Soziale Resilienz

Was Städte stark macht

Im Oktober 2016 wurde auf der UN Habitat III Konferenz in Quito die Urbane Agenda verab­schiedet und das Ziel betont, Städte inklusiv, sicher, resilient und nach­haltig zu gestalten. Damit steht der spröde Begriff der Resilienz in der ersten Reihe der Entwick­lungs­ziele gleich­wertig neben der Nach­hal­tig­keit. Diese Setzung hat guten Grund, wenn man die Heraus­for­de­rungen der Urba­ni­sie­rung und des Klima­wan­dels ernst nimmt, und ist doch der Nachfrage wert, denn sie steht für ein neues Verständnis von Planung und Planungs­zielen.

Die UN geht davon aus, dass bis 2050 etwa 80 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung in Städten leben wird. Klima­wandel, Umwelt­zer­stö­rung und Urba­ni­sie­rungs­pro­zesse formen ständig neue Heraus­for­de­rungen. Die erwartete Inten­si­vie­rung des Klima­kreis­laufs lässt gravie­rende Auswir­kungen von Hitze­wellen, Über­flu­tungen, Stark­re­gen­er­eig­nissen und Stürmen für das Ende des 21. Jahr­hun­derts erwarten (World Bank 2012). Die Vulnerabi­lität der Städte ist bestimmt durch die wachsende Zahl der Stadt­be­völ­ke­rung, die Lage vieler Städte in Küsten­nähe, in Über­flu­tungs­ge­bieten und entlang seis­mi­scher Riffs und die große wirt­schaft­liche Bedeutung, die Städte im globalen System einnehmen. Insbe­son­dere der boomende asiatisch-pazi­fi­sche Raum gilt weltweit als am stärksten gefähr­dete Region. Urba­ni­sie­rung und Klima­wandel fordern soziale Verant­wor­tung und einen neuen Planungs­ho­ri­zont, der auf einem inter­dis­zi­pli­nären Verständnis von Zusam­men­hängen und Prozessen im Stadtraum beruht.

Überflutete Straße in Obando, Metro Manila, Philippinen, Foto: Simon Gehrmann
Über­flu­tete Straße in Obando, Metro Manila, Phil­ip­pinen, Foto: Simon Gehrmann

Die Frage nach Risiko und Resilienz
Städte sind komplexe adaptive Systeme von vernetzten Service­leis­tungen und Struk­turen. Die wachsende Stadt­be­völ­ke­rung, die Konzen­tra­tion von Ressourcen und Kapital, unklare Mandate für Krisen­fälle, ein oft unzu­rei­chendes Wasser- und Abwas­ser­ma­nage­ment mit Folgen für die Umwelt, die fort­schrei­tende Zerstö­rung der Ökosys­teme mit weit­rei­chenden Folgen, über­al­terte städ­ti­sche Infra­struk­turen und Gebäu­de­be­stände stellen große Heraus­for­de­rungen für die Planung dar. Innerhalb der gebauten Stadt­struktur gibt es aber nur wenige Spiel­räume, um räumliche Struk­turen zu verändern und gestal­tend einzu­greifen. Es ist daher von zentraler Bedeutung, wie Fragen nach Risiken und Unsi­cher­heiten beurteilt werden (World Bank 2012: 5) und welche Prio­ri­täten man in der Planung setzen möchte.

Die Tatsache, dass es keine Sicher­heit in den Annahmen zukünf­tiger Entwick­lungen und Gefähr­dungen geben kann, hat in zwei­fa­cher Hinsicht Auswir­kungen auf die Städte: Man geht zum einen davon aus, dass es keine optimale tech­no­lo­gi­sche Lösung geben kann, sondern robuste Lösungen für städ­ti­sche Risiken nur in intel­li­genten Kombi­na­tionen von städ­ti­schen Infra­struk­turen und gezielten Projekt­maß­nahmen zu suchen sind. Hier ist insbe­son­dere auch die Inte­gra­tion von natur­ba­sierten Lösungen gefragt. Ande­rer­seits bedeutet die Aner­ken­nung eines Rest­ri­sikos auch, dass Städte in der Verant­wor­tung sind, konti­nu­ier­lich Infor­ma­tion und Kommu­ni­ka­tion, Früh­warn­sys­teme und Notfall­pläne zu verbes­sern (World Bank 2012).

Der Such­be­griff ist Resilienz: Als Resilienz wird die Fähigkeit eines Systems, einer Gemein­schaft oder Gesell­schaft bezeichnet, Krisen und Gefah­ren­si­tua­tionen zu bewäl­tigen und sich mit Wider­stands­kraft zeitnah und nach­haltig von den Auswir­kungen zu erholen und die notwen­digen Grund­struk­turen wieder­her­zu­stellen (UNISDR 2011). Das Konzept der Resilienz gilt seit Holling (1973) als wegwei­sender Ansatz, der in unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tionen weiter­ent­wi­ckelt wurde. Für sozial-ökolo­gi­sche Systeme gelten Wider­stands­fä­hig­keit, Anpas­sungs- und Wand­lungs­fä­hig­keit als bestim­mende Eigen­schaften. (Folke et al. 2010)

Team B: Lara Giacometti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khoshnevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Ni Made Wenes Widiyani, Khatun E. Zannat: S.A.F.E. WATERSCAPE, Lageplan
Team B: Lara Giaco­metti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khosh­nevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Ni Made Wenes Widiyani, Khatun E. Zannat:
S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Lageplan

Neue Planungs­per­spek­tiven?
Mit dem Ziel, die Resilienz zu stärken, hat sich die Perspek­tive in der Planung verändert: Der Blick­winkel wird von der spezia­li­sierten Inge­nieurs­per­spek­tive erweitert auf ein diszi­plin­über­grei­fendes Verständnis von Zusam­men­hängen und Prozessen im Stadtraum. Resilienz ist ein voraus­schau­ender Ansatz, der über Risi­ko­min­de­rung hinaus­geht und versucht, System­aus­fälle zu mildern und Kapa­zi­täten auszu­bauen. Der Fokus liegt auf Prin­zi­pien, die eine nach­hal­tige Stadt­ent­wick­lung fördern, Ökosys­tem­dienst­leis­tungen und natur­ba­sierte Lösungen einbe­ziehen, den Klima­wandel adäquat berück­sich­tigen und die Klima­an­pas­sung voran­treiben, sowie gemein­schafts­ba­sierte Ansätze und soziale Resilienz fördern. Dies sind keine neuen Themen, im Gegenteil, sie sollten längst fest verwur­zelter Anspruch jeder Planung sein, ebenso wie der verant­wor­tungs­volle Umgang mit Ressourcen.

Neu ist die Ausein­an­der­set­zung mit Risiko und Unsi­cher­heit: Die Einschät­zung einer sozialen Gemein­schaft, welche Risiken sie zu tragen bereit ist und welche Ziele hinter Inves­ti­tionen in ihre Sicher­heit stehen, ist abhängig von der Bedeutung, die den unter­schied­li­chen Gefahren zuge­spro­chen werden. Diese Einschät­zung ist nicht nur gebunden an die statis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit eines Krisen­falls oder die „gefühlte“ Bedrohung, sondern auch an die Kommu­ni­ka­tion innerhalb der Gemein­schaft. Die struk­tu­relle Unter­schei­dung in unter­schied­liche Funk­ti­ons­sys­teme wie Politik, Wirt­schaft, Wissen­schaft, Erziehung und Religion trägt dazu bei, dass einzelne Themen sehr viel oder sehr wenig Resonanz in der modernen Gesell­schaft erfahren (Luhmann 2004). Mit dem Begriff der Kriti­kia­lität wird das Konzept der kontext- und gesell­schafts­spe­zi­fi­schen Wahr­neh­mung von Risiken und Unsi­cher­heiten beschrieben.1 Gerade aus dieser Perspek­tive ist es sinnvoll, die Bedin­gungen von Vulnerabi­lität und Resilienz für jede einzelne Stadt und ihre Gesell­schaft genau zu analy­sieren.Siehe hierzu: Lenz (2009): Vulnerabi­lität kriti­scher Infra­struk­turen. ↩︎

S.A.F.E. WATERSCAPE, bestehendes Wassersystem in Valenzuela City (Manila, Philippinen)
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, bestehendes Wasser­system in Valen­zuela City (Manila, Phil­ip­pinen)

Neu ist auch das Verständnis von Raum und Zeit: Dass die Entwick­lung von Städten und Stadt­ge­sell­schaften nicht linear verläuft, ist allgemein bekannt, doch das Panarchy-Modell sozial-ökolo­gi­scher Systeme hat erst mit dem Resi­li­en­z­be­griff in der Planung Einzug gehalten. Mit dem Bild eines Balls, der rollend im Bassin eine Schleife zieht – von Verän­de­rung und Neuor­ga­ni­sa­tion (in kleinem Radius) über Konso­li­die­rung und Wachstum (in großem Radius) – und nur bei einschnei­denden Entschei­dungen die Ebene wechselt, wird die Entwick­lung städ­ti­scher Gesell­schaften in adaptiven Zyklen beschrieben. So hat beispiels­weise das weit entfernte Fukushima in Deutsch­land den Ausschlag zur Ener­gie­wende gegeben. Jede Planung und jede umge­setzte Maßnahme bedarf der genauen Analyse der örtlichen Gege­ben­heiten und verweist zugleich auf seine höheren Maßstab­s­ebenen. Das Ziel ist es, Inno­va­tionen durch die Entwick­lung regional skalier­barer, aber lokal-spezi­fi­scher Lösungen zu fördern, die die Wider­stands­fä­hig­keit in der Region erhöhen.

Neu ist die Konzen­tra­tion auf die städ­ti­schen Infra­struk­turen: Wasser­ver­sor­gungs­sys­teme und Hoch­was­ser­schutz stellen für Städte gegen­wärtig die größte Heraus­for­de­rung dar. Ener­gie­ver­sor­gung und Kommu­ni­ka­ti­ons­sys­teme beschäf­tigen die Über­le­gungen auf natio­naler und subna­tio­naler Ebene ebenso wie die Sicherung von Transport und Mobilität. Die städ­ti­schen Infra­struk­turen – Wasser, Abwasser, Energie, Kommu­ni­ka­tion und Transport – sind im Krisen­fall von entschei­dender Bedeutung für Notfall­maß­nahmen und eine schnelle Wieder­her­stel­lung von Gesell­schaft und Wirt­schaft. Diese „kriti­schen Infra­struk­turen” stehen derzeit im Mittel­punkt städ­ti­scher Planungen zur Resilienz (World Bank 2012: 32), um im Krisen­fall gewappnet zu sein. Doch die kriti­schen Infra­struk­turen sind längst selbst das Nerven­system moderner Städte, dessen Störung drama­ti­sche Krisen auslösen kann.2 Die wachsende Vulnerabi­lität moderner Stadt­ge­sell­schaften durch ihre infra­struk­tu­relle Vernet­zung wird inzwi­schen sehr kontro­vers disku­tiert.DFG-Gradu­ier­ten­kolleg Kritis, TU Darmstadt. ↩︎

S.A.F.E. WATERSCAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Entwurf eines „linearen Parks“

Neu ist der Fokus auf Ökosys­tem­dienst­leis­tungen: Den Vorzug, den die „grüne“ Infra­struktur in vielen Projekten vor der „grauen“ Infra­struktur der Stadt­technik erhält, ist nicht nur einem kriti­schen Verständnis von Tech­no­lo­gie­ab­hän­gig­keit geschuldet, sondern auch der Bedeu­tungs­zu­nahme natur­ba­sierter Lösungen im Hoch­was­ser­schutz und in der Wasser­ver­sor­gung. Ökosys­tem­dienst­leis­tungen werden als Möglich­keit verstanden, Tech­nik­ab­hän­gig­keit zu redu­zieren und sinnvoll Schutz­maß­nahmen städ­ti­scher Infra­struk­turen zu ergänzen. Dies soll Städte davor schützen, sich in hoch inves­tiven tech­no­lo­gi­schen Lösungen fest­zu­legen, die mit zukünf­tigen Entwick­lungen an Bedeutung verlieren könnten (World Bank 2012). Große inter­na­tio­nale Studien wie das Mill­en­nium Ecosystem Assess­ment haben sich eingehend mit den weltweit von Ökosys­temen bereit­ge­stellten Leis­tungen befasst und eindring­lich auf die Folgen hinge­wiesen, die mit deren Vermin­de­rung oder Verlust einher­gehen (Grunewald; Bastian 2012). Doch natur­ba­sierte Lösungen können noch mehr, denn sie bieten die Chance, mit gestal­te­ri­schen Maßnahmen im Freiraum einen attrak­tiven Stadt- und Land­schafts­raum zu gewinnen, der nicht nur die Resilienz erhöht, sondern auch die Lebens­qua­lität seiner Bewoh­ne­rinnen und Bewohner. Die guten Planungs- und Projekt­bei­spiele setzen genau an diesem Punkt an.

Design­stra­te­gien und Planungs­bei­spiele
Inves­ti­tionen in neue Infra­struk­turen, ein voraus­schau­endes Land­ma­nage­ment und nach­hal­tige Gestal­tung der Land­schafts­räume sind gegen­wärtig die zentralen Planungs­ele­mente, deren Ausgleich nur stand­ort­spe­zi­fisch für jede Stadt gefunden werden kann. Es sind hybride Lösungen, die als Spezi­al­an­fer­ti­gungen für den Ort und die prognos­ti­zierte Gefähr­dung entwi­ckelt werden, aber zugleich Perspek­tiven auf neue attrak­tive Stadt- und Land­schafts­räume eröffnen. Kritische Infra­struk­turen sind in diesen Planungen nicht mehr allei­niges Thema der Fach­in­ge­nieure, sondern der zentrale Gegen­stand ressour­cen­sen­si­tiver Stadt­ge­stal­tung. Insbe­son­dere das Zusam­men­spiel von Wasser­ma­nage­ment, Urban Design, Archi­tektur und Land­schafts­ar­chi­tektur in Konzepten des Water-Sensitive Urban Designs (WSUD) zeigt eindrucks­voll, wie es mit lokalen Netz­werken gelingt, zugleich lebens­werte, nach­hal­tige und attrak­tive Städte zu gestalten.

S.A.F.E. WATERSCAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Entwurf eines „linearen Parks“

Ursprüng­lich in Austra­lien entwi­ckelt, gibt es heute viele Beispiele für ein inte­griertes Wasser­ma­nage­ment in unter­schied­li­chem Maßstab. Daneben verweist das Stichwort Low-Impact Deve­lo­p­ment auf robuste, dezen­trale und natur­ba­sierte Lösungen, die im Krisen­fall weniger anfällig sind als ihre vormals tech­no­kra­ti­schen Brüder. In diesem Zusam­men­hang ist auch der Blick auf Beispiele auto­chthoner Gebäude und klima­ad­ap­tiver Archi­tektur inter­es­sant, denn er zeigt weitere Lösungs­an­sätze, deren Wissen es zu bewahren lohnt und in neue Konzepte inte­griert werden kann. Im Folgenden werden Planungs­bei­spiele aus den Design-Wett­be­werben Rebuild by Design und Designing Resi­li­ence in Asian Cities sowie Projekte zur wasser­sen­si­tiven Stadt­ge­stal­tung vorge­stellt.

The Big U: New York, NY
Das Projekt von einem Team um Bjarke Ingels3 ist wohl eines der schil­lerndsten Beispiele. Die Frage, wie Manhattan nach Hurrikan Sandy seine Resilienz erhöhen und mit den Schutz­maß­nahmen zugleich an Attrak­ti­vität, Aufent­halts- und Lebens­qua­lität gewinnen kann, ist Ausgangs­punkt der Planung. Die Südspitze Manhat­tans wird von einem schüt­zenden grünen Band umfasst, das von der West 57th Street bis zur East 42th Street reicht und unter­schied­liche Profile in den Abschnitten vor Lower East Side, The Battery, Chelsea, Red Hook und The South Bronx ausbildet. Hoch­was­ser­schutz und dezen­trales Wasser­ma­nage­ment sind gestal­te­risch inte­griert in neue Uferzonen, neue Stra­ßen­pro­file und neue städ­ti­sche Räume, die soziale Funk­tionen aufnehmen und hohe frei­räum­liche Qualität bieten.4BIG (Bjarke Ingels Group) with One Archi­tec­ture, Starr White­house, James Lima Planning + Deve­lo­p­ment, Project Projects, Green Shield Ecology, AEA Consul­ting, Level Agency for Infra­struc­ture, Arcadis, and the Parsons School of Cons­tructed Envi­ron­ments. ↩︎http://www.rebuildbydesign.org/our-work/all-proposals/winning-projects/big‑u; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Lageplan
Team B,
S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Lageplan

Resist, Delay, Store, Discharge: Hoboken, Jersey City Weehawken, New Jersey
Das Team von OMA inte­griert ebenfalls den Hoch­was­ser­schutz in Stra­te­gien zur Aufwer­tung der Küsten­zone. Der syste­ma­ti­sche Ansatz, auf verschie­dene Phasen im Über­flu­tungs­fall aktiv zu reagieren, und diese Maßnahmen mit einem umfas­senden Konzept der Kommu­ni­ka­tion innerhalb der Akteure zu verbinden, zeichnet dieses Planungs­pro­jekt aus.5http://​www​.rebuild​by​de​sign​.org/​o​u​r​-​w​ork /all-propo­sals/­re­sist-delay-store-discharge-a-compre­hen­sive-strategy-for-hoboken; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

The Blue Dunes, New Jersey
West 8 adres­siert unmit­telbar den Küsten­schutz und verbindet ihn mit Über­le­gungen zur Geomor­pho­logie und zu Lebens­räumen am Wasser. Die Abwehr von Sturm­fluten soll durch vorge­la­gerte Insel­ketten erfolgen, um die Küsten­städte von New Jersey zu schützen. Der Name „The Blue Dunes“ steht für die Lage im offenen Meer und die Dünen für die naturnahe Gestal­tung als Habitat für Fauna und Flora. Das Bild der neuen Küsten­zone ist gewinnend und steht doch am Anfang einer notwen­digen Forschung in inter­dis­zi­pli­nären Teams aus Wissen­schaft­lern, Inge­nieuren, Ökonomen und Meeres­bio­logen zu den Schlüs­sel­themen in der Gestal­tung von Wasser­qua­lität, Lebens­räumen für Vögel und Fische, Anfor­de­rungen an die Schiff­fahrt und derglei­chen.6http://​www​.west8​.nl/​p​r​o​j​e​c​t​s​/​a​l​l​/​b​l​u​e​_​d​u​n​e​s​_​t​h​e​_​f​u​t​u​r​e​_​o​f​_​c​o​a​s​t​a​l​_​p​r​o​t​e​c​t​i​on/; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Rebuild by Design
Diese drei Beispiele entstammen demselben Planungs­wett­be­werb und zeigen deutlich, welch breite Spanne an lokal­spe­zi­fi­schen und regional über­grei­fenden Projekten in diesem Rahmen disku­tiert wurden. Rebuild by Design wurde 2013 als Planungs­wett­be­werb nach Hurricane Sandy vom US Depart­ment of Housing and Urban Deve­lo­p­ment in Part­ner­schaft mit gemein­nüt­zigen Orga­ni­sa­tionen ins Leben gerufen. Das Programm und den design­ori­en­tieren Ansatz als Luxus­pro­gramme reicher Städte zu beur­teilen, mag auf den ersten Blick nahe liegen. Doch dieses Urteil wäre zu kurz gegriffen, denn die Initia­tive zielt auf eine kommu­ni­ka­tive und parti­zi­pa­tive Strategie, die die klas­si­schen Barrieren von Akteuren und Zustän­dig­keiten über­winden soll. Es werden design­ori­en­tierte Programme genutzt, gerade um Kommunen und Städte in Über­le­gungen einzu­binden, wie ihre Resilienz erhöht werden kann.

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt AA
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt AA

Die Arbeits­hy­po­these ist, dass Gemein­schaften nur dann bestehende Barrieren über­winden können, wenn sie mit Planern, Wissen­schaft­lern, Poli­ti­kern und Sach­ver­stän­digen zusam­men­ar­beiten. Diese Gemein­schafts­ar­beit ist das Herzstück eines itera­tiven kreativen Prozesses. Der Wieder­aufbau beginnt mit der Analyse, welche Personen und Orga­ni­sa­tionen über das beste Fach­wissen verfügen und vernetzt sie mit denen, die die Heraus­for­de­rungen der betrof­fenen Gemein­schaft am besten kennen, um dann gemeinsam Projekte zu entwi­ckeln, die ihre Region stärker und belast­barer machen. Die Zusam­men­ar­beit in der Grund­la­gen­er­mitt­lung und im Planungs­pro­zess ermög­licht es den Gemeinden, ein besseres Verständnis zu entwi­ckeln, ihre eigenen Kapa­zi­täten zu erhöhen, umsetz­bare Projekte zu gestalten und neue Bezie­hungen zu knüpfen. Der Wett­be­werb wurde zum Modell für inte­gra­tive Planungs­pro­zesse und im Rahmen der Part­ner­schaft mit 100 Resilient Cities (100RC) zu einem global agie­renden Programm erweitert, das heute unter der Leitung des Nieder­län­ders Henk Ovink steht.7https://​portal​.hud​.gov/​h​u​d​p​o​r​t​a​l​/​H​U​D​?​src
=/​sandyrebuilding/​rebuildbydesign; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Water Sensitive Urban Design (WSUD)
Die lange Erfahrung in den Nieder­landen mit dem Hoch­was­ser­schutz hat sie längst zu Vorrei­tern inno­va­tiver Projekte werden lassen. Waterplan 2, Rotterdam, NL 2007 – 2030 zeigt eindrucks­voll, wie Wasser als Möglich­keit der Stadt­ge­stal­tung verstanden werden kann. Die Inte­gra­tion von Wasser­rück­hal­tung und Spei­cher­flä­chen in den dicht bebauten urbanen Gebieten erfolgt in einem inte­grierten Ansatz. Eigens die Gestal­tung von „Wasser­plätzen“, die 90 Prozent des Jahres als klas­si­sche „trockene“ Plätze genutzt werden, aber im Fall von Stark­re­gen­er­eig­nissen Wasser­flä­chen mit hohen Aufnah­me­ka­pa­zi­täten inte­grieren können, haben ebenso wie die temporäre Nutzung von Tief­ga­ragen als Auffang­be­cken Aufsehen erregt. Die Water Plaza in Rotterdam von De Urba­nisten und Studio Marco Vermeulen zeigt, wie Flächen auf unter­schied­li­chen Niveauebenen zur räum­li­chen Glie­de­rung eines Platzes und zur Diffe­ren­zie­rung von unter­schied­li­chen Nutzungen beitragen können, und ande­rer­seits der Platz selbst bei Regen schritt­weise bis zu 1.000 Kubik­meter Wasser speichern kann, bevor dieses langsam in die Kana­li­sa­tion abgeführt wird,8 um die vorhan­dene graue Infra­struktur zu entlasten.http://​www​.urba​nisten​.nl/​w​p​/​?​p​o​r​t​f​o​lio =water­plein-benth­emp­lein; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt BB
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt BB

Im kleinen Maßstab haben Dreiseitl und Renzo Piano mit dem Wasser­ma­nage­ment am Potsdamer Platz in Berlin 1994 bis 1998 bereits eines der führenden Beispiele in der wasser-sensi­tiven Stadt­ge­stal­tung vorgelegt. Inno­va­tive ökolo­gi­sche Standards sind in den inte­grierten Wasser­re­cy­cling-Systemen der Gebäude zu sehen, die nicht nur das Regen­wasser für die Toilet­ten­spü­lung und zur Grün­be­wäs­se­rung nutzen, sondern auch aus dem in Zisternen gesam­melten Regen­wasser ein attrak­tives Gewäs­ser­system speisen.

In diesem wird das Wasser durch bepflanzte Reini­gungs­bio­tope biolo­gisch gereinigt, so dass nur bei Bedarf in Sommer­mo­naten tech­ni­sche Filter zuge­schaltet werden müssen. Die Entlas­tung der städ­ti­schen Kana­li­sa­tion gilt als große ökolo­gi­sche Errun­gen­schaft, da so annähernd die Ablauf­werte eines unver­sie­gelten Grund­stü­ckes erreicht werden.9http://​www​.dreiseitl​.com/​d​e​/​p​o​r​t​f​o​lio# potsdamer-plaza; Seiten­aufruf: 13.01.2017. ↩︎

Die deutschen Land­schafts­ar­chi­tekten sind neben den Inge­nieuren von CH2MHill auch verant­wort­lich für Planung des Bishan Ang Mo Kio Parks in Singapur10, der im Rahmen der Rena­tu­rie­rung des Kallang Rivers 2012 fertig­ge­stellt wurde. Der Park dient den (scheinbar wider­sprüch­li­chen) Zielen der Wasser­ver­sor­gung wie auch des Hoch­was­ser­schutzes. Der ehemals kana­li­sierte Fluss mäan­driert heute über 3,2 Kilometer Länge in einem großen Park von 62 Hektar. Die Uferzonen sind sorg­fältig gestaltet, um einer­seits die Wasser­qua­lität zu verbes­sern und ande­rer­seits schwan­kende Wasser­stände ausglei­chen zu können. Durch die inte­grierte Planung des Fluss­betts und des Parks ist das System außerdem in der Lage, Stark­re­gen­er­eig­nisse abzu­puf­fern. Weite Teile des Parks sind daher als Über­flu­tungs­zone angelegt, die zunächst den Fluss hydrau­lisch entlasten, um das Wasser anschlie­ßend verlang­samt an die weiter­füh­renden Kanäle abgeben zu können. Der Bishan Park gilt heute als Flag­schiff­pro­jekt des ‚ABC Waters Programme‘ (Active, Beautiful, Clean Waters), das Singapur 2006 ins Leben gerufen hat, um Wasser als Schlüs­sel­ele­ment im städ­ti­schen Leben ins Bewusst­sein zu rufen.11http://​www​.landezine​.com/​i​n​d​e​x​.​p​hp/
2012/06/­kal­lang-river-at-bishan-ang-mokio-
park-by-atelier-drei­seitl/; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
http://​www​.ramboll​.com/​p​r​o​j​e​c​t​s​/​s​i​n​g​a​p​o​r​e​/​b​i​s​h​a​n​-​p​ark; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt CC
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt CC

Auf ähnliche Weise zeigen Ramboll Studio Dreiseitl im Copen­hagen Strategic Flood Master­plan von 2013, dass Wasser­ma­nage­ment für eine Stadt und die Gestal­tung ihrer Stra­ßen­pro­file ein Gewinn sein kann. Diese neue Gene­ra­tion von „blau-grünen Infra­struk­turen“ ist auf städ­ti­sche Dienst­leis­tungen im Bereich Mobilität, Erholung, Gesund­heit und Biodi­ver­sität ausge­richtet und stellt sich gleich­zeitig dem Ziel lang­fris­tiger Wirt­schaft­lich­keit.12http://​www​.landezine​.com/​i​n​d​e​x​.​p​hp/
2015/05/co­pen­hagen-strategic-flood-master­plan; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Designing Resi­li­ence in Asian Cities
Der inter­na­tio­nale Wett­be­werb und das Symposium „Designing Resi­li­ence in Asian Cities (DRIA)“ wurden 2013 von der National Univer­sity of Singapore ins Leben gerufen, um eine fundierte Diskus­sion über inno­va­tive Ideen zur Stärkung der Resilienz und der Nach­hal­tig­keit im pazifisch-asia­ti­schen Raum anzuregen. Dieses Programm, das zehn Univer­si­täten verbindet, sucht die kritische Ausein­an­der­set­zung mit den Heraus­for­de­rungen des Klima­schutzes und der Urba­ni­sie­rung. Über den Zeitraum von fünf Jahren werden an unter­schied­li­chen Aufgaben voraus­schau­ende archi­tek­to­ni­sche und stadt­pla­ne­ri­sche Konzepte ebenso wie inno­va­tive Tech­no­lo­gien entwi­ckelt, um die Resilienz städ­ti­scher Gemein­schaften zu stärken. Im jähr­li­chen Turnus werden die Wett­be­werbs­auf­gaben von den Univer­si­täten bear­beitet und im Rahmen eines inter­na­tio­nalen Sympo­siums in Singapur vorge­stellt. Valen­zuela City, als Teil von Manila auf den phil­ip­pi­ni­schen Inseln gelegen, war beispiels­weise für alle 19 einge­reichten Beiträge beim Wett­be­werb DRIA 2016 das Thema: Mit der Verstäd­te­rung und dem Klima­wandel sind die wach­senden Stadt­ge­biete am Polo River von starken Umwelt­ver­schmut­zungen geprägt und von wieder­keh­renden Über­schwem­mungen bedroht, die in ihren Ursachen neben der konse­quenten Umnutzung der schüt­zenden Mangro­ven­wälder zu Fisch­zucht­an­lagen auch auf ein massives Miss­ma­nage­ment von grauer Infra­struktur zurück­zu­führen sind.13http://​www​.design​in​gre​si​li​ence​.com/​dr-
main#main-content; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt DD
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt DD

Das Projekt „S.A.F.E. Water­s­cape“ basiert auf der Analyse bestehender Wasser-infra­struk­turen und dem Vorschlag für ein neues Wasser­ma­nage­ment auf regio­naler Ebene. Neue Wasser­re­ser­voires, vergrö­ßerte Fluss­quer­schnitte, Feucht­ge­biete und Infra­struk­tur­ent­wick­lung sorgen für einen effek­tiven Hoch­was­ser­schutz. Darüber hinaus liefert das Projekt Ansätze zur nach­hal­tigen Trink­was­ser­ver­sor­gung der Region, um die Folgen der Tiefen­brun­nen­ex­trak­tion in Form von Land­ab­sen­kungen zu redu­zieren. Alle Maßnahmen sind in die Gestal­tung eines grünen Parks entlang der zwei wich­tigsten Flüsse des nörd­li­chen Manilas inte­griert. Mit den ökolo­gi­schen Heraus­for­de­rungen adres­siert S.A.F.E Water­s­cape auch das soziale Leben vor Ort, indem öffent­liche Einrich­tungen und dringend benö­tigter Frei- und Grünraum für die Bewoh­ne­rinnen und Bewohner zur Verfügung gestellt werden. Das preis­ge­krönte Projekt wurde von einem Studen­ten­team der TU Darmstadt erar­beitet.14Der Urban Excel­lence Design Award im DRIA Wettwerb 2016 ging an Lara Giaco­metti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khosh­nevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Nimade Wenes Widiyni, Khatun Zannat. ↩︎

Stadt als sozialer Raum
Schwierig wird es aller­dings, gute Projekt­bei­spiele zu finden, wenn es um die Sied­lungen und städ­ti­schen Quartiere selbst geht. Die auf den ersten Blick nahe liegenden Lösungen, wie beispiels­weise Umsied­lungen aus gefähr­deten Küsten­re­gionen in höher gelegene Gebiete oder der Verzicht auf Erdge­schoss­nut­zung in von Hoch­wasser gefähr­deten Stadt­ge­bieten sind oft frag­würdig, wenn es um den Beitrag für das Zusam­men­leben in einer funk­tio­nie­renden Nach­bar­schaft und den Stadtraum als sozialen Raum geht. Der Bau von ersten erdbe­ben­si­cheren Wohn­zeilen auf Stützen am Rand von L‚Aquila nach dem schweren Erdbeben von 2009 – als neue Wohnungs­ty­po­logie in neuer Siedlung – war gut gemeint, aber nicht gut gemacht und frei von allen städ­ti­schen Erin­ne­rungs­stü­cken für seine Bewoh­ne­rinnen und Bewohner. Während die Altstadt und alles Vertraute in Ruinen zerfällt, ist die schöne neue Siedlung Teil einer anderen Welt. Hier ist für die Menschen nicht nur das histo­ri­sche Zentrum von L´Aquila verloren gegangen, sondern mit inter­na­tio­naler Hilfe auch jeder Ortsbezug im Wieder­aufbau. Deutlich wird an dieser Stelle die Proble­matik, zwischen globaler Expertise, lokalem Hand­lungs­wissen und poli­ti­schen Entschei­dungs­struk­turen zu vermit­teln. Die Balance ist kaum zu finden. Die Bewohner der infor­mellen Sied­lungen in gefähr­deten Gebieten sind ebenso ungezählt wie die Fälle der Umsied­lungen.

Soziale Resilienz
Es ist offen­sicht­lich, dass es neben der ökono­mi­schen, ökolo­gi­schen und insti­tu­tio­nellen Resilienz vor allem um die soziale Resilienz geht. Der Hurrikan Katrina 2005 und der Tsunami in Südost­asien 2004 zeigten zum ersten Mal nach­drück­lich, welche Bedeutung gesell­schaft­liche Struk­turen und soziale Gemein­schaften im Krisen­fall haben. Unab­hängig von Schäden und Verlusten entscheiden diese über Zusam­men­halt oder Eska­la­tion, krimi­nelle Über­griffe und die Struk­turen des sozialen und wirt­schaft­li­chen Wieder­auf­baus. Die Vulnerabi­lität einer Gemein­schaft wird entschei­dend durch ihren sozialen Zusam­men­halt bestimmt. Soziale Resilienz ist viel­leicht trag­fä­higer als tech­no­lo­gi­sche und ökolo­gi­sche Resilienz.

Doch soziale Resilienz ist nicht planbar. Sie wird bestimmt durch das sozio­de­mo­gra­phi­sche Profil einer Gemein­schaft einer­seits – und kann mit sozialen Merkmalen wie Geschlecht, Alter, sozio-ökono­mi­schem Status, ethni­scher Zuge­hö­rig­keit und Bildung beschrieben werden – und das soziale Kapital einer Gemein­schaft ande­rer­seits: Die Bindung an den Ort, bürger­schaft­li­ches und /​oder poli­ti­sches Enga­ge­ment, Inter­es­sen­ver­tre­tungen, Reli­gi­ons­ge­mein­schaften entscheiden über den sozialen Zusam­men­halt in der Gemein­schaft und die Anpas­sungs­fä­hig­keit des Einzelnen. Auch wenn es schwer ist, das soziale Kapital einer Gemein­schaft zu erfassen, ist den unter­schied­li­chen Konzepten (zum Beispiel Jacobs 1961, Bourdieu 1983, Putnan 1990) der Blick auf den norma­tiven Zusam­men­halt einer Gruppe und das Zusam­men­spiel von Gruppe und indi­vi­du­ellem Verhalten gemeinsam. Soziales Kapital ist „akku­mu­lierte soziale Energie“ und kann – zum Glück – angehäuft werden.

Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Rendering
Team B,
S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Rendering

„Empower­ment“ ist als Ziel parti­zi­pa­tiver Planungs­pro­zesse vielfach beschrieben worden, jedoch stellt sich die Frage, inwieweit es heute gelingen kann eine aktive Bürger­schaft zu fördern, wenn der Trend zur Entpo­li­ti­sie­rung geht. Die Rahmen­be­din­gungen für unser Zusam­men­leben ändern sich gerade grund­le­gend. Die großen gesell­schaft­li­chen Verän­de­rungen wie Globa­li­sie­rung, Trans­na­tio­na­li­sie­rung und Migration konfi­gu­rieren unsere Lebens­be­din­gungen neu und haben weit­rei­chende Folgen für unser Gemein­schafts­leben und unsere Ängste als Indi­vi­duen. Und diese Unsi­cher­heiten und Ängste wachsen gegen­wärtig ganz unab­hängig vom (und viel­leicht sogar mit dem) Wohlstand. Eine weitere Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft erschwert aber die Sicht auf gesell­schaft­liche Heraus­for­de­rungen und die notwen­digen Aushand­lungs­pro­zesse. Es ist daher eine berech­tigte Frage, inwieweit eine Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft innerhalb der Gesell­schaft bei der Lösung von Problemen und Konflikten (noch) besteht, bei denen es keine einver­nehm­liche Lösung geben kann, wie beispiels­weise beim Thema Klima­schutz oder Migration.

„Are we ready for the new normal?“
Das war der provo­kante Titel einer Tagung der Kata­stro­phen­hilfe.15Kata­stro­phen­hilfe braucht kein Design, aber durchaus Visionen für eine wünschens­werte städ­ti­sche Zukunft und den gesell­schaft­li­chen Diskurs über städ­ti­sche Entwick­lungs­mög­lich­keiten. Die gesell­schaft­liche Resonanz, die einzelne Themen im Rahmen der Diskus­sion über Sicher­heit gegen­wärtig erfahren, ist bestimmt durch struk­tu­relle Rahmen­be­din­gungen, die von Politik, Wirt­schaft, Wissen­schaft, Erziehung und Religion ausgehen. Aus diesem Grund können Frage­stel­lungen zur städ­ti­schen Zukunft nicht in der Diskus­sion um Wert­vor­stel­lungen oder in der akade­mi­schen Ausein­an­der­set­zung beant­wortet werden (Luhmann 2004).Are we ready for „the new normal“? Forum Series Plus+: Assessing risks and managing climate change impacts, 2014 / RAFI EADSC. ↩︎

Es ist aber von zentraler Bedeutung, wie Fragen nach Risiken und Unsi­cher­heiten beurteilt werden und welche gesell­schaft­li­chen Prio­ri­täten gesetzt werden. Diese Einschät­zung unter­scheidet soziale Gemein­schaften ebenso wie ihre Anfor­de­rungen an (Versorgungs-)Sicherheit (mit Gütern und Dienst­leis­tungen). Was als wichtig erachtet wird, folgt dem relativen Maß zuge­spro­chener Bedeutung. Leider wird die gesell­schaft­liche Diskus­sion, welche Schwer­punkte man setzen und welche Ängste man bedienen will, weit­ge­hend von den Medien und nicht von stra­te­gi­schen Über­le­gungen bestimmt.
In der Entschei­dung, welche Risiken eine Gesell­schaft zu tragen bereit ist, können inte­grierte Design­lö­sungen eine besondere Bedeutung einnehmen, denn urbane Quali­täten lassen sich nicht abstrakt, sondern nur am konkreten Projekt disku­tieren.

Die darge­stellten Planungs­bei­spiele und Projekte zeigen nach­drück­lich, welche Aufgaben design­ori­en­tierten Lösungen im Planungs­pro­zess zukommt, wenn Stra­te­gien zur Stärkung der Resilienz und Nach­hal­tig­keit gefragt sind: Es gibt attrak­tive Lösungen für schwie­rige Aufgaben, gerade weil es um die Gestal­tung von öffent­li­chen Räumen, um lokale Netzwerke und ressour­cen­sen­si­tive Lösungen und um die nach­hal­tige Gestal­tung von Land­schafts­räumen und den Planungs­pro­zess selbst geht. Es ist dabei unver­kennbar, dass die Rolle der Öffent­lich­keit im Planungs­pro­zess und im Projekt entschei­dend ist für die Qualität der Planung selbst.

Die Gestal­tung öffent­li­cher Räume ist eine Voraus­set­zung für inklusive Stadt­ge­stal­tung und ein aktives Gemein­schafts­leben. Vor dem Hinter­grund der gegen­wär­tigen gesell­schaft­li­chen Heraus­for­de­rungen kann es nicht darum gehen, Ängste zu bedienen, sondern es gilt gerade jetzt neue Perspek­tiven zu eröffnen. Visionen für eine wünschens­werte städ­ti­sche Zukunft sind dringend notwendig. Kreative Lösungen für komplexe Aufgaben sind gefragt, gerade weil es keine Ablei­tungs­stra­te­gien geben kann. Hier sind wir in unserer Disziplin als Entwerfer und Gene­ra­listen gefragt: es gilt zwischen tech­no­lo­gi­schen Stra­te­gien und unserer eigenen Sensi­bi­lität zu vermit­teln. Im Zeitalter der Urba­ni­sie­rung ist die alte Stadt­angst wohl kaum ange­bracht bei der Suche nach guten Lösungen.

Prof. Dr.-Ing. Annette Rudolph-Cleff studierte Archi­tektur an der TH Karlsruhe und an der Ecole d´Architecture Paris-Belle­ville. Sie arbeitete nach dem Diplom (1991) bei Jean Nouvel in Paris und ab 1994 als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der Univer­sität Karlsruhe, an der sie 1995 mit Auszeich­nung ihre Promotion ablegte. Seit 1994 ist sie frei­be­ruf­lich tätig. Nach einer Vertre­tungs­pro­fessur an der Bergi­schen Univer­sität Wuppertal wurde sie 2006 an das Fach­ge­biet Entwerfen und Stadt­ent­wick­lung der Tech­ni­schen Univer­sität Darmstadt berufen. Sie ist in verschie­denen Forschungs­pro­jekten tätig und leitet als akade­mi­sche Direk­torin den inter­na­tio­nalen Master-Studi­en­gang „Inter­na­tional Coope­ra­tion in Urban Deve­lo­p­ment – Mundus Urbano“ sowie seit 2013 das euro­päi­sche Team des Wett­be­werbs „Designing Resi­li­ence in Asia“.

  1. Siehe hierzu: Lenz (2009): Vulnerabi­lität kriti­scher Infra­struk­turen. ↩︎
  2. DFG-Gradu­ier­ten­kolleg Kritis, TU Darmstadt. ↩︎
  3. BIG (Bjarke Ingels Group) with One Archi­tec­ture, Starr White­house, James Lima Planning + Deve­lo­p­ment, Project Projects, Green Shield Ecology, AEA Consul­ting, Level Agency for Infra­struc­ture, Arcadis, and the Parsons School of Cons­tructed Envi­ron­ments. ↩︎
  4. http://www.rebuildbydesign.org/our-work/all-proposals/winning-projects/big‑u; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  5. http://​www​.rebuild​by​de​sign​.org/​o​u​r​-​w​ork /all-propo­sals/­re­sist-delay-store-discharge-a-compre­hen­sive-strategy-for-hoboken; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  6. http://​www​.west8​.nl/​p​r​o​j​e​c​t​s​/​a​l​l​/​b​l​u​e​_​d​u​n​e​s​_​t​h​e​_​f​u​t​u​r​e​_​o​f​_​c​o​a​s​t​a​l​_​p​r​o​t​e​c​t​i​on/; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  7. https://​portal​.hud​.gov/​h​u​d​p​o​r​t​a​l​/​H​U​D​?​src
    =/​sandyrebuilding/​rebuildbydesign; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  8. http://​www​.urba​nisten​.nl/​w​p​/​?​p​o​r​t​f​o​lio =water­plein-benth­emp­lein; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  9. http://​www​.dreiseitl​.com/​d​e​/​p​o​r​t​f​o​lio# potsdamer-plaza; Seiten­aufruf: 13.01.2017. ↩︎
  10. http://​www​.landezine​.com/​i​n​d​e​x​.​p​hp/
    2012/06/­kal­lang-river-at-bishan-ang-mokio-
    park-by-atelier-drei­seitl/; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  11. http://​www​.ramboll​.com/​p​r​o​j​e​c​t​s​/​s​i​n​g​a​p​o​r​e​/​b​i​s​h​a​n​-​p​ark; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  12. http://​www​.landezine​.com/​i​n​d​e​x​.​p​hp/
    2015/05/co­pen­hagen-strategic-flood-master­plan; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  13. http://​www​.design​in​gre​si​li​ence​.com/​dr-
    main#main-content; Seiten­aufruf: 13.1.2017. ↩︎
  14. Der Urban Excel­lence Design Award im DRIA Wettwerb 2016 ging an Lara Giaco­metti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khosh­nevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Nimade Wenes Widiyni, Khatun Zannat. ↩︎
  15. Are we ready for „the new normal“? Forum Series Plus+: Assessing risks and managing climate change impacts, 2014 / RAFI EADSC. ↩︎

Literatur

Folke, Carl et al.: Resi­li­ence thinking: inte­gra­ting resi­li­ence, adap­ta­bi­lity and trans­for­ma­bi­lity. Ecology and Society, 2010, Vol. 15, No. 4, Art. 20.

Günther, Elmar: Klima­wandel und Resi­li­ence Manage­ment: Inter­dis­zi­pli­näre Konzep­tion eines entschei­dungs­ori­en­tierten Ansatzes, Springer, Tros­singen 2009.

Hoyer, Jacque­line et al.: Water sensitive Urban Design. Prin­ci­ples and Inspi­ra­tion for Sustainable Storm­water Manage­ment in the City of the Future, Berlin 2011.

Leichenko, Robin: Climate change and urban resi­li­ence, Current Opinion in Envi­ron­mental Sustaina­bi­lity, 2011, S. 164–168.

Luhmann, Niklas: Ökolo­gi­sche Kommu­ni­ka­tion. Kann sich die moderne Gesell­schaft auf ökolo­gi­sche Gefähr­dungen einstellen? VS Verlag für Sozi­al­wis­sen­schaften, Wiesbaden 42004.

Rudolph-Cleff: Urban Interplay, in: Wang, Fang / Prominski, Martin (Hrsg): Urba­niza­tion and Locality, Springer 2015, S. 77–96.

Satter­thwaite, David / Dodman, David: Towards resi­li­ence and trans­for­ma­tion for cities within a finite planet, Envi­ron­ment and Urba­niza­tion, 2013, S. 291–298.

Shaw, Keith: Reframing Resi­li­ence: Chal­lenges for Planning Theory and Practice, Planning Theory & Practice, Vol. 13, No. 2, 2012, S. 308–312.

UNISDR: Global Assess­ment Report on Disaster, Risk Reduction, Revealing Risk, Rede­fi­ning Deve­lo­p­ment, UNISDR Practical Action, Genf 2012.

World Bank: Building Urban Resi­li­ence: Prin­ci­ples, Tools and Practice. The World Bank Group, Washington 2012.

UN: Ecosys­tems & Human Wellbeing, Island Press, Washington DC, 2005.

Walker, Brian / Holling, Crawford Stanley /​Carpenter, Stephen / Kinzig, Ann: Resi­li­ence, adap­ta­bi­lity and trans­for­ma­bi­lity in social-ecolo­gical systems. Ecology and Society 9(2), S 5. [online] URL: http://​www​.ecolo​gyand​so​ciety​.org/​v​o​l​9​/​i​s​s​2​/​a​rt5

Überflutete Straße in Obando, Metro Manila, Philippinen, Foto: Simon Gehrmann
Über­flu­tete Straße in Obando, Metro Manila, Phil­ip­pinen, Foto: Simon Gehrmann
Team B: Lara Giacometti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khoshnevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Ni Made Wenes Widiyani, Khatun E. Zannat: S.A.F.E. WATERSCAPE, Lageplan
Team B: Lara Giaco­metti, Felix Graf, Fabian Gräfe, Tyagita Hidayat, Boshra Khosh­nevis, Min Kim, Rui Nong, Leonie Lube, Jonathan Mwanza, Ni Made Wenes Widiyani, Khatun E. Zannat:
S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Lageplan
S.A.F.E. WATERSCAPE, bestehendes Wassersystem in Valenzuela City (Manila, Philippinen)
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, bestehendes Wasser­system in Valen­zuela City (Manila, Phil­ip­pinen)
S.A.F.E. WATERSCAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
S.A.F.E. WATERSCAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE, Entwurf eines „linearen Parks“
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Lageplan
Team B,
S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Lageplan
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt AA
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt AA
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt BB
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt BB
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt CC
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt CC
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Schnitt DD
Team B, S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Schnitt DD
Team B, S.A.F.E. WATERSCAPE, Polo Area, Manila, Philippinen, Rendering
Team B,
S.A.F.E. WATER­S­CAPE,
Polo Area, Manila, Phil­ip­pinen, Rendering