Himmels­schaft oder Miss­ge­burt?

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nach­kriegs-Archi­tek­tur­ge­schichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigen­schaft, eine unge­wöhn­liche Geschichte oder eine spezi­fi­sche Merk­wür­dig­keit. Lösungs­vor­schläge können per Post, Fax oder E‑Mail an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsen­dern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsen­de­schluss ist der 20. Mai 2016.

Das Besondere des „tatorts“, der allein für die Auffüh­rung von Musik gedacht ist, zeigt sich bereits in seinem Grundriss: Er resul­tiert aus drei über­ein­ander gelegten und gegen­ein­ander verdrehten Fünfecken. In der Mitte des Raums, der sich aus diesem Plan entwi­ckelt, liegt ein Podium, das ringsum mit gestaf­felten, in der Höhe und in der Fläche versetzten Reihen­sitz­ge­le­gen­heiten umgeben ist. Der Architekt des epochalen Bauwerks verstand den Spielort des Orches­ters als „Tal“, die in Gruppen von 75 bis 100 Plätze unter­teilten Sitzränge als „aufstei­gende Weinberge“. Die zelt­ar­tige Decke über dem Innenraum, die sich in einer in mehreren Schwüngen anlau­fenden Dach­land­schaft auch außen abbildet, betrach­tete er als „Himmels­schaft“ mit frei hängenden Leuchten als Sterne, die sich über der „Land­schaft” des Saals erhebt.

Auch die Erschlie­ßung hat Anteil an dieser abstrakten Bild­haf­tig­keit: Das stim­mungs­volle Foyer des Gebäudes bietet einer Vielzahl von scheinbar will­kür­lich gesetzten Treppen, Beton­stützen und Galerien Raum, die gewis­ser­maßen das Strömen der Besucher aus allen Rich­tungen in die arka­di­sche Archi­tek­tur­land­schaft, auf das gelobte „Tal“ versinn­bild­li­chen. Tatsäch­lich erweist sich in dieser auf bestimmte, nämlich anthro­po­lo­gi­sche Weise funk­tio­na­lis­ti­sche Anordnung der Besu­cher­ströme eine grund­sätz­liche Entwurfs­stra­tegie ihres Entwer­fers. Das gilt auch für den Saal des Hauses.

Der Architekt selbst meinte dazu: „Das Musi­zieren und das gemein­same Erleben der Musik finden (…) an einem Ort statt, der in seiner baulichen Konzep­tion nicht vom Formal-Ästhe­ti­schen ausgeht, sondern vom Vorgang. Wir reali­sieren die Beziehung: Mensch, Raum, Musik.” Der berühmte Dirigent des hier behei­ma­teten Orches­ters, der wesent­li­chen Einfluss auf die kompli­zierte Auftrags­ver­gabe nahm, lobte die Konzep­tion, weil sie „die restlose Konzen­tra­tion der Zuhörer auf das Musik­ge­schehen“ ermög­liche. Einige, auch berühmte  Kollegen, urteilten anders. Einer bezeich­nete das Haus als „Miss­ge­burt“, ein anderer sagte sogar ein Gastspiel ab, weil er es nicht ertragen wollte, dass ihm „Hunderte von Zuhörern ins Gesicht schauen“.

Auch um die Akustik gab es Diskus­sionen, weil sie unmit­telbar vor dem Eröff­nungs­kon­zert noch unzu­läng­lich erschien. Ein eigens hinzu­ge­zo­gener Spezia­list hatte zwar mit Modellen im Maßstab 1:9 gear­beitet, um darin mit elek­tri­schen Funken Knall­ge­räu­sche zu erzeugen, die als Echo­gramme aufge­zeichnet wurden, um Flat­ter­echos zu erkennen. Verbes­se­rungen erbrachten aber erst eine Erhöhung des Podiums und frei einge­hängte Schall­segel. Mit schnell hinter­ein­ander abge­ge­benen Revol­ver­schüssen erprobte man noch eine Woche vor dem ersten Konzert die Nach­hall­zeit des Raums. Auch beim Außenbau haperte es zunächst noch: Aus Geld­mangel war das Gebäude zunächst ocker­farben verputzt worden.

Erst nach dem Tod seines Entwer­fers erhielt es die von ihm erhoffte gold­farben eloxierte Alumi­ni­um­plat­ten­hülle, deren Elemente dank einer trans­pa­renten Poly­es­ter­auf­lage einen durch­schei­nenden Schimmer erzeugen. Heute gilt der „tatort“ als Sehens­wür­dig­keit. Gemeinsam mit einem anderen Gebäude des gleichen Archi­tekten und einer mit gleichen Mitteln erreichten räum­li­chen Erwei­te­rung bildet er das Herz eines kultu­rellen Ensembles, über das seit einigen Jahren viel geredet wird. Wie heißt das Gebäude, und wer hat es wann entworfen?

Der „tatort“ der Ausgabe 1/16 war das Wallraf-Richartz-Museum in Köln, das Rudolf Schwarz und Josef Bernhard zwischen 1953 und 1957 errich­teten. Seit 1989 birgt der Bau, der für seine neuen Zwecke vorbild­lich von Walter von Lom restau­riert wurde, das Museum für Ange­wandte Kunst. Die Gewin­nerin des Buch­preises ist Hilde Strohl-Goebel aus Dreieich-Buch­schlag.

Foto: Andreas Denk

tatort 16-2_Foto Andreas Denk
tatort 16-2_Foto Andreas Denk