Das Strahlen der Stadt

Gesucht wird wieder ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Archi­tek­tur­ge­schichte der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigen­schaft, eine unge­wöhn­liche Geschichte oder eine spezi­fi­sche Merk­wür­dig­keit. Lösungs­vor­schläge können per E‑Mail (redaktion[at]die-architekt.net) einge­reicht werden. Zu gewinnen gibt es das „Tafelwerk Groß­wohn­sied­lung“ von Andreas Müsseler und Khaled Mostafa, heraus­ge­geben von Andreas Hild (Gebr. Mann Verlag). Einsen­de­schluss ist der 15. September 2022.

Foto: Thomas Robbin

Der Tatort birgt einige Super­la­tive: In nur 163 Arbeits­tagen im damals beju­belten „ameri­ka­ni­schen Bautempo“ errichtet, bietet er den ersten Skelettbau der Stadt, bei dem die Fassa­den­ge­stal­tung klar und konse­quent aus dem konstruk­tiven Duktus entwi­ckelt ist. Die tragenden Stützen unter­scheiden sich in der Ansichts­breite leicht von den reinen Fens­ter­pfei­lern, was die Stadt­ver­wal­tung vergeb­lich bekämpft hatte. Sie wollte eben diese moderne Struktur – wie die Presse beklagte – schamhaft „mit einer Klein­stadt­ku­lisse“ kaschieren, um den Bau wie die kriegs­zer­störte Vorgän­ger­be­bauung wirken zu lassen. Der Architekt konnte sich durch­setzen.

Die Skelett­kon­struk­tion ermög­lichte eine völlig freie, leicht verän­der­bare Innen­raum­ein­tei­lung, was schnell zum Standard im Waren­hausbau wurde. Vorbildlos ist das Gebäude trotz seines frühen Baudatums aller­dings nicht: Er übernimmt viele Motive eines berühmten Groß­ar­chi­tekten, der nach der „Macht­er­grei­fung“ emigrieren musste und dessen beiden besten Waren­häuser tragi­scher­weise in der Nach­kriegs­zeit abge­rissen wurden.

Der Architekt des Tatorts hatte sich bei seinem Vorbild auch noch mit dem Motiv der abge­run­deten Ecke bedient, das hier im zwei­ge­schos­sigen, raumhoch verglasten Sockelbau zur Anwendung kommt. Hier, an der Ecke, wird auch die zwei­tei­lige Kubatur des Neubaus sichtbar: Zur Seiten­straße hin zeigt er einen nied­ri­geren Baukörper mit Walmdach, um einen städ­te­bau­li­chen Anschluss der zeitlich nach­fol­genden Nach­bar­be­bauung vorzu­be­reiten. Der Haupt­bau­körper indes strahlt als klar geglie­derter, kubischer Acht­ge­schosser auf einen der verkehrs­reichsten Plätze Europas aus, gekrönt von einem auf dünnen Stahl­stützen aufge­stelzten Flachdach.

Sein Architekt war schon vor der Nazizeit aktiv und diente sich später den neuen Macht­ha­bern an, wurde dennoch als „Mitläufer“ entna­zi­fi­ziert. Nach dem Krieg gründete er sofort ein Archi­tek­tur­büro in der Stadt und schloss sich projekt­weise einem drei Jahre jüngeren Freund und Archi­tek­ten­kol­legen an. Der gesuchte Architekt war ein Jahr vor Planungs­be­ginn des Tatorts als Professor für Entwerfen und Hoch­bau­kon­struk­tion an eine der großen Tech­ni­schen Univer­si­täten des Landes berufen worden. Er gab seine Professur vorzeitig auf, weil er von den Ausein­an­der­set­zungen mit den 68er-Studie­renden „zermürbt“ war. Sein eigenes Wohnhaus am Hoch­schulort, einen eleganten Bungalow, ließ er zurück; es wurde später abge­rissen. Er starb 74-jährig. Welcher Architekt und welches Gebäude sind gesucht – wo liegt es und wann wurde es gebaut?

Beim Tatort aus Heft 3 / 2022 handelte es sich um den Neubau der Hoch­schule für bildende Künste in Kassel (1960 – 1969) von Paul­fried­rich Pose­nenske aus Offenbach am Main. Gewinner des Buch­preises ist Fritz Ludwig.

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