Tatsachen aus Beton

Buch der Woche: Vom Leben in Groß­wohn­sied­lungen

Die Groß­wohn­sied­lung Grünau in Leipzig, die in den 1970er und 1980er Jahren errichtet wurde, gehört zu den größten Plat­ten­bau­kom­plexen der ehema­ligen DDR und kämpfte, wie viele ihrer Art, seit den 1990er Jahren mit stetig sinkenden Einwoh­ner­zahlen und stei­gendem Alters­durch­schnitt. Erst seit dem vor wenigen Jahren begin­nenden Leipzig-Boom kann der Stadtteil wieder leichten Zuwachs verzeichnen. Nach dem Abriss einiger Bauten des groß­flä­chigen Ensembles nach der Wende sind mitt­ler­weile sogar wieder Neubauten entstanden. Die Erkenntnis scheint durch­zu­dringen, dass die unge­liebten Plat­ten­sied­lungen ange­sichts der verstärkten Urba­ni­sie­rungs­ent­wick­lungen wieder in den Fokus der Stadt­ent­wick­lung rücken müssen. Und auch die archi­tek­to­ni­schen und sozi­al­räum­li­chen Ambi­tionen dieser Sied­lungs­form sowie ihre Mängel und Poten­tiale werden zunehmend in der Kunst‑, Archi­tektur und Sozi­al­ge­schichte verhan­delt.

Die von Juliane Richter, Tanja Scheffler und Hannah Sieben heraus­ge­ge­bene Publi­ka­tion „Raster Beton. Vom Leben in Groß­wohn­sied­lungen zwischen Kunst und Platte. Leipzig-Grünau im inter­na­tio­nalen Vergleich“ widmet sich Leipzig-Grünau nun in einer thema­tisch weit ausho­lenden und dabei tief­grei­fenden Text­samm­lung, die den Bogen von prak­ti­schen Erwä­gungen der Quar­tier­sauf­wer­tung über inter­na­tio­nale Seiten­schwenks zur Geschichte der Groß­wohn­sied­lung bis hin zu Kunst und Akti­vismus im Post­so­zia­lismus spannt. Zudem ist der Band Nachlese des im Sommer 2016 veran­stal­teten mehr­mo­na­tigen Festivals Raster:Beton, im Zuge dessen Grünau mit einer Ausstel­lung, einem wissen­schaft­li­chen Symposium und umfang­rei­chen Rahmen­pro­gramm bespielt wurde.

Viele Beiträge des Bandes verbindet ein durchaus opti­mis­ti­scher Blick auf das bauliche Phänomen der Groß­platte. Dies zeigt bereits der einlei­tende Beitrag von Wolfgang Kil, in dem er sich mit dem Credo „Mehr Mut zur Verwand­lung. Let’s Upgrade!“ für einen entspannten, weniger vorur­teils­be­haf­teten Blick auf die Plat­ten­sied­lungen ausspricht, die er vor allem als Opfer ihres schlechten Rufs sieht. Statt­dessen sollte weiter an den betref­fenden Wohn­be­zirken gebaut und verändert werden: „Wenn sich die in Beton errich­teten Sozi­al­bau­sied­lungen genauso freizügig umge­stalten lassen wie die kolos­salen Ziegel­ge­birge der Grün­der­zeit, wenn aus den verhassten und vehement bekämpften Miets­ka­sernen nun die belieb­testen Wohn­formen unseres heutigen Life­styles werden konnten – ist es abwegig, sich eine Renais­sance der Groß­wohn­sied­lungen vorzu­stellen?“. Auch Thomas Hoscis­law­skis prophe­zeit in seinem Text zur Planungs- und Bauhis­torie von Grünau eine Entwick­lung hin zu einer hete­ro­genen, urbanen Bebauung – zu einem „ganz normalen, gewach­senen Leipziger Stadtteil“.

Ausgehend von Grünau ermög­licht die sehr anspre­chend und über­sicht­lich gestal­tete Publi­ka­tion ein abwechs­lungs­rei­ches Herein- und Heraus­zoomen innerhalb der Thematik. Simone Hain zeigt in meis­ter­haft verdich­teten „Ideen­ge­schicht­li­chen Bemer­kungen zum Phänomen Plat­tenbau“ die Entwick­lung von sozia­lis­tisch-arbeits­re­for­me­ri­schen Bestre­bungen des frühen 19. Jahr­hun­derts bis hin zum massen­haften Einsatz der Groß­platte in der DDR auf. Weitere Beiträge betrachten unter anderem die Grands Ensembles in Frank­reich (Gwenaëlle Le Goullon) die Grohner Düne in Bremen (Stefan Rettich) sowie die Tendenzen im Groß­woh­nungsbau in China (Dieter Hassen­pflug). Ergänzt wird der Band durch Aufnahmen des Foto­grafen Harald Kirschner aus Grünau, entstanden zwischen den Jahren 1981 und 1990, die einen Einblick in die ambi­va­lente Lebens­rea­lität der damals vorwie­gend jungen Bewohner im lange unvoll­endet geblie­benen Viertel geben.

Elina Potratz

Juliane Richter, Tanja Scheffler, Hannah Sieben (Hrsg.): Raster Beton. Vom Leben in Groß­wohn­sied­lungen zwischen Kunst und Platte. Leipzig-Grünau im inter­na­tio­nalen Vergleich, M Books Verlag, Weimar 2017, 148 S., 63 farbige und 36 s/​w Abbil­dungen, ISBN 978–3‑944425–06‑1