Von der rhetorischen Figur zur gewohnten Form
Gedanken zur Gewohnheit im Wohnen und Konsumieren
Muss (neue) Architektur immer eine Architektur der „Neuen Gewohnheit“ sein? Dies ließe sich auf verschiedene Weisen deuten: Handelt es sich um eine Architektur, die bereits entstandenen „neuen Gewohnheiten“ wert- und moralneutral Form und Raum gibt – also auf die Gegebenheiten ihrer Zeit reagiert? Oder geht es um eine Architektur, die aus sachlicher Notwendigkeit und wissenschaftlicher Erkenntnis heraus selbst neue Gewohnheiten hervorbringt, sie gar einfordert – und damit, ohne falsche Bescheidenheit oder Angst vor Diskreditierung, ihre Nutzenden „erzieht“, vielleicht sogar zu „besseren“ Menschen macht? Oder glaubt man an Neutralität: An eine Architektur, die keiner Gewohnheit im Wege steht, die offen und entspannt ist, und sich über die Zeit ganz uneitel verändert? Aber kann Architektur wirklich neutral bleiben angesichts der drängenden Fragen um Nachhaltigkeit, Suffizienz, EigentumZu Intro Fußnote fn‑1, ReichtumZu Intro Fußnote fn‑2 und Gerechtigkeit?
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Hinsichtlich Nachhaltigkeit und Suffizienz besteht vermutlich in Fachkreisen große Einigkeit. Beim Thema Eigentum wird der Diskurs deutlich polarisierter und politisch. Vgl. Blumenfeld, J. / Angebauer, N. / Wesche, T.: Umkämpftes Eigentum: Eine gesellschaftstheoretische Debatte, Berlin 2025.
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Dafür, dass alle Nachhaltigkeitsdebatten am Ende nicht ohne die Frage nach der Verteilung von Vermögen geführt werden können, plädiert Ingrid Robeyns mit dem von ihr geprägten Konzept des Limitarismus. Vgl. Robeyns, I.: Limitarismus: Warum Reichtum begrenzt werden muss. Frankfurt a. M. 2024.
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Auf der Suche nach Geschichten wird oft die Einfachheit der Pointe über den eigentlich differenziert zu betrachtenden Erkenntniswert gestellt. Viele Architekturprojekte und architektonische Impulse etwa werden sowohl von ihren Verfassenden sowie den Menschen, die sich damit in Fach- und auch Nichtfachmedien auseinandersetzen, immer noch wie pure Erfolgsgeschichten erzählt.1 Schon die Tatsache, dass sie publiziert werden, scheint bereits den Zweifel oder einen differenzierten Blick außer Kraft zu setzen.2 Nicht viel anders verhält es sich mit Pathos: Auf der Suche nach der griffigen Emotionalität einer Story verschwindet oft genau das, was den Alltag so sehr prägt – das Ambivalente, das Unreine, das Ungesicherte, das Unspektakuläre, das Unheroische, die mittelgroßen Fehler und ebenso die mittelgroßen Erkenntnisse.Einzelne Beispiele zu nennen ist natürlich heikel und verkürzend. Die Berichterstattung über die genossenschaftlichen Wohnprojekte San Riemo und das sogenannte Wabenhaus in München bieten jedoch gutes Anschauungsmaterial für vermeintlich pure Erfolgsgeschichten. Vgl. ttt – titel, thesen, temperamente, ARD, Sendung vom 21.01.2024. ↩︎Anders als bei Wittgenstein, bei dem der Zweifel die Gewissheit voraussetzt: „115. … Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.“ Vgl. Wittgenstein, L: Werkausgabe in 8 Bänden, Über Gewissheit u. a.. Berlin 1992, S. 144. ↩︎
Doch bevor die sicherlich berechtigte Kritik an dieser Undifferenziertheit in ein biederes und kulturpessimistisches Aufbegehren umschlägt, drehen wir den Spieß einmal um: Wird nicht bald eine dialektische Sichtweise, ein abwägendes Argumentieren, aus ganz anderen Gründen ausgedient haben? Holt uns die Zukunft womöglich schneller ein, als wir es bisher zu befürchten verdrängt haben? Werden wir – von außen, aber selbst verschuldet – mit einer kaum gekannten Eindeutigkeit konfrontiert?3 Hopp oder top, jetzt oder gar nicht mehr.4 Wie viel Zeit wird uns dann noch bleiben, um zu reagieren? Wird die Frage „Müssen wir uns ändern?“ dann nur noch rhetorisch sein? Zitieren wir vorsorglich Bushido und Bernd Eichinger: „Zeiten ändern Dich“. Oder müsste es nicht vielmehr heißen: „Katastrophen ändern Dich“?Die aktuellen politischen Debatten in Deutschland über Aufrüstung, Wehrpflicht und Musterung – also eine eventuell alternativlose Militarisierung – lassen diese Form von möglicher Eindeutigkeit bereits aufscheinen, auch unabhängig von der Klimakrise. ↩︎Es ist wie eine Umkehrung aller bisherigen Gewissheiten und Hoffnungen, denen zufolge das Moderate, das Diskursive, das Offene, das Vielfältige den gesellschaftlichen Fortschritt antreibt. Nun droht all das von einer Dringlichkeit abgelöst zu werden, bei der sich jede Entscheidung so anfühlt, als könnte sie die letzte gewesen sein. Der dystopische Ton kokettiert natürlich mit dem Schlimmsten. ↩︎
Worum also zum Teufel soll es in diesem geradezu dystopisch beginnenden Text – und in der gesamten Ausgabe – gehen? Das Schreckgespenst steckt natürlich in der großen, alles überragenden Frage: Wie werden wir (über)leben im Angesicht der Klima- und Systemkrisen und der sich immer deutlicher abzeichnenden globalen Konflikte?
Jetzt mal halblang – geht es eine Nummer kleiner?
In Ordnung. Es geht auch eine Nummer kleiner: In der Benutzung von Räumen – hier mit einem deutlichen Fokus auf das Wohnen – lagern sich Schicht für Schicht neben physischen Gebrauchspuren und materieller Patina auch unsere Gewohnheiten ab. Oder – noch umfassender – der Zustand einer Gesellschaft. Umgekehrt prägen Räume wiederum unsere Gewohnheiten. Das klingt zunächst vielleicht nach wohlfeilen Behauptungen und weniger nach fundierten Herleitungen oder gar empirischen Belegen. Und trotzdem: Passen Gebautes und Gewohnheiten, gesellschaftliche Wirklichkeiten und existierende Häuser und Wohnungen nicht viel zu oft nur so mittelmäßig zusammen? Ist das mehr als ein Gefühl? Ist die Superdiversität – allen populistischen und reaktionären Debatten zum Trotz – nicht längst gelebte Normalität, die aber in der baulichen Realität kein adäquates Abbild findet?5Kraft, S.: Eingeübtes Wohnen. In: ARCH+, Heft 176 / 177 (05 / 2006), Wohnen, S. 50: „Die Diskrepanz zwischen einer Mentalität, die an eingeübten Wohn- und Lebensmodellen festhält, und der faktischen Lebensrealität war noch nie so groß wie heute.“ In Deutschland, aber auch der Schweiz hat sich trotz zahlreicher pionierhafter Wohnexperimente in den letzten 20 Jahren daran doch wenig geändert, vgl. Interview mit Andreas Hofer vom 29.09.2023 im Online-Magazin Frida: https://fridamagazin.ch/artikel/passen-die-wohnungen-von-heute-noch-zu-uns/ abgerufen am 16.09.2025. Angesichts der akuten Krise einer sozial adäquaten Wohnraumversorgung in Deutschland sind sogar noch viel fundamentalere Defizite entstanden. ↩︎
Wenn in diesem Heft also so häufig – explizit und implizit – von Gewohnheiten die Rede ist, muss erst einmal geklärt werden, was damit gemeint sein soll, um nicht bloß aus der Wortverwandtschaft Wohnen und Gewohnheit assoziativ zu schöpfen. Bei einer Definition lässt sich Hegel6, wenngleich hier in etwas laienhafter Betrachtung, kaum umgehen: Eine vielleicht anfangs gar nicht so selbstverständliche oder gar nicht so leicht von der Hand gehende Verhaltensweise, Praktik, Tätigkeit oder sogar nur „Erwartung“ wird durch Wiederholung, Übung – oft in Verbindung mit Erziehung – zur Gewohnheit, zur Routine, zu einer Art „zweiten Natur“. Diese eröffnet gewisse Freiheiten im Alltag: Nicht jeder Schritt muss jedes Mal aufs Neue neu überlegt sein.Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Hamburg 1992 (1830), S. 419 ff. ↩︎
Bezogen auf Architektur und Wohnen ist das natürlich praktisch, im schlechten wie im guten Sinne sogar effizient. Was aber den Anlass und die Motivation für das Einüben oder das Herausbilden von Gewohnheiten darstellt, ist damit noch nicht gesagt. Alltagsphilosophisch fallen einem natürlich ein paar grundlegende Dinge ein: individuelle Neigungen, das Streben nach Gesundheit oder Selbstverwirklichung, kollektive Sehnsüchte, gesellschaftlich oder schlicht kapitalistisch konstruierte Konsumvorstellungen, ebenso wie äußere Not, Zwang oder – nicht zu unterschätzen – Moden, Zeitgeist und Hypes.
Asymmetrischer Transfer: Ein Blick in die Vergangenheit
Wenn – wie es derzeit durchaus wieder en vogue ist – mit dem Blick zurück argumentiert wird, um notwendige Veränderungen im Bauen und Wohnen zu begründen und zu legitimieren, stellt sich die Frage: Möchten wir auch zu alten Gewohnheiten oder früheren gesellschaftlichen Realitäten zurückkehren? Ob das einfache Bauen, die Ökoarchitektur der 1980er- und 1990er-Jahre, konträr dazu die High-Tech Ästhetik der 1990er-Jahre, oder aber prekäre Zustände wie Bäder außerhalb der Wohnung, eine „Urhütte“ ohne Türen, Großhaushalte statt Kernfamilie, weniger Wohnfläche (ungefähr so wie in den 1970ern), oder lange Flure wie in ärmlichen Wohnverhältnissen – all das steht im Begriff, eine Renaissance zu erleben. Einiges davon wird in spekulativen Skizzen und Fallstudien in dieser Ausgabe erörtert.
Was bedeutet dieser teils nostalgische Blick in die Geschichte oder auch in frühere, vernakuläre Wohnkonstellationen? Soll damit erneut das Alte, das schon einmal Dagewesene, das vermeintlich Einfachere als Zukunftskonzept eingeführt oder gar latent überhöht werden – als Gegenerzählung zu den Zumutungen der Gegenwart? Damit einher geht die Gefahr, wie bei jeder Nostalgie, Lösung und Kontext voneinander zu trennen. Denn kaum eine „alte“ Lösung dürfte einfach so ohne ihren gesellschaftlichen Kontext übertragbar sein, sofern nicht eine intensive Reflexion, Weiterentwicklung und Adaption an heutige Kontexte stattfindet.
Ähnlich wie beim eingangs skizzierten Gedanken zum Thema Pathos und Eindeutigkeit könnte es auch hier hilfreich sein, unsere schöne, spitzfindige – und vielleicht moralisch etwas zu aufgeladene – Diskursethik etwas weniger streng vor uns herzutragen. Gerade das Thema (alter) Gewohnheiten bietet womöglich einen interessanten Perspektivwechsel, eine Art asymmetrischen Transfer.
Erstens: Alte Gewohnheiten zeigen, dass etwas schon einmal möglich war und damit nicht ganz grundlegend der menschlichen Natur widerspricht – wie auch immer diese Natur genau zu bestimmen wäre und noch ohne jegliche Wertung, ob die betreffenden Gewohnheiten auch dem Wohlbefinden zuträglich oder gar gesundheitsfördernd waren. Zudem zeigen auch die Zyklen von Moden gut, wie flexibel wir sind – oder müssten wir eher sagen: manipulierbar?
Zweitens: Gewohnheiten sind kontextgebunden. Das könnte umgekehrt (jetzt kommt fast ein Taschenspielertrick) dazu führen, dass aus prekären oder auch hierarchischen gesellschaftlichen Bedingungen geborene und gar nicht so „gesunde“ Gewohnheiten im Kontext von Wohlstand, gesellschaftlicher Selbstbestimmung, von gelebter Diversität und Freiheit nun zu sehr positiven, vielleicht sogar gesundheitsfördernden Praktiken werden könnten7. Man denke an den Verzicht auf Fleischkonsum, an das selbstbestimmte Teilen von Räumen, an mehr Schritte pro Tag, weniger Heizen, offene Wohnungsgrenzen und sogar an offene Beziehungen.Vgl. Jaeggi, R.: Fortschritt und Regression, Berlin 2023, S. 212 ff. ↩︎
Ein Amalgam aus Retro, Nostalgie und den so beschriebenen „richtigen“ Ansätzen für das, was wir heute brauchen, klingt natürlich viel besser als der bloße Appell zum Verzicht8 auf Dinge, die zur Gewohnheit geworden sind. Aber wird das ausreichen? Können wir das, was in letzter Konsequenz schlicht bedeutet, deutlich weniger zu konsumieren, als „persönliches Wachsen“ – fast im Sinne einer Selbstoptimierung – umdeuten oder neu „framen“?9 Oder sollten wir die Untiefen dieser Debatte einfach überspringen und uns lieber der reinen Emotionalität zuwenden, ganz nach Anna Heringers Slogan „Form follows Love“, den wir selbst – wie viele andere auch – wohl schon das ein oder andere Mal belächelt oder gar kritisiert haben?10Vgl. Gespräch mit Anja Bierwirth in dieser Ausgabe, S. 30. ↩︎Jedoch ist damit in keinem Fall gemeint, vormals prekäre Lösungen auf heute noch prekäre Situationen anzuwenden. ↩︎Das Dilemma, das aus Heringers Engagement im globalen Süden – in Verbindung mit einer entsprechenden Selbstvermarktung, die mitunter Tendenzen von „White Saviorism“ aufweist – erwächst, bleibt zwar ungelöst, schmälert jedoch zunächst nicht die Empathie ihres Ansatzes (siehe auch Fußnote 15). Heringer, A. / Gauzin-Müller, D: Form Follows Love. Intuitiv bauen – von Bangladesch bis Europa und darüber hinaus. Basel 2024. ↩︎
Denn trotz aller Erkenntnisse sind es wir alle, die – sämtlichen Nachhaltigkeitsdebatten zum Trotz – immer noch denken, dass uns „alles“ oder sogar noch mehr zusteht. Gerade aus Sicht der Mittelstandsblase sind es oftmals vor allem die (Super)reichen, die über die Stränge schlagen11. Dabei scheuen auch wir nicht davor zurück, uns am Buffet reichlich zu bedienen – und empfinden kaum Scham, unsere übergroßen Kuchenstücke stolz in den sozialen Medien zu posten. Fast so, als hätten wir sie uns mühsam selbst erarbeitet. Als wären sie nicht schlicht Ausdruck unserer ererbten Privilegien und strukturell zementierten Ungleichheit.12In einer Studie von S. Bohmann und M. Kücük werden die Treibhausemissionen in Deutschland pro Person und Haushalt untersucht. Diese kommt zu dem Schluss: „Ob arm oder reich: der CO2-Fußabdruck ist auf jeden Fall zu groß.“ Vgl. Sandra Bohmann und Merce Kücük im Wochenbericht 27 / 2024 des DIW, Deutsches Wirtschaftsinstitut Berlin. ↩︎„In der Externalisierungsgesellschaft leben die Leute nicht über ihre Verhältnisse. Sie leben über die Verhältnisse anderer. Genau genommen müsste man sagen: Sie leben auch, nach absoluten Maßstäben, über den Verhältnissen anderer, das heißt, es geht vielen von ihnen besser als vielen derer, die nicht Teil ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs sind. (… ) Die sozialstrukturanalytische Kurzformel der Externalisierungsgesellschaft lautet daher: Die einen leben über die Verhältnisse der anderen, auf deren Kosten, zu deren Lasten.“ Vgl. Lessenich, S.: Die Externalisierungsgesellschaft. Ein Internalisierungsversuch. In: Soziologie, 44. Jg., Heft 1 / 2015, S. 24. ↩︎
Gleichzeitig verteidigen wir unsere bildungsbürgerlichen Schönheitsideale und Gewohnheiten wie Grundbedürfnisse, und sind, wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich bereit, davon etwas abzugeben.13 Denn das hieße, weniger vom Kuchen abzubekommen und ihn mit anderen ernsthaft teilen müssen. Und gemeint ist damit nicht weniger Demokratie, Freiheit, Humanismus und Toleranz – sondern weniger Designer-Möbel, italienische Lederschuhe oder wahlweise teure Synthetik-Trekkingschuhe oder Sneaker, weniger Räume14, weniger Zweitwohnsitze und Autos, weniger „wohlverdienten“ Fernurlaub. Kurz: weniger von unserem alltäglichen Konsum15, unseren Konsumgewohnheiten.Sehr eindrückliche Worte aus der Sicht von uns Architekturschaffenden findet etwa Anna Heringer in ihrer Dankesrede beim Obel Award 2023: „As an architect coming from the global North I ask with all my heart the Global South and the planet for forgiveness, that we created an ideal of an architecture that is supposed to give us an easy, comfortable, non stressful, save, healthy and happy life while in fact we contributed massively to social injustice, making us more rich by exploiting you and by raping the earth, causing dramatic climate change with our profession. And it did not bring us happiness. It brought us magazine covers, fame, money, jet set life with carbon emitting conferences – but no happiness. It even took us the joy of our profession because we created a corsage of rules and regulations and an atmosphere of fear and control that makes it very difficult to allow real creativity and intuition and a social construction process.“ Zitiert nach: https://www.dezeen.com/2023/07/06/anna-heringer-apologises-global-south-uia-congress/ ↩︎Vielleicht umfasst dieser sparsamere Umgang mit Flächen dann sogar auch weniger oder kleinere Gemeinschaftsräume als derzeit etwa in Genossenschaftshäusern üblich. ↩︎Da Ulrike Herrmann überzeugt ist, dass es grünes Wachstum volkswirtschaftlich nicht gibt und auch nicht geben kann, verweist sie auf die britische Kriegswirtschaft von 1939 als möglichen Ausweg aus der Sackgasse. Vgl. Herrmann, U.: Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Köln 2022, S. 229 ff. ↩︎
Um abschließend zum Thema Pathos zurückzukommen: Der ebenfalls nicht gerade unbürgerliche deutsche Autor Roger Willemsen sagte in seiner Zukunftsrede vor gut elf Jahren: „Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Hörten es und häuften mehr Informationen an. Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre.“16 Und er spekuliert in einer Art verkapptem Futur Zwei: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“Vgl. Willemsen, R.: Wer wir waren. Zukunftsrede. Frankfurt a. M. 2016, S. 26. ↩︎
Dieser Ausblick darauf, dass wir es nicht geschafft haben werden, uns zu ändern, unsere Gewohnheiten zu verändern, neue Gewohnheiten zu entwickeln17, ist eine Art Rückrufaktion aus der Zukunft. Sie appelliert nicht an unsere Vernunft, sondern – eben mit Pathos – an unsere moralische Emotionalität. Die Grabrede auf uns selbst spiegelt uns, wer wir gewesen sein werden – oder auch wer nicht. Und als fiktive Trauergäste unserer eigenen Beisetzung fielen uns doch bessere Reden ein. Wir würden es sicher begrüßen, wenn man anders über uns spräche – wenn die Tränen also nicht wegen unseres Versagens flössen, sondern mit dem wohligen, positiven Gefühl, wie gut wir am Ende, trotz aller Schwächen, gewesen sein werden.Wir sind uns der Problematik bewusst, dass die Fokussierung auf den individuellen CO₂-Fußabdruck dazu beitragen kann, strukturelle Veränderungen zu untergraben und Verantwortung auf das Individuum zu verlagern. Dennoch wird gerechter Klimaschutz mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ohne tiefgreifende Veränderungen in unserer Lebensweise möglich sein. ↩︎
Reem Almannai und Florian Fischer-Almannai führen gemeinsam das Büro Almannai Fischer Architekt*innen in München. Sie sind Gründungsmitglieder der Münchner Wohnungsbaugenossenschaft Kooperative Großstadt eG. Sie befassen sich intensiv mit der Entwicklung flexibler und suffizienter Wohnformen und der Erforschung einer kollektiven Planungsmethode, genannt OP-OD. Florian Fischer unterrichtet seit 2022 an der RWTH Aachen.
- Einzelne Beispiele zu nennen ist natürlich heikel und verkürzend. Die Berichterstattung über die genossenschaftlichen Wohnprojekte San Riemo und das sogenannte Wabenhaus in München bieten jedoch gutes Anschauungsmaterial für vermeintlich pure Erfolgsgeschichten. Vgl. ttt – titel, thesen, temperamente, ARD, Sendung vom 21.01.2024. ↩︎
- Anders als bei Wittgenstein, bei dem der Zweifel die Gewissheit voraussetzt: „115. … Das Spiel des Zweifelns selbst setzt schon die Gewißheit voraus.“ Vgl. Wittgenstein, L: Werkausgabe in 8 Bänden, Über Gewissheit u. a.. Berlin 1992, S. 144. ↩︎
- Die aktuellen politischen Debatten in Deutschland über Aufrüstung, Wehrpflicht und Musterung – also eine eventuell alternativlose Militarisierung – lassen diese Form von möglicher Eindeutigkeit bereits aufscheinen, auch unabhängig von der Klimakrise. ↩︎
- Es ist wie eine Umkehrung aller bisherigen Gewissheiten und Hoffnungen, denen zufolge das Moderate, das Diskursive, das Offene, das Vielfältige den gesellschaftlichen Fortschritt antreibt. Nun droht all das von einer Dringlichkeit abgelöst zu werden, bei der sich jede Entscheidung so anfühlt, als könnte sie die letzte gewesen sein. Der dystopische Ton kokettiert natürlich mit dem Schlimmsten. ↩︎
- Kraft, S.: Eingeübtes Wohnen. In: ARCH+, Heft 176 / 177 (05 / 2006), Wohnen, S. 50: „Die Diskrepanz zwischen einer Mentalität, die an eingeübten Wohn- und Lebensmodellen festhält, und der faktischen Lebensrealität war noch nie so groß wie heute.“ In Deutschland, aber auch der Schweiz hat sich trotz zahlreicher pionierhafter Wohnexperimente in den letzten 20 Jahren daran doch wenig geändert, vgl. Interview mit Andreas Hofer vom 29.09.2023 im Online-Magazin Frida: https://fridamagazin.ch/artikel/passen-die-wohnungen-von-heute-noch-zu-uns/ abgerufen am 16.09.2025. Angesichts der akuten Krise einer sozial adäquaten Wohnraumversorgung in Deutschland sind sogar noch viel fundamentalere Defizite entstanden. ↩︎
- Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Hamburg 1992 (1830), S. 419 ff. ↩︎
- Vgl. Jaeggi, R.: Fortschritt und Regression, Berlin 2023, S. 212 ff. ↩︎
- Vgl. Gespräch mit Anja Bierwirth in dieser Ausgabe, S. 30. ↩︎
- Jedoch ist damit in keinem Fall gemeint, vormals prekäre Lösungen auf heute noch prekäre Situationen anzuwenden. ↩︎
- Das Dilemma, das aus Heringers Engagement im globalen Süden – in Verbindung mit einer entsprechenden Selbstvermarktung, die mitunter Tendenzen von „White Saviorism“ aufweist – erwächst, bleibt zwar ungelöst, schmälert jedoch zunächst nicht die Empathie ihres Ansatzes (siehe auch Fußnote 15). Heringer, A. / Gauzin-Müller, D: Form Follows Love. Intuitiv bauen – von Bangladesch bis Europa und darüber hinaus. Basel 2024. ↩︎
- In einer Studie von S. Bohmann und M. Kücük werden die Treibhausemissionen in Deutschland pro Person und Haushalt untersucht. Diese kommt zu dem Schluss: „Ob arm oder reich: der CO2-Fußabdruck ist auf jeden Fall zu groß.“ Vgl. Sandra Bohmann und Merce Kücük im Wochenbericht 27 / 2024 des DIW, Deutsches Wirtschaftsinstitut Berlin. ↩︎
- „In der Externalisierungsgesellschaft leben die Leute nicht über ihre Verhältnisse. Sie leben über die Verhältnisse anderer. Genau genommen müsste man sagen: Sie leben auch, nach absoluten Maßstäben, über den Verhältnissen anderer, das heißt, es geht vielen von ihnen besser als vielen derer, die nicht Teil ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs sind. (… ) Die sozialstrukturanalytische Kurzformel der Externalisierungsgesellschaft lautet daher: Die einen leben über die Verhältnisse der anderen, auf deren Kosten, zu deren Lasten.“ Vgl. Lessenich, S.: Die Externalisierungsgesellschaft. Ein Internalisierungsversuch. In: Soziologie, 44. Jg., Heft 1 / 2015, S. 24. ↩︎
- Sehr eindrückliche Worte aus der Sicht von uns Architekturschaffenden findet etwa Anna Heringer in ihrer Dankesrede beim Obel Award 2023: „As an architect coming from the global North I ask with all my heart the Global South and the planet for forgiveness, that we created an ideal of an architecture that is supposed to give us an easy, comfortable, non stressful, save, healthy and happy life while in fact we contributed massively to social injustice, making us more rich by exploiting you and by raping the earth, causing dramatic climate change with our profession. And it did not bring us happiness. It brought us magazine covers, fame, money, jet set life with carbon emitting conferences – but no happiness. It even took us the joy of our profession because we created a corsage of rules and regulations and an atmosphere of fear and control that makes it very difficult to allow real creativity and intuition and a social construction process.“ Zitiert nach: https://www.dezeen.com/2023/07/06/anna-heringer-apologises-global-south-uia-congress/ ↩︎
- Vielleicht umfasst dieser sparsamere Umgang mit Flächen dann sogar auch weniger oder kleinere Gemeinschaftsräume als derzeit etwa in Genossenschaftshäusern üblich. ↩︎
- Da Ulrike Herrmann überzeugt ist, dass es grünes Wachstum volkswirtschaftlich nicht gibt und auch nicht geben kann, verweist sie auf die britische Kriegswirtschaft von 1939 als möglichen Ausweg aus der Sackgasse. Vgl. Herrmann, U.: Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden. Köln 2022, S. 229 ff. ↩︎
- Vgl. Willemsen, R.: Wer wir waren. Zukunftsrede. Frankfurt a. M. 2016, S. 26. ↩︎
- Wir sind uns der Problematik bewusst, dass die Fokussierung auf den individuellen CO₂-Fußabdruck dazu beitragen kann, strukturelle Veränderungen zu untergraben und Verantwortung auf das Individuum zu verlagern. Dennoch wird gerechter Klimaschutz mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ohne tiefgreifende Veränderungen in unserer Lebensweise möglich sein. ↩︎