Ich fühl’s!
#überarbeit – eine Kolumne von Karin Hartmann
Bisher galt in der Architektur wie in der Gesellschaft: Bestimmte Gefühle zeigt man nicht, oder besser hat man sie gar nicht erst. Karin Hartmann denkt darüber nach, was es für die Disziplin bedeuten könnte, Gefühle zuzulassen.
Anfang September wurde Bundeskanzler Friedrich Merz bei einer seiner Reden traurig und musste ein Schluchzen unterdrücken. Er, der sonst den Ruf hat, ein „harter Hund“ zu sein, so die Süddeutsche Zeitung, machte damit einen modernen Move: Er zeigte bei seiner Arbeit Gefühle.1 Im Anschluss überschlugen sich die medialen Versuche, den Anlass seiner Trauer irgendwie plausibel zu erklären. Auf die Assoziationskette Kinder – Gefahr – Großvater geeinigt, ebbte die Berichterstattung ab. Merz’ staatsmännische Haltung bekam einen weichen Zug und so konnte der Vorfall rational eingeordnet werden.Brössler, Daniel / Roßbach, Henrike: „Noch mal mit Gefühl“. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 214, 17.09.2025. ↩︎

Das ist die große Sorge bei Emotionen im beruflichen Kontext, der Verlust der Ratio, des gesunden Abstands zur Sache, der nach Descartes eine objektive Sicht auf eine richtige Entscheidung vernebelt. So ist es erwartbar, dass die meisten berufskulturellen Codes offene Emotionen nicht gutheißen. Jura, Medizin und auch die Architektur, je tradierter die Branche, umso weniger akzeptiert sind offene Trauer oder Angst. Mit Schwäche assoziierte Gefühle kratzen an der professionellen Fassade, bei Personen der Zeitgeschichte wurden sie so entweder erläutert und damit eingehegt oder sie blieben unerwähnt. Le Corbusier ist das beste Beispiel: Während er sich sorgfältig zur Ikone stilisierte, verlor er bewusst kein Wort über die Privatperson Charles-Edouard Jeanneret – und andere auch nicht. Seine körperliche Schwäche und damit verbundene Gefühle blieben hinter seiner Fassade verborgen und wurden in Publikationen selten thematisiert.2 Einzig bei seiner übersteuert wirkenden Aneignung von Eileen Grays Haus E.1027 zeigte er sich emotional und gab sich eventuell unerwünscht die Blöße, inklusive Nacktfoto. Seine sexuell aufgeladenen Wandbilder und die jahrelange Belagerung von Grays Haus legen nahe, wie schwer es ihm fiel, dieses Haus nicht gebaut zu haben. Seine Gefühle lassen sich erahnen.Beyer, Susanne: „Von Eitelkeit getrieben“. In: Der Spiegel, Heft Nr. 47 / 2008. ↩︎
Was bedeutet es für die Architekturbranche, wenn Menschen ihre Gefühle in der Tendenz unter Verschluss halten sollen und nur innerhalb anerkannter professioneller Codes zum Ausdruck bringen können – zu denen zwar der cholerische Anfall des Chefs und das leidenschaftliche Plädoyer in der Jurysitzung gehören, aber nicht die Trauer um die tote Katze und die Angst vor einer Scheidung? Allein die in der Branche stark antizipierte Entgrenzung von Beruf und Privatleben bringt unweigerlich mit sich, à la Corbusier die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zugunsten eines hohen Workloads hintanzustellen.
Währenddessen wächst das Wissen um Gefühle: Studien zeigen, dass die Personen am resilientesten sind und sich somit am wenigsten in ihrem Handeln von ihren Gefühlen beeinflussen lassen, die diese zulassen (können) und mit ihnen umgehen.3 Was aus dem Bereich New Work postuliert wird, ist in der sogenannten Gen Z Allgemeinwissen: Es braucht einen adäquaten, zeitgemäßen Umgang mit Gefühlen, von denen längst bekannt ist, dass sie nicht verschwinden, wenn man sie unterdrückt – man könnte auch sagen, es braucht eine artgerechte Haltung für das Tier Mensch. Beruf und Privatleben dürfen wieder zusammenrücken, vereint in einer Person, die authentisch sein und ja, immer noch viel arbeiten darf, wenn sie möchte.4Vgl. Jaspers, Lisa / Ryland, Naomi / Velazquez Reve, Soraida: Radical Transformation. Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann. Berlin 2025. ↩︎Vgl. Neue Narrative. Das Magazin für neues Arbeiten, Heft #24: Jetzt wird’s emotional. Bringt eure Gefühle mit zur Arbeit. August 2025. ↩︎
Die selbstverständliche Forderung nach authentisch gelebten und kommunizierten Gefühlen führt in eine neue Dimension des Generationendialogs. Nichts leichter, als in der Fachplanungsrunde die eigenen Gefühle zu orten und offen anzusprechen, oder? Self-Care als Teil der Arbeitskultur, Care als zentrales Entwurfsziel wie auch Care für den Planeten sind relativ neue Themen im Fachdiskurs, und direkt mit authentischem Fühlen verbunden. Nicht zufällig wurden sie in der Architekturpraxis lange ausgeblendet.
- Brössler, Daniel / Roßbach, Henrike: „Noch mal mit Gefühl“. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 214, 17.09.2025. ↩︎
- Beyer, Susanne: „Von Eitelkeit getrieben“. In: Der Spiegel, Heft Nr. 47 / 2008. ↩︎
- Vgl. Jaspers, Lisa / Ryland, Naomi / Velazquez Reve, Soraida: Radical Transformation. Wie das Wissen über Gefühle die Welt verändern kann. Berlin 2025. ↩︎
- Vgl. Neue Narrative. Das Magazin für neues Arbeiten, Heft #24: Jetzt wird’s emotional. Bringt eure Gefühle mit zur Arbeit. August 2025. ↩︎
