Über Gene­ra­tionen

Doku­men­tar­film „Die Böhms. Archi­tektur einer Familie“

Worauf gründet eine Familie? Wie ist ihre Archi­tektur beschaffen? Baut eine Gene­ra­tion auf die nächste, ähnlich eines Hoch­hauses, das immer neue Geschosse bekommt? Könnte man es mit Abriss und Neubau verglei­chen, wenn die Kinder etwas ganz anders macht als die Eltern? Oder ist es eher ein Kreisen, gibt es ein Zentrum, ähnlich einer zentralen Hallen oder eines Platzes in der Stadt, wo sich Alles trifft und die Wege kreuzen?

Schaut man auf die Böhms, die – man kann es nicht anders sagen – für den Begriff „Fami­li­en­dy­nastie“ ein spre­chendes Beispiel sind, scheint die Frage auf den ersten Blick leicht zu beant­worten: Gottfried Böhm, der 1955 das Archi­tek­tur­büro seines Vaters Dominikus Böhm übernahm, ist das intel­lek­tu­elle Zentrum, der Patriarch, den seine vier Söhne „Boss“ nennen. Ob mit oder ohne Augen­zwin­kern, ist gar nicht so leicht zu auszu­ma­chen. Doch der Film „Die Böhms. Archi­tektur einer Familie“, den Maurizius Staerkle-Drux über zwei Jahre hinweg drehte, postu­liert noch ein weiteres Zentrum, ein emotio­nales: die Ehefrau Gott­frieds, Elisabeth Böhm. Sie selbst war eine talen­tierte Archi­tektin, die jedoch für die Kinder ihre Karriere zurück­stellte – sie wurde das „Mammele“, wie Gottfried Böhm sie im Film nennt. Über diese Rollen­ver­tei­lung schien sie oftmals nicht glücklich zu sein, wie sich ein Sohn des Archi­tekten im Film erinnert. Erst später, als die Söhne berufs­tätig waren, arbeitet sie wieder aktiv im Büro Böhm mit und gilt als Inspi­ra­ti­ons­quelle und Kriti­kerin des Werks ihres Mannes. Nicht wenige sagen, dass sie starken Einfluss auf seine Bauten hatte, zum Beispiel auf die Gestal­tung der WDR-Arkaden in Köln. Sie habe auch auf die gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Aspekte im Werk ihres Mannes einge­wirkt, erzählt ein Sohn. An manchen Stellen wirkt die Ikoni­sie­rung der Mutter- und Ehefrau­figur etwas zu überhöht – das liegt viel­leicht auch daran, dass sie während der Dreh­ar­beiten starb.

Wer hier einen typischen Archi­tek­tur­film erwartet, dürfte etwas enttäuscht sein. Zwar sieht man das eine oder andere Gebäude Gottfried Böhms, die Wall­fahrts­kirche „Maria, Königin des Friedens“ im heutigen Velbert-Neviges beispiels­weise und das Bens­berger Rathaus, oder aber das Ägyp­ti­sche Museum von Peter Böhm in München. Statt langer, stati­scher Aufnahmen dominiert jedoch das Flüchtig-Eindruck­hafte und die Gebäude in ihrer Benutz­bar­keit. Wenn Gottfried Böhm beispiels­weise die Rampen eines von ihm entwor­fenen Gebäudes hinauf läuft und beklagt, dass es keine Bänke gibt, lässt das schmun­zeln – er hätte sie als Architekt schließ­lich einplanen können.

Bens­berger Rathaus, Foto: Raphael Beinder

Der Film rückt statt­dessen das Bezie­hungs­ge­flecht der Personen ins Zentrum. Anhand von kurzen Ausschnitten aus Gesprä­chen, Modell­be­spre­chungen und Fami­li­en­feiern sowie Inter­view­sequenzen und Rück­blenden aus Archiv­ma­te­rial zeichnet er das Psycho­gramm der Familie: Drei der vier Kinder – Stephan, Paul und Peter – sind ebenfalls Archi­tekten und haben zeitweise gemeinsam mit dem Vater in einem Büro gear­beitet. Die Rivalität ist noch zu spüren und das Ringen um die Gunst oder gar das Lob des Vaters, obwohl die Söhne allesamt mitt­ler­weile eigene Büros haben und erfolg­reich große Projekte reali­sieren. „Es ist ein Konkur­renz­un­ter­nehmen“, sagt ein Sohn, so „wie wenn wir als Zehn­jäh­rige zusammen Fußball spielen und jeder mal ein Tor schießen will.“ Der Vater, der als einziger deutscher Architekt bisher einen Pritz­ker­preis gewonnen hat, ist nach wie vor eine Instanz wenn es um die Bewertung ihrer Entwürfe und Modelle geht, wenn­gleich auch zu spüren ist, dass die Kinder sich inzwi­schen eman­zi­piert haben. Stephan Böhm etwa baut in China, Peter Böhm hat das Ägyp­ti­sche Museum in München viel strenger und redu­zierter gebaut, als sein Vater es jemals gemacht hätte, Pauls Zentral­mo­schee in Köln ist ein Riesen­pro­jekt und Markus hat einen ganz anderen Lebensweg einge­schlagen und mit der Archi­tektur wenig zu tun. „Es ist verständ­lich“, sagt einer, „dass der Vater will, dass die Kinder sein Werk fort­führen. Aber selbst wenn sich berühmte Väter zurück­zu­nehmen versuchen, können sie ihre Kinder auf unter­schied­liche Art und Weise belasten.“ „Die dritte Gene­ra­tion hat es immer schwer“, ergänzt ein anderer und spielt darauf an, dass auch Gott­frieds Vater Dominikus ein berühmter Architekt war. „Die erste (Gene­ra­tion) baut es auf, die zweite führt es fort, die dritte reißt es wieder ein.“

Inzwi­schen widmet sich der Vater wieder mehr der bildenden Kunst, so wie früher, als er neben der Archi­tektur auch Bild­hauerei studiert hatte. Mit Bleistift und Rötel zeichnet er riesige Stadt­vi­sionen, mit einer himmels­stür­menden, futu­ris­ti­schen Stadt­krone und rot leuch­tenden Hügeln. Rot sei eine tolle Farbe, sagt er, so warm, ja heiß. Und als Unter­schrift fügt er eine Frau im roten Cape ein, wie es Elisabeth Böhm oft getragen hat.  Und die zuvor zu einem seiner gezeich­neten Gebäude forsch gesagt hatte: „Was ist das? Ist das ein Topf?“

Gottfried Böhm, Foto: Raphael Beinder

Der Film, der von vielen stati­schen Kame­ra­ein­stel­lungen ohne Fahrten und kurzen Szenen mit harten Schnitten geprägt ist, hat starke Bilder: Etwa wenn das Ehepaar Böhm behutsam durch den Garten läuft und Gottfried nach dem Tod Elisa­beths dieselbe Stelle tief gebückt allein durch­quert. Oder wenn er mit Verve in das Schwimm­be­cken hinterm Haus springt. Immer wieder ist es dieser alte Körper, der dem Zuschauer manchmal ein Lächeln abringt, meist aber Ehrfurcht abtrotzt, denn Gottfried Böhm ist nach wie vor eine starke, charis­ma­ti­sche Person mit fester Stimme und bestim­mendem Auftreten. Durch diese Moment­auf­nahmen erklärt der Doku­men­tar­film vieles explizit nicht, aber das Implizite sehr deutlich.

Die Fami­li­en­tra­di­tion der Böhms wird im Übrigen weiter­ge­führt: Auch ein Enkel Gottfried Böhms hat sich der Archi­tektur zugewandt. Die vierte Gene­ra­tion baut weiter.

Juliane Richter

Die Böhms. Archi­tektur einer Familie
Deutsch­land 2014, 87 Min.
Regie: Maurzius Staerkle­-​Drux
Drehbuch: Maurizius Staerkle-Drux
Kamer: Ralph Beinder
Verleih: RFF Real Fiction Film­ver­leih e. K.
Der Film läuft ab jetzt deutsch­land­weit in den Kinos. Alle Daten und Or finden sie hier.

Abbil­dungen: Licht­blick Film GmbH, Fotos: Raphael Beinder, Maurizius Staerkle-Drux

Bens­berger Rathaus, Foto: Raphael Beinder
Gottfried Böhm, Foto: Raphael Beinder