Suffizient wohnen
Im Interview mit Anja Bierwirth
Was brauchen wir wirklich beim Wohnen? Was hat Suffizienz mit Selbstverwirklichung und Zwang zu tun? Und wie könnte zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden, ohne neu bauen zu müssen? Über diese Themen sprachen Architektin Reem Almannai (Almannai Fischer Architekt*innen, München) und Die Architekt-Chefredakteurin Elina Potratz mit Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereichs „Stadtwandel“ am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in der Abteilung Energie‑, Verkehrs- und Klimapolitik.
Elina Potratz: Im Rahmen Ihres Dissertationsvorhabens sind Sie mit dem Wohnmobil durch Deutschland gereist und haben Menschen zu ihrer Wohnbiografie interviewt. Was war Ihr Forschungsinteresse?
Anja Bierwirth: In der Forschung wissen wir eigentlich viel über das Thema Wohnen, vor allem quantitativ: Es gibt Zahlen, Bedarfsanalysen, Studien. Gleichzeitig wissen wir aber erstaunlich wenig über qualitative Aspekte: Ist Wohnen etwas, das wir einfach kopieren – also das, was wir von Zuhause kennen? Oder entwickelt es sich individuell? Welche Vorstellungen haben Menschen vom Wohnen, woher kommen diese, und welche Bedürfnisse erfüllt es jeweils? Für die einen ist es der private Rückzugsort, für die anderen der lebendige Treffpunkt.
EP: Wenn Wohnen so hoch individuell ist – wie schafft man es, dass die Ergebnisse trotzdem repräsentativ sind?
Repräsentativ sind sie nicht – das war nicht mein Anspruch. Es ging mir um ein exploratives Kennenlernen unterschiedlicher Biografien und Sichtweisen. Wichtig war mir dabei, eine möglichst große Vielfalt an Geschichten einzufangen. Deshalb auch die Reise durch Deutschland: Ich wollte regionale Unterschiede berücksichtigen, Stadt und Land, Ost und West einbeziehen. Ich habe zunächst breit angefangen, später gezielt nach bestimmten Konstellationen gesucht: nach Mietwohnungen, gemeinschaftlichen Wohnprojekten, und Menschen mit mehreren Wohnsitzen oder Menschen, die in anderen Ländern aufgewachsen sind. Die Hypothese war: Es gibt sehr unterschiedliche Wohnbiografien und damit auch viele verschiedene Einstellungen zum Thema Wohnen. Das hat sich bestätigt. Am Ende habe ich 34 Interviews geführt.
EP: Was ist dabei herausgekommen?
Ich bin noch in der Auswertung. Dennoch kristallisieren sich bereits einige Faktoren heraus. Ein Beispiel ist die Nahversorgung: Manche betonen, wie wichtig es ist, alles fußläufig zu erreichen – also ein sehr urbanes Setting. Andere sagen: „Ich möchte unbedingt auf dem Land wohnen. Solange ich Auto fahren kann, komme ich zum Supermarkt.“ Hier zeigen sich unterschiedliche Bedürfnisse. Deutlich wurde außerdem, dass sich Wohnbedarfe im Lebensverlauf verändern. Der Wohnraumbedarf wächst nicht kontinuierlich, wie es oft suggeriert wird. In der Debatte ist häufig von der „Wohnkarriere“ die Rede, deren vermeintliche Spitze das Einfamilienhaus im Grünen ist. Aber die Bedürfnisse hören dort nicht auf, sich zu verändern.
EP: Die Bedürfnisse verändern sich sowohl gesellschaftlich als auch individuell im Lebenslauf?
Genau. Klassische Stationen sind etwa: Man zieht in eine WG, hat später eine Partnerschaft oder Familie – es verändern sich die Bedürfnisse. Dann kommt die Frage: Wie möchte ich im Alter wohnen? Bin ich dort, wo ich jetzt lebe, gut versorgt und aufgehoben? Manche Menschen sind experimentierfreudig, träumen vielleicht von einem Hausboot, andere sind eher konventionell. Doch das dominante Narrativ, dass das Einfamilienhaus die höchste Form des Wohnens sei, stimmt so nicht. Es gibt viele verschiedene Wohnformen, die Menschen glücklich oder unglücklich machen können.
EP: Im Titel Ihrer Dissertation geht es um „Gebaute Suffizienz“. Was bedeutet Suffizienz im Wohnen oder Bauen überhaupt?
Unser Verständnis von Suffizienz ist eigentlich recht simpel: Es geht um einen Zustand des Genug: nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Wir grenzen uns dabei klar von der Verzichtsdebatte ab. Suffizienz bedeutet nicht, dass etwas weggenommen und dadurch Lebensqualität eingeschränkt wird. Vielmehr verändert sich die Qualität durch ein Weniger – oder, wenn ich ohnehin zu wenig habe, auch durch ein Mehr.
Zwischen diesen beiden Polen gibt es einen Korridor, der sehr individuell ist: Wie viel braucht ein Mensch tatsächlich? Im Wohnkontext stellt sich diese Frage besonders mit Blick auf die Wohnfläche. Hier gibt es einen klaren Zusammenhang mit der Wohnzufriedenheit, doch wir sehen auch, dass diese ab einem bestimmten Punkt nicht mehr ansteigt. Gesellschaftlich bringt eine stetig steigende Wohnfläche also keinen zusätzlichen Nutzen mehr – im Gegenteil: Sie verursacht Probleme, sowohl ökologisch durch mehr Ressourcen- und Energieverbrauch als auch sozial durch Überforderung und Isolation im Alter. Deshalb ist für uns Suffizienz im Wohnen vor allem eine Frage der besseren Nutzung und Verteilung des bestehenden Wohnraums.
Reem Almannai: In einem Arbeitstitel war von dem Spannungsfeld „zwischen Selbstverwirklichung und Zwang“ die Rede. Was bedeuten diese Begriffe in diesem Zusammenhang?
Bei Selbstverwirklichung denke ich an Bewegungen wie Tiny Houses oder Bauwagen. Menschen reduzieren bewusst, wollen weg vom Konsum. Sie empfinden Reduktion nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung und Gewinn an Lebensqualität. Auf der anderen Seite gibt es den Zwang: Manche Menschen sind zu einem sehr reduzierten Wohnstil gezwungen, weil sie sich schlicht mehr nicht leisten können. Die Vorstellung, dass jeder frei wählen kann, wie er wohnen möchte, ist Illusion. Entscheidungsmöglichkeiten sind begrenzt.
EP: Es geht also nicht um einen „Zwang zur Suffizienz“?
Nein, es geht nicht darum, dass jemand sagt: „Du darfst nicht so viel Fläche verbrauchen, du musst jetzt hier ausziehen.“ Natürlich gibt es auch Systeme, in denen Belegungszuweisungen üblich sind – zum Beispiel in einigen asiatischen Ländern oder auch in großen genossenschaftlichen Projekten in der Schweiz. Dort gibt es Belegungsvorschriften für Wohnungen, und die Zustimmung ist erstaunlich hoch. Viele empfinden das als gerecht: Niemand soll mehr Raum beanspruchen, als ihm zusteht.
RA: Wo sehen Sie da den kulturellen Unterschied? Immerhin sind die Prägungen im deutschsprachigen Raum ja relativ ähnlich. Warum funktioniert das in der Schweiz, während wir uns in Deutschland so schwer damit tun?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Schweiz hat schon lange eine starke Tradition des genossenschaftlichen Wohnens. Viele Genossenschaften arbeiten mit Belegungsvorschriften, das ist historisch gewachsen. Hinzu kommt: Die Schweiz hat sich ein absolutes Klimaziel gesetzt – die „2000-Watt-Gesellschaft“. In Deutschland haben wir dagegen lange mit relativen Zielen wie „90 % weniger bis Jahr X“ gearbeitet. Dadurch ist die Suffizienzdebatte in der Schweiz viel früher und intensiver geführt worden.
Die Genossenschaften dort sind innovativer, sozial gerechter und aktiver als viele in Deutschland. Hierzulande dominiert noch immer das Eigentumsparadigma. Politische Instrumente wie Baukindergeld oder steuerliche Vorteile fördern vor allem Eigentum. Miete gilt dagegen schnell als prekär. Andere Eigentumsformen – genossenschaftlich, gemeinschaftlich – laufen in Deutschland eher unter dem Radar. Eigentum ist hierzulande eine Art „heilige Kuh“. Eine Diskussion über Umverteilung oder Eingriffe ins Eigentum gilt fast als Tabubruch.
RA: Mir ist klar, dass man aufgrund der negativen Konnotation des Begriffs Verzicht in unserem Kulturkreis nach anderen Begrifflichkeiten sucht. Gleichzeitig bedeutet Suffizienz doch eine Reduktion bei denen, die mehr haben – um eine gewisse Gerechtigkeit herzustellen. Glauben Sie, dass sich das nicht kommunizieren lässt?
Doch, das kann man durchaus so kommunizieren, es greifbar machen, etwa mit dem Earth Overshoot Day oder dem Hinweis: Wenn alle so leben würden wie wir in Deutschland, bräuchten wir drei Erden. Das zeigt deutlich, dass wir unseren ressourcen- und energieintensiven Lebensstil reduzieren müssen. Aber das heißt nicht automatisch, dass wir schlechter leben.
Das Problem der Verzichtsdebatte ist, dass sofort das Bild entsteht: Wir müssen in die Höhle zurück. Dabei reden wir eher über ein Niveau wie in den späten 1970er-Jahren. Damals lag der Verbrauch ungefähr bei dem, was eine Erde verkraften konnte. In den 1970ern haben die Menschen keineswegs schlecht gelebt – im Gegenteil. Trotzdem fällt es schwer, sich an einen anderen Lebensstil zu gewöhnen.
EP: An wen richten sich Projekte zur Wohnflächenoptimierung?
Ältere Menschen sind eine wichtige Zielgruppe, weil in dieser Lebensphase ein biografischer Wendepunkt ansteht: Die Kinder ziehen aus, und die Frage stellt sich, ob man den großen Wohnraum noch braucht. Das ist ein guter Moment, um über neue Wohnformen nachzudenken.
Aber Suffizienz bedeutet auch „nicht zu wenig“. Es gibt junge Familien, die sich eine größere Wohnung gar nicht leisten können, oder Menschen in überbelegten Wohnungen. Für sie heißt Suffizienzpolitik: Entlastungen schaffen, ohne dass ein Umzug nötig wird. Zum Beispiel durch zusätzliche Räume in der Nähe – ein Gästezimmer, das man anmieten kann, Gemeinschaftsräume für Kinder oder Feste. Andere Menschen hängen vor allem emotional an ihrer Wohnung, obwohl sie zu eng ist. Statt Umzug können Umbauten und bessere Raumnutzung helfen.
RA: Wir selbst sind Gründungsmitglieder einer Genossenschaft und versuchen, auf diesem Weg flexible Wohnformen zu schaffen. Aber das bleibt oft einzelnen Menschen vorbehalten, die die finanziellen Mittel, die Zeit und die Energie haben, komplexe Wege zu gehen. Am Ende ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Welche Hebel sehen Sie, die eine Breitenwirkung entfalten könnten?
Es gibt nicht den einen Hebel. Wir brauchen eine Vielzahl von Maßnahmen – auch wenn das mühsam und kleinteilig wirkt. Unsere Gesellschaft ist vor allem darauf spezialisiert, neu zu bauen: Flächen ausweisen, Häuser hochziehen, fertig. Das war nach dem Krieg dringend nötig und darauf ist unser gesamtes Planungs- und Baurecht ausgerichtet.
Der bauliche Bestand hingegen ist kompliziert: ob ein einzelnes Gebäude oder ganze Quartiere – wir haben dafür zu wenig Instrumente und Erfahrungen. Dazu kommt, dass die Regulierung explodiert ist. Angeblich gibt es inzwischen gut 20.000 Bauvorschriften in Deutschland. Hier müsste dringend entrümpelt werden. Gerade bei Sanierungen ist es absurd, mit denselben Maßstäben wie beim Neubau zu arbeiten. Wir brauchen mehr Flexibilität, auch baurechtlich.
EP: In Ihrer Forschung am Wuppertal Institut haben Sie sich unter anderem mit dem „theoretischen Wohnraumpotenzial“1 auseinandergesetzt, das in unserem Bestand schlummert. Von welchen Dimensionen sprechen Sie da?Lage, Jonas et al.: Housing for millions without new buildings? An analysis of the theoretical housing potential of under-occupied dwellings in the European building stock. Environmental Research Letters 20 (2025), 1. Online verfügbar: https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748–9326/ad9c97 ↩︎
Unter der alten Bundesregierung gab es das Ziel, pro Jahr 400.000 neue Wohnungen zu schaffen. Wir haben damals Studien ausgewertet, die untersucht haben, wie viel Potenzial es für flächenneutrale Lösungen gibt: Aufstockungen von Wohn- und Nichtwohngebäuden, Umnutzung von Büros, Teilung von Ein- und Zweifamilienhäusern. Das Ergebnis: Rein rechnerisch müsste man nur etwa 70.000 Wohneinheiten tatsächlich neu bauen. Alles andere könnte durch Umnutzung und Bestandsentwicklung entstehen. Dieses Potenzial ist theoretisch – praktisch scheitert es oft am Planungsrecht: etwa, wenn ein Bebauungsplan nur eine bestimmte Anzahl an Wohneinheiten vorsieht, wodurch Wohneinheiten nicht aufgeteilt werden können.
EP: Gibt es Zahlen zum realistisch umsetzbaren Potenzial?
Leider noch nicht. Das wäre eine wichtige nächste Aufgabe. Potenzial gibt es auf verschiedenen Ebenen: zusätzliche Wohneinheiten im Bestand, aber auch durch Wohnungstausch. In Schweden gibt es beispielsweise ein gesetzliches Recht auf Wohnungstausch. Dort können Mietende Wohnungen wechseln, solange sie bestimmte Kriterien erfüllen. Vermietende dürfen nur bei wichtigen Gründen widersprechen. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Aber Wohnungsunternehmen mit großen Beständen könnten proaktiver handeln. Manche gehen gezielt auf Menschen zu, die in zu großen Wohnungen leben, und bieten barrierefreie, kleinere Alternativen zum alten Mietpreis an.
RA: Trotzdem ist das ja alles noch weit entfernt vom Status quo städtischer Wohnungsbaugesellschaften.
Ja. Aber wir brauchen genau diese Beispiele – auch wenn es kleinteilig, mühsam und manchmal nervig ist. Der Gebäudebestand ist extrem heterogen: unterschiedliche Bauweisen, Eigentumsstrukturen, individuelle Bedürfnisse. Das macht es so kompliziert.
Ich plädiere für ein Baukastenprinzip in Beratung und Förderung. Statt isolierte Maßnahmen zu betrachten, müsste man Gebäude und Bewohnende als Einheit verstehen. Beispiel: Wenn jemand die Heizung austauschen will, sollte in der Beratung automatisch geprüft werden: Wie ist die Gebäudehülle? Ergibt es Sinn, die Fenster gleich mit zu erneuern? Könnte eine Fenstertür perspektivisch als zweiter Eingang dienen, wenn später eine Abtrennung geplant ist? Lohnt es sich, zusätzlich Solarthermie oder PV aufs Dach zu setzen – und vorher gleich das Dach zu dämmen? Das müsste als integriertes Paket gedacht werden, bei dem Förderungen bausteinartig zunehmen: je mehr Maßnahmen kombiniert werden, desto höher die Förderung. So könnten Suffizienzaspekte in Energieberatung und Förderprogramme einfließen. Auch Wohnungsunternehmen könnten so stärker einbezogen werden.
RA: Glauben Sie, dass es irgendwann einen Zeitpunkt geben wird, an dem drastischere Maßnahmen und Eingriffe unvermeidlich sind?
Diesen Zeitpunkt haben wir längst überschritten. Die Dringlichkeit ist bereits da. Man sieht es deutlich am Gebäudeenergiegesetz. Der sogenannte „Heizhammer“ ist Robert Habeck nicht um die Ohren geflogen, weil er alles falsch gemacht hätte, sondern weil in den letzten 20 bis 30 Jahren im Wärmesektor schlicht nichts passiert ist. Diese Versäumnisse seiner Vorgänger haben sich aufgestaut. Schon im ersten Klimaschutzgesetz 2010 war in einem frühen Entwurf von einer Sanierungsverpflichtung die Rede. Wäre das damals beschlossen worden, hätten wir heute sehr wahrscheinlich eine ganz andere Sanierungsrate und einen deutlich besseren energetischen Zustand des Gebäudebestands.
EP: Aber auch bei der energetischen Sanierung stellt sich ja die Frage der Suffizienz: Muss es wirklich die Sanierung mit Wärmedämmverbundsystem sein? Oder könnten kleinere Maßnahmen nicht sinnvoller sein?
Ganz genau. Das ist eine der zentralen Diskussionen – auch mit Zertifizierungsstellen: Wie lässt sich Suffizienz überhaupt abbilden? Sie ist schwer zu quantifizieren, weil es nicht um CO₂-Einsparungen im engeren Sinn geht, sondern darum, Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Dafür fehlen uns bisher geeignete Berechnungsmodelle und Bilanzierungen. Auch hier müssten sich die Rahmenbedingungen ändern, damit Suffizienz mainstreamfähig wird.
Zur Sanierungspflicht: Natürlich muss man sie sinnvoll ausgestalten. Niemand, der sich das finanziell nicht leisten kann, darf gezwungen werden, sofort umfassend zu sanieren. Aber beim Eigentumsübergang wäre es ein sinnvoller Ansatzpunkt. In dieser Phase werden ohnehin oft Investitionen getätigt. Wenn man dabei auch eine energetische Sanierung verpflichtend integriert, kann das von vornherein in die Finanzierung einkalkuliert werden. So ließe sich die Last tragbar verteilen.
RA: Was kann die Architekturdisziplin zur suffizienten Raumversorgung beitragen? Verändert sich dadurch auch die Wohnarchitektur?
Sie kann eine Menge dazu beitragen. Ein zentraler Punkt ist die sogenannte Phase 0. Die Honorarordnung für Architekten (HOAI) belohnt bisher, wenn viel gebaut und investiert wird. Warum nicht ein Modell, das gute Beratung und Einsparung von Material und Kosten honoriert? Zudem braucht es mehr Wissen über alternative Konzepte – etwa Mehrfachnutzung von Räumen oder bedarfsgerechte Quartiersplanung. Architektinnen und Architekten sollten stärker prüfen: Was gibt es bereits im Umfeld? Welche Lücken bestehen wirklich? Oft wird für Zuzug gebaut – egal, ob die Bevölkerung wächst oder schrumpft. Neubau gilt reflexhaft als Lösung, auch wenn er die Probleme nicht löst.
Neubau darf nicht einfach kopieren, was es schon gibt – das hat uns in die aktuelle Sackgasse geführt. Neubau muss komplementär sein. Beispiel: In einer Einfamilienhaussiedlung braucht es nicht noch mehr Einfamilienhäuser, sondern kleinere, barrierefreie Wohnungen, die älteren Menschen aus der Nachbarschaft den Verbleib im Quartier ermöglichen – mit sozialem Anschluss und vielleicht sogar Pflegeangeboten. Das ist für mich ein konkreter Beitrag von Architektur: nicht nur entwerfen, was nachgefragt wird, sondern auch mit Auftraggebenden diskutieren, ob wirklich „mehr“ gebraucht wird – oder ob „weniger, aber klüger“ nicht die bessere Lösung ist.
RA: Ein Ansatz, den wir in der Genossenschaft Kooperative Großstadt entwickelt haben, ist das „Nukleuswohnen“. Eine Wohnform, die auf Flexibilität setzt – ohne Gemeinschaftszwang, aber mit sogenannten „Atmungsfalten“, die sich an den Bedarf anpassen lassen. Wie bewerten Sie solche Typologien, die bewusst mit Flexibilität gegen Fehlbelegung arbeiten?
Ich halte das für sehr sinnvoll. Ähnliche Konzepte habe ich in Schweizer Projekten gesehen – mit „Jokerzimmern“ oder zuschaltbaren Räumen. Dort gibt es unterschiedliche Modelle: temporär anmietbare Gästezimmer, variable Räume, die zwischen Wohnungen verschoben werden können, oder gemeinschaftliche Quartiersräume, etwa für Coworking. Diese Vielfalt macht Anpassung möglich.
RA: Sehen Sie dabei auch Grenzen?
Natürlich. Anpassbarkeit setzt voraus, dass Bedarf und Angebot zeitlich zusammenpassen – und das ist nicht immer gegeben. Deshalb braucht es verschiedene Optionen. In der Schweiz funktioniert das über Belegungsvorschriften: Man kann einen Raum abgeben, wenn er nicht mehr gebraucht wird, oder Unterstützung bekommen, um innerhalb des Quartiers in eine andere Wohnung zu ziehen. Wichtig ist die Vielfalt: Manche Menschen wollen unbedingt in ihrem Haus bleiben, könnten sich aber vorstellen, einen Raum abzugeben. Andere ziehen gern in Projekte wie Mehrgenerationenhäuser oder Service-Wohnen. Wieder andere wollen radikal neu anfangen – etwa im Tiny House. Suffizienz bedeutet, für all diese Lebensentwürfe passende Modelle bereitzustellen.
RA: Sehen Sie im Tiny House tatsächlich einen Lösungsansatz für effizientes Wohnen? Denn von der Flächeneffizienz her ist es ja eher fraglich.
Es ist sicherlich eine suffiziente, aber keine besonders effiziente Wohnform. Dennoch: Wenn jemand ein Tiny House einem 200-Quadratmeter-Einfamilienhaus vorzieht, ist das schon ein Gewinn. Aber Tiny Houses sind nicht die Lösung. Entscheidend ist die Vielfalt der Modelle – wir müssen breit denken.
RA: Interessant fand ich eine architekturpsychologische Publikation mit dem Titel „Mensch als Maßstab“, in der auch Bedarfe im sozialen Wohnungsbau in Karlsruhe untersucht wurden. Das Ergebnis: Dort wollen viele Bewohnende überhaupt nichts teilen – weder Räume noch Angebote. Das steht scheinbar im Widerspruch zu vielen suffizienzorientierten Konzepten. Wie geht man damit um?
Wenn Menschen im sozialen Wohnungsbau nichts teilen wollen, dann oft, weil sie ohnehin schon beengt leben. Dann geht es weniger um einen Überflussverzicht, sondern um das Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Rückzug. Aber auch dort gibt es Möglichkeiten: Vielleicht möchte man keine Wohnung teilen, aber das Kind nimmt gern an einer Hausaufgabenbetreuung im Nachbarhaus teil. Oder ältere Menschen, die allein in einer großen Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug leben, würden durchaus in eine kleinere, barrierefreie Wohnung im Erdgeschoss ziehen – wenn es diese Option gäbe. Wenn man nur denen passende Optionen schafft, die sich verkleinern wollen, wäre schon viel gewonnen. So wird Suffizienz Schritt für Schritt alltagstauglich.
RA: In Ihrem Buch „KlimaGerecht“ taucht auch der Begriff Degrowth auf. Aus dieser Degrowth-Richtung werden oft deutlich radikalere Schritte gefordert – etwa klare Verbote statt Appelle oder Freiwilligkeit. Wie stehen Sie zu solchen Ansätzen?
Es sind zwei Ebenen: Wenn ich sage, jede Person darf in Deutschland nur noch 40 Quadratmeter bewohnen, ist das politisch kaum durchsetzbar. Belegungsvorschriften stoßen ebenso auf Widerstand. Dabei wissen wir durch Befragungen: Rund 30 Prozent der Menschen leben heute schon auf zu viel Fläche und würden gerne umziehen. Warum also beim dicksten Brett anfangen, wenn es so viele gibt, die ohnehin wollen? Für diese Menschen müssen wir Angebote schaffen. Dafür brauche ich keine Limits, sondern realistische Optionen.
Ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die über Degrowth, Postgrowth oder Limitarismus diskutieren. Aber mein Ansatz ist pragmatisch: Ich fange bei den kleinen, machbaren Schritten an. Am Ende geht es nicht um ein entweder-oder. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem man das so diskutieren könnte. Wir brauchen ein sowohl-als-auch: auf allen Ebenen, für alle Gebäudetypen und Wohnformen passende Angebote.
EP: Sie setzen also stark auf Freiwilligkeit. Sehen Sie dennoch Möglichkeiten, damit das Ganze schneller vorankommt?
Ein Beispiel wäre ein bundesweites Flächenmoratorium: Neubauflächen dürften nur noch dort ausgewiesen werden, wo tatsächlich Zuzug stattfindet – nicht in schrumpfenden Regionen. Heute wird viel gebaut, einfach weil die quantitative Logik zählt: mehr Einwohner, mehr Einnahmen für Kommunen. So entstehen hochgedämmte Neubauten neben Leerständen – ökologisch völlig unsinnig.
Solche Steuerung ist auf kommunaler Ebene jedoch schwer durchzusetzen. Deshalb braucht es bundesweite Regeln. Das Umweltbundesamt hat etwa Flächenzertifikate vorgeschlagen. Ich bin zwar skeptisch, ob man alles ökonomisieren sollte – aber wichtig wäre, dem Nicht-Bauen einen Wert zu geben. Zudem müsste Innenentwicklung klar vor Außenentwicklung priorisiert werden. Wir wollen 2050 nicht nur klimaneutral, sondern auch flächenneutral sein – davon sind wir noch weit entfernt. Eine Beschleunigung halte ich grundsätzlich für richtig, aber nur im Sinne einer integrierten Stadtentwicklung. Ein Bauturbo, der allein auf Quantität setzt, führt sonst nur zu mehr Bauen an den Außenrändern oder dem Verlust von Grünflächen, die wir für Klimaanpassung dringend brauchen. Beschleunigung ja – aber qualitativ, nicht nur quantitativ.

Abb.: Szenen aus dem Film Experimentele Flats von Vanessa Zibart, Victor-Lennart Müller, Leonard Wertgen, Marius Helten und Florian Fischer.


Abb.: Szenen aus dem Film Het Pentagon von Nikolay Marinov, Neshe Nedzhati, Marius Helten, Leonard Wertgen und Florian Fischer.


Abb.: Szenen aus dem Film Seniorenwohnhaus von Nikolay Marinov, Marina Sedda, Irma Softic, Leonard Wertgen, Marius Helten, Jens Franke und Florian Fischer.

Filmbasierte Wohnforschung: Videowohnen ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem Lehrstuhl für Wohnbau der RWTH Aachen und Film Based Research unter der Leitung von Marius Helten, Leonard Wertgen und Florian Fischer. Durch Untersuchungen von seit Jahrzehnten bewohnten Wohnprojekten, Erfahrungen der Bewohnenden und Perspektiven der Planenden entstehen dokumentarische Kurzfilme. Das gewonnene Erfahrungswissen wird genutzt, um Wohnformen und ‑modelle detailliert zu analysieren und zu hinterfragen, mit dem Ziel der Evaluierung und des Wissenstransfers in Entwurf und Konzeption. Besonderes Interesse gilt experimentellen Ansätzen, die das Zusammenleben durch Architektur neu denken. Die Recherche erfolgt im Medium Film durch Interviews, beobachtende Aufnahmen und Found Footage. Die filmische Erzählung bildet die Erkenntnisse der Recherche ab und löst sich bewusst von etablierten Narrativen und Rezeptionen im Architekturdiskurs. Die Filme entstanden als gemeinschaftliche Arbeiten von Lehrenden und Studierenden und wurden auf www.videowohnen.site veröffentlicht.
- Lage, Jonas et al.: Housing for millions without new buildings? An analysis of the theoretical housing potential of under-occupied dwellings in the European building stock. Environmental Research Letters 20 (2025), 1. Online verfügbar: https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748–9326/ad9c97 ↩︎