Von der rheto­ri­schen Figur zur gewohnten Form

Gedanken zur Gewohn­heit im Wohnen und Konsu­mieren

Muss (neue) Archi­tektur immer eine Archi­tektur der „Neuen Gewohn­heit“ sein? Dies ließe sich auf verschie­dene Weisen deuten: Handelt es sich um eine Archi­tektur, die bereits entstan­denen „neuen Gewohn­heiten“ wert- und moral­neu­tral Form und Raum gibt – also auf die Gege­ben­heiten ihrer Zeit reagiert? Oder geht es um eine Archi­tektur, die aus sach­li­cher Notwen­dig­keit und wissen­schaft­li­cher Erkenntnis heraus selbst neue Gewohn­heiten hervor­bringt, sie gar einfor­dert – und damit, ohne falsche Beschei­den­heit oder Angst vor Diskre­di­tie­rung, ihre Nutzenden „erzieht“, viel­leicht sogar zu „besseren“ Menschen macht? Oder glaubt man an Neutra­lität: An eine Archi­tektur, die keiner Gewohn­heit im Wege steht, die offen und entspannt ist, und sich über die Zeit ganz uneitel verändert? Aber kann Archi­tektur wirklich neutral bleiben ange­sichts der drän­genden Fragen um Nach­hal­tig­keit, Suffi­zienz, EigentumZu Intro Fußnote fn‑1, ReichtumZu Intro Fußnote fn‑2 und Gerech­tig­keit?

  1. Hinsicht­lich Nach­hal­tig­keit und Suffi­zienz besteht vermut­lich in Fach­kreisen große Einigkeit. Beim Thema Eigentum wird der Diskurs deutlich pola­ri­sierter und politisch. Vgl. Blumen­feld, J. / Angebauer, N. / Wesche, T.: Umkämpftes Eigentum: Eine gesell­schafts­theo­re­ti­sche Debatte, Berlin 2025.

    ↩︎
  2. Dafür, dass alle Nach­hal­tig­keits­de­batten am Ende nicht ohne die Frage nach der Vertei­lung von Vermögen geführt werden können, plädiert Ingrid Robeyns mit dem von ihr geprägten Konzept des Limita­rismus. Vgl. Robeyns, I.: Limita­rismus: Warum Reichtum begrenzt werden muss. Frankfurt a. M. 2024.

    ↩︎

Auf der Suche nach Geschichten wird oft die Einfach­heit der Pointe über den eigent­lich diffe­ren­ziert zu betrach­tenden Erkennt­nis­wert gestellt. Viele Archi­tek­tur­pro­jekte und archi­tek­to­ni­sche Impulse etwa werden sowohl von ihren Verfas­senden sowie den Menschen, die sich damit in Fach- und auch Nicht­fach­me­dien ausein­an­der­setzen, immer noch wie pure Erfolgs­ge­schichten erzählt.1 Schon die Tatsache, dass sie publi­ziert werden, scheint bereits den Zweifel oder einen diffe­ren­zierten Blick außer Kraft zu setzen.2 Nicht viel anders verhält es sich mit Pathos: Auf der Suche nach der griffigen Emotio­na­lität einer Story verschwindet oft genau das, was den Alltag so sehr prägt – das Ambi­va­lente, das Unreine, das Unge­si­cherte, das Unspek­ta­ku­läre, das Unhe­roi­sche, die mittel­großen Fehler und ebenso die mittel­großen Erkennt­nisse.Einzelne Beispiele zu nennen ist natürlich heikel und verkür­zend. Die Bericht­erstat­tung über die genos­sen­schaft­li­chen Wohn­pro­jekte San Riemo und das soge­nannte Wabenhaus in München bieten jedoch gutes Anschau­ungs­ma­te­rial für vermeint­lich pure Erfolgs­ge­schichten. Vgl. ttt – titel, thesen, tempe­ra­mente, ARD, Sendung vom 21.01.2024. ↩︎Anders als bei Witt­gen­stein, bei dem der Zweifel die Gewiss­heit voraus­setzt: „115. … Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.“ Vgl. Witt­gen­stein, L: Werk­aus­gabe in 8 Bänden, Über Gewiss­heit u. a.. Berlin 1992, S. 144. ↩︎

Doch bevor die sicher­lich berech­tigte Kritik an dieser Undif­fe­ren­ziert­heit in ein biederes und kultur­pes­si­mis­ti­sches Aufbe­gehren umschlägt, drehen wir den Spieß einmal um: Wird nicht bald eine dialek­ti­sche Sicht­weise, ein abwä­gendes Argu­men­tieren, aus ganz anderen Gründen ausge­dient haben? Holt uns die Zukunft womöglich schneller ein, als wir es bisher zu befürchten verdrängt haben? Werden wir – von außen, aber selbst verschuldet – mit einer kaum gekannten Eindeu­tig­keit konfron­tiert?3 Hopp oder top, jetzt oder gar nicht mehr.4 Wie viel Zeit wird uns dann noch bleiben, um zu reagieren? Wird die Frage „Müssen wir uns ändern?“ dann nur noch rheto­risch sein? Zitieren wir vorsorg­lich Bushido und Bernd Eichinger: „Zeiten ändern Dich“. Oder müsste es nicht vielmehr heißen: „Kata­stro­phen ändern Dich“?Die aktuellen poli­ti­schen Debatten in Deutsch­land über Aufrüs­tung, Wehr­pflicht und Musterung – also eine eventuell alter­na­tiv­lose Mili­ta­ri­sie­rung – lassen diese Form von möglicher Eindeu­tig­keit bereits aufscheinen, auch unab­hängig von der Klima­krise. ↩︎Es ist wie eine Umkehrung aller bishe­rigen Gewiss­heiten und Hoff­nungen, denen zufolge das Moderate, das Diskur­sive, das Offene, das Viel­fäl­tige den gesell­schaft­li­chen Fort­schritt antreibt. Nun droht all das von einer Dring­lich­keit abgelöst zu werden, bei der sich jede Entschei­dung so anfühlt, als könnte sie die letzte gewesen sein. Der dysto­pi­sche Ton koket­tiert natürlich mit dem Schlimmsten. ↩︎

Worum also zum Teufel soll es in diesem geradezu dysto­pisch begin­nenden Text – und in der gesamten Ausgabe – gehen? Das Schreck­ge­spenst steckt natürlich in der großen, alles über­ra­genden Frage: Wie werden wir (über)leben im Angesicht der Klima- und System­krisen und der sich immer deut­li­cher abzeich­nenden globalen Konflikte?

Jetzt mal halblang – geht es eine Nummer kleiner?

In Ordnung. Es geht auch eine Nummer kleiner: In der Benutzung von Räumen – hier mit einem deut­li­chen Fokus auf das Wohnen – lagern sich Schicht für Schicht neben physi­schen Gebrauch­spuren und mate­ri­eller Patina auch unsere Gewohn­heiten ab. Oder – noch umfas­sender – der Zustand einer Gesell­schaft. Umgekehrt prägen Räume wiederum unsere Gewohn­heiten. Das klingt zunächst viel­leicht nach wohl­feilen Behaup­tungen und weniger nach fundierten Herlei­tungen oder gar empi­ri­schen Belegen. Und trotzdem: Passen Gebautes und Gewohn­heiten, gesell­schaft­liche Wirk­lich­keiten und exis­tie­rende Häuser und Wohnungen nicht viel zu oft nur so mittel­mäßig zusammen? Ist das mehr als ein Gefühl? Ist die Super­di­ver­sität – allen popu­lis­ti­schen und reak­tio­nären Debatten zum Trotz – nicht längst gelebte Norma­lität, die aber in der baulichen Realität kein adäquates Abbild findet?5Kraft, S.: Einge­übtes Wohnen. In: ARCH+, Heft 176 / 177 (05 / 2006), Wohnen, S. 50: „Die Diskre­panz zwischen einer Menta­lität, die an einge­übten Wohn- und Lebens­mo­dellen festhält, und der fakti­schen Lebens­rea­lität war noch nie so groß wie heute.“ In Deutsch­land, aber auch der Schweiz hat sich trotz zahl­rei­cher pionier­hafter Wohn­ex­pe­ri­mente in den letzten 20 Jahren daran doch wenig geändert, vgl. Interview mit Andreas Hofer vom 29.09.2023 im Online-Magazin Frida: https://​frida​ma​gazin​.ch/​a​r​t​i​k​e​l​/​p​a​s​s​e​n​-​d​i​e​-​w​o​h​n​u​n​g​e​n​-​v​o​n​-​h​e​u​t​e​-​n​o​c​h​-​z​u​-​u​ns/ abgerufen am 16.09.2025. Ange­sichts der akuten Krise einer sozial adäquaten Wohn­raum­ver­sor­gung in Deutsch­land sind sogar noch viel funda­men­ta­lere Defizite entstanden. ↩︎

Wenn in diesem Heft also so häufig – explizit und implizit – von Gewohn­heiten die Rede ist, muss erst einmal geklärt werden, was damit gemeint sein soll, um nicht bloß aus der Wort­ver­wandt­schaft Wohnen und Gewohn­heit asso­ziativ zu schöpfen. Bei einer Defi­ni­tion lässt sich Hegel6, wenn­gleich hier in etwas laien­hafter Betrach­tung, kaum umgehen: Eine viel­leicht anfangs gar nicht so selbst­ver­ständ­liche oder gar nicht so leicht von der Hand gehende Verhal­tens­weise, Praktik, Tätigkeit oder sogar nur „Erwartung“ wird durch Wieder­ho­lung, Übung – oft in Verbin­dung mit Erziehung – zur Gewohn­heit, zur Routine, zu einer Art „zweiten Natur“. Diese eröffnet gewisse Frei­heiten im Alltag: Nicht jeder Schritt muss jedes Mal aufs Neue neu überlegt sein.Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzy­klo­pädie der philo­so­phi­schen Wissen­schaften im Grund­risse. Hamburg 1992 (1830), S. 419 ff. ↩︎

Bezogen auf Archi­tektur und Wohnen ist das natürlich praktisch, im schlechten wie im guten Sinne sogar effizient. Was aber den Anlass und die Moti­va­tion für das Einüben oder das Heraus­bilden von Gewohn­heiten darstellt, ist damit noch nicht gesagt. Alltags­phi­lo­so­phisch fallen einem natürlich ein paar grund­le­gende Dinge ein: indi­vi­du­elle Neigungen, das Streben nach Gesund­heit oder Selbst­ver­wirk­li­chung, kollek­tive Sehn­süchte, gesell­schaft­lich oder schlicht kapi­ta­lis­tisch konstru­ierte Konsum­vor­stel­lungen, ebenso wie äußere Not, Zwang oder – nicht zu unter­schätzen – Moden, Zeitgeist und Hypes.

Asym­me­tri­scher Transfer: Ein Blick in die Vergan­gen­heit

Wenn – wie es derzeit durchaus wieder en vogue ist – mit dem Blick zurück argu­men­tiert wird, um notwen­dige Verän­de­rungen im Bauen und Wohnen zu begründen und zu legi­ti­mieren, stellt sich die Frage: Möchten wir auch zu alten Gewohn­heiten oder früheren gesell­schaft­li­chen Reali­täten zurück­kehren? Ob das einfache Bauen, die Ökoar­chi­tektur der 1980er- und 1990er-Jahre, konträr dazu die High-Tech Ästhetik der 1990er-Jahre, oder aber prekäre Zustände wie Bäder außerhalb der Wohnung, eine „Urhütte“ ohne Türen, Groß­haus­halte statt Kern­fa­milie, weniger Wohn­fläche (ungefähr so wie in den 1970ern), oder lange Flure wie in ärmlichen Wohn­ver­hält­nissen – all das steht im Begriff, eine Renais­sance zu erleben. Einiges davon wird in speku­la­tiven Skizzen und Fall­stu­dien in dieser Ausgabe erörtert.

Was bedeutet dieser teils nost­al­gi­sche Blick in die Geschichte oder auch in frühere, verna­ku­läre Wohn­kon­stel­la­tionen? Soll damit erneut das Alte, das schon einmal Dage­we­sene, das vermeint­lich Einfa­chere als Zukunfts­kon­zept einge­führt oder gar latent überhöht werden – als Gegen­er­zäh­lung zu den Zumu­tungen der Gegenwart? Damit einher geht die Gefahr, wie bei jeder Nostalgie, Lösung und Kontext vonein­ander zu trennen. Denn kaum eine „alte“ Lösung dürfte einfach so ohne ihren gesell­schaft­li­chen Kontext über­tragbar sein, sofern nicht eine intensive Reflexion, Weiter­ent­wick­lung und Adaption an heutige Kontexte statt­findet.

Ähnlich wie beim eingangs skiz­zierten Gedanken zum Thema Pathos und Eindeu­tig­keit könnte es auch hier hilfreich sein, unsere schöne, spitz­fin­dige – und viel­leicht moralisch etwas zu aufge­la­dene – Diskurs­ethik etwas weniger streng vor uns herzu­tragen. Gerade das Thema (alter) Gewohn­heiten bietet womöglich einen inter­es­santen Perspek­tiv­wechsel, eine Art asym­me­tri­schen Transfer.

Erstens: Alte Gewohn­heiten zeigen, dass etwas schon einmal möglich war und damit nicht ganz grund­le­gend der mensch­li­chen Natur wider­spricht – wie auch immer diese Natur genau zu bestimmen wäre und noch ohne jegliche Wertung, ob die betref­fenden Gewohn­heiten auch dem Wohl­be­finden zuträg­lich oder gar gesund­heits­för­dernd waren. Zudem zeigen auch die Zyklen von Moden gut, wie flexibel wir sind – oder müssten wir eher sagen: mani­pu­lierbar?

Zweitens: Gewohn­heiten sind kontext­ge­bunden. Das könnte umgekehrt (jetzt kommt fast ein Taschen­spie­ler­trick) dazu führen, dass aus prekären oder auch hier­ar­chi­schen gesell­schaft­li­chen Bedin­gungen geborene und gar nicht so „gesunde“ Gewohn­heiten im Kontext von Wohlstand, gesell­schaft­li­cher Selbst­be­stim­mung, von gelebter Diver­sität und Freiheit nun zu sehr positiven, viel­leicht sogar gesund­heits­för­dernden Praktiken werden könnten7. Man denke an den Verzicht auf Fleisch­konsum, an das selbst­be­stimmte Teilen von Räumen, an mehr Schritte pro Tag, weniger Heizen, offene Wohnungs­grenzen und sogar an offene Bezie­hungen.Vgl. Jaeggi, R.: Fort­schritt und Regres­sion, Berlin 2023, S. 212 ff. ↩︎

Ein Amalgam aus Retro, Nostalgie und den so beschrie­benen „richtigen“ Ansätzen für das, was wir heute brauchen, klingt natürlich viel besser als der bloße Appell zum Verzicht8 auf Dinge, die zur Gewohn­heit geworden sind. Aber wird das ausrei­chen? Können wir das, was in letzter Konse­quenz schlicht bedeutet, deutlich weniger zu konsu­mieren, als „persön­li­ches Wachsen“ – fast im Sinne einer Selbst­op­ti­mie­rung – umdeuten oder neu „framen“?9 Oder sollten wir die Untiefen dieser Debatte einfach über­springen und uns lieber der reinen Emotio­na­lität zuwenden, ganz nach Anna Heringers Slogan „Form follows Love“, den wir selbst – wie viele andere auch – wohl schon das ein oder andere Mal belächelt oder gar kriti­siert haben?10Vgl. Gespräch mit Anja Bierwirth in dieser Ausgabe, S. 30. ↩︎Jedoch ist damit in keinem Fall gemeint, vormals prekäre Lösungen auf heute noch prekäre Situa­tionen anzu­wenden. ↩︎Das Dilemma, das aus Heringers Enga­ge­ment im globalen Süden – in Verbin­dung mit einer entspre­chenden Selbst­ver­mark­tung, die mitunter Tendenzen von „White Saviorism“ aufweist – erwächst, bleibt zwar ungelöst, schmälert jedoch zunächst nicht die Empathie ihres Ansatzes (siehe auch Fußnote 15). Heringer, A. / Gauzin-Müller, D: Form Follows Love. Intuitiv bauen – von Bangla­desch bis Europa und darüber hinaus. Basel 2024. ↩︎

Denn trotz aller Erkennt­nisse sind es wir alle, die – sämt­li­chen Nach­hal­tig­keits­de­batten zum Trotz – immer noch denken, dass uns „alles“ oder sogar noch mehr zusteht. Gerade aus Sicht der Mittel­stands­blase sind es oftmals vor allem die (Super)reichen, die über die Stränge schlagen11. Dabei scheuen auch wir nicht davor zurück, uns am Buffet reichlich zu bedienen – und empfinden kaum Scham, unsere über­großen Kuchen­stücke stolz in den sozialen Medien zu posten. Fast so, als hätten wir sie uns mühsam selbst erar­beitet. Als wären sie nicht schlicht Ausdruck unserer ererbten Privi­le­gien und struk­tu­rell zemen­tierten Ungleich­heit.12In einer Studie von S. Bohmann und M. Kücük werden die Treib­hau­se­mis­sionen in Deutsch­land pro Person und Haushalt unter­sucht. Diese kommt zu dem Schluss: „Ob arm oder reich: der CO2-Fußab­druck ist auf jeden Fall zu groß.“ Vgl. Sandra Bohmann und Merce Kücük im Wochen­be­richt 27 / 2024 des DIW, Deutsches Wirt­schafts­in­stitut Berlin. ↩︎„In der Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft leben die Leute nicht über ihre Verhält­nisse. Sie leben über die Verhält­nisse anderer. Genau genommen müsste man sagen: Sie leben auch, nach absoluten Maßstäben, über den Verhält­nissen anderer, das heißt, es geht vielen von ihnen besser als vielen derer, die nicht Teil ihres gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hangs sind. (… ) Die sozi­al­struk­tur­ana­ly­ti­sche Kurz­formel der Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft lautet daher: Die einen leben über die Verhält­nisse der anderen, auf deren Kosten, zu deren Lasten.“ Vgl. Lessenich, S.: Die Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft. Ein Inter­na­li­sie­rungs­ver­such. In: Sozio­logie, 44. Jg., Heft 1 / 2015, S. 24. ↩︎

Gleich­zeitig vertei­digen wir unsere bildungs­bür­ger­li­chen Schön­heits­ideale und Gewohn­heiten wie Grund­be­dürf­nisse, und sind, wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich bereit, davon etwas abzugeben.13 Denn das hieße, weniger vom Kuchen abzu­be­kommen und ihn mit anderen ernsthaft teilen müssen. Und gemeint ist damit nicht weniger Demo­kratie, Freiheit, Huma­nismus und Toleranz – sondern weniger Designer-Möbel, italie­ni­sche Leder­schuhe oder wahlweise teure Synthetik-Trek­king­schuhe oder Sneaker, weniger Räume14, weniger Zweit­wohn­sitze und Autos, weniger „wohl­ver­dienten“ Fern­ur­laub. Kurz: weniger von unserem alltäg­li­chen Konsum15, unseren Konsum­ge­wohn­heiten.Sehr eindrück­liche Worte aus der Sicht von uns Archi­tek­tur­schaf­fenden findet etwa Anna Heringer in ihrer Dankes­rede beim Obel Award 2023: „As an architect coming from the global North I ask with all my heart the Global South and the planet for forgi­ve­ness, that we created an ideal of an archi­tec­ture that is supposed to give us an easy, comfor­table, non stressful, save, healthy and happy life while in fact we contri­buted massively to social injustice, making us more rich by exploi­ting you and by raping the earth, causing dramatic climate change with our profes­sion. And it did not bring us happiness. It brought us magazine covers, fame, money, jet set life with carbon emitting confe­rences – but no happiness. It even took us the joy of our profes­sion because we created a corsage of rules and regu­la­tions and an atmo­sphere of fear and control that makes it very difficult to allow real crea­ti­vity and intuition and a social cons­truc­tion process.“ Zitiert nach: https://​www​.dezeen​.com/​2​0​2​3​/​0​7​/​0​6​/​a​n​n​a​-​h​e​r​i​n​g​e​r​-​a​p​o​l​o​g​i​s​e​s​-​g​l​o​b​a​l​-​s​o​u​t​h​-​u​i​a​-​c​o​n​g​r​e​ss/ ↩︎Viel­leicht umfasst dieser spar­sa­mere Umgang mit Flächen dann sogar auch weniger oder kleinere Gemein­schafts­räume als derzeit etwa in Genos­sen­schafts­häu­sern üblich. ↩︎Da Ulrike Herrmann überzeugt ist, dass es grünes Wachstum volks­wirt­schaft­lich nicht gibt und auch nicht geben kann, verweist sie auf die britische Kriegs­wirt­schaft von 1939 als möglichen Ausweg aus der Sackgasse. Vgl. Herrmann, U.: Das Ende des Kapi­ta­lismus. Warum Wachstum und Klima­schutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Köln 2022, S. 229 ff. ↩︎

Um abschlie­ßend zum Thema Pathos zurück­zu­kommen: Der ebenfalls nicht gerade unbür­ger­liche deutsche Autor Roger Willemsen sagte in seiner Zukunfts­rede vor gut elf Jahren: „Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Hörten es und häuften mehr Infor­ma­tionen an. Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klima­be­richt, einen neuen Scha­dens­be­richt über die Weltmeere, den Regenwald, die gras­sie­rende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre.“16 Und er speku­liert in einer Art verkapptem Futur Zwei: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Infor­ma­tionen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufge­halten.“Vgl. Willemsen, R.: Wer wir waren. Zukunfts­rede. Frankfurt a. M. 2016, S. 26. ↩︎

Dieser Ausblick darauf, dass wir es nicht geschafft haben werden, uns zu ändern, unsere Gewohn­heiten zu verändern, neue Gewohn­heiten zu entwi­ckeln17, ist eine Art Rück­ruf­ak­tion aus der Zukunft. Sie appel­liert nicht an unsere Vernunft, sondern – eben mit Pathos – an unsere mora­li­sche Emotio­na­lität. Die Grabrede auf uns selbst spiegelt uns, wer wir gewesen sein werden – oder auch wer nicht. Und als fiktive Trau­er­gäste unserer eigenen Beiset­zung fielen uns doch bessere Reden ein. Wir würden es sicher begrüßen, wenn man anders über uns spräche – wenn die Tränen also nicht wegen unseres Versagens flössen, sondern mit dem wohligen, positiven Gefühl, wie gut wir am Ende, trotz aller Schwächen, gewesen sein werden.Wir sind uns der Proble­matik bewusst, dass die Fokus­sie­rung auf den indi­vi­du­ellen CO₂-Fußab­druck dazu beitragen kann, struk­tu­relle Verän­de­rungen zu unter­graben und Verant­wor­tung auf das Indi­vi­duum zu verlagern. Dennoch wird gerechter Klima­schutz mit großer Wahr­schein­lich­keit nicht ohne tief­grei­fende Verän­de­rungen in unserer Lebens­weise möglich sein. ↩︎

Reem Almannai und Florian Fischer-Almannai führen gemeinsam das Büro Almannai Fischer Architekt*innen in München. Sie sind Grün­dungs­mit­glieder der Münchner Wohnungs­bau­ge­nos­sen­schaft Koope­ra­tive Großstadt eG. Sie befassen sich intensiv mit der Entwick­lung flexibler und suffi­zi­enter Wohn­formen und der Erfor­schung einer kollek­tiven Planungs­me­thode, genannt OP-OD. Florian Fischer unter­richtet seit 2022 an der RWTH Aachen.

  1. Einzelne Beispiele zu nennen ist natürlich heikel und verkür­zend. Die Bericht­erstat­tung über die genos­sen­schaft­li­chen Wohn­pro­jekte San Riemo und das soge­nannte Wabenhaus in München bieten jedoch gutes Anschau­ungs­ma­te­rial für vermeint­lich pure Erfolgs­ge­schichten. Vgl. ttt – titel, thesen, tempe­ra­mente, ARD, Sendung vom 21.01.2024. ↩︎
  2. Anders als bei Witt­gen­stein, bei dem der Zweifel die Gewiss­heit voraus­setzt: „115. … Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.“ Vgl. Witt­gen­stein, L: Werk­aus­gabe in 8 Bänden, Über Gewiss­heit u. a.. Berlin 1992, S. 144. ↩︎
  3. Die aktuellen poli­ti­schen Debatten in Deutsch­land über Aufrüs­tung, Wehr­pflicht und Musterung – also eine eventuell alter­na­tiv­lose Mili­ta­ri­sie­rung – lassen diese Form von möglicher Eindeu­tig­keit bereits aufscheinen, auch unab­hängig von der Klima­krise. ↩︎
  4. Es ist wie eine Umkehrung aller bishe­rigen Gewiss­heiten und Hoff­nungen, denen zufolge das Moderate, das Diskur­sive, das Offene, das Viel­fäl­tige den gesell­schaft­li­chen Fort­schritt antreibt. Nun droht all das von einer Dring­lich­keit abgelöst zu werden, bei der sich jede Entschei­dung so anfühlt, als könnte sie die letzte gewesen sein. Der dysto­pi­sche Ton koket­tiert natürlich mit dem Schlimmsten. ↩︎
  5. Kraft, S.: Einge­übtes Wohnen. In: ARCH+, Heft 176 / 177 (05 / 2006), Wohnen, S. 50: „Die Diskre­panz zwischen einer Menta­lität, die an einge­übten Wohn- und Lebens­mo­dellen festhält, und der fakti­schen Lebens­rea­lität war noch nie so groß wie heute.“ In Deutsch­land, aber auch der Schweiz hat sich trotz zahl­rei­cher pionier­hafter Wohn­ex­pe­ri­mente in den letzten 20 Jahren daran doch wenig geändert, vgl. Interview mit Andreas Hofer vom 29.09.2023 im Online-Magazin Frida: https://​frida​ma​gazin​.ch/​a​r​t​i​k​e​l​/​p​a​s​s​e​n​-​d​i​e​-​w​o​h​n​u​n​g​e​n​-​v​o​n​-​h​e​u​t​e​-​n​o​c​h​-​z​u​-​u​ns/ abgerufen am 16.09.2025. Ange­sichts der akuten Krise einer sozial adäquaten Wohn­raum­ver­sor­gung in Deutsch­land sind sogar noch viel funda­men­ta­lere Defizite entstanden. ↩︎
  6. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzy­klo­pädie der philo­so­phi­schen Wissen­schaften im Grund­risse. Hamburg 1992 (1830), S. 419 ff. ↩︎
  7. Vgl. Jaeggi, R.: Fort­schritt und Regres­sion, Berlin 2023, S. 212 ff. ↩︎
  8. Vgl. Gespräch mit Anja Bierwirth in dieser Ausgabe, S. 30. ↩︎
  9. Jedoch ist damit in keinem Fall gemeint, vormals prekäre Lösungen auf heute noch prekäre Situa­tionen anzu­wenden. ↩︎
  10. Das Dilemma, das aus Heringers Enga­ge­ment im globalen Süden – in Verbin­dung mit einer entspre­chenden Selbst­ver­mark­tung, die mitunter Tendenzen von „White Saviorism“ aufweist – erwächst, bleibt zwar ungelöst, schmälert jedoch zunächst nicht die Empathie ihres Ansatzes (siehe auch Fußnote 15). Heringer, A. / Gauzin-Müller, D: Form Follows Love. Intuitiv bauen – von Bangla­desch bis Europa und darüber hinaus. Basel 2024. ↩︎
  11. In einer Studie von S. Bohmann und M. Kücük werden die Treib­hau­se­mis­sionen in Deutsch­land pro Person und Haushalt unter­sucht. Diese kommt zu dem Schluss: „Ob arm oder reich: der CO2-Fußab­druck ist auf jeden Fall zu groß.“ Vgl. Sandra Bohmann und Merce Kücük im Wochen­be­richt 27 / 2024 des DIW, Deutsches Wirt­schafts­in­stitut Berlin. ↩︎
  12. „In der Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft leben die Leute nicht über ihre Verhält­nisse. Sie leben über die Verhält­nisse anderer. Genau genommen müsste man sagen: Sie leben auch, nach absoluten Maßstäben, über den Verhält­nissen anderer, das heißt, es geht vielen von ihnen besser als vielen derer, die nicht Teil ihres gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hangs sind. (… ) Die sozi­al­struk­tur­ana­ly­ti­sche Kurz­formel der Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft lautet daher: Die einen leben über die Verhält­nisse der anderen, auf deren Kosten, zu deren Lasten.“ Vgl. Lessenich, S.: Die Exter­na­li­sie­rungs­ge­sell­schaft. Ein Inter­na­li­sie­rungs­ver­such. In: Sozio­logie, 44. Jg., Heft 1 / 2015, S. 24. ↩︎
  13. Sehr eindrück­liche Worte aus der Sicht von uns Archi­tek­tur­schaf­fenden findet etwa Anna Heringer in ihrer Dankes­rede beim Obel Award 2023: „As an architect coming from the global North I ask with all my heart the Global South and the planet for forgi­ve­ness, that we created an ideal of an archi­tec­ture that is supposed to give us an easy, comfor­table, non stressful, save, healthy and happy life while in fact we contri­buted massively to social injustice, making us more rich by exploi­ting you and by raping the earth, causing dramatic climate change with our profes­sion. And it did not bring us happiness. It brought us magazine covers, fame, money, jet set life with carbon emitting confe­rences – but no happiness. It even took us the joy of our profes­sion because we created a corsage of rules and regu­la­tions and an atmo­sphere of fear and control that makes it very difficult to allow real crea­ti­vity and intuition and a social cons­truc­tion process.“ Zitiert nach: https://​www​.dezeen​.com/​2​0​2​3​/​0​7​/​0​6​/​a​n​n​a​-​h​e​r​i​n​g​e​r​-​a​p​o​l​o​g​i​s​e​s​-​g​l​o​b​a​l​-​s​o​u​t​h​-​u​i​a​-​c​o​n​g​r​e​ss/ ↩︎
  14. Viel­leicht umfasst dieser spar­sa­mere Umgang mit Flächen dann sogar auch weniger oder kleinere Gemein­schafts­räume als derzeit etwa in Genos­sen­schafts­häu­sern üblich. ↩︎
  15. Da Ulrike Herrmann überzeugt ist, dass es grünes Wachstum volks­wirt­schaft­lich nicht gibt und auch nicht geben kann, verweist sie auf die britische Kriegs­wirt­schaft von 1939 als möglichen Ausweg aus der Sackgasse. Vgl. Herrmann, U.: Das Ende des Kapi­ta­lismus. Warum Wachstum und Klima­schutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Köln 2022, S. 229 ff. ↩︎
  16. Vgl. Willemsen, R.: Wer wir waren. Zukunfts­rede. Frankfurt a. M. 2016, S. 26. ↩︎
  17. Wir sind uns der Proble­matik bewusst, dass die Fokus­sie­rung auf den indi­vi­du­ellen CO₂-Fußab­druck dazu beitragen kann, struk­tu­relle Verän­de­rungen zu unter­graben und Verant­wor­tung auf das Indi­vi­duum zu verlagern. Dennoch wird gerechter Klima­schutz mit großer Wahr­schein­lich­keit nicht ohne tief­grei­fende Verän­de­rungen in unserer Lebens­weise möglich sein. ↩︎