Kunst und Verwei­ge­rung

stei­ri­scher herbst 2014

I prefer not to … share!“ Unter diesem Motto liegt das Kultur­fes­tival stei­ri­scher herbst ab dem 26. September 2014 in der Stei­er­mark. Das Leitmotiv spannt einen thema­ti­schen Bogen über die 100 Veran­stal­tungen, die bis zum 19. Oktober in Graz und Umgebung statt­finden: Es geht um dieses „eigent­lich“: Eigent­lich wissen wir, dass wir so wie jetzt nicht weiter­ma­chen können, dass die globalen Ressourcen endlich sind. Eigent­lich wissen wir, dass wir auch im Privaten unser Konsum­ver­halten, unsere Fort­be­we­gungs­mittel und unsere Werte kritisch über­denken müssen. Doch dieses „eigent­lich“ steht oftmals zwischen dem Wissen und dem Handeln. Sind wir bereit für die Aktion, können wir teilen, uns frei machen von Gewohn­heiten, können wir eventuell auch verzichten? Oder halten wir es mit dem noto­ri­schen Verwei­gerer Bartleby aus Herman Melvilles „Bartleby the Scrivener“? Das sind Fragen, denen der stei­ri­sche herbst nachgehen möchte, wobei selbst­re­dend nicht die Moral­keule geschwungen wird, schließ­lich taugt Kunst nicht als konkrete, direkte Hand­lungs­an­lei­tung, sondern wirkt subtiler.

Die Liste der Veran­stal­tungen ist lang – Perfor­mances, Thea­ter­stücke, Konzerte und Parties, Ausstel­lungen und audio-visuelle Aktionen füllen ein buch­di­ckes Programm­heft. Gerahmt und begleitet wird das Ganze vom musik­pro­to­koll, einem Radio-Festival, das schon seit 1968 besteht.

Hier seien nur einige Veran­stal­tungen genannt, die vor allem für archi­tek­tu­raf­fines Publikum inter­es­sant sind: Das barocke Palais Wilden­stein dient als Festi­val­zen­trum. Es wurde von Supersterz + .tmp archi­tekten temporär umge­staltet, wobei sie ihr Haupt­au­gen­merk auf den Hinterhof richteten, den sie als kommu­ni­ka­tiven Treff­punkt wie einen im Verbor­genen liegenden Tüftler- und Bast­ler­raum verstehen. Für die Dauer des Festivals recyceln sie allerlei Fund­stücke aus Garagen und Lagern zu Möbeln zum Sitzen und Abstellen.

Der Belgier Simon Alle­meersch zeigt eine Perfor­mance, die sich aus seinen Erfah­rungen in den Rabot­türmen in Gent speisen, einem Sozi­al­woh­nungs­kom­plex, in dem er über zwei Jahre hinweg gelebt und gear­beitet hat. Die Perfor­mance „Rabot 4 – 358“ rekon­stru­iert die Geschichte der Gebäude und das Leben des Künstlers und anderer Bewohner in diesem Ensemble, das sich vom populären Wohn­ge­biet zur Erbau­er­zeit zum eher problem­be­haf­teten Lebens­raum gewandelt hat. Geogra­phisch weit entfernt, thema­tisch jedoch eng verwandt ist das Projekt der Franzosen Anne Lacaton, Frédéric Druot und Jean Philippe Vassal. Sie stellten sich die Frage, wie sie ein sanie­rungs­be­dürf­tiges sechziger-Jahre-Wohn­hoch­haus in einer Pariser Banlieue erneuern können, ohne die einkom­mens­schwa­chen Bewohner zu vertreiben. Die Sanie­rungs­maß­nahmen des „Tour Bois le Prêtre“ wurden in einer Ausstel­lung verar­beitet, die bereits seit einiger Zeit durch Europa tourt (so war sie auch im DAZ zu sehen) und nun im Rahmen des stei­ri­schen herbstes im Haus der Archi­tektur in Graz gezeigt wird.

Schließ­lich zeigt das Kunsthaus Graz eine filmische Instal­la­tion von Richard Mosse und Trevor Tweeten. Die Iren waren zwei Jahre mit Rebellen im östlichen Kongo unterwegs und hatten Orte besucht, die von Gewalt und Terror gezeichnet waren. Die Infra­rot­film-Aufnahmen, die bereits zur Kunst­bi­en­nale 2013 in Venedig gezeigt worden waren, entfalten eine merk­wür­dige Kraft, doku­men­tieren sie doch auf der einen Seite den Krieg mit all seinen Furcht­bar­keiten und sind doch auf der anderen Seite von beinahe unheim­li­cher Schönheit, da der Infrarot-Film die Land­schaft in ein purpurnes Licht taucht und sie in eine entrückte, unwirk­liche Welt verwan­delt.

Juliane Richter

stei­ri­scher herbst 2014
26. September bis 19. Oktober 2014
Ticket­preise und Orte
Voll­stän­diges Programm

Abb. und Fotos: Supersterz + .tmp archi­tekten, Rashaad Newsome, Shade Compo­si­tions, musik­pro­to­koll ORF, Frédéric Druot