Suffi­zient  wohnen

Im Interview mit Anja Bierwirth

Was brauchen wir wirklich beim Wohnen? Was hat Suffi­zienz mit Selbst­ver­wirk­li­chung und Zwang zu tun? Und wie könnte zusätz­li­cher Wohnraum geschaffen werden, ohne neu bauen zu müssen? Über diese Themen sprachen Archi­tektin Reem Almannai (Almannai Fischer Architekt*innen, München) und Die Architekt-Chef­re­dak­teurin Elina Potratz mit Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungs­be­reichs „Stadt­wandel“ am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in der Abteilung Energie‑, Verkehrs- und Klima­po­litik.

Elina Potratz: Im Rahmen Ihres Disser­ta­ti­ons­vor­ha­bens sind Sie mit dem Wohnmobil durch Deutsch­land gereist und haben Menschen zu ihrer Wohn­bio­grafie inter­viewt. Was war Ihr Forschungs­in­ter­esse?

Anja Bierwirth: In der Forschung wissen wir eigent­lich viel über das Thema Wohnen, vor allem quan­ti­tativ: Es gibt Zahlen, Bedarfs­ana­lysen, Studien. Gleich­zeitig wissen wir aber erstaun­lich wenig über quali­ta­tive Aspekte: Ist Wohnen etwas, das wir einfach kopieren – also das, was wir von Zuhause kennen? Oder entwi­ckelt es sich indi­vi­duell? Welche Vorstel­lungen haben Menschen vom Wohnen, woher kommen diese, und welche Bedürf­nisse erfüllt es jeweils? Für die einen ist es der private Rück­zugsort, für die anderen der lebendige Treff­punkt.

EP: Wenn Wohnen so hoch indi­vi­duell ist – wie schafft man es, dass die Ergeb­nisse trotzdem reprä­sen­tativ sind?

Reprä­sen­tativ sind sie nicht – das war nicht mein Anspruch. Es ging mir um ein explo­ra­tives Kennen­lernen unter­schied­li­cher Biogra­fien und Sicht­weisen. Wichtig war mir dabei, eine möglichst große Vielfalt an Geschichten einzu­fangen. Deshalb auch die Reise durch Deutsch­land: Ich wollte regionale Unter­schiede berück­sich­tigen, Stadt und Land, Ost und West einbe­ziehen. Ich habe zunächst breit ange­fangen, später gezielt nach bestimmten Konstel­la­tionen gesucht: nach Miet­woh­nungen, gemein­schaft­li­chen Wohn­pro­jekten, und Menschen mit mehreren Wohn­sitzen oder Menschen, die in anderen Ländern aufge­wachsen sind. Die Hypothese war: Es gibt sehr unter­schied­liche Wohn­bio­gra­fien und damit auch viele verschie­dene Einstel­lungen zum Thema Wohnen. Das hat sich bestätigt. Am Ende habe ich 34 Inter­views geführt.

EP: Was ist dabei heraus­ge­kommen?

Ich bin noch in der Auswer­tung. Dennoch kris­tal­li­sieren sich bereits einige Faktoren heraus. Ein Beispiel ist die Nahver­sor­gung: Manche betonen, wie wichtig es ist, alles fußläufig zu erreichen – also ein sehr urbanes Setting. Andere sagen: „Ich möchte unbedingt auf dem Land wohnen. Solange ich Auto fahren kann, komme ich zum Super­markt.“ Hier zeigen sich unter­schied­liche Bedürf­nisse. Deutlich wurde außerdem, dass sich Wohn­be­darfe im Lebens­ver­lauf verändern. Der Wohn­raum­be­darf wächst nicht konti­nu­ier­lich, wie es oft sugge­riert wird. In der Debatte ist häufig von der „Wohn­kar­riere“ die Rede, deren vermeint­liche Spitze das Einfa­mi­li­en­haus im Grünen ist. Aber die Bedürf­nisse hören dort nicht auf, sich zu verändern.

EP: Die Bedürf­nisse verändern sich sowohl gesell­schaft­lich als auch indi­vi­duell im Lebens­lauf?

Genau. Klas­si­sche Stationen sind etwa: Man zieht in eine WG, hat später eine Part­ner­schaft oder Familie – es verändern sich die Bedürf­nisse. Dann kommt die Frage: Wie möchte ich im Alter wohnen? Bin ich dort, wo ich jetzt lebe, gut versorgt und aufge­hoben? Manche Menschen sind expe­ri­men­tier­freudig, träumen viel­leicht von einem Hausboot, andere sind eher konven­tio­nell. Doch das dominante Narrativ, dass das Einfa­mi­li­en­haus die höchste Form des Wohnens sei, stimmt so nicht. Es gibt viele verschie­dene Wohn­formen, die Menschen glücklich oder unglück­lich machen können.

EP: Im Titel Ihrer Disser­ta­tion geht es um „Gebaute Suffi­zienz“. Was bedeutet Suffi­zienz im Wohnen oder Bauen überhaupt?

Unser Verständnis von Suffi­zienz ist eigent­lich recht simpel: Es geht um einen Zustand des Genug: nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Wir grenzen uns dabei klar von der Verzichts­de­batte ab. Suffi­zienz bedeutet nicht, dass etwas wegge­nommen und dadurch Lebens­qua­lität einge­schränkt wird. Vielmehr verändert sich die Qualität durch ein Weniger – oder, wenn ich ohnehin zu wenig habe, auch durch ein Mehr.

Zwischen diesen beiden Polen gibt es einen Korridor, der sehr indi­vi­duell ist: Wie viel braucht ein Mensch tatsäch­lich? Im Wohn­kon­text stellt sich diese Frage besonders mit Blick auf die Wohn­fläche. Hier gibt es einen klaren Zusam­men­hang mit der Wohn­zu­frie­den­heit, doch wir sehen auch, dass diese ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ansteigt. Gesell­schaft­lich bringt eine stetig steigende Wohn­fläche also keinen zusätz­li­chen Nutzen mehr – im Gegenteil: Sie verur­sacht Probleme, sowohl ökolo­gisch durch mehr Ressourcen- und Ener­gie­ver­brauch als auch sozial durch Über­for­de­rung und Isolation im Alter. Deshalb ist für uns Suffi­zienz im Wohnen vor allem eine Frage der besseren Nutzung und Vertei­lung des bestehenden Wohnraums.

Reem Almannai: In einem Arbeits­titel war von dem Span­nungs­feld „zwischen Selbst­ver­wirk­li­chung und Zwang“ die Rede. Was bedeuten diese Begriffe in diesem Zusam­men­hang?

Bei Selbst­ver­wirk­li­chung denke ich an Bewe­gungen wie Tiny Houses oder Bauwagen. Menschen redu­zieren bewusst, wollen weg vom Konsum. Sie empfinden Reduktion nicht als Einschrän­kung, sondern als Befreiung und Gewinn an Lebens­qua­lität. Auf der anderen Seite gibt es den Zwang: Manche Menschen sind zu einem sehr redu­zierten Wohnstil gezwungen, weil sie sich schlicht mehr nicht leisten können. Die Vorstel­lung, dass jeder frei wählen kann, wie er wohnen möchte, ist Illusion. Entschei­dungs­mög­lich­keiten sind begrenzt.

EP: Es geht also nicht um einen „Zwang zur Suffi­zienz“?

Nein, es geht nicht darum, dass jemand sagt: „Du darfst nicht so viel Fläche verbrau­chen, du musst jetzt hier ausziehen.“ Natürlich gibt es auch Systeme, in denen Bele­gungs­zu­wei­sungen üblich sind – zum Beispiel in einigen asia­ti­schen Ländern oder auch in großen genos­sen­schaft­li­chen Projekten in der Schweiz. Dort gibt es Bele­gungs­vor­schriften für Wohnungen, und die Zustim­mung ist erstaun­lich hoch. Viele empfinden das als gerecht: Niemand soll mehr Raum bean­spru­chen, als ihm zusteht.

RA: Wo sehen Sie da den kultu­rellen Unter­schied? Immerhin sind die Prägungen im deutsch­spra­chigen Raum ja relativ ähnlich. Warum funk­tio­niert das in der Schweiz, während wir uns in Deutsch­land so schwer damit tun?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Schweiz hat schon lange eine starke Tradition des genos­sen­schaft­li­chen Wohnens. Viele Genos­sen­schaften arbeiten mit Bele­gungs­vor­schriften, das ist histo­risch gewachsen. Hinzu kommt: Die Schweiz hat sich ein absolutes Klimaziel gesetzt – die „2000-Watt-Gesell­schaft“. In Deutsch­land haben wir dagegen lange mit relativen Zielen wie „90 % weniger bis Jahr X“ gear­beitet. Dadurch ist die Suffi­zi­enz­de­batte in der Schweiz viel früher und inten­siver geführt worden.

Die Genos­sen­schaften dort sind inno­va­tiver, sozial gerechter und aktiver als viele in Deutsch­land. Hier­zu­lande dominiert noch immer das Eigen­tums­pa­ra­digma. Poli­ti­sche Instru­mente wie Baukin­der­geld oder steu­er­liche Vorteile fördern vor allem Eigentum. Miete gilt dagegen schnell als prekär. Andere Eigen­tums­formen – genos­sen­schaft­lich, gemein­schaft­lich – laufen in Deutsch­land eher unter dem Radar. Eigentum ist hier­zu­lande eine Art „heilige Kuh“. Eine Diskus­sion über Umver­tei­lung oder Eingriffe ins Eigentum gilt fast als Tabubruch.

RA: Mir ist klar, dass man aufgrund der negativen Konno­ta­tion des Begriffs Verzicht in unserem Kultur­kreis nach anderen Begriff­lich­keiten sucht. Gleich­zeitig bedeutet Suffi­zienz doch eine Reduktion bei denen, die mehr haben – um eine gewisse Gerech­tig­keit herzu­stellen. Glauben Sie, dass sich das nicht kommu­ni­zieren lässt?

Doch, das kann man durchaus so kommu­ni­zieren, es greifbar machen, etwa mit dem Earth Overshoot Day oder dem Hinweis: Wenn alle so leben würden wie wir in Deutsch­land, bräuchten wir drei Erden. Das zeigt deutlich, dass wir unseren ressourcen- und ener­gie­in­ten­siven Lebens­stil redu­zieren müssen. Aber das heißt nicht auto­ma­tisch, dass wir schlechter leben.

Das Problem der Verzichts­de­batte ist, dass sofort das Bild entsteht: Wir müssen in die Höhle zurück. Dabei reden wir eher über ein Niveau wie in den späten 1970er-Jahren. Damals lag der Verbrauch ungefähr bei dem, was eine Erde verkraften konnte. In den 1970ern haben die Menschen keines­wegs schlecht gelebt – im Gegenteil. Trotzdem fällt es schwer, sich an einen anderen Lebens­stil zu gewöhnen.

EP: An wen richten sich Projekte zur Wohn­flä­chen­op­ti­mie­rung?

Ältere Menschen sind eine wichtige Ziel­gruppe, weil in dieser Lebens­phase ein biogra­fi­scher Wende­punkt ansteht: Die Kinder ziehen aus, und die Frage stellt sich, ob man den großen Wohnraum noch braucht. Das ist ein guter Moment, um über neue Wohn­formen nach­zu­denken.

Aber Suffi­zienz bedeutet auch „nicht zu wenig“. Es gibt junge Familien, die sich eine größere Wohnung gar nicht leisten können, oder Menschen in über­be­legten Wohnungen. Für sie heißt Suffi­zi­enz­po­litik: Entlas­tungen schaffen, ohne dass ein Umzug nötig wird. Zum Beispiel durch zusätz­liche Räume in der Nähe – ein Gäste­zimmer, das man anmieten kann, Gemein­schafts­räume für Kinder oder Feste. Andere Menschen hängen vor allem emotional an ihrer Wohnung, obwohl sie zu eng ist. Statt Umzug können Umbauten und bessere Raum­nut­zung helfen.

RA: Wir selbst sind Grün­dungs­mit­glieder einer Genos­sen­schaft und versuchen, auf diesem Weg flexible Wohn­formen zu schaffen. Aber das bleibt oft einzelnen Menschen vorbe­halten, die die finan­zi­ellen Mittel, die Zeit und die Energie haben, komplexe Wege zu gehen. Am Ende ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Welche Hebel sehen Sie, die eine Brei­ten­wir­kung entfalten könnten?

Es gibt nicht den einen Hebel. Wir brauchen eine Vielzahl von Maßnahmen – auch wenn das mühsam und klein­teilig wirkt. Unsere Gesell­schaft ist vor allem darauf spezia­li­siert, neu zu bauen: Flächen ausweisen, Häuser hoch­ziehen, fertig. Das war nach dem Krieg dringend nötig und darauf ist unser gesamtes Planungs- und Baurecht ausge­richtet.

Der bauliche Bestand hingegen ist kompli­ziert: ob ein einzelnes Gebäude oder ganze Quartiere – wir haben dafür zu wenig Instru­mente und Erfah­rungen. Dazu kommt, dass die Regu­lie­rung explo­diert ist. Angeblich gibt es inzwi­schen gut 20.000 Bauvor­schriften in Deutsch­land. Hier müsste dringend entrüm­pelt werden. Gerade bei Sanie­rungen ist es absurd, mit denselben Maßstäben wie beim Neubau zu arbeiten. Wir brauchen mehr Flexi­bi­lität, auch baurecht­lich.

EP: In Ihrer Forschung am Wuppertal Institut haben Sie sich unter anderem mit dem „theo­re­ti­schen Wohn­raum­po­ten­zial“1 ausein­an­der­ge­setzt, das in unserem Bestand schlum­mert. Von welchen Dimen­sionen sprechen Sie da?Lage, Jonas et al.: Housing for millions without new buildings? An analysis of the theo­re­tical housing potential of under-occupied dwellings in the European building stock. Envi­ron­mental Research Letters 20 (2025), 1. Online verfügbar: https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748–9326/ad9c97 ↩︎

Unter der alten Bundes­re­gie­rung gab es das Ziel, pro Jahr 400.000 neue Wohnungen zu schaffen. Wir haben damals Studien ausge­wertet, die unter­sucht haben, wie viel Potenzial es für flächen­neu­trale Lösungen gibt: Aufsto­ckungen von Wohn- und Nicht­wohn­ge­bäuden, Umnutzung von Büros, Teilung von Ein- und Zwei­fa­mi­li­en­häu­sern. Das Ergebnis: Rein rech­ne­risch müsste man nur etwa 70.000 Wohn­ein­heiten tatsäch­lich neu bauen. Alles andere könnte durch Umnutzung und Bestands­ent­wick­lung entstehen. Dieses Potenzial ist theo­re­tisch – praktisch scheitert es oft am Planungs­recht: etwa, wenn ein Bebau­ungs­plan nur eine bestimmte Anzahl an Wohn­ein­heiten vorsieht, wodurch Wohn­ein­heiten nicht aufge­teilt werden können.

EP: Gibt es Zahlen zum realis­tisch umsetz­baren Potenzial?

Leider noch nicht. Das wäre eine wichtige nächste Aufgabe. Potenzial gibt es auf verschie­denen Ebenen: zusätz­liche Wohn­ein­heiten im Bestand, aber auch durch Wohnungs­tausch. In Schweden gibt es beispiels­weise ein gesetz­li­ches Recht auf Wohnungs­tausch. Dort können Mietende Wohnungen wechseln, solange sie bestimmte Kriterien erfüllen. Vermie­tende dürfen nur bei wichtigen Gründen wider­spre­chen. In Deutsch­land wäre so etwas undenkbar. Aber Wohnungs­un­ter­nehmen mit großen Beständen könnten proak­tiver handeln. Manche gehen gezielt auf Menschen zu, die in zu großen Wohnungen leben, und bieten barrie­re­freie, kleinere Alter­na­tiven zum alten Mietpreis an.

RA: Trotzdem ist das ja alles noch weit entfernt vom Status quo städ­ti­scher Wohnungs­bau­ge­sell­schaften.

Ja. Aber wir brauchen genau diese Beispiele – auch wenn es klein­teilig, mühsam und manchmal nervig ist. Der Gebäu­de­be­stand ist extrem heterogen: unter­schied­liche Bauweisen, Eigen­tums­struk­turen, indi­vi­du­elle Bedürf­nisse. Das macht es so kompli­ziert.

Ich plädiere für ein Baukas­ten­prinzip in Beratung und Förderung. Statt isolierte Maßnahmen zu betrachten, müsste man Gebäude und Bewoh­nende als Einheit verstehen. Beispiel: Wenn jemand die Heizung austau­schen will, sollte in der Beratung auto­ma­tisch geprüft werden: Wie ist die Gebäu­de­hülle? Ergibt es Sinn, die Fenster gleich mit zu erneuern? Könnte eine Fens­tertür perspek­ti­visch als zweiter Eingang dienen, wenn später eine Abtren­nung geplant ist? Lohnt es sich, zusätz­lich Solar­thermie oder PV aufs Dach zu setzen – und vorher gleich das Dach zu dämmen? Das müsste als inte­griertes Paket gedacht werden, bei dem Förde­rungen baustein­artig zunehmen: je mehr Maßnahmen kombi­niert werden, desto höher die Förderung. So könnten Suffi­zi­enz­aspekte in Ener­gie­be­ra­tung und Förder­pro­gramme einfließen. Auch Wohnungs­un­ter­nehmen könnten so stärker einbe­zogen werden.

RA: Glauben Sie, dass es irgend­wann einen Zeitpunkt geben wird, an dem dras­ti­schere Maßnahmen und Eingriffe unver­meid­lich sind?

Diesen Zeitpunkt haben wir längst über­schritten. Die Dring­lich­keit ist bereits da. Man sieht es deutlich am Gebäu­de­en­er­gie­ge­setz. Der soge­nannte „Heiz­hammer“ ist Robert Habeck nicht um die Ohren geflogen, weil er alles falsch gemacht hätte, sondern weil in den letzten 20 bis 30 Jahren im Wärme­sektor schlicht nichts passiert ist. Diese Versäum­nisse seiner Vorgänger haben sich aufge­staut. Schon im ersten Klima­schutz­ge­setz 2010 war in einem frühen Entwurf von einer Sanie­rungs­ver­pflich­tung die Rede. Wäre das damals beschlossen worden, hätten wir heute sehr wahr­schein­lich eine ganz andere Sanie­rungs­rate und einen deutlich besseren ener­ge­ti­schen Zustand des Gebäu­de­be­stands.

EP: Aber auch bei der ener­ge­ti­schen Sanierung stellt sich ja die Frage der Suffi­zienz: Muss es wirklich die Sanierung mit Wärme­dämm­ver­bund­system sein? Oder könnten kleinere Maßnahmen nicht sinn­voller sein?

Ganz genau. Das ist eine der zentralen Diskus­sionen – auch mit Zerti­fi­zie­rungs­stellen: Wie lässt sich Suffi­zienz überhaupt abbilden? Sie ist schwer zu quan­ti­fi­zieren, weil es nicht um CO₂-Einspa­rungen im engeren Sinn geht, sondern darum, Emis­sionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Dafür fehlen uns bisher geeignete Berech­nungs­mo­delle und Bilan­zie­rungen. Auch hier müssten sich die Rahmen­be­din­gungen ändern, damit Suffi­zienz main­stream­fähig wird.

Zur Sanie­rungs­pflicht: Natürlich muss man sie sinnvoll ausge­stalten. Niemand, der sich das finan­ziell nicht leisten kann, darf gezwungen werden, sofort umfassend zu sanieren. Aber beim Eigen­tums­über­gang wäre es ein sinn­voller Ansatz­punkt. In dieser Phase werden ohnehin oft Inves­ti­tionen getätigt. Wenn man dabei auch eine ener­ge­ti­sche Sanierung verpflich­tend inte­griert, kann das von vorn­herein in die Finan­zie­rung einkal­ku­liert werden. So ließe sich die Last tragbar verteilen.

RA: Was kann die Archi­tek­tur­dis­zi­plin zur suffi­zi­enten Raum­ver­sor­gung beitragen? Verändert sich dadurch auch die Wohn­ar­chi­tektur?

Sie kann eine Menge dazu beitragen. Ein zentraler Punkt ist die soge­nannte Phase 0. Die Hono­rar­ord­nung für Archi­tekten (HOAI) belohnt bisher, wenn viel gebaut und inves­tiert wird. Warum nicht ein Modell, das gute Beratung und Einspa­rung von Material und Kosten honoriert? Zudem braucht es mehr Wissen über alter­na­tive Konzepte – etwa Mehr­fach­nut­zung von Räumen oder bedarfs­ge­rechte Quar­tiers­pla­nung. Archi­tek­tinnen und Archi­tekten sollten stärker prüfen: Was gibt es bereits im Umfeld? Welche Lücken bestehen wirklich? Oft wird für Zuzug gebaut – egal, ob die Bevöl­ke­rung wächst oder schrumpft. Neubau gilt reflex­haft als Lösung, auch wenn er die Probleme nicht löst.

Neubau darf nicht einfach kopieren, was es schon gibt – das hat uns in die aktuelle Sackgasse geführt. Neubau muss komple­mentär sein. Beispiel: In einer Einfa­mi­li­en­haus­sied­lung braucht es nicht noch mehr Einfa­mi­li­en­häuser, sondern kleinere, barrie­re­freie Wohnungen, die älteren Menschen aus der Nach­bar­schaft den Verbleib im Quartier ermög­li­chen – mit sozialem Anschluss und viel­leicht sogar Pfle­ge­an­ge­boten. Das ist für mich ein konkreter Beitrag von Archi­tektur: nicht nur entwerfen, was nach­ge­fragt wird, sondern auch mit Auftrag­ge­benden disku­tieren, ob wirklich „mehr“ gebraucht wird – oder ob „weniger, aber klüger“ nicht die bessere Lösung ist.

RA: Ein Ansatz, den wir in der Genos­sen­schaft Koope­ra­tive Großstadt entwi­ckelt haben, ist das „Nukle­us­wohnen“. Eine Wohnform, die auf Flexi­bi­lität setzt – ohne Gemein­schafts­zwang, aber mit soge­nannten „Atmungs­falten“, die sich an den Bedarf anpassen lassen. Wie bewerten Sie solche Typo­lo­gien, die bewusst mit Flexi­bi­lität gegen Fehl­be­le­gung arbeiten?

Ich halte das für sehr sinnvoll. Ähnliche Konzepte habe ich in Schweizer Projekten gesehen – mit „Joker­zim­mern“ oder zuschalt­baren Räumen. Dort gibt es unter­schied­liche Modelle: temporär anmiet­bare Gäste­zimmer, variable Räume, die zwischen Wohnungen verschoben werden können, oder gemein­schaft­liche Quar­tiers­räume, etwa für Coworking. Diese Vielfalt macht Anpassung möglich.

RA: Sehen Sie dabei auch Grenzen?

Natürlich. Anpass­bar­keit setzt voraus, dass Bedarf und Angebot zeitlich zusam­men­passen – und das ist nicht immer gegeben. Deshalb braucht es verschie­dene Optionen. In der Schweiz funk­tio­niert das über Bele­gungs­vor­schriften: Man kann einen Raum abgeben, wenn er nicht mehr gebraucht wird, oder Unter­stüt­zung bekommen, um innerhalb des Quartiers in eine andere Wohnung zu ziehen. Wichtig ist die Vielfalt: Manche Menschen wollen unbedingt in ihrem Haus bleiben, könnten sich aber vorstellen, einen Raum abzugeben. Andere ziehen gern in Projekte wie Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­häuser oder Service-Wohnen. Wieder andere wollen radikal neu anfangen – etwa im Tiny House. Suffi­zienz bedeutet, für all diese Lebens­ent­würfe passende Modelle bereit­zu­stellen.

RA: Sehen Sie im Tiny House tatsäch­lich einen Lösungs­an­satz für effi­zi­entes Wohnen? Denn von der Flächen­ef­fi­zienz her ist es ja eher fraglich.

Es ist sicher­lich eine suffi­zi­ente, aber keine besonders effi­zi­ente Wohnform. Dennoch: Wenn jemand ein Tiny House einem 200-Quadrat­meter-Einfa­mi­li­en­haus vorzieht, ist das schon ein Gewinn. Aber Tiny Houses sind nicht die Lösung. Entschei­dend ist die Vielfalt der Modelle – wir müssen breit denken.

RA: Inter­es­sant fand ich eine archi­tek­tur­psy­cho­lo­gi­sche Publi­ka­tion mit dem Titel „Mensch als Maßstab“, in der auch Bedarfe im sozialen Wohnungsbau in Karlsruhe unter­sucht wurden. Das Ergebnis: Dort wollen viele Bewoh­nende überhaupt nichts teilen – weder Räume noch Angebote. Das steht scheinbar im Wider­spruch zu vielen suffi­zi­enz­ori­en­tierten Konzepten. Wie geht man damit um?

Wenn Menschen im sozialen Wohnungsbau nichts teilen wollen, dann oft, weil sie ohnehin schon beengt leben. Dann geht es weniger um einen Über­fluss­ver­zicht, sondern um das Bedürfnis nach Eigen­stän­dig­keit und Rückzug. Aber auch dort gibt es Möglich­keiten: Viel­leicht möchte man keine Wohnung teilen, aber das Kind nimmt gern an einer Haus­auf­ga­ben­be­treuung im Nach­bar­haus teil. Oder ältere Menschen, die allein in einer großen Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug leben, würden durchaus in eine kleinere, barrie­re­freie Wohnung im Erdge­schoss ziehen – wenn es diese Option gäbe. Wenn man nur denen passende Optionen schafft, die sich verklei­nern wollen, wäre schon viel gewonnen. So wird Suffi­zienz Schritt für Schritt alltags­taug­lich.

RA: In Ihrem Buch „Klima­Ge­recht“ taucht auch der Begriff Degrowth auf. Aus dieser Degrowth-Richtung werden oft deutlich radi­ka­lere Schritte gefordert – etwa klare Verbote statt Appelle oder Frei­wil­lig­keit. Wie stehen Sie zu solchen Ansätzen?

Es sind zwei Ebenen: Wenn ich sage, jede Person darf in Deutsch­land nur noch 40 Quadrat­meter bewohnen, ist das politisch kaum durch­setzbar. Bele­gungs­vor­schriften stoßen ebenso auf Wider­stand. Dabei wissen wir durch Befra­gungen: Rund 30 Prozent der Menschen leben heute schon auf zu viel Fläche und würden gerne umziehen. Warum also beim dicksten Brett anfangen, wenn es so viele gibt, die ohnehin wollen? Für diese Menschen müssen wir Angebote schaffen. Dafür brauche ich keine Limits, sondern realis­ti­sche Optionen.

Ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die über Degrowth, Post­growth oder Limita­rismus disku­tieren. Aber mein Ansatz ist prag­ma­tisch: Ich fange bei den kleinen, machbaren Schritten an. Am Ende geht es nicht um ein entweder-oder. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem man das so disku­tieren könnte. Wir brauchen ein sowohl-als-auch: auf allen Ebenen, für alle Gebäu­de­typen und Wohn­formen passende Angebote.

EP: Sie setzen also stark auf Frei­wil­lig­keit. Sehen Sie dennoch Möglich­keiten, damit das Ganze schneller voran­kommt?

Ein Beispiel wäre ein bundes­weites Flächen­mo­ra­to­rium: Neubau­flä­chen dürften nur noch dort ausge­wiesen werden, wo tatsäch­lich Zuzug statt­findet – nicht in schrump­fenden Regionen. Heute wird viel gebaut, einfach weil die quan­ti­ta­tive Logik zählt: mehr Einwohner, mehr Einnahmen für Kommunen. So entstehen hoch­ge­dämmte Neubauten neben Leer­ständen – ökolo­gisch völlig unsinnig.

Solche Steuerung ist auf kommu­naler Ebene jedoch schwer durch­zu­setzen. Deshalb braucht es bundes­weite Regeln. Das Umwelt­bun­desamt hat etwa Flächen­zer­ti­fi­kate vorge­schlagen. Ich bin zwar skeptisch, ob man alles ökono­mi­sieren sollte – aber wichtig wäre, dem Nicht-Bauen einen Wert zu geben. Zudem müsste Innen­ent­wick­lung klar vor Außen­ent­wick­lung prio­ri­siert werden. Wir wollen 2050 nicht nur klima­neu­tral, sondern auch flächen­neu­tral sein – davon sind wir noch weit entfernt. Eine Beschleu­ni­gung halte ich grund­sätz­lich für richtig, aber nur im Sinne einer inte­grierten Stadt­ent­wick­lung. Ein Bauturbo, der allein auf Quantität setzt, führt sonst nur zu mehr Bauen an den Außen­rän­dern oder dem Verlust von Grün­flä­chen, die wir für Klima­an­pas­sung dringend brauchen. Beschleu­ni­gung ja – aber quali­tativ, nicht nur quan­ti­tativ.

Film­ba­sierte Wohn­for­schung: Video­wohnen ist ein Koope­ra­ti­ons­pro­jekt zwischen dem Lehrstuhl für Wohnbau der RWTH Aachen und Film Based Research unter der Leitung von Marius Helten, Leonard Wertgen und Florian Fischer. Durch Unter­su­chungen von seit Jahr­zehnten bewohnten Wohn­pro­jekten, Erfah­rungen der Bewoh­nenden und Perspek­tiven der Planenden entstehen doku­men­ta­ri­sche Kurzfilme. Das gewonnene Erfah­rungs­wissen wird genutzt, um Wohn­formen und ‑modelle detail­liert zu analy­sieren und zu hinter­fragen, mit dem Ziel der Evalu­ie­rung und des Wissens­trans­fers in Entwurf und Konzep­tion. Beson­deres Interesse gilt expe­ri­men­tellen Ansätzen, die das Zusam­men­leben durch Archi­tektur neu denken. Die Recherche erfolgt im Medium Film durch Inter­views, beob­ach­tende Aufnahmen und Found Footage. Die filmische Erzählung bildet die Erkennt­nisse der Recherche ab und löst sich bewusst von etablierten Narra­tiven und Rezep­tionen im Archi­tek­tur­dis­kurs. Die Filme entstanden als gemein­schaft­liche Arbeiten von Lehrenden und Studie­renden und wurden auf www​.video​wohnen​.site veröf­fent­licht.

  1. Lage, Jonas et al.: Housing for millions without new buildings? An analysis of the theo­re­tical housing potential of under-occupied dwellings in the European building stock. Envi­ron­mental Research Letters 20 (2025), 1. Online verfügbar: https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748–9326/ad9c97 ↩︎