Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten

Gerhard Matzig im Gespräch

Am 16. Juni zeichnete der Bund Deutscher Archi­tekten BDA den Leitenden Redakteur im Feuil­leton der Süddeut­schen Zeitung Gerhard Matzig mit dem BDA-Preis für Archi­tek­tur­kritik 2018 aus. Im Vorfeld der Preis­ver­lei­hung im Hamburger Schmidt-Theater sprachen Benedikt Hotze, Pres­se­re­fe­rent des BDA, und David Kasparek, Redakteur bei der Zeit­schrift der architekt, mit Matzig über seine Arbeit, Archi­tek­tur­kritik, messbare Baukultur und den Wandel des Berufs­bild von Archi­tek­tinnen und Archi­tekten im Laufe der Zeit.

David Kasparek: Herr Matzig, Sie sind Leitender Redakteur im Feuil­leton der Süddeut­schen Zeitung. Was erscheint Ihnen aus der Fülle der Themen berich­tens­wert?
Gerhard Matzig: Was die Archi­tek­tur­themen angeht, so genieße ich den Luxus, dass ich eigent­lich für gar nichts zuständig bin. Das heißt: Meine Kollegen koor­di­nieren die Bericht­erstat­tung über neue wichtige Häuser, über Bücher zu bestimmten Archi­tek­tur­themen, über Urba­nismus-Symposien und derglei­chen. Die Pflicht­themen sind nicht mein Gebiet. Ich kann also nur für mich als Person und nicht insgesamt für die Archi­tek­tur­kritik der SZ sprechen. Dies vorab. Dann: Mich erreichen viele Infor­ma­tionen über Telefon, Mail, Twitter oder, herrlich analog, per Post. Auch übers Hören­sagen. Und Lesen ist sowieso immer anregend. Übrigens gerne auch die Feuil­le­tons der Konkur­renz. Manches davon springt mich an, anderes inter­es­siert mich weniger. Wenn ich keine Geschichte hinter den Infor­ma­tionen sehe, kommt vieles direkt wieder in den Papier­korb – auch wenn es sich dabei prin­zi­piell um gute Archi­tektur handelt. Wenn sich aber ein Haus mit einer Geschichte verbindet, die über das reine Objekt hinaus­geht, dann werde ich ziemlich neugierig. Ein Haus, das „nur“ gut gebaut ist, bei dem die Propor­tionen elegant sind, die Trep­pen­an­schlüsse stimmen, der Grundriss logisch erscheint… das alles ergibt für mich erst einmal noch keine Geschichte. Das Objekt gehört mögli­cher­weise zur Chro­no­logie der Baukultur, es mag relevant sein, aber das ist nicht mein Job.

Gerhard Matzig,
Abb.: Süddeut­sche Zeitung

David Kasparek: Wie defi­nieren Sie denn Ihren Job?
Mein Job, und dafür liebe ich ihn, ist die Kür. Wenn ein Haus über sich hinaus auch etwas über die Gesell­schaft erzählt, dann inter­es­siert es mich und dann lockt es mich, darüber zu schreiben. Aus der Flut der Pres­se­mit­tei­lungen und den Flur­ge­sprä­chen mit meinen vielen Kollegen picke ich mir am Tag eigent­lich zu viele Ideen heraus, von denen dann am Ende eine übrig bleibt und zu einem Text werden kann. Eine! Und: kann! Das ist purer Luxus.

David Kasparek: Sie wurden mit dem BDA-Preis für Archi­tek­tur­kritik ausge­zeichnet. Wie sehen Sie sich: als Kritiker, Feuil­le­to­nist, Essayist, oder macht es keinen Sinn, so zu unter­scheiden?
Ich sehe mich im Augen­blick als glück­li­chen Menschen, der einen bedeut­samen Preis erhält und das als große Ehre ansieht. Was die Zuschrei­bungen angeht, vom Kritiker bis zum Essay­isten: Ich würde das nicht unter­scheiden. Ich bin Archi­tek­tur­kri­tiker, ganz klassisch, und habe genau dies viele Jahre lang gemacht: die Hervor­brin­gungen der Archi­tek­ten­schaft und der zeit­ge­nös­si­schen Baukultur beurteilt, darüber geschrieben und sogar Noten gegeben. Das machen Kritiker ja gerne: „Das Haus ist eine drei minus, weil…“ Aber ich habe mich davon im Laufe der Zeit eher gelöst. Dennoch ist die klas­si­sche Archi­tek­tur­kritik immer noch Bestand­teil meines hand­werk­li­chen Verste­hens. Mit der Zeit bin ich aber zunehmend ins freie essay­is­ti­sche Nach­denken über große, kleine und ganz kleine Themen gekommen, die nicht unbedingt nur mit Archi­tektur zu tun haben, sei es die Müll­pro­ble­matik oder das Phänomen „Bikini“. Oder Auto-Design. Oder die neue Kleidung der Kellner im Restau­rant „Tantris“. Oder warum wir immer weniger Kinder, aber dafür immer größere Spiel­plätze haben. Solche Themen kann ich nicht als klas­si­scher Kritiker bear­beiten, insofern würde ich mich als Kultur­jour­na­listen mit viel thema­ti­schem Freiraum und einer Leiden­schaft für Gebautes und Unge­bautes bezeichnen. Mein Terrain könnte man auch als „Lebens­welt­li­ches“ beschreiben. Das hat übrigens den Vorzug, vage zu sein. Jour­na­listen dürfen sich ja grund­sätz­lich für alles inter­es­sieren. Das ist das Schöne an diesem Beruf. Insofern bin ich viel­leicht einfach ein Jour­na­list, der auch Kritiken, Feuil­le­tons oder Essays schreibt.

Spiel­platz im Berliner Gleisdreick­park,
Foto: Lienhard Schulz
(CC BY-SA 3.0)

David Kasparek: Bleiben wir beim Sujet der Archi­tek­tur­kritik. Diese ist immer auch eine Bewertung von Archi­tektur. Was muss Archi­tek­tur­kritik heute leisten?
Im klas­si­schen Sinn: Ein Gebäude entsteht an einem bestimmten Ort, der Kritiker schaut sich das an und schreibt einen Text darüber. Was sollte dann in dieser Kritik enthalten sein? Es muss eine präzise Darstel­lung der Bauauf­gabe geben, eine voll­stän­dige Abfrage all der Dinge, die ein Gebäude ausmachen: Woraus ist es gebaut, wie ist es konzi­piert, was ist die Idee dieser Archi­tektur, was ihre Mate­ria­lität, Orga­ni­sa­tion und Formidee? All das muss beschrieben werden, denn man kann es nicht so einfach durch ein Foto ersetzen, das muss die Sprache leisten. Es sollte dann in den Kontext der Bauge­schichte gestellt werden und in den der aktuellen Ereig­nisse: Was ist es für ein Typ von Gebäude, was sagt es über seine Zeit? Und wie gut ist es zu seinen Nutzern oder Bewohnern? Das sind für mich im Wesent­li­chen die Haupt­ele­mente, für die es auch ein Vokabular und eine Grammatik gibt, eine Art Werk­zeug­koffer, aus dem sich ein Archi­tek­tur­kri­tiker bedienen kann. Das wird dann auch den Lesern vermit­telt: Ich bewerte anhand dieser Kriterien dieses oder jenes Gebäude und komme deswegen zu diesem oder jenem Urteil. Wenn dieses Instru­men­ta­rium offen gelegt wird, hat der Leser auch etwas davon und geht nach so einem Text hoffent­lich erkennt­nis­rei­cher durchs Leben. Ich freue mich immer am meisten über Rück­mel­dungen von Menschen, die der Archi­tektur im Grunde nicht nahe­stehen. Wenn jemand schreibt „Eigent­lich inter­es­siert mich Archi­tektur nicht…“, sich dann aber doch mit einem Text über Archi­tektur ausein­an­der­setzt, kritisch oder gerne auch wohl­mei­nend: Das freut mich ungemein. Archi­tektur ist eine öffent­liche Kunst. Und diese Öffent­lich­keit auch abseits der Fach­kreise zu inter­es­sieren, zu gewinnen: Darum geht es mir.

David Kasparek: Welche Kriterien legen Sie zur Bewertung von Archi­tektur an?
Jeden­falls mehr als meinen persön­li­chen ‚Gefällt mir‘-Button. Ich denke, dass echte Baukultur durchaus messbar ist. Und zwar zunächst auf einer Ebene des Funk­tio­nie­rens. Dabei meine ich nicht, ob die Fenster dicht sind oder die Treppe unten losgeht und oben auch ankommt, sondern eher ein Funk­tio­nieren als in sich stimmiges Gebilde. Es geht dabei um die Frage, ob ein Haus das leisten kann, was Häuser leisten müssen: Eine Schule muss als Schule gut funk­tio­nieren, eine Kirche als Kirche, ein Wohnraum als Wohnraum. Aber hat es darüber hinaus auch noch etwas weiteres, das die Gesell­schaft berei­chert? Das wäre dann für mich Baukultur. Wenn ein Gebäude zum Beispiel seine Umgebung aufwertet oder wenn es die Ideenwelt in irgend einer Weise anregt, etwa weil viele Menschen darüber sprechen.

David Kasparek: Sie sprachen davon, dass Baukultur messbar und damit objek­ti­vierbar sei. Welche Rolle spielen bei der Bewertung von Projekten Ihre eigenen subjek­tiven Prägungen und Erfah­rungen?
Ich habe keine Angst vor dem Begriff der Schönheit – viele Archi­tekten tun sich da ja schwer. Ich habe zum Beispiel seiner­zeit die Ausgabe der BDA-Zeit­schrift der architekt zur Frage, was schön ist, mit Begeis­te­rung, aber auch staunend gelesen. Viele Archi­tekten erklären mir immer wieder, dass Archi­tektur mit Schönheit nichts zu tun hat (lacht). Das finde ich etwas proble­ma­tisch, wenn ich an die gesell­schaft­liche Rezeption von Archi­tektur denke. Allein, weil die Menschen dann letztlich eben doch sagen: ‚Das finde ich schön, und das finde ich nicht schön.‘ Sie sagen es über einen Kinofilm, über ein Buch, über Musik und eben auch über Häuser. Dieses subjek­tive Empfinden würde ich erst einmal sehr ernst nehmen. Aber man kann es eben nicht darauf beruhen lassen, dass der eine etwas schön findet und die andere nicht, dieses „de gustibus non est dispu­t­andum“. Denn: Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten. Auch über Schönheit kann man streiten. Denn das ist immer auch eine Frage der Propor­tio­na­lität, des Materials, und wie sich etwas zu seiner Umgebung verhält – bei Gebäuden ist dies extrem wichtig: Fügt es sich ein, wird da Bauge­schichte weiter­ge­schrieben oder wird sie abrupt beendet und ist das aus bestimmten Gründen stimmig? Es gibt gerade in der Archi­tektur Kriterien der Hand­werk­lich­keit und Regel­haf­tig­keit. Ich finde es wichtig, wenn solche Regeln einge­halten werden und zu einem guten Ergebnis kommen. Zum Beispiel eben zu einem Haus, das, ja, schön ist.

Sir Norman Foster and
Partners, Reichs­tags­ge­bäude, Berlin 1993 – 1999, Detail der Kuppel, Foto: David Kasparek

David Kasparek: In dem Moment, in dem man sich äußert, besteht immer die Möglich­keit des Irrtums. Ist das schlimm, oder ist eine Äußerung auch dann ein rele­vanter Beitrag zu einer Debatte, wenn sie sich als Irrtum erweist?
Ich versuche natürlich, den Irrtum zu vermeiden. Das ist im Leben immer sinnvoll, nicht wahr? Wenn man aber doch in die Irre geht, ist das so lange nicht besonders schlimm, wie man daraus die entspre­chenden Lehren zieht. Auch ich habe schon gewaltige Fehl­ein­schät­zungen in meinem Berufs­leben vorge­nommen, und dies zum Teil auch sehr lautstark… Ein Beispiel dafür ist meine seiner­zei­tige Argu­men­ta­tion gegen die Rekon­struk­tion der Reichs­tags­kuppel. Mit den Texten habe ich ganze Wälder vernichtet. Das war für mich damals ein unfass­barer Fehler, diese Kuppel gläsern zu rekon­stru­ieren, wie das Norman Foster später gemacht hat – aller­dings nicht nach seinem eigenen Entwurf. In dieser Debatte habe ich mich damals sehr eindeutig gegen die Kuppel posi­tio­niert: aus poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und stadt­äs­the­ti­schen Gründen. Ich habe eine Menge Buch­staben darauf verwendet, und heute denke ich mir jedes Mal, wenn ich in Berlin bin: Was hat mich denn da geritten? Denn diese Kuppel ist einfach gut, abgesehen davon, dass die Propor­tionen viel­leicht nicht ganz ideal sind. Ich finde es aber hilfreich, sich ab und zu an solche Schnitzer des eigenen Herumm­ei­nens zu erinnern und ein wenig demütiger zu sein. Gleich­wohl hat der Kritiker dennoch die Aufgabe, zu einem eindeu­tigen Urteil zu kommen.

David Kasparek: Warum gehört Archi­tektur und das Urteil über sie in die Tages­presse?
Beides gehört absolut in die Tages­presse, denn dort steht alles, was wichtig ist. Naja: fast alles. Und Archi­tektur gehört für mich zu den wich­tigsten Dingen der Welt. Ich glaube, dass sich Archi­tektur, Städtebau und Land­schafts­ar­chi­tektur gerade an einer Wegscheide befinden, an der große Welt­pro­bleme verhan­delt werden: Verstäd­te­rung, Klima­wandel, Ökologie, Stress und Dichte in den Städten, die Boden­pro­ble­matik, Gerech­tig­keit, das Wohnen, der öffent­liche Raum, Parti­zi­pa­tion. Es kommt vieles zusammen an wirklich bedeu­tenden Themen der Gegenwart und Zukunft. Nicht nur in Deutsch­land, sondern in der ganzen Welt. An dieser Wegscheide sehe ich ein Berufs­bild, und das ist der Planer oder die Planerin. Und ob die Planer am Ende ein Müll­häus­chen, eine Bushal­te­stelle, ein Museum oder eine ganze Ökostadt planen, ist erst einmal unwichtig. Das, was Planung ausmacht, ist, dass sie enorm relevant für sehr wichtige Zukunfts­felder unserer Gesell­schaft ist. Es wächst dem Planer eine immense Bedeutung zu, und es geht bei weitem nicht nur darum, Büros zu erstellen oder Wohnräume zu entwerfen, sondern es geht immer auch um viel größere Maßstäbe. Und genau deswegen gehört all das natürlich auch in die Tages­zei­tung.

Fest­schrift anläss­lich der Verlei­hung des BDA-Preises für Archi­tek­tur­kritik 2018 am 16. Juni 2018 im Schmidt-Theater in Hamburg mit Texten von Gerhard Matzig, Heiner Farwick und Dietmar Steiner sowie dem hier veröf­fent­li­chen Interview mit dem Preis­träger.

David Kasparek: Wie schwer ist es, diese Themen im Vergleich zu anderen in Ihrer Zeitung unter­zu­bringen?
Gar nicht schwer. Im Gegenteil: Unter­schied­liche Ressorts klopfen wunder­ba­rer­weise regel­mäßig bei mir an und fragen, ob ich dies oder das für sie machen kann. Über einhun­dert Jahre Bauhaus. Über die Möbel­messe. Über den drohenden Abriss eines nach­kriegs­mo­dernen Baus. Über den Rekon­struk­tions-Streit. Über Bauskan­dale. Über über über. Archi­tektur ist ein enormes gesell­schaft­li­ches Quer­schnitts­thema. Deshalb findet es nicht nur als klas­si­sche Archi­tek­tur­kritik im Feuil­leton statt, sondern auch im Lokalteil oder im Wirt­schafts­teil, auf den Stil-Seiten und im Reiseteil. Das ist nicht nur bei uns in der SZ so, das beobachte ich zunehmend auch in anderen Medien. Die Archi­tek­tur­re­zep­tion hat sich von ihrer klas­si­schen archi­tek­tur­kri­ti­schen Seite gelöst. Das mögen manche bedauern, das höre ich auch ab und zu, aber insgesamt strahlt das Thema viel weiter aus als noch vor einiger Zeit. Das ist gut. Früher wurde Archi­tektur nur im Feuil­leton verhan­delt. Man hat gesagt: Das ist Kultur. Inzwi­schen wird in jedem rele­vanten Ressort über Archi­tektur- und Stadt­themen geschrieben.

Es gibt dazu bei uns sogar messbare Zahlen – durch das wunder­bare Instru­ment sued​deut​sche​.de. Da gibt es etwas, was wir im Feuil­leton sonst verab­scheuen, nämlich, dass unsere Arbeit präzise erforscht wird. Bei einem Text in der Zeitung weiß man ja nicht unbedingt, ob sich außer dem Autor und dem Archi­tekten und seiner Frau oder der Archi­tektin und ihrem Mann noch jemand für diesen Text inter­es­siert hat. Aber im Internet wird das gemessen. Im Fall von sued​deut​sche​.de ist Archi­tektur zusammen mit Kino und Pop erfreu­li­cher­weise sehr weit oben im Ranking der Kultur­themen. Das öffent­liche Interesse am Bauen und an der Baukultur ist riesig. Und die Medien bilden ab, wofür sich die Welt inter­es­siert. Ich muss also keine Lobby­ar­beit betreiben. Ich darf mich für das inter­es­sieren, was auch die Welt inter­es­siert.

David Kasparek: Innerhalb der Archi­tek­tur­themen gibt es dennoch eine Unter­tei­lung in gesamt­ge­sell­schaft­liche Themen und jene, die zunächst einmal vor allem Archi­tek­tinnen und Archi­tekten inter­es­sieren. Eines davon ist der Archi­tek­ten­wett­be­werb. Immer weniger junge Büros scheinen den Wett­be­werb als Chance wahr­zu­nehmen, tatsäch­lich ans Bauen zu kommen. Dazu kommt Kritik am Wett­be­werbs­wesen von außen: Sie haben erst kürzlich ein Beispiel geschil­dert, wo der Vorwurf aus der Politik laut wurde, Archi­tekten und Juroren würden sich mutwillig austau­schen und am Ende kämen ohnehin immer nur die gleichen Büros zum Zuge…
…ja, das war ein Beispiel aus München, aber auch andere Städte kennen den Vorwurf des Archi­tek­ten­wett­be­werbs als Brut­stätte des Klüngels. Die Klage dabei ist, dass die immer gleichen Juroren den immer gleichen Archi­tekten die Preise zuschanzen. Diese Kritik muss man ernst nehmen, obwohl Kritik häufig aus Klischees besteht und oft sogar dumm ist. Aber wenn so eine derbe Kritik öffent­lich geäußert wird, dann sollte man darauf eingehen. In diesem Fall hatte ein Münchner Politiker darüber speku­liert, ob die Städte nicht schöner wären, wenn weniger Archi­tekten damit zu tun hätten. Also da muss man dann schon laut und deutlich antworten: Das Gegenteil ist wahr. Die oft so bearg­wöhnte Wohn-Schuh­schachtel-Archi­tektur ist nicht deshalb schlecht, weil sie von Archi­tekten reali­siert wird – sondern deshalb, weil man den Archi­tekten zu wenig Freiraum gegeben hat.

Ob wirklich weniger Büros den Wett­be­werb als echte Chance sehen, weiß ich nicht, da fehlen mir die empi­ri­schen Daten. Aber ich nehme eine Vielzahl von Büros wahr, die über den Wett­be­werb an der Baukultur teilhaben und auch ökono­misch davon profi­tieren. Es können also immer noch Wett­be­werbe gewonnen werden. Ich sehe aller­dings die Verengung auf spezi­fi­sche und einge­la­dene Wett­be­werbe. Wenn ein Büro nur dann an einem solchen Verfahren teil­nehmen kann, weil es schon viele dieser oder jener Bauauf­gaben bear­beitet hat, wird es zu einem Problem. Das eigent­lich Gute an Wett­be­werben sollte die Offenheit sein, dass man dort verschie­dene Möglich­keiten für Lösungen einsam­melt. Wenn bei manch großen Wett­be­werben einige Teil­nehmer die Grund­be­din­gungen nicht erfüllt haben und man sich fragt, ob man die nicht hinaus­werfen müsste, sind das oft die Lösungen, die mir persön­lich am besten gefallen.

Cukrowicz Nachbaur
Archi­tekten, Konzert­haus München, Wett­be­werb 2017, 1. Preis, Abb.:
Cukrowicz Nachbaur Archi­tekten

David Kasparek: Können Sie ein Beispiel nennen?
Hier in München ist vor kurzem ein Wett­be­werb für ein Konzert­haus entschieden worden, bei dem mir der Beitrag eines Schweizer Archi­tek­tur­büros am besten gefallen hat, der viele Vorgaben miss­achtet hat. Der Beitrag ist zwar in der ersten Runde ausge­schieden, bot aber eine wahn­sinnig tolle Lösung für das grund­sätz­liche Problem. Auch das kommt manchmal bei einem Wett­be­werb heraus. Ich will es auch gar nicht besonders kritisch bewerten. Eine Jury ist dafür da, um ein Urteil zu fällen. Ein Wett­be­werb sammelt eben die Ideen ein. Und die Krea­ti­vität, die bei diesem Beruf sehr wichtig ist, sich eine andere Zukunft vorstellen zu können, andere Räume denken zu können, wird im Wett­be­werb besonders gut genutzt. Deswegen bin ich sehr für das Wett­be­werbs­wesen.

David Kasparek: Haben Sie eine Faust­regel, nach der solche berufs­stän­di­schen Themen den Weg in Ihre Arbeit finden?
Es gibt natürlich Dinge, die nur Archi­tekten inter­es­sieren. Zum Beispiel die HOAI-Novellen. Aber da fängt eben die Leiden­schaft des Archi­tek­tur­kri­ti­kers und Kultur­jour­na­listen an. Gerade wenn es um solch sperrige Themen geht, bin ich als Jour­na­list besonders gefragt. Wenn alle sagen, das inter­es­siert wirklich niemanden, frage ich mich, ob es nicht doch eine Möglich­keit gibt, es so aufzu­schreiben, dass sich plötzlich Menschen dafür inter­es­sieren. Ich habe tatsäch­lich einmal eine Art Leit­ar­tikel zum Thema HOAI-Novelle vorge­schlagen, das Gelächter schlug mir entgegen, und der Chef­re­dak­teur fragte: H‑O-was? H‑O-wie? Was soll das denn sein? Da war aber mein sport­li­cher Ehrgeiz gepackt… Und der Beitrag wurde dann letztlich doch geschrieben. Und, hurra, auch gedruckt. Genau das muss ein Kultur­jour­na­list machen: Dinge über­setzen aus dem Sperrigen, Insi­der­mä­ßigen ins Deutsche. Vom Fachthema hin zum verständ­li­chen und darüber hinaus inter­es­santen Stoff. Das gelingt natürlich nicht immer. Aber immer ist es einen Versuch wert. Und zur Baukultur gehören ja auch die Bedin­gungen im Berufs­stand. Das eine geht aus dem anderen hervor.

Benedikt Hotze: Ein weiteres Insi­der­thema, das von einigen als sperrig wahr­ge­nommen wurde, war ein Bericht von Ihnen über eine recht­liche Ausein­an­der­set­zung eines Archi­tekten mit einem öffent­li­chen Bauherrn. In der Öffent­lich­keit wurde das als Partei­nahme für die Inter­essen eines einzelnen Archi­tekten gesehen. In diesem Kontext kam die Frage auf, ob Kultur­jour­na­listen hier nicht ihre Macht miss­brau­chen?
Ich erinnere mich an den Fall, aber inwiefern soll das Macht­miss­brauch gewesen sein?

Benedikt Hotze: Weil Sie sich in den Augen einiger zum Apolo­geten des beschrie­benen Archi­tekten gemacht haben.
Das ist ein inter­es­santer Hinweis. In der Tat gab es damals zwei Reak­ti­ons­muster, die mir bekannt wurden. Die einen haben mir vorge­worfen, ich hätte diesen Archi­tekten in Schutz genommen. Und die anderen warfen mir vor, ich hätte ihn ‚in die Pfanne gehauen‘. Tatsäch­lich war das aber einfach ein Porträt. Es war weder ein Kommentar, noch der Versuch, etwas für oder gegen diesen Planer zu tun. Das tue ich ohnehin nie, ich versuche nie Staats­an­walt oder Vertei­diger zu sein. Mir ging es dabei lediglich um die Darstel­lung der Wandlung eines Archi­tekten, der einst ein sehr erfolg­rei­ches Büro betrieben hat, von vielen als großes entwer­fe­ri­sches Talent wahr­ge­nommen wurde, hin zu einem, in dem fast alle oder doch sehr viele Kollegen nur noch den Streit­hansel sehen, der zudem kaum mehr Erfolg hat. Das schien mir ebenso inter­es­sant wie kompli­ziert, denn es ist ja auch eine Geschichte von Aufstieg und Fall eines Archi­tekten. Die Frage, ob er nun recht in seiner Ausein­an­der­set­zung mit dem öffent­li­chen Bauherrn hatte, war mir total nach­rangig. Aber dass Texte wie dieser von den Lesern frei inter­pre­tiert werden, gehört eben auch dazu. Man kann nicht zu jedem Text das Making-Of schreiben.

Benedikt Hotze: In der Schweiz darf sich jeder Gärtner Architekt nennen. Trotzdem gibt es dort ohne Zweifel ein hohes baukul­tu­relles Niveau. In Deutsch­land gibt es das Verständnis vom „Freien Archi­tekten“, auch mit beson­deren Regeln, einer geschützten Berufs­be­zeich­nung, einer Hono­rar­ord­nung und dem ehernen Prinzip der Trennung zwischen Planung und Ausfüh­rung. Dieses Konstrukt wird von vielen Seiten ange­griffen, nicht zuletzt von der EU-Kommis­sion und der Bauin­dus­trie. Ist dieses klas­si­sche Berufs­ver­ständnis noch zeitgemäß?
Da bin ich wohl eher auf Seiten der Evolution. Berufs­bilder verändern sich. Schon der Begriff des „klas­si­schen Berufs­ver­ständnis“ bereitet mir einige Probleme. Was ist denn das klas­si­sche Berufs­ver­ständnis? Ist es das von Vitruv? Ist es das aus dem Mittel­alter oder gar aus der Bauhaus-Moderne? Berufs­bilder verändern sich, weil sich Berufe verändern. Das finde ich erst einmal in Ordnung. Was hier hinten­über fällt, ist die Frage nach der Qualität: Macht ein Bäcker gute Brezn oder macht er schlechte? Entwirft ein Architekt gute Häuser oder entwirft er schlechte? Und ob er die dann in einem wie auch immer gearteten klas­si­schen Berufs­ver­ständnis entworfen hat, ist für mich fast sekundär. Ein solches klas­si­sches Berufs­ver­ständnis würde ich nicht mit allen Mitteln vertei­digen. Anders als die HOAI übrigens. Ich glaube, dass Planen und Bauen so wichtig sind, dass sie der Gesell­schaft viel mehr wert sein sollten. Es gibt hier sicher eine Grenze für den freien Markt und den preis­li­chen Wett­be­werb. Baukultur ist nichts, was der freie Markt allein richten kann.

Website dezeen​.com

Benedikt Hotze: Ein weiteres Feld, das sich ändert, ist die Medi­en­land­schaft. Durch die Digi­ta­li­sie­rung hat sie sich funda­mental verändert. Im Netz kann jeder publi­zieren, Such­ma­schinen und Algo­rithmen der soge­nannten sozialen Medien präsen­tieren Inhalte unter­schiedslos und unku­ra­tiert. Welche Auswir­kungen hat das auf Archi­tek­tur­kritik?
Es gibt eine gewisse Krise der Expertise. Dieses Problem findet man an vielen Stellen. Es gibt eine Krise des Kriti­ker­berufs. Joachim Kaiser hat einmal zu mir gesagt: ‚Sie möchten natürlich noch einmal Groß­kri­tiker werden – so wie ich. Werden Sie aber nicht.‘ Schon vor zwanzig Jahren hat er mir prophe­zeit, dass das gesell­schaft­liche Bedürfnis nach Groß­kritik, nach dem Lite­ra­tur­papst wie nach dem Kino- oder Archi­tek­tur­papst, ein abneh­mendes ist. Und diese Prophe­zeiung ist total aufge­gangen. Alle Menschen sind plötzlich Kritiker. Jeder Nutzer bewertet Bücher bei Amazon und schreibt Kritiken in Reise­por­talen. Auch Archi­tektur wird in dieser Weise von Laien beurteilt. Aber: Solange es die Expertise und die profes­sio­nelle Beur­tei­lung all dieser Dinge auch noch gibt, ist das kein großes Problem für mich. Schließ­lich wird die Archi­tektur auch von denen beurteilt, die am Haus vorbei­gehen. Das ist in Ordnung. Als guter Demokrat sage ich: Wenn die Meinung begründet ist, dann ist sie auch oft anregend und berei­chernd. Ich muss ja keine Professur für Archi­tek­tur­theorie bekleiden, um als einziger das Recht zu haben, diese Bewertung vorzu­nehmen.

Ich sehe derzeit ein Neben­ein­ander von klas­si­schem Kultur­jour­na­lismus und einer Art Laien­be­wer­tung – das führt natürlich zu einer Verän­de­rung meines Berufs­bildes. Das betrachte ich aber nicht nur mit Sorge. Auch das ist Evolution. Ich bin durchaus Leid­tra­gender dieser Verän­de­rung, die den Beruf des Print-Jour­na­lismus grund­le­gend berührt. Teilweise fühlt man sich wie ein Kohle­kumpel aus den 1980er-Jahren: Die Zeitläufe rauschen über einen hinweg, und man kommt gar nicht mehr so schnell hinterher. Die Digi­ta­li­sie­rung hat das Tempo verschärft. Das erzeugt durchaus Stress, und außerdem haben Verän­de­rungen grund­sätz­lich auch das Potenzial, Verschlech­te­rungen zu sein. Trotzdem: Verän­de­rungen, das sind immer Chancen und Risiken, was mich betrifft: Ich wähle gern die Chancen. Da bin ich Optimist.

Benedikt Hotze: Wenn Sie nicht bei der Süddeut­schen Zeitung wären, für welchen Titel oder welches Medium würden Sie gerne schreiben?
(lacht) Ich bin inzwi­schen in einem Alter, in dem ich nicht mehr ohne weiteres vermit­telbar bin. Tatsäch­lich gab es Jahre, da bekam ich Angebote von anderen Medien. Ich hatte also Möglich­keiten, zu anderen Zeitungen oder auch Zeit­schriften zu wechseln. Aber ich habe spätes­tens bei Gesprä­chen mit anderen Chef­re­dak­teuren gemerkt, dass ich eigent­lich doch am liebsten bei der SZ bin. Viel­leicht bin ich auch einfach der monogame, immobile Lang­weiler-Typ. Ich wollte immer zur SZ, habe mich hier immer aufge­hoben gefühlt – ich fühle mich bei der Süddeut­schen Zeitung tatsäch­lich sauwohl. Das kann ruhig unter uns bleiben. Meine Chefs müssen das gar nicht so genau wissen.

Gerhard Matzig: Meine Frau will einen Garten.
Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen, Goldmann, München 2012

Benedikt Hotze: Neben der Arbeit für die SZ haben Sie noch ein anderes Ventil: Sie schreiben Bücher. Darin erzählen Sie vom Bau eines Einfa­mi­li­en­hauses oder dem Alltag einer jungen Familie. Unschwer erkennbar sind darin eigene Erfah­rungen verar­beitet und reale Personen nur notdürftig lite­ra­risch verfremdet. Mag Sie Ihre Familie eigent­lich noch?
Erstens: Vieles in den Büchern ist auch einfach erfunden. Zweitens: Fragen Sie meine Familie! Bei meinen Kindern müssen wir das wohl noch abwarten und erneut fragen, wenn sie später als Erwach­sene dies noch einmal lesen sollten. Aber: Ja, ich glaube, meine Familie mag mich schon noch. Hoffe ich jeden­falls. Meine Kinder können diese Art von Arbeit übrigens besser verstehen, als wenn ich ihnen sage, dass ich Archi­tek­tur­kritik mache. Wenn ich ihnen erkläre, dass ich im Feuil­leton arbeite und Archi­tek­tur­kri­tiken schreibe, so klingt das für sie, als würde ich ihnen sagen, ich sei Hufschmied oder so was. Auch das Wort „Feuil­leton“ finden sie so fremd und rätsel­haft wie den Star-Wars-Planeten „Dagobah“. Im Ernst: Ich sehe mich nicht als Literaten, sondern als jemanden, der auch humorvoll schreiben kann. Die eigene Familie ist da natürlich nahe­lie­gend, denn dort passiert so viel Kurioses. Manches davon findet eben seinen Weg in Bücher, und manchmal finden diese Bücher dann auch Leser. Wenn man das Bild von Standbein und Spielbein bedienen will, gehört es zu meinem Spielbein, Bücher zu schreiben, weil mein Leben nicht nur aus Baukultur, HOAI und Archi­tek­ten­wett­be­werben besteht. Ich genieße es immer sehr, ein Buch zu schreiben, das gar nichts mit Archi­tektur zu tun hat. Das ist in gewisser Weise mein Ausgleichs­sport. Meine Neigung zum Humo­ris­ti­schen kann ich hier besser ausleben, als wenn ich über den Nieder­gang eines Archi­tek­tur­büros schreibe.

Anläss­lich der Verlei­hung des BDA-Preises für Archi­tek­tur­kritik an Gerhard Martzig hat der BDA eine Fest­schrift vorgelegt, die über die Bundes­ge­schäfts­stelle des BDA bezogen werden kann. Neben der Laudatio von Dietmar Steiner finden sich hier auch lesens­werte Texte des Preis­trä­gers im Nachdruck.

Gerhard Matzig,
Abb.: Süddeut­sche Zeitung
Spiel­platz im Berliner Gleisdreick­park,
Foto: Lienhard Schulz
(CC BY-SA 3.0)
Sir Norman Foster and
Partners, Reichs­tags­ge­bäude, Berlin 1993 – 1999, Detail der Kuppel, Foto: David Kasparek
Fest­schrift anläss­lich der Verlei­hung des BDA-Preises für Archi­tek­tur­kritik 2018 am 16. Juni 2018 im Schmidt-Theater in Hamburg mit Texten von Gerhard Matzig, Heiner Farwick und Dietmar Steiner sowie dem hier veröf­fent­li­chen Interview mit dem Preis­träger.
Cukrowicz Nachbaur
Archi­tekten, Konzert­haus München, Wett­be­werb 2017, 1. Preis, Abb.:
Cukrowicz Nachbaur Archi­tekten
Website dezeen​.com
Gerhard Matzig: Meine Frau will einen Garten.
Vom Abenteuer, ein Haus zu bauen, Goldmann, München 2012