Spiegel seiner Zeit

Wir suchen wieder ein Gebäude, das in der Nach­kriegs-Archi­tek­tur­ge­schichte eine besondere Rolle spielt oder gespielt hat – sei es durch eine spezi­fi­sche Eigen­schaft, eine unge­wöhn­liche Geschichte oder eine besondere Merk­wür­dig­keit. Lösungs­vor­schläge können Sie per Post, Fax oder E‑Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsen­dern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsen­de­schluss ist der 25. September 2015.

Das gesuchte Bauwerk entstand nach einem inter­na­tional ausge­schrie­benen Wett­be­werb um ein Theater mit mäßiger Betei­li­gung auf einem Trüm­mer­grund­stück im Stadtkern einer deutschen Landes­haupt­stadt. Zum Zuge kam nach zahl­rei­chen Kompli­ka­tionen ein einhei­mi­scher Architekt, dessen Leistung schließ­lich als „glück­li­cher Gedanke“ gepriesen wurde, weil seine „groß­for­ma­tige, plas­ti­sche Form von origi­neller Selb­stän­dig­keit“ im Zusam­men­wirken mit einem benach­barten spek­ta­ku­lären neuen Büro­hoch­haus und einer park­ähn­li­chen Garten­an­lage „eine erstaun­lich gute städ­te­bau­liche Wirkung“ hervor­bringe, wie es damals hieß. Der Architekt hatte ursprüng­lich als Kontrast zum schei­ben­för­migen Skyscraper eine Kugelform beab­sich­tigt, die er aus der Beschäf­ti­gung mit dem Kugel­theater von Jacques Polieris und Erwin Piscators „Total­theater“ entwi­ckelt hatte.

Mit Piscator hatte er sogar persön­lich konfe­riert. In Über­ar­bei­tungs­phasen entstand daraus eine Linsen­form und schließ­lich die ausge­führte plas­ti­sche Großform aus einer Schich­tung von hori­zon­talen Scheiben. Der Bau galt schon vor Baubeginn als anspruchs­voll: „Man darf gespannt sein, ob der Verfasser die große Kraft aufbringt, derer es bedarf, den Entwurf nach Austil­gung aller Schwächen nochmals zu dieser origi­nalen Selb­stän­dig­keit zu bringen“, verlaut­barte ein Kritiker. Die Fertig­stel­lung war durch zahl­reiche Umpla­nungen begleitet. Die durch einen Gang getrennten Funk­ti­ons­ein­heiten des Großen und des Kleinen Hauses sind – nach vielen Entwurfs­va­ri­anten – durch eine fast voll­ständig geschlos­sene Fassade aus Stahl­blech­pa­neelen zusam­men­ge­fasst, die mit weißem PVC-Plastisol beschichtet wurden.

Die Kurvatur des Gebäudes musste zu damaligen – compu­ter­losen – Zeiten aus freien Kurven und Geraden entwi­ckelt werden. Die resul­tie­rende Form wurde 1:1 in einer Messe­halle ausgelegt, korri­giert und schließ­lich mit einem Koor­di­na­ten­netz über­tragen. Im Innern gestal­tete der Architekt Wände und Decken der Räume mit Lamellen aus Vogel­au­gen­ahorn­holz, die neben der optischen Verein­heit­li­chung hervor­ra­gende akus­ti­sche Wirkungen zustande brachten.

Als das Haus einge­weiht werden sollte, kam es zu wütenden Protesten mit Verletzten und 20 Fest­nahmen. Die Protes­tanten forderten unter anderem den Abriss des Gebäudes, weil die Baukosten von 24 auf 41 Millionen DM gestiegen waren, keine Karten im freien Verkauf zu erhalten waren und nur geladene Gäste einge­lassen wurden: „Bürger in das Schau­spiel­haus – schmeißt die fetten Bonzen raus”, skan­dierte man im Duktus der Zeit. Für den Archi­tekten stellte sich der Bau in einem gänzlich anderen Zusam­men­hang dar, der die große Bedeutung des Thea­ter­we­sens im Nach­kriegs­deutsch­land verdeut­licht: „Ich fragte die Thea­ter­leute selbst. Ich fragte sie: was wollt ihr? Was erwartet ihr von einem neuen Theater? Die Antworten lassen sich folgen­der­maßen zusam­men­fassen; sie lauten etwa: Wir wollen nichts weiter als einen möglichst großen, weiten, brauch­baren Raum haben, ja, einen ‚Spielraum‘.“ 1989 ist der Architekt gestorben. Sein Haus zählt heute noch zu den besten der Stadt. Um welches Gebäude handelt es sich und wer hat es entworfen?

Der „tatort“ der Ausgabe 3/15 war das Wohnhaus in Bad Honnef bei Bonn, das Wolfgang Döring für den 2014 gestor­benen Atom­phy­siker Theo Mayer-Kuckuk 1967 entwi­ckelte. Der Systembau ist das jüngste Baudenkmal der Stadt, dass der neue Besitzer auf einer eigenen website vorbild­lich doku­men­tiert hat (www​.mayer​-kuckuk​.de). Der Gewinner des Buch­preises ist Christian Welter aus Siegen.

Foto: Andreas Denk