Roman­ti­sche Wissen­schaft

Ein Gespräch über die Zukunft der Archi­tektur

I Kritik der Wissen­schaft

Andreas Denk: Ist die Diskus­sion um Wissen­schaft­lich­keit der Archi­tektur mögli­cher­weise archi­tek­turim­ma­nent? Könnte es sein, dass es anderen Diszi­plinen eher unwichtig ist, ob Archi­tektur eine Wissen­schaft ist oder nicht? Dass die Frage vielmehr daher rührt, dass sich die Vertreter der Archi­tektur im Kanon der anderen Wissen­schaften nicht ernst genommen fühlen? Oder gehen die Anfor­de­rungen, die aus Sicht der anderen Wissen­schaften an die Archi­tektur zu stellen sind, am Kern der Archi­tektur vorbei?

Uwe Schröder: Es gibt eine Schere zwischen dem, was seitens der Hoch­schulen als Forderung weiter­ge­hender Verwis­sen­schaft­li­chung an die Archi­tektur heran­ge­tragen wird. Zum anderen steckt die Disziplin in der Krise, weil sie mehr und mehr ihre Grund­lagen in Frage stellt. Das gilt besonders für die Kern­dis­zi­plin des Entwer­fens. Was können wir überhaupt noch lehren, was steht uns als verall­ge­mei­ner­bare Basis noch zur Verfügung? Die Archi­tektur selbst ist eine zusam­men­ge­setzte Disziplin. Sie besteht aus Einzel­dis­zi­plinen, bei denen sich im Einzelnen ein Grund­la­gen­wissen benennen lässt – wie bei der Archi­tek­tur­ge­schichte oder der Gebäu­de­tech­no­logie. Hier ist der Wissen­schafts- und Forschungs­be­griff einfacher zu defi­nieren. Insgesamt aber ist zu konsta­tieren, dass sich die Disziplin Archi­tektur immer mehr von den gesell­schaft­lich dienenden Grund­lagen in eine indi­vi­dua­li­sierte künst­le­ri­sche verwan­delt.

Andreas Denk: Ich denke, Sie gehen zu weit. Man müsste, was weite Teile der gegen­wär­tigen Archi­tek­tur­pro­duk­tion angeht, doch eher von einer Bana­li­sie­rung unter dem Zwang der Ökonomie sprechen. Der Anteil wirklich künst­le­ri­scher Ansätze in der Gesamt­pro­duk­tion ist eher sehr gering. Die Archi­tektur sitzt vielmehr zwischen mehreren Stühlen: Die Neigung zum Hand­werk­li­chen, die Fragen des Materials, dessen Fügung und die Qualität der Ausfüh­rung bis ins Detail betrifft, die Tendenz zum Kreativ-Künst­le­ri­schen, die sich im Willen zur guten Form und zum guten Raum abbildet, und schließ­lich das Tech­ni­sche, das mit Fragen der Konstruk­tion, der Ökologie und mittelbar auch mit der Ökonomie verbunden ist, muss die Archi­tektur unter einen Hut bringen. Dazu kommen natürlich noch erheblich mehr gesell­schafts- und geis­tes­wis­sen­schaft­liche Inputs, die ebenfalls ange­messen in den Entwurf einfließen können und müssen. Das könnte ein erster Ansatz sein, um zu defi­nieren, dass die Archi­tektur einen wissen­schaft­li­chen Anspruch erheben kann: Nämlich den, dass sie in der Lage ist, diese drei Parameter im Entwurf in ein ange­mes­senes Verhältnis zuein­ander zu bringen, zu einem Ausgleich zu führen.

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Uwe Schröder: Das ist prin­zi­piell richtig. Doch klafft hier eine Kluft zwischen Anspruch und Wirk­lich­keit: Wir stoßen doch ständig auf das Phänomen, dass das Gebaute so wenig auf wissen­schaft­liche Erkennt­nisse zurück­greift.

Andreas Denk: Viel­leicht darf man über den Begriff der Wissen­schaft in Bezug auf die Archi­tektur noch einmal neu nach­denken. Wir sind immer wieder genötigt – insbe­son­dere im Bereich von Lehre und Forschung – mit dem natur­wis­sen­schaft­li­chen Wissen­schafts­be­griff zu hantieren, um einen wissen­schaft­li­chen Anspruch der Archi­tektur zu recht­fer­tigen. Aber taugen die Methodik und das Selbst­ver­ständnis der Natur­wis­sen­schaften überhaupt für uns? Viel­leicht müssen wir unsere und andere von vorn­herein multi­per­spektiv ange­legten Diszi­plinen aus der Syste­matik der Natur­wis­sen­schaften lösen, um ihrem Wissen­schafts- und Forschungs­be­griff eine neue Bedeutung zu geben.

Eine Person wie Joseph Beuys ist – aus dem Künst­le­ri­schen kommend – mit seiner Arbeit zwischen den Diszi­plinen schluss­end­lich auch zu einem Kritiker des tradierten Wissen­schafts­be­griffs geworden. Er hat seine Arbeit genauso auf Erkennt­nisse der Physik und Chemie wie auf die Medizin und Psycho­logie gestützt und hat mit diesem Kanon an Kennt­nissen nicht nur den mangelnden Menschen­bezug der tradierten Wissen­schaften zur Diskus­sion gestellt, sondern darüber hinaus versucht, die Kunst als Erfah­rungs­wis­sen­schaft und als Meta-Wissen­schaft gleich­zeitig zu defi­nieren. Nicht die „Sicherung der Phänomene“, wie die Griechen gesagt hätten, sollte im Fokus der Wissen­schaften stehen, sondern der Mensch, auf den jede einzelne dieser Wissen­schaften zielen sollte, und deren Inten­tionen schließ­lich im Begriff der “Kunst“ zusam­men­fließen. Das ist erkennt­nis­theo­re­tisch natürlich inter­es­sant, weil Beuys eigent­lich damit sagt, dass Erkenntnis immer dann sinnvoll ist, wenn sie auf das Wohl des Menschen zielt.

Uwe Schröder: Dass der natur­wis­sen­schaft­liche Natur­be­griff nicht auf die Archi­tektur anzu­wenden ist, erscheint mir allzu sehr als Allge­mein­platz. Man kann ihn aller­höchs­tens auf kleine Teil­be­reiche – viel­leicht bei der Bauphysik oder bei der Statik – über­tragen. Das könnte aller­dings wohl für jede einzelne Disziplin gelten: dass sie über einen eigenen Wissen­schafts­be­griff verfügen kann. Der Begriff der Wissen­schaft ist aber immer sinnvoll, wenn er etwas Verall­ge­mei­ner­bares beinhaltet, über das man sich verstän­digen kann, an dem man forschen und zu erwei­terten Erkennt­nissen vorstoßen kann.

Andreas Denk: Das Gemein­same der Diszi­plinen ist schon seit dem scho­las­ti­schen Denk­mo­dell von These, Antithese und Synthese gegeben. Können wir uns zu Beginn darauf einigen, das alle Ergeb­nisse einer Wissen­schaft jedweden Erkennt­nis­in­ter­esses dann wissen­schaft­lich sind, wenn die Bedin­gungen des Ausgangs­punkts klar sind, wenn die Methode, die ange­wendet wird, nach­voll­ziehbar ist und wenn die Ergeb­nisse, die die Methode hervor­ge­bracht hat unter Maßgabe der jewei­ligen Bedin­gungen ebenfalls rück­ver­folgbar und nach­voll­ziehbar sind?

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Uwe Schröder: Dann wäre der archi­tek­to­ni­sche Entwurf metho­disch so etwas wie ein physi­ka­li­scher oder chemi­scher Versuch.

Andreas Denk: Ja. Im Unter­schied zu den meisten Natur­wis­sen­schaften kann die Archi­tektur aller­dings nicht davon ausgehen, dass die Zustände, die sie unter­sucht und auf die sie reagiert, immer gleich sind, also die Ergeb­nisse eines Versuchs unter gleichen Bedin­gungen immer wieder zum selben Ergebnis führen. Die Viel­schich­tig­keit des Menschen, seine Gesell­schaft, die Kultur, das poli­ti­sche Gemein­wesen versetzen das entwer­fende Subjekt in einen Tran­sit­raum, in dem die eigene Position und die der anderen immer neu bestimmt werden müssen. Vor und nach jedem neuen Entwurfs­vor­gang ändern sich durch den fort­schrei­tenden Erkennt­nis­pro­zess bestimmte Parameter wie Ort, Funktion, Sozia­lität und Typ und führen dazu, dass jeder Entwurf sich stets vom vorher­ge­henden unter­scheidet, selbst wenn es sich um dieselbe Aufgabe handelt. Dieser Zustand des Beob­ach­ters, der immer wieder durch seine Beob­ach­tung den Zustand des Versuchs beein­flusst, erinnert nicht von ungefähr an die Mess­zu­stände der Quan­ten­theorie, die nicht von ungefähr als allge­meine Theorie mensch­li­cher Wahr­neh­mung dienen könnte. Die Archi­tektur verbindet dabei aller­dings empi­ri­sche und statis­ti­sche Methoden mit phäno­me­no­lo­gi­schen Ansätzen – und unter­scheidet sich in dieser metho­di­schen Mischung von den meisten Natur- und von Gesell­schafts­wis­sen­schaften.

Uwe Schröder: Dennoch resul­tiert die Plura­li­sie­rung der Archi­tek­tur­pro­duk­tion nicht aus einer Verstän­di­gung auf einen gemein­samen Wissen­schafts­be­griff, sondern aus immer stärkerer Subjek­ti­vität. Wir scheinen uns immer mehr von einer gemein­samen Über­ein­kunft zu entfernen als ihr zuzu­streben. Wenn es tatsäch­lich so wäre, dass, wie Sie sagen, die Archi­tektur oder die Künste überhaupt eine Wissen­schaft vom Menschen, eine Art Anthro­po­logie wären, dann müssen wir uns fragen, ob es da um einen Wissen­schafts­be­griff geht, der allein der Archi­tektur zugehört, oder ob er weitere Diszi­plinen betreffen könnte.

Andreas Denk: Jetzt lösen Sie sich doch mal von der gebauten Archi­tektur. Bei einem „Berliner Gespräch“ habe ich in diesem Zusam­men­hang den Begriff der Archi­tektur als Lebens­wis­sen­schaft ins Spiel gebracht. Bei dieser Formu­lie­rung ging es nicht darum, eine Sonder­rolle der Archi­tektur zu propa­gieren, sondern vielmehr die Erkenntnis zu formu­lieren, dass zur Behausung des Menschen in seiner Umgebung ein Kanon von Wissen­schaften notwendig ist, der unter dem Label der Archi­tektur zusam­men­ge­führt werden kann. Dazu gehören die Geistes‑, Kultur‑, Gesell­schafts- und medi­zi­ni­schen Wissen­schaften genauso wie gege­be­nen­falls die Natur­wis­sen­schaften, die in ihrem gemein­samen Wirken auf eine gute Einrich­tung des Menschen in der Welt aus sind. Ich würde mit dem Umfang dieses Kanons viel­leicht nicht ganz so weit wie Vitruv gehen, habe aber eine gewisse Sympathie für seinen allum­fas­senden Ansatz, der eigent­lich ein ganz anderes, viel weniger spezi­fi­sches „Bild“ des Archi­tekten vor Augen hatte als wir es heute haben. Es könnte für das Selbst­ver­ständnis und für das ange­kratzte Image des Archi­tekten unserer Tage von nicht geringer Tragweite sein, sich erneut als die Person zu verstehen, die es fertig bringt, diese unter­schied­li­chen Erkennt­nisse in Gestalt und Raum auszu­drü­cken.

II Der wissen­schaft­liche Entwurf

Uwe Schröder: Eine besondere Frage­stel­lung verbindet sich jeden­falls mit dem Entwurf, in dem ich immer noch die Kern­kom­pe­tenz des Archi­tekten sehe. Jeden­falls sind alle anderen Diszi­plinen innerhalb der Archi­tektur auf den Entwurf ausge­richtet, sollen in ihm aufgehen. Die Wissen­schaft­lich­keit des Entwurfs wiederum liegt in den Methoden, die man benennen können muss, die man offen­legen kann und die sich dann auch über­prüfen lassen. Der Entwurf muss schon im Ansatz begründbar sein und diese Begründ­bar­keit in jedem einzelnen Schritt immer wieder aufs Neue unter Beweis stellen. Der Prozess des Entwer­fens muss nach­voll­ziehbar sein.

Andreas Denk: Das könnte zumindest eine ehren­werte Forderung sein…

Uwe Schröder: Das Entwerfen setzt eine Metho­den­for­schung voraus und ermög­licht sie gleich­zeitig. Dabei kann Entwerfen wissen­schaft­lich werden.

Andreas Denk: Aber nicht alles hat eine Letzt­be­gründ­bar­keit. Der archi­tek­to­ni­sche Entwurf – auch Ihrer – lebt mitunter von einem letzten Rest des Unkal­ku­lierten und des Unkal­ku­lier­baren, von der emotio­nalen Entschei­dung für eine Alter­na­tive, vom affir­mativ entschie­denen Detail: also von etwas, das wir nicht benennen und schon gar nicht begründen können. Kein Architekt würde so eine Ebene des Entwurfs jemals ausschließen.

Uwe Schröder: Das ist viel­leicht der Teil der Archi­tektur, den man nicht zwingend wissen­schaft­lich betrachten muss. Aber die Methode des Entwer­fens ist lehrbar und lernbar. Sie ist – und das könnte archi­tek­to­ni­sche Forschung sein – verbes­serbar. Aber das Unaus­sprech­bare darf so bleiben, wie es ist.

Andreas Denk: So war die Position von Claude-Nicolas-Louis Durand vor zwei­hun­dert Jahren, der seine Archi­tek­tur­lehre für Inge­nieure so syste­ma­tisch angelegt hat, dass auch dem Nicht-„Akademiker“ ein halbwegs plau­si­bler Entwurf gelingen konnte, ohne dass ihm grobe hand­werk­liche Fehler passieren mussten. Semper nannte ihn den „Schach­brett­kanzler mangelnder Ideen“…

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Uwe Schröder: Das Beispiel Durand ist sehr gut. Wir können bis zu einem gewissen Grad Ideen entwi­ckeln, die Allge­mein­gül­tig­keit besitzen. Viel wäre gewonnen, wenn wir das Wissen um solche Grund­lagen verbreiten könnten. Wenn sie in der Lehre und in der Anwendung eine Über­ein­kunft zwischen den Archi­tekten und eine gemein­same Basis der Archi­tektur darstellen könnten, wäre ein Ziel erreicht: nämlich dass wir zu einer allge­mei­neren Verständ­lich­keit und größeren Verbind­lich­keit der Archi­tektur und damit zu einer Hebung der Qualität im Hinblick auf die Baukultur kommen könnten.

Andreas Denk: Wenn alle ein ähnliches Werkzeug hätten, das sie in ähnlichem Verständnis einsetzen würden, wären grobe Fehler unwahr­schein­lich: Das ist ja sehr prag­ma­tisch. Wissen­schaft aber meint mehr, weil sie nicht nur auf die Praxis­an­wen­dung zielt, sondern auch die Idee der Forschung umfasst und damit eine Vorstel­lung von Autonomie verbindet. Hemmt die Verfüg­bar­keit dieser bewährten und verläss­li­chen Werkzeuge, die Sie fordern, nicht die Entwick­lung auch abwei­chender Ideen? Und verstößt ein verbind­li­ches und erprobtes Hand­werks­zeug nicht per se gegen die Idee der Autonomie?

III Typus und Topos

Andreas Denk: Sprechen wir noch einmal über den Entwurf. Wir haben konsta­tiert, dass neben den nach­voll­zieh­baren Methoden eines Entwurfs auch ein Quentchen des Unwäg­baren, des Impul­siven, des Wider­sätz­li­chen eine wichtige Rolle für das Gelingen von Archi­tektur spielen kann. Und nicht immer geht ein guter Entwurf aus empi­ri­schen Fest­stel­lungen hervor. Es gibt auch Geis­tes­blitze, die sich jeder Nach­voll­zieh­bar­keit entziehen…

Uwe Schröder: Nun arbeiten gerade die Natur­wis­sen­schaften auch nicht nur empirisch. Nicht wenige Ergeb­nisse der theo­re­ti­schen Physik beruhen darauf, dass jemand eine gute Idee gehabt hat, die er dann rech­ne­risch in einer Vielzahl von Versuchen bewiesen hat. Einstein hat die Allge­meine Rela­ti­vi­täts­theorie nicht gefunden, weil er ein guter Rechner war. Selbst wenn er ein guter Physiker gewesen wäre, hätte das nicht gereicht, wenn er nicht diese Inspi­ra­tion, diese Idee gehabt hätte. Das Eigen­tüm­liche der Natur­wis­sen­schaften ist es, dass sie im Laufe der Zeit diskret geworden sind. Sie und ihre Forschungs­ge­gen­stände haben sich im Laufe der Zeit aus unserer unmit­tel­baren Lebens­wirk­lich­keit entfernt. Sie haben nichts mehr mit unserem täglichen Dasein zu tun.

Das hat zwar eine Berech­ti­gung, aber die Ergeb­nisse sind nicht geeignet, um uns die Welt zu erklären. Die Archi­tektur kann diesen Weg von Wissen­schaften, die sich immer weiter aufsplit­tern, nicht gehen. Sie kann sich nur Orten und Aufgaben widmen, die mit unserer alltäg­li­chen Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit und unseren Bedürf­nissen zusam­men­hängen. Die Archi­tektur braucht also so etwas wie eine Wissen­schaft des Alltäg­li­chen, die unser Dasein in den Grund­lagen zu verstehen versucht und daraus archi­tek­to­ni­sche Ansätze ableitet. Die phäno­me­no­lo­gi­schen Ansätze von Jürgen Hasse, der sich auf die Stadt bezieht, oder von Christian Norberg-Schulz, der dem genius loci nachspürt, könnten hier weiter­helfen. Viel­leicht ist hier ein Ansatz, der Archi­tektur durch eine neue Heran­ge­hens­weise wissen­schaft­li­chen Denkens gerecht zu werden.

Andreas Denk: Lässt sich eine Phäno­me­no­logie der Archi­tektur, wie Sie sie hier anspre­chen, tatsäch­lich verall­ge­mei­nern? Oder tendiert dieser Ansatz nicht wieder dazu, einer indi­vi­du­ellen Mythen­bil­dung Vorschub zu leisten, weil ihre Ergeb­nisse doch wieder nur subjektiv empfunden sind? Wo liegen die Objek­ti­vie­rungs­mög­lich­keiten der Ansätze von Hasse oder Norberg-Schulz?

Uwe Schröder: Sie gehen von der Annahme aus, dass es so etwas wie Erschei­nungs­formen gibt, die von allen gleich oder ähnlich wahr­ge­nommen werden können. Archi­tektur muss davon ausgehen, dass es bei ihr um etwas geht, was die Mehrzahl der Menschen betrifft. Die Annahme der Indi­vi­dua­lität führt nicht dazu, dass wir Grund­an­nahmen machen können, dass wir Regeln aufstellen können, dass wir in aller Unter­schied­lich­keit auch etwas Gemein­schaft­li­ches finden können. Aber nur dann ist Archi­tektur noch sinnvoll. Alles andere kann man der Kunst über­lassen.

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Andreas Denk: Wir können fest­stellen, dass wir es eigent­lich nicht mehr mit einer „Sorte“ von Archi­tektur zu tun haben. Es gibt mehrere Arten der Archi­tektur, die oft nur noch sehr wenig mitein­ander zu tun haben und sich nicht mitein­ander verglei­chen lassen…

Uwe Schröder: Genau. Die Themen, die diesen unter­schied­li­chen Archi­tek­turen unter­liegen, sind oft nur noch Surrogate für den eigent­li­chen Zweck, den die Archi­tektur hat. Wir müssten uns also eigent­lich auf eine neue Teleo­logie der Archi­tektur einlassen: Was ist ihr Zweck, und wie erreichen wir ihn? Das müsste die Gesell­schaft gemein­schaft­lich und einver­nehm­lich bestimmen.

Andreas Denk: Glauben Sie daran? Die archi­tek­to­ni­schen Kulturen der Welt unter­scheiden sich in einem Maße, dass wir China, die USA und das gute alte Europa kaum noch zusam­men­bringen…

Uwe Schröder: Die neue Archi­tektur muss in einer anderen Maßstäb­lich­keit entwi­ckelt werden. Sie muss zurück­finden zum Lokalen. Der Theo­re­tiker Georg Franck spricht deshalb von Allmenden, von Inter­es­sens­ge­mein­schaften, die sich bilden könnten, von „regio­nalen Freund­schaften“, die auch Interesse an der Archi­tektur entwi­ckeln könnten. Diese Archi­tektur könnte dem mensch­li­chen Bedürfnis nach Identität, nach spezi­fi­schen Orten gerecht werden.

IV Die Lebens­wis­sen­schaft

Andreas Denk: Wir stimmen überein, dass die Archi­tektur nur dann wissen­schaft­lich sein kann, wenn sie es mit ihren eigenen Mitteln sein darf. Sie kann nicht einfach die Defi­ni­tionen anderer Wissen­schaften über­nehmen, sondern muss ihre eigenen Methoden und Techniken so einsetzen, das sie begründbar und nach­voll­ziehbar sind. Nicht die Archi­tektur muss sich den anderen Wissen­schaften andienen, sondern der Begriff der Wissen­schaft muss sich in Bezug auf die Archi­tektur verändern.

Uwe Schröder: Das ist leicht gesagt. Ich betone nochmals: Wenn wir uns mit dem Wissen­schafts­be­griff in der Archi­tektur mitunter schwer tun, hat es sicher­lich auch damit zu tun, dass es nicht leicht ist, etwas Verall­ge­mei­ner­bares zur Archi­tektur aussagen zu können, was schließ­lich zu ihren Grund­lagen gehören soll. Selbst innerhalb der Disziplin besteht darüber keine Einigkeit mehr. Erst wenn von diesen Wurzeln her eine Neube­stim­mung der Grund­lagen kommt, können wir auf dieser Grundlage einen Wissen­schafts­be­griff fußen lassen, der einer­seits auf Metho­den­si­cher­heit beruht, ande­rer­seits auf der Über­prüf­bar­keit der Ergeb­nisse von Entwürfen.

Andreas Denk: Das würde den Verzicht auf jede weitere Diskus­sion bedeuten. Ich zweifle daran, dass sich diese Einigkeit in Bezug auf gemein­same Grund­lagen wieder herstellen lassen wird. Es sei denn durch eine Kata­strophe oder eine Revo­lu­tion. Wir müssen wenigs­tens sagen, was aus unserer Sicht der Dinge das Wissen­schaft­liche der Archi­tektur sein kann.

Uwe Schröder: Eine Wissen­schaft der Orte, der Programme, der Aufgaben würde zu einer Topologie und zu einer Typologie der Archi­tektur führen.

Andreas Denk: Das ist mir zu formal. Da waren wir vorhin schon weiter. Der Bedarf und die Bedürf­nisse des Menschen und die Möglich­keit der räum­li­chen Umsetzung oder Entspre­chung dieser Bedürf­nisse sind es, um die es geht. Das könnte einer der Bausteine einer Wissen­schaft der Archi­tektur sein.

Uwe Schröder: Das fasse ich unter dem Begriff der Typologie. Die Wissen­schaft der Orte nenne ich Topologie.

Andreas Denk: Aber die beiden Begriffe bedingen doch einander: Orte bilden Typen, und Typen prägen Orte. Das sind beides Parameter, die außerhalb des Menschen entstehen und die wiederum zu den Bedürf­nissen des Menschen in einem Verhältnis stehen.

Uwe Schröder: Ich bin sicher, dass wir zuerst die Orte mit ihrem spezi­fi­schen Charakter erfor­schen müssen. Das ist noch lange nicht in ausrei­chendem Maße geschehen, gerade, wenn es um die Erfor­schung von Land­schaften geht. Das ist nicht nur Aufgabe der Archi­tektur, sondern auch ihrer Hilfs­wis­sen­schaften. Archi­tektur hat hier wieder einmal eine Synthe­se­leis­tung zu voll­bringen, indem sie dieses Wissen um Orte im Bauwerk erschließt. Das meine ich mit Topologie. Typologie wiederum soll das leisten, was Sie gerade meinten, nämlich die Bedürf­nisse des Menschen befrie­digen. Aber auch das muss wissen­schaft­lich erschlossen werden.

Andreas Denk: Das erscheint mir sehr rigide und wenig über­grei­fend. Der hand­buch­ar­tige Rückzug auf Typus und Topos, wie er heute sehr häufig an unseren Hoch­schulen gelehrt wird, ist zu wenig. Daraus entsteht zu oft eine Alibi-Archi­tektur, die sich darin sonnt, mit der Analyse von Typ und Ort bereits alles Erdenk­liche getan zu haben, um gut zu sein. In Wirk­lich­keit kann man fest­stellen, dass es sich meist um mühevolle, frag­men­ta­ri­sche Nähe­rungen an eine theo-retische Posi­tio­nie­rung der Archi­tektur an einem Ort und in Bezug auf Menschen handelt, die im Entwurf dann häufig zugunsten formaler Lösungen an Bedeutung verlieren.

Uwe Schröder: Die Analyse, von der Sie sprechen, ist bereits der Entwurf. Der Fehler, der oft gemacht wird, ist die Trennung zwischen Analyse und Entwurf.

Andreas Denk: Das, was geleistet werden muss, ist die Inte­gra­tion der unter­schied­li­chen Betrach­tungs­ebenen: Es geht darum, Analy­se­er­geb­nisse mit den unter­schied­li­chen Erkennt­nissen aller erdenk­li­chen Hilfs­wis­sen­schaften unter einen Hut zu bringen, und zwar nicht nach­ein­ander und nach Belieben, sondern indem sie zu einem inte­gralen Ganzen zusam­men­ge­führt werden, aus dem schließ­lich ein Entwurf entsteht, indem sogar die Anteile der jewei­ligen Wissen­schaften nach­voll­ziehbar sind. In dem Maße, in dem die Archi­tektur mit ihrem Entwurf in der Lage ist, die unter­schied­li­chen wissen­schaft­li­chen Erkennt­nisse zu inte­grieren, könnte man, wie ich es vorhin versuchte, von ihr als einer „Lebens­wis­sen­schaft“ sprechen. Das würde sie metho­disch und teleo­lo­gisch von den Natur­wis­sen­schaften und auch von den Gesell­schafts­wis­sen­schaften abgrenzen, die diesen umfas­senden, menschen­dien­li­chen Ansatz nicht mehr vermögen.

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk

Uwe Schröder: Dafür gibt es den Begriff der roman­ti­schen Wissen­schaft, die die zersplit­terten Teil­wis­sen­schaften wieder zu einem Gesamt­mo­dell zusam­men­bringt – so etwas meinen Sie. Die Archi­tektur hätte eine Synthe­se­leis­tung zu voll­bringen…

Andreas Denk: Genau. So ähnlich, wie es Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos“ versucht hat: alle Phänomene zu „sichern“ und gleich­zeitig zu einem Gesamt­bild zusam­men­zu­tragen, das den denkbaren und möglichen Entwurf eines Bildes der Welt abgibt. Und für die Archi­tektur käme hinzu, dass sie eben nicht nur die geistig-tech­ni­schen Kompo­nenten berück­sich­tigt, sondern zugleich auch die Versöh­nung mit dem Handwerk, also der Fertigung, und der Kunst, also der Phantasie, zu leisten hat und dabei nicht nur reflexiv ist, sondern produktiv wird. Der neue Architekt hätte von Fall zu Fall darüber zu entscheiden, wie und in welchem Maß und mit welcher Methodik die unter­schied­li­chen Wissen­schaften respek­tive ihre Erkennt­nisse zusam­men­ge­führt werden müssen, um eine schlüs­sige Lösung eines Problems zu bekommen: Die verant­wor­tungs­volle und nach­voll­zieh­bare Entschei­dung über das Maß des Einflusses von Handwerk, Kunst und Technik und ihren jewei­ligen Unter­ka­te­go­rien wäre seine Wissen­schaft. Dass das Resultat, das aus diesem Abwägungs- und Entwurfs­pro­zess entsteht, schließ­lich eine meta­pho­ri­sche oder symbo­li­sche Form bekommt, die diese viel­fäl­tige Zuwendung zum Menschen zum Ausdruck bringt, wäre seine Kunst.

Uwe Schröder: Das würde die Archi­tektur in eine ähnliche Position wie die Philo­so­phie bringen, die als Wissen­schaft der Wissen­schaften operieren kann. Viel­leicht könnte eine solche Wissen­schaft der Archi­tektur sogar mit inter­dis­zi­pli­nären Teams arbeiten, die gemeinsam mit Archi­tekten die Entste­hung von Form und Raum reflek­tieren und weiter­ent­wi­ckeln könnten. Man könnte Ergeb­nisse sammeln, zusam­men­tragen und in einem neuen, über­ge­ord­neten Kontext zum Raum entwi­ckeln. Das wäre tatsäch­lich eine wissen­schaft­lich begrün­dete Forschungs­leis­tung der Archi­tektur…

Andreas Denk: …die dann gewähr­leistet wäre, wenn sie offen­legte, in welchem Maß und wie die unter­schied­li­chen Wissen­schaften auf den Entwurf einge­wirkt haben. Das Haus wird so gleich­zeitig zum Produkt hand­werk­li­cher, geistiger und künst­le­ri­scher Arbeit, bei dem die Anteile der jeweils betei­ligten Diszi­plinen und die Methode ihrer Einar­bei­tung offen­ge­legt sind.

Prof. Dipl. Ing. Uwe Schröder (*1964), Architekt BDA, studierte Archi­tektur an der Rheinisch-West­fä­li­schen Tech­ni­schen Hoch­schule Aachen und an der Kunst­aka­demie Düssel­dorf. Seit 1993 unterhält er ein eigenes Büro in Bonn. Nach Lehr­auf­trägen in Bochum und Köln war er von 2004 bis 2008 Professor für Entwerfen und Archi­tek­tur­theorie an der Fach­hoch­schule Köln, seit 2008 ist er Professor am Lehr- und Forschungs­ge­biet Raum­ge­stal­tung an der RWTH Aachen. Von 2009 bis 2010 war er Gast­pro­fessor an der Univer­sità di Bologna, Facoltà di Archi­tet­tura „Aldo Rossi“. Er ist Redak­ti­ons­beirat dieser Zeit­schrift.

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunst­ge­schichte, Städtebau, Technik‑, Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schichte sowie Vor- und Früh­ge­schichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Archi­tek­tur­his­to­riker und Chef­re­dak­teur der Zeit­schrift der architekt des BDA und lehrt Archi­tek­tur­theorie an der Tech­ni­schen Hoch­schule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk
Foto: Andreas Denk