschen (Hrsg.): Stoff­ströme und Kosten in den Bereichen Bauen und Wohnen. Berlin / Heidel­berg 1999 (Konzept Nach­hal­tig­keit. Studi­en­pro­gramm. Hg. v. Enquete-Kommis­sion „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des 13. Deutschen Bundes­tages); Uta Hassler / Niklaus Kohler / Philip Steadman (Gasther­aus­geber): Building Research & Infor­ma­tion 37 (2009), H. 5 – 6, Sonder­heft: Research on Building Stocks; Daten zum Indus­trie­be­stand, in: Uta Hassler / Niklaus Kohler: Das Verschwinden der Bauten des Indus­trie­zeit­al­ters, Tübingen 2004. ↩︎

Trans­fer­po­ten­ziale aus der Denk­mal­pflege

Denk­mal­pflege hat im Umgang mit dem vergleichs­weise kleinen, aber hoch­ka­rä­tigen Denk­mal­be­stand in beacht­li­cher Konti­nuität und in erfolg­rei­chem inter­dis­zi­pli­nären Ansatz Schutz­in­stru­mente, Methoden und Werte­sys­teme zur Bewertung und Erhaltung entwi­ckelt und etabliert. Insbe­son­dere im 19. Jahr­hun­dert wurden dazu die Grund­lagen gelegt: durch Etablie­rung staat­li­cher Insti­tu­tionen der Denk­mal­pflege und der Bauwis­sen­schaften an den poly­tech­ni­schen Schulen, durch enzy­klo­pä­di­sche Aufar­bei­tung und Vorhalten von tradiertem Bau- und Erhal­tungs­wissen sowie durch die seither laufende syste­ma­ti­sche Inven­ta­ri­sa­ti­ons­ar­beit in der Denk­mal­pflege.

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Sitzungs­saal, Foto: Andreas Bormann, 2021

Mit dem Fort­schreiten der Indus­tria­li­sie­rung im Bauwesen, vor allem in der Phase des Baubooms der Nach­kriegs­zeit, gingen Denk­mal­pflege und Bauwesen weit­ge­hend getrennte Wege. Der Gedanke des stetigen Unter­hal­tens, Pflegens und Repa­rie­rens – tradi­tio­nell gebunden an eine hand­werk­lich geprägte Heran­ge­hens­weise – spielte für das primär indus­triell geprägte Bauen keine Rolle mehr. Die entspre­chenden Praktiken gingen, zumindest in der Breite, weit­ge­hend verloren. Erst seit den letzten Jahr­zehnten des 20. Jahr­hun­derts gelingt es, tradiertes Bauwissen zur Bewertung und Erhaltung des histo­risch älteren Kultur­erbes durch Forschung und Praxis zu reka­pi­tu­lieren.4 Umso rele­vanter ist daher heute die Arbeit staat­li­cher Denk­mal­pflege mit ihrem Ansatz der mate­ri­ellen Konser­vie­rung, Reduktion des Ressour­cen­ver­brauchs und der Betonung des Nutzens dauer­hafter kultu­reller Systeme, wenn es nun um Fragen des Umgangs mit dem gesamten Baube­stand geht.Maßgeb­lich DFG-Sonder­for­schungs­be­reich 315 „Erhalten histo­risch bedeut­samer Bauwerke“, Univer­sität Karlsruhe. Jahr­bü­cher und Empfeh­lungen für die Praxis. ↩︎

Anders als beim Neubau haben wir es beim Umgang mit dem Bestand mit einer Umkehrung der Planungs­pro­zesse zu tun. Wir müssen notwen­di­ger­weise von den jewei­ligen Gege­ben­heiten und indi­vi­du­ellen Quali­täten des Bestehenden ausgehen und in der Lage sein, im Planungs­pro­zess die Poten­ziale des Bauwerks für eine substanz­scho­nende Weiter­nut­zung möglichst früh­zeitig zu iden­ti­fi­zieren. Dazu nutzt die Denk­mal­pflege Vorge­hens­weisen, die aus der Tradition der Baufor­schung stammen. Das sind zum einen Methoden der Bauana­lyse und Baudo­ku­men­ta­tion als Grund­lagen für eine Bau- und Verän­de­rungs­ge­schichte sowie zur Beur­tei­lung von gestal­te­ri­schen, konstruktiv-tech­ni­schen und hand­werk­li­chen Quali­täten. Zum anderen führt sie Kennt­nisse über histo­ri­sche Baukon­struk­tionen, Mate­ria­lien und Bautech­niken zusammen und nutzt Methoden der Scha­dens­ana­lyse und der konser­va­to­ri­schen Befund­er­he­bung.5Siehe Anm. 2. ↩︎

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Türdrü­cker und Lang­schilde aus Ersatz­teil­lager des Haus­meis­ters, Foto: Arne Herbote, 2021

Für die Bewertung und den Umgang mit dem großen Baube­stand der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts müssen die spezi­fi­schen Kennt­nisse vertieft und neue Mittel für Grund­la­gen­er­mitt­lungen entwi­ckelt werden, um in größerer Breite objekt­spe­zi­fi­sche Erhal­tungs­maß­nahmen reali­sieren zu können. Diese Aufgabe können jedoch weder die Denk­mal­ämter noch einzelne Insti­tu­tionen leisten. Denk­mal­pflege kann zwar einen Teil der Syste­matik des Wissens­er­werbs zur Verfügung stellen; in der Erhaltung der Breite des jungen Bestands sowie der jungen Denkmäler sind jedoch neue Vorge­hens­weisen notwendig. Es ist unver­zichtbar, Forschungs­pro­gramme und anwen­dungs­be­zo­gene tech­ni­sche Entwick­lungen zu inten­si­vieren.6Notwendig sind zudem archi­va­li­sche Studien zur Bau- und Produk­ti­ons­ge­schichte in Verbin­dung mit Forschungen zu Konstruk­tionen und Mate­ria­lien der jüngeren Bestände.7 Hierfür müssen insti­tu­tionen- und diszi­pli­nen­über­grei­fend neue Koope­ra­ti­ons­mo­delle und Projekte entwi­ckelt und ihre Ergeb­nisse der Praxis zur Verfügung gestellt werden. Um Personal in Bau- und Planungs­äm­tern, in kommu­nalen Denk­mal­schutz­be­hörden und vor allem in der Praxis­auf­gabe des ressour­cen­scho­nenden Bauens im Bestand aufzu­bauen, müsste das an „Bestand“ und „Denk­mal­pflege“ orien­tierte Lehr­an­gebot an Hoch­schulen und Baufach­schulen nicht nur deutlich ausge­weitet und in die allge­meine Aus- und Fort­bil­dung inte­griert, sondern auch mit inge­nieur­wis­sen­schaft­li­chen Themen im Bereich Ressour­cen­ma­nage­ment und Bauwerks­er­hal­tung verknüpft werden. Es greift zu kurz, zukünftig lediglich mehr Entwurfs­auf­gaben im Bauen im Bestand an den Archi­tek­tur­fa­kul­täten anzu­bieten – wenn nicht das notwen­dige diszi­pli­nen­über­grei­fende Über­blicks­wissen zur Bewertung und Erhaltung von Baube­ständen in Forschung und Lehre erar­beitet und quali­täts­si­chernd vermit­telt wird.DFG-Schwer­punkt­pro­gramm 2255 „Kultur­erbe Konstruk­tion“- 2021 – 2026. ↩︎Uta Hassler (Hrsg.): Vom Baustoff zum Baupro­dukt, Zürich 2018. ↩︎

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Flie­sen­spiegel mit Ausguss­be­cken, Foto: Arne Herbote, 2021

Erhal­tungs­kom­pe­tenz

Denk­mal­pflege in der ganzen Breite ihrer Insti­tu­tionen und Akteure verlän­gert mit ressour­cen­scho­nender Pflege und Wartung die Lebens­dauer von Gebäuden und Ausstat­tungen. Sie hat dafür Konser­vie­rungs­me­thoden und nach­hal­tige Repa­ra­tur­tech­niken entwi­ckelt und lange erprobt. Dieses Wissen kann sie für substanz­scho­nende Erhaltung zur Verfügung stellen. Exem­pla­risch sind hier zu nennen: das Wissen über lang­le­bige repa­ra­tur­freund­liche Bautech­niken und Bauma­te­ria­lien, das Wissen über Weiter­nut­zungs­op­tionen, histo­ri­sche Klima­an­pas­sungen in regio­nal­ty­pi­schen Bauweisen sowie Robust­heit durch redu­zierten Tech­nik­ein­satz.

Die Verlän­ge­rung der Nutzungs­dauer von Gebäuden und das Gebot der Eingriffs­mi­ni­mie­rung sind ziel­füh­rende und über­trag­bare Grund­sätze der Denk­mal­pflege. Wider­stands­fä­hig­keit ist eine der wich­tigsten Eigen­schaften, die viele der älteren Denkmäler auszeichnet und durch die sie in der Lage waren, aufge­tre­tenen Widrig­keiten stand­zu­halten. Wenn möglich, sollten daher die Maßnahmen, die derzeit im Zusam­men­hang mit ener­ge­ti­schen Ertüch­ti­gungen und Moder­ni­sie­rungs­maß­nahmen ergriffen werden, die Fähigkeit der Denkmäler zum weiteren Überleben nicht gefährden.8OMC-Group „Streng­thening Cultural Heritage Resi­li­ence for Climate Change“, Empfeh­lungen 2022 (https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/4bfcf605-2741–11ed-8fa0-01aa75ed71a1/language-en); Uta Hassler / Niklaus Kohler (Gasther­aus­geber): Building Research and Infor­ma­tion 42 (2014), H.2, Sonder­heft: Resi­li­ence in the Built Envi­ron­ment. ↩︎

Die Objekte der Moderne hingegen – und vielfach auch noch die Bauten der Nach­kriegs- und Boomjahre – sind oftmals durch Konstruk­tionen geprägt, die nicht für eine lange Dauer gedacht und nicht für eine lang­fris­tige Nutzung konstru­iert waren. Das betrifft aller­dings weniger die Konstruk­tionen an sich, als vielmehr ihr Zusam­men­wirken mit dem inneren Ausbau, den Einsatz von Verbund­ma­te­ria­lien und ‑konstruk­tionen, die Verwen­dung von – mitt­ler­weile als proble­ma­tisch erkannten – Dämm­stoffen und Fugen­ma­te­ria­lien, die Gebäude- und Anlagen­technik und vieles andere mehr. Für die Erhaltung dieser Objekte muss sich die Denk­mal­pflege für neue Heran­ge­hens­weisen öffnen und neue, nach­voll­ziehbar formu­lierte „Ausnah­me­re­ge­lungen“ konzi­pieren.

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, nördliche Frei­treppe, Detail der Wange am Zwischen­po­dest, Foto: Elmar Arnhold, 2021

Schutz­in­stru­mente und Finan­zie­rungs­an­reize

„Kultur­denk­male sind zu schützen, zu pflegen und wissen­schaft­lich zu erfor­schen“9 – dieser Grundsatz steht an der Spitze des Nieder­säch­si­schen Denk­mal­schutz­ge­setzes (NDSchG) und wird als öffent­liche Aufgabe des Landes definiert. Die gesetz­lich etablierten Vorge­hens­weisen, Pflichten, aber auch Befrei­ungen und Abwä­gungs­emp­feh­lungen mit anderen öffent­li­chen Inter­essen könnten Basis einer (zunehmend gefor­derten) Umbau­ord­nung bieten, um neue Korridore der Weiter­nut­zung zu entwi­ckeln. Ein erster Schritt in diese Richtung stellt der Vorschlag der Bundes­ar­chi­tek­ten­kammer (BAK) für eine Änderung der Muster­bau­ord­nung dar, der in der Nieder­säch­si­schen Bauord­nung bereits umgesetzt wurde. Hier wird bei gering­fü­gigen Eingriffen erlaubt, dass die Bestands­bauten nicht mehr leisten müssen als zu ihrer Erbau­ungs­zeit.NDSchG § 1, Satz 1. ↩︎

Innerhalb der länder­spe­zi­fi­schen Denk­mal­schutz­ge­setze gibt es in der Regel keine Bedeu­tungs­ab­stu­fungen – für alle Objekte gilt der gleiche Schutz­status. In der Praxis wird davon beispiels­weise in Bezug auf die Privi­le­gien und Prominenz von Objekten des UNESCO-Welt­kul­tur­erbes sowie dem Status „natio­naler Bedeutung“ von Baudenk­malen in natio­nalen Förder­pro­grammen abge­wi­chen. Für einen Erhalt des Bestands in der Breite sollten aus jetziger Sicht diffe­ren­zierte Schutz­ka­te­go­rien entwi­ckelt und gefördert werden, die nicht nur die hoch­ka­rä­tigen Baudenk­male, sondern auch die quali­tät­vollen, „soliden“ Bestands­bauten besonders berück­sich­tigen.10 Eine gestaf­felte steu­er­liche Begüns­ti­gung von Erhal­tungs­maß­nahmen dieser erwei­terten Kategorie, ähnlich der Abschrei­bungs­mög­lich­keit bei Baudenk­malen, wäre ein sinn­voller und poten­ziell wirk­mäch­tiger Anreiz.Siehe auch: BDA Nordrhein-Westfalen: Bestand braucht Haltung, Düssel­dorf 2016, S. 2 – 3. ↩︎

Auch wird es darum gehen müssen, die zukünf­tige Förder­po­litik und die Richt­li­nien im Bauwesen so anzu­passen und auszu­statten, dass die Pflege und intel­li­gente, ressour­cen­scho­nende Akti­vie­rung des Bestands Vorrang gegenüber Abbruch und Neubau erhalten. Hier wäre die oben genannte, von der BAK ange­strebte Änderung der Muster­bau­ord­nung bezüglich der Geneh­mi­gungs- und CO2-Bilan­zie­rungs­pflicht bei Abbruch­vor­haben ein wichtiger Meilen­stein.

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Wandtafel, Foto: Arne Herbote, 2021

Als ein Beispiel für wirk­mäch­tige Finan­zie­rungs­an­reize sei hier eine erfolg­reiche Kampagne der Bundes­in­ge­nieur­kammer in Koope­ra­tion mit der Gesell­schaft Bautech­nik­ge­schichte genannt, die sich auf histo­ri­sche Eisen­bahn­brü­cken bezieht. Die bisherige investive Finan­zie­rungs­stra­tegie des Bundes begüns­tigte nur den Ersatz­neubau. Diese Strategie hatte in den vergan­genen zwölf Jahren zu erheb­li­chen Verlusten von geschützten Brücken­bau­werken – deutsch­land­weit circa 1000 Brücken – geführt.

Glück­li­cher­weise konnte in der Neufas­sung der dritten Leistungs- und Finan­zie­rungs­ver­ein­ba­rung (LuFV III, 2020 – 2029) zwischen Bund und Bahn erreicht werden, dass auch die Instand­set­zung geschützter Anlagen und Bauten der Eisenbahn gefördert wird.11 Aus unserer Sicht kann die zukünf­tige besondere Berück­sich­ti­gung von Baudenk­malen bei Instand­set­zungen eine Vorrei­ter­rolle einnehmen, wenn es darum geht, neben dem Erhalt von kultu­rellen Werten auch substan­ziell im Sinne der Ressour­cen­öko­nomie Bauma­te­rial und Mittel zu schonen.Ulrich Knufinke / Christina Krafczyk / Steffen Marx / Johanna Monka-Birkner / Moritz Reinäcker: Eisen­bahn­brü­cken als „Denkmale im Netz“. Neue Ansätze für die Inven­ta­ri­sa­tion?, in: Die Denk­mal­pflege 80 (2022), S. 155 – 161. ↩︎

Es müssen also ressort­über­grei­fende Förde­rungen für objekt­spe­zi­fisch verträg­liche tech­no­lo­gi­sche Lösungen für eine effi­zi­en­tere Ener­gie­nut­zung in histo­ri­schen Gebäuden konzi­piert und imple­men­tiert werden. Vorbild­liche Lösungen bei den Schutz­ob­jekten könnten wiederum im Rahmen eines adap­tierten Transfers auf den „normalen“ Bestand über­tragen werden.

Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Brief­ein­wurf­schlitz im Türblatt, Foto: Elmar Arnhold, 2021

Aufmerk­sam­keit in Öffent­lich­keit und Politik

Um eine größere poli­ti­sche und öffent­liche Aufmerk­sam­keit dafür zu erzielen, wie relevant das Kultur­erbe in Fragen der Nach­hal­tig­keit und der aktuellen Klima­schutz­de­batte ist, haben auf Bundes­ebene das Deutsche Natio­nal­ko­mitee (DNK) und die Verei­ni­gung der Denk­mal­fachämter in den Ländern (VDL) in den letzten zwei Jahren erfolg­reiche Themen­schwer­punkte gesetzt. Dazu zählt unter anderem die Lobby-Kampagne Denk­mal­schutz ist aktiver Klima­schutz der VDL sowie eine Netz­werk­ver­an­stal­tung des DNK in Koope­ra­tion mit der VDL im Juni 2022 unter dem gleichen Titel. Im Ergebnis der Veran­stal­tung wurde deutlich: „(…) Eine neue Bestands- und Repa­ra­tur­kultur fordert die konse­quente Fort­füh­rung des begon­nenen Umdenkens, in der Planung und unserem Verhältnis zu Richt­li­nien und Normen, in der Wissen­schaft- und Forschungs­po­litik, in den Modellen der Finan­zie­rung, Förderung und Besteue­rung, den Formaten der Bildung und Vermitt­lung, im Bereich von Ausbil­dung und Wissens­trans­fers, in genutzten Methoden und Instru­menten, letztlich auch in unserer Dialog­kultur.“12Deutsches Natio­nal­ko­mitee für Denk­mal­schutz (Hrsg.): Doku­men­ta­tion Netz­werk­dialog „Denk­mal­schutz ist aktiver Klima­schutz“, Paderborn 2022. ↩︎

Dr. Christina Krafczyk leitet seit 2017 das Nieder­säch­si­sche Landesamt für Denk­mal­pflege (NLD). Die promo­vierte Archi­tektin begann ihre Laufbahn als Assis­tentin bei Uta Hassler am Lehrstuhl Denk­mal­pflege und Baufor­schung an der TU Dortmund. Während dieser Zeit war sie mit eigenem Büro in verschie­denen Arbeits­ge­mein­schaften tätig. Ab 2005 arbeitete sie als Ober­as­sis­tentin am Institut für Denk­mal­pflege und Baufor­schung im Depar­te­ment Archi­tektur der ETH Zürich sowie seit 2008 am Institut Bauwerks­er­hal­tung und Tragwerk im Depar­te­ment Bauin­ge­nieur­wesen der TU Braun­schweig. Krafczyk ist unter anderem Grün­dungs­mit­glied der Gesell­schaft für Bautech­nik­ge­schichte, Mitglied der Histo­ri­schen Kommis­sion Nieder­sachsen, der Dehio-Verei­ni­gung, bei ICOMOS, des Stif­tungs­rats der Deutschen Stiftung Denk­mal­schutz und im Beirat der Bundes­stif­tung Baukultur. 2021 und 2022 war sie Länder­ver­tre­terin in der EU-Exper­ten­gruppe OMC-Group „Streng­thening Cultural Heritage Resi­li­ence for Climate Change“.

  1. Uta Hassler, Long-term-Buil­ding­stock survival and inter­ge­ne­ra­tional manage­ment: the role of Insti­tu­tional Regimes, in: Building Research & Infor­ma­tion 37, 2009; Uta Hassler, Preser­ving the recent past?, in: Uta Hassler (Hrsg.), Vom Baustoff zum Baupro­dukt, Zürich 2018, S. 47; Uta Hassler: Ein Erhal­tungs­pa­radox, in: Die Archi­vie­rung der Gegenwart, Wien 2024, S. 49–64. ↩︎
  2. Die Kampagne wurde mit der vom Land Nieder­sachsen geför­derten Publi­ka­tion Uta Hasslers „Bauen und Erhalten“ (Zürich 2020) gestartet. ↩︎
  3. Uta Hassler / Niklaus Kohler / Herbert Paschen (Hrsg.): Stoff­ströme und Kosten in den Bereichen Bauen und Wohnen. Berlin / Heidel­berg 1999 (Konzept Nach­hal­tig­keit. Studi­en­pro­gramm. Hg. v. Enquete-Kommis­sion „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des 13. Deutschen Bundes­tages); Uta Hassler / Niklaus Kohler / Philip Steadman (Gasther­aus­geber): Building Research & Infor­ma­tion 37 (2009), H. 5 – 6, Sonder­heft: Research on Building Stocks; Daten zum Indus­trie­be­stand, in: Uta Hassler / Niklaus Kohler: Das Verschwinden der Bauten des Indus­trie­zeit­al­ters, Tübingen 2004. ↩︎
  4. Maßgeb­lich DFG-Sonder­for­schungs­be­reich 315 „Erhalten histo­risch bedeut­samer Bauwerke“, Univer­sität Karlsruhe. Jahr­bü­cher und Empfeh­lungen für die Praxis. ↩︎
  5. Siehe Anm. 2. ↩︎
  6. DFG-Schwer­punkt­pro­gramm 2255 „Kultur­erbe Konstruk­tion“- 2021 – 2026. ↩︎
  7. Uta Hassler (Hrsg.): Vom Baustoff zum Baupro­dukt, Zürich 2018. ↩︎
  8. OMC-Group „Streng­thening Cultural Heritage Resi­li­ence for Climate Change“, Empfeh­lungen 2022 (https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/4bfcf605-2741–11ed-8fa0-01aa75ed71a1/language-en); Uta Hassler / Niklaus Kohler (Gasther­aus­geber): Building Research and Infor­ma­tion 42 (2014), H.2, Sonder­heft: Resi­li­ence in the Built Envi­ron­ment. ↩︎
  9. NDSchG § 1, Satz 1. ↩︎
  10. Siehe auch: BDA Nordrhein-Westfalen: Bestand braucht Haltung, Düssel­dorf 2016, S. 2 – 3. ↩︎
  11. Ulrich Knufinke / Christina Krafczyk / Steffen Marx / Johanna Monka-Birkner / Moritz Reinäcker: Eisen­bahn­brü­cken als „Denkmale im Netz“. Neue Ansätze für die Inven­ta­ri­sa­tion?, in: Die Denk­mal­pflege 80 (2022), S. 155 – 161. ↩︎
  12. Deutsches Natio­nal­ko­mitee für Denk­mal­schutz (Hrsg.): Doku­men­ta­tion Netz­werk­dialog „Denk­mal­schutz ist aktiver Klima­schutz“, Paderborn 2022. ↩︎
Das Mathe­ma­ti­sche Institut der Univer­sität Göttingen (1929) nach dem Entwurf des Preu­ßi­schen Hoch­bau­amts­lei­ters Werner Seidel beein­druckt mit seiner soliden, archi­tek­to­nisch quali­tät­vollen Gestalt und seiner über­ra­schend guten baulichen Über­lie­fe­rung. Dazu gehört der fast voll­ständig original erhaltene Außenbau mit bauzeit­li­chen Fenstern und Türen, die im Inneren in wesent­li­chen Teilen original erhaltene baufeste Ausstat­tung sowie kern­bau­zeit­liche Gebäu­de­technik. (Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Biblio­thek im Ober­ge­schoss, Foto: Andreas Bormann, 2021)
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Sitzungs­saal, Foto: Andreas Bormann, 2021
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Türdrü­cker und Lang­schilde aus Ersatz­teil­lager des Haus­meis­ters, Foto: Arne Herbote, 2021
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Flie­sen­spiegel mit Ausguss­be­cken, Foto: Arne Herbote, 2021
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, nördliche Frei­treppe, Detail der Wange am Zwischen­po­dest, Foto: Elmar Arnhold, 2021
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Wandtafel, Foto: Arne Herbote, 2021
Mathe­ma­ti­sches Institut, Univer­sität Göttingen, 1929, Brief­ein­wurf­schlitz im Türblatt, Foto: Elmar Arnhold, 2021