Vielfalt der Dichte

Gunst und Fluch der Stadt

Mehr Urbanität durch Dichte – allent­halben erscheint in mehr Dichte die Lösung vieler städ­te­bau­li­cher Probleme zu liegen. Nicht nur die Lösung des Problems von mehr und möglichst auch preis­werten Wohnungen in den Ballungs­zen­tren und die damit verbun­dene effi­zi­en­tere Nutzung von Grund und Boden, auch lebendige, viel­schich­tige Quartiere in einer breiten Nutzungs­viel­falt und ein besseres soziales Mitein­ander lässt der Wunsch nach mehr Dichte verheißen. Doch wo liegt das Maß für die richtige, die ange­mes­sene Dichte? Und welche Art von Dichte ist eigent­lich gemeint?

Georg Heinrichs und Partner, Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek
Georg Heinrichs und Partner, Auto­bahn­über­bauung Schlan­gen­bader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek

Eine maximale bauliche Dichte hat fraglos auch ihre Schat­ten­seiten. Schon im Mittel­alter gab es Absetz­be­we­gungen aus der Enge der Stadt, die sich peri­odisch bis ins 20. Jahr­hun­dert wieder­holten. Von der über­zo­genen Verdich­tung mancher Grün­der­zeit­viertel mit den daraus resul­tie­renden Postu­lie­rungen der aufge­lo­ckerten und geglie­derten Stadt und in der Folge über Jahr­zehnte vorherr­schendem Sied­lungsbau, bis hin zu den Wirkungen der von Alexander Mitscher­lich beschwo­renen „Unwirt­lich­keit unserer Städte“ mit der Abwan­de­rung insbe­son­dere von Familien aus den Städten ins Umland, und dem über Jahr­zehnte einher­ge­henden und bis heute unge­bro­chenen Ideal des Einfa­mi­li­en­hauses, führt zu der offen­sicht­lich nicht beant­wor­teten Frage, welche Dichte, und vor allem, welche Art von Dichte in den Städten ange­messen ist.

Führt der Blick über die Debatte in Deutsch­land hinaus in die Megacitys Asiens, stellen sich die Maßstäbe zunächst als voll­kommen diver­gie­rend dar. Ist die Enge der extrem hoch verdich­teten Städte Maßstab für Urbanität durch Dichte oder wirft sie nicht viel mehr ein Licht auf die Schat­ten­seiten über­zo­gener Dichte? Wie empfinden die Menschen, wie beein­flusst diese Dichte das eigene Lebens­ge­fühl? Welche Quali­täten bieten sich? Wie funk­tio­niert in diesen Dichten das mensch­liche Mitein­ander?

Hilmer & Sattler und Albrecht, Hotel- und Apartementtower (links), und Kollhoff Timmermann Architekten, Delbrück-Hochhaus (rechts), Berlin 2000–2003, Foto: David Kasparek
Hilmer & Sattler und Albrecht, Hotel- und Apar­te­ment­tower (links), und Kollhoff Timmer­mann Archi­tekten, Delbrück-Hochhaus (rechts), Berlin 2000–2003, Foto: David Kasparek

Die Situation in den Megacitys lässt sich nicht auf die Frage­stel­lungen unseres Städ­te­baus über­tragen. Sie führt aber vor Augen, dass das Thema Dichte breiter beleuchtet werden muss als ausschließ­lich fokus­siert auf das Maß der baulichen Dichte. Die euro­päi­sche Stadt wird in den Debatten gleich­ge­setzt mit dem Begriff der hohen urbanen Dichte. Letztlich ist der Begriff der Dichte jedoch ein Konstrukt, welches selbst im baulichen Maß nur unzu­rei­chend gefasst werden kann, handelt es sich doch auf der einen Seite um einen plane­risch tech­no­kra­ti­schen Begriff und auf der anderen Seite um ein subjektiv empfun­denes Raum- und Sozi­al­ge­fühl. Die 1962 erstmals in Kraft getretene Baunut­zungs­ver­ord­nung und das neuerlich mögliche „urbane Gebiet“ impli­zieren Defi­ni­tionen von Dichte, die nur sequen­ziell gefasst sind.

Kenn­zeich­nend für „urbane Dichte“ ist letztlich aber die Vielfalt der Dichte im städ­te­bau­li­chen, gestal­te­ri­schen, sozio­lo­gi­schen, sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen wie im ökono­mi­schen, aber auch im histo­ri­schen Sinne. Auch trägt eine gewisse Unbe­stimmt­heit des städ­ti­schen Kontexts zur Erfahrung von Urbanität bei. Der Begriff „Dichte“ als zentral verstan­dener Baustein der euro­päi­schen Stadt muss im Diskurs über die Entwick­lung unserer Städte in der erfor­der­li­chen Breite verhan­delt werden, um den Quali­täts­ge­winn nicht auf Immo­bi­li­en­ren­dite, sondern auf ein besseres Lebens­ge­fühl der Menschen zu fokus­sieren.

Heiner Farwick (*1961) studierte Archi­tektur und Städtebau am Fach­be­reich Bauwesen der Univer­sität Dortmund, wo er 1989 diplo­mierte. Von 1990 bis 1991 arbeitete er im Archi­tek­tur­büro Hans Busso von Busse (München). 1992 erfolgte die Gründung des Büros farwick + grote archi­tekten BDA und stadt­planer, Ahaus / Dortmund. 1996 wurde Heiner Farwick in den BDA berufen, war von 1998 bis 2007 Mitglied im Arbeits­kreis Junger Archi­tek­tinnen und Archi­tekten im BDA (AKJAA) und von 2000 bis 2003 im Vorstand des BDA Münster / Müns­ter­land. Farwick ist Mitglied in den Gestal­tungs­bei­räten von Coesfeld und Arnsberg. Von 2007 bis 2009 war Heiner Farwick koop­tiertes Mitglied im BDA-Präsidium, ab 2009 Präsi­di­ums­mit­glied, seit 2011 Vize­prä­si­dent und seit Dezember 2013 Präsident des BDA.

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Georg Heinrichs und Partner, Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek
Georg Heinrichs und Partner, Auto­bahn­über­bauung Schlan­gen­bader Straße, Berlin 1974–1980, Foto: David Kasparek
Hilmer & Sattler und Albrecht, Hotel- und Apartementtower (links), und Kollhoff Timmermann Architekten, Delbrück-Hochhaus (rechts), Berlin 2000–2003, Foto: David Kasparek
Hilmer & Sattler und Albrecht, Hotel- und Apar­te­ment­tower (links), und Kollhoff Timmer­mann Archi­tekten, Delbrück-Hochhaus (rechts), Berlin 2000–2003, Foto: David Kasparek