Von Werk­zeugen und Spiel­zeugen

Der Zweck­be­griff bei Adolf Behne

Der Archi­tek­tur­theo­re­tiker und ‑histo­riker Rainer Schüt­zei­chel führt durch die Gedanken Adolf Behnes zu Zweck und Form, welche die Entwick­lungen schildern, die den Bruch mit der seiner­zeit herr­schenden Dominanz der Form in der Archi­tektur anzeigen. Behne nahm mit Blick auf die virulente Stilfrage und die dabei geprägten Ismen eine noch heute erhel­lende Analyse vor, mit der er einen Katalog von verschie­denen Lesarten und Inter­pre­ta­ti­ons­weisen zweck­ge­rich­teter Gestal­tung in der Archi­tektur heraus­ar­bei­tete.

Der moderne Zweckbau von Adolf Behne, vor ziemlich genau hundert Jahren „geschrieben November 1923“1, drei Jahre darauf publi­ziert im Münchner Drei Masken Verlag, trägt den Konnex zwischen „Zweck“ und Archi­tektur bereits im Titel. In knackiger Kürze bringt dieser neben „Zweck“ und „Bau“ mit dem Adjektiv gleich noch ein drittes Thema zur Sprache, eines, das die Archi­tek­tur­de­batte der 1920er-Jahre prägte und von dem nicht zuletzt auch Behnes Erkennt­nis­in­ter­esse geleitet war. Es ist vom „modernen“ Zweckbau die Rede.Behne, Adolf: Der moderne Zweckbau, München / Wien / Berlin 1926, o. S. (S. 8). ↩︎

Damit ging es dem Autor zwar auch um die Verortung seiner Thesen im aktuellen Stil­dis­kurs, um eine archi­tek­tur­his­to­ri­sche Analyse aus kurzer Distanz, sozusagen. Aller­dings war es ihm mit dem Wort „modern“ weniger um die Benennung eines sauber umris­senen Stils bestellt als vielmehr um den Verweis auf eine gesell­schaft­lich grun­dierte Zeit­ge­nos­sen­schaft. Genau diese ist es, die den Kern von Behnes Argu­men­ta­tion darstellt – und zur Grundlage seines Zweck­be­griffs wird, den er in späteren Publi­ka­tionen weiter ausdif­fe­ren­zieren sollte.

Von der Fassade zur gestal­teten Wirk­lich­keit

In seinen drei Kapiteln zeichnet Der moderne Zweckbau eine entspre­chende Stufen­folge der jüngeren Archi­tek­tur­ten­denzen nach. Diese dringt von äußeren, appli­zierten Formen über den Raum bis zum Menschen vor. So wird im ersten Kapitel eine Entwick­lung unter­sucht, die von der noch vom akade­misch-histo­ri­schen Formen­al­lerlei geprägten „Fassade“ zum Baukörper („Haus“) voran­schreitet, das zweite Kapitel spürt dessen Weiter­ent­wick­lung zum „geformten Raum“ nach, das dritte schließ­lich mündet in der nun unmit­telbar mit den Menschen und ihrem Tun verbun­denen „gestal­teten Wirk­lich­keit“.

Erich Mendelsohn, Hutfabrik, Lucken­walde bei Berlin 1921 – 23. Abb. aus: Adolf Behne, Der moderne Zweckbau, 1926

Ein knappes Vorwort umreißt Ausgangs­punkt, Gegen­stand und Ziel­set­zung. Behne sah in der Archi­tektur zwei Gestal­tungs­fak­toren, die mal als Verbün­dete, mal aber auch – etwa im 19. und begin­nenden 20. Jahr­hun­dert – als Antago­nisten aufträten: einer­seits die Form und ande­rer­seits den Zweck. Ursprüng­lich sei das Bauen zweck­ge­richtet gewesen, indem mit ihm ein Schutz „gegen Kälte, gegen Tiere, gegen Feinde“ gesucht worden sei; der Zweck wäre somit der primäre Faktor, mündend in einer „werk­zeug­haften Funktion“ des Baus.2 Indes habe der mensch­liche „Spiel­trieb“ unmit­telbar einge­for­dert, das „Werkzeug“ (hier: das Haus) „über das streng Notwen­dige hinaus ebenmäßig und schön“ zu gestalten, wodurch der zweite Faktor, die Form, Einzug in das Bauen gehalten habe: „Von Anfang an ist das Haus eben­so­sehr Spielzeug wie Werkzeug.“3Ebd., S. 9. ↩︎Ebd. ↩︎

Behne legte Entwick­lungen offen, die einen Bruch anzeigen mit der seiner­zeit (und mithin auch heute) herr­schenden Dominanz der Form in der Archi­tektur, und dieser sei am reinsten auf dem Gebiet des Zweckbaus zu erkennen. „Zweckbau“ umfasste dabei zunächst Bauten wie beispiels­weise Fabriken, Geschäfts- oder Verwal­tungs­ge­bäude, womit sich Behne auf einen im deutsch­spra­chigen Diskurs seit den 1910er-Jahren etablierten Refe­renz­rahmen stützen konnte.4 Diesen engeren Rahmen erwei­terte er letztlich jedoch auf weitere Bautypen, da seit Beginn der 1920er-Jahre eine umfas­sen­dere Behaup­tung des Zwecks gegenüber der Form zu beob­achten sei.Siehe hierzu etwa die Beispiele, die Gropius in seinem im Werkbund-Jahrbuch publi­zierten Vortrag nennt: Walter Gropius, „Die Entwick­lung moderner Indus­trie­bau­kunst“, in: Die Kunst in Industrie und Handel, Jena 1913, S. 17 – 22. Im selben Jahr hatte auch Behne in den Preu­ßi­schen Jahr­bü­chern über den modernen Indus­triebau publi­ziert: Adolf Behne, „Kunst. Roman­tiker, Pathe­tiker und Logiker im modernen Indus­triebau“ (1913), in: Haila Ochs (Hg.), Adolf Behne. Archi­tek­tur­kritik in der Zeit und über die Zeit hinaus, Texte 1913 – 1946, Basel / Berlin / Boston 1994, S. 17 – 21. ↩︎

Im Anhang des Buchs geben nach Ländern geordnete Tafeln einen Überblick über Bauten und Entwürfe zeit­ge­nös­si­scher Archi­tekten, von denen nicht wenige zur Stamm­be­set­zung des sich just heraus­bil­denden Kanons des Neuen Bauens gehören sollten. Behnes Auswahl fällt dabei insgesamt diverser und ausge­wo­gener aus als diejenige von Autoren ähnlich gela­gerter Publi­ka­tionen, die ab Mitte des Jahr­zehnts auf den Buchmarkt gelangten – ange­fangen beim ersten „Bauhaus­buch“, Walter Gropius’ Inter­na­tio­nale Archi­tektur von 1925, das als ‚Konkur­renz­pro­jekt‘ übrigens eine Rolle beim verzö­gerten Erscheinen von Behnes Buch gespielt hatte.5Vgl. Rosemarie Haag Bletter, „Intro­duc­tion“, in: Adolf Behne, The Modern Func­tional Building, Santa Monica 1996, S. 1 – 83, bes. S. 1 – 2 und S. 32. Zu Behnes „nuanced discus­sion“ im Vergleich zu anderen Stimmen im zeit­ge­nös­si­schen Diskurs um die „Sach­lich­keit“ wie Walter Gropius, Ludwig Hilbers­eimer oder Philip Johnson und Henry Russell Hitchcock siehe: ebd., S. 70. Zur Stil­de­batte siehe auch Sarah Williams Goldhagen, „Something to talk about: Modernism, Discourse, Style“, in: Journal of the Society of Archi­tec­tural Histo­rians 64 (2005), H. 2, S. 144 – 167. ↩︎

Ist Der moderne Zweckbau also doch nur ein weiterer Beitrag zur Stil­de­batte? Dieses Ziel verfolgte Behne auch, unbe­nommen, doch ging seine Intention weit darüber hinaus, aus der Analyse eines sich verän­dernden Form­vo­ka­bu­lars eine Stil­de­fi­ni­tion geben zu wollen. Es ist eben nicht die aus der Zweck­do­mi­nanz erwach­sende neue (äußere) Form, die er als das Wesent­liche der Entwick­lung ansah. Vielmehr war sie ihm ein Reibungs­punkt, an dem er wiederum den Zweck­be­griff schärfen konnte.

Stil: ein „Kompromiß“

So nahm Behne mit Blick auf die virulente Stilfrage und die dabei geprägten Ismen eine noch heute erhel­lende Analyse vor, mit der er einen Katalog von verschie­denen Lesarten und Inter­pre­ta­ti­ons­weisen zweck­ge­rich­teter Gestal­tung in der Archi­tektur heraus­ar­bei­tete. Für Ulrich Conrads, von dem Der moderne Zweckbau an einem Kipppunkt des sich mehr und mehr verfla­chenden Nach­kriegs­funk­tio­na­lismus 1964 neu heraus­ge­geben wurde, war Behne der „unbe­stech­liche, kritische Beob­achter, dem das Ganze der Entwick­lung gilt“.6 Viel­leicht wird der hier beschwo­rene, aufs Ganze zielende Blick nirgends so klar wie in Behnes trenn­scharfer, weiter unten zusam­men­ge­fasster Analyse der Tendenzen zweck­ori­en­tierter Gestal­tung aus dem Jahr 1923.Ulrich Conrads, „Vor vierzig Jahren. Vorbe­mer­kungen zum Neudruck 1964“, in: Adolf Behne, 1923. Der moderne Zweckbau, Frankfurt am Main / Berlin 1964, S. 6 – 10, hier S. 9. ↩︎

Otto Wagner, Kassen­saal der Post­spar­kasse, Wien 1905. Abb. aus: Behne 1926

Seine Vorstel­lung von Stil als einem Ausgleich wider­stre­bender Kräfte hatte Behne in Der moderne Zweckbau ausge­spro­chen, wenn er meinte, „daß alles Bauen den Charakter eines Kompro­misses trägt“, und zwar nicht nur „zwischen Zweck und Form“, sondern ebenso – und dies wird zentral werden – „zwischen Indi­vi­duum und Gesell­schaft“.7 Eingän­giger noch und stärker auf die sozialen Umstände abzielend sollte Behne diese These im 1928 erschie­nenen Büchlein Eine Stunde Archi­tektur umreißen, dessen populäre Stoß­rich­tung eine schärfere Wortwahl begüns­tigt haben mag:
„Die Ausein­an­der­set­zung der Sache oder des Zwecks mit der auto­kra­ti­schen Form verläuft in Etappen, und diese Etappen sind es, die wir ‚Stile‘ nennen. Jeder Stil ist ein neuer Kompromiß zwischen Sache und Form, zwischen Wahrheit und Monu­men­ta­lität, daher die Ausprä­gung eines Stiles anzeigt, daß zu dieser Zeit notwendig noch eine Diskre­panz besteht (…). Es hängt damit zusammen, daß wir Stil überall dort in der künst­le­ri­schen Geschichte der Mensch­heit finden, wo wir Klassen finden – und immer am groß­ar­tigsten dort, wo das Klas­sen­system am schroffsten ist.“8
Das Primat von Form oder Zweck wird hier zu einem Signi­fi­kanten des gesell­schaft­li­chen Aushand­lungs­pro­zesses zwischen Einzel- und Kollek­tiv­in­ter­essen.9 Der „Zweck“ – dem hier notabene schon sein bei Behne häufiger gebrauchtes, mit der Neuen Sach­lich­keit konform gehendes Synonym „Sache“ zur Seite gestellt ist – reprä­sen­tiert in diesem Prozess die gemein­wohl­ori­en­tierte Seite, die es mit der „auto­kra­ti­schen Form“ aufnimmt und diese letztlich auf die Plätze verweist. Doch ausge­macht sei die Sache noch nicht, denn die „sich selbst genügende, den Menschen nicht kennende Form (…) ist ein Fetisch, der bis in die Gegenwart hinein seine Opfer fordert.“10Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 65. ↩︎Adolf Behne, Eine Stunde Archi­tektur, Stuttgart 1928, S. 21. ↩︎Zur Veran­ke­rung des Arguments im Sozialen bei Behne siehe etwa Frederic J. Schwartz, „Form Follows Fetish: Adolf Behne and the Problem of ‚Sach­lich­keit‘“, in: Oxford Art Journal 21 (1998), H. 2, S. 45 – 77. ↩︎Behne 1928 (wie Anm. 8), S. 7. ↩︎

Die Begriffe „Spiel“ und „Zweck“ bei Adolf Behne

Nicht zuletzt in Anbe­tracht des noch immer nicht veraus­gabten histo­ris­ti­schen Erbes seien die Abkehr von der Form und die Hinwen­dung zum Zweck eine begrü­ßens­werte klärende Tendenz in der Archi­tektur seiner Zeit, die indes die Geburts­wehen der das Gemein­wohl gegenüber Parti­ku­lar­in­ter­essen auf die Agenda setzenden Demo­kratie 1923 noch kaum über­standen hatte. Mit der diagnos­ti­zierten Schub­um­kehr allein aber sei noch nicht viel erreicht, denn auch die gestal­te­ri­sche Orien­tie­rung am Zweck neige zu Forma­lismen. So ist es denn für den Kritiker Behne, der gegen die Verfech­te­rinnen und Verfechter der von ihm favo­ri­sierten Entwick­lung bisweilen hart auszu­teilen vermochte, charak­te­ris­tisch, dass er die Gefahren und Verfla­chungen in der jüngeren Archi­tek­tur­pro­duk­tion benannte.
Drei Rich­tungen führen Behne zufolge den „Zweck“ im Schilde, grenzten sich aber durch eine jeweils unter­schied­lich inter­pre­tierte Zweck­erfül­lung vonein­ander ab: Utili­ta­rismus, Funk­tio­na­lismus und Ratio­na­lismus. Die Reihe stellt zugleich eine aufstei­gende Stufen­folge dar. So sei „der Utili­ta­rist“ nur am Einzel­fall inter­es­siert, er frage: „Wie handle ich in diesem Fall am prak­tischsten?“, wohin­gegen „der Funk­tio­na­list“ ein Interesse daran habe, wie er „prin­zi­piell am rich­tigsten“ handle.11 Er habe also eine allge­mein­gül­tige, zum Typus führende Lösung im Sinn. Indessen sei es schließ­lich „der Ratio­na­list“, der über eine unmit­tel­bare, ans Jetzt gebundene Zweck­erfül­lung hinaus­denke und demnach Poten­tiale für spätere Verän­de­rungen einräume, die zu anti­zi­pieren weder er noch seine Zeit­ge­nos­sinnen und ‑genossen in der Lage seien:
„Spitzt (…) der Funk­tio­na­list den Zweck am liebsten zum Einmalig-Augen­blick­li­chen zu – für jede Funktion ein Haus! – so nimmt ihn der Ratio­na­list breit und allgemein als Bereit­schaft für viele Fälle, eben weil er an die Dauer des Hauses denkt, das mehrere Gene­ra­tionen mit viel­leicht wech­selnden Ansprü­chen sieht und deshalb nicht leben kann ohne – Spielraum.“12Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 45. ↩︎Ebd., S. 62. ↩︎

Erich Mendelsohn mit Erich Laaser, Umbau Textil­werke, Turmtrakt, Wüste­giers­dorf 1922 / 23. Abb. aus: Behne 1926

Anders als die „Sache“ – ein Begriff, der bei Behne synonym zu „Zweck“ vorkommt – ist der im obigen Zitat benutzte Begriff „Funktion“ enger gefasst. Er meint eine vergleichs­weise eng umrissene, spezi­fi­sche Nutzung, wohin­gegen „Zweck“ (oder eben: „Sache“) weiter greift und die auf eine zweck­mä­ßige (sachliche) Notwen­dig­keit ausge­rich­tete Gestal­tung meint. In der Anwendung auf ein nach mensch­li­chem Bedarf zu gestal­tendes Artefakt habe dieses dann „Gebrauchs­wert“, es voll­bringe „Leis­tungen“; denn „(n)icht Formen an sich inter­es­sieren uns, sondern Formen in Beziehung auf den Menschen, nicht Formen a priori, sondern Leis­tungen.“13 Entschei­dend ist aber eben nicht allein die Erfüllung des wie auch immer gearteten, unmit­telbar gegebenen Zwecks, sondern die Möglich­keit, „wech­selnden Ansprü­chen“ gerecht werden zu können und somit sich verän­dernde Zweck­an­for­de­rungen einzu­räumen.
Dieser „Spielraum“ nun, der ange­sichts real oder poten­ziell wech­selnder gesell­schaft­li­cher Rahmen­be­din­gungen notwendig ist, sich über die Zeit entfaltet und „mehrere Gene­ra­tionen“ in die Zukunft gerichtet ist, macht den Kern des Zweck­be­griffs bei Behne aus. So, wie der Zweck nicht nur eine indi­vi­duell umrissene, starre Funktion ist, so muss auch zweck­mä­ßige Gestal­tung ein dyna­mi­sches Moment anti­zi­pieren und zukünf­tige Anpas­sungen nicht nur erlauben, sondern eigent­lich bereits – wenn auch subkutan – einge­schrieben haben. Dies verlangt von den Gestal­te­rinnen und Gestal­tern, am Puls­schlag der Zeit zu sein und darüber hinaus ein Vorstel­lungs­ver­mögen zu besitzen, das nicht ins Beliebige abdriftet. Bei Behne ist es mit „Phantasie“ bezeichnet:
„Die äußerste Inten­sität, die revo­lu­tio­näre Wahrheit und Feinheit der Zweck­erfül­lung, die dann immer auch eine neue Ziel­set­zung wird, das und nichts anderes ist in der Baukunst Phantasie. (…) Sach­lich­keit ist nicht Phan­ta­sie­lo­sig­keit, sondern Ansporn der Phantasie, ist jene Phantasie, die statt mit Will­kür­lich­keit und Fiktionen mit Wirk­lich­keiten und Exakt­heiten arbeitet.“14
Im Oktober 1965, gut vierzig Jahre (sowie zwei poli­ti­sche System­wechsel) nach der Erst­ver­öf­fent­li­chung von Der moderne Zweckbau, hielt Theodor Adorno auf der Tagung des Deutschen Werkbunds in Berlin seinen viel­be­ach­teten Vortrag „Zum Problem des Funk­tio­na­lismus heute“. Im Rückblick sowohl auf die Debatten der Zwischen­kriegs­zeit als auch auf die kaum immer über­zeu­gende Baupro­duk­tion der Gegenwart hatte sich dieser bei Behne mittlere, auf die singuläre Funktion zielende Begriff allgemein durch­ge­setzt. Adorno entwi­ckelte im Vortrag den ebenfalls bei Behne zentralen Begriff der „Phantasie“ weiter, der mit einem über die Form­ge­nese hinaus­ge­henden Gestal­tungs­über­schuss verknüpft ist: „Offenbar gibt es in den Mate­ria­lien und Formen, die der Künstler empfängt und mit denen er arbeitet, (…) etwas, was mehr ist als Material und Form. Phantasie heißt: dieses Mehr inner­vieren.“15 Und weiter:
„Raum­ge­fühl ist inein­ander gewachsen mit den Zwecken; wo es in der Archi­tektur sich bewährt als ein die Zweck­mä­ßig­keit Über­stei­gendes, ist es zugleich den Zwecken immanent. Ob solche Synthesis gelingt, ist wohl ein zentrales Kriterium großer Archi­tektur. Diese fragt: wie kann ein bestimmter Zweck Raum werden, in welchen Formen und in welchem Material; alle Momente sind reziprok aufein­ander bezogen. Archi­tek­to­ni­sche Phantasie wäre demnach das Vermögen, durch die Zwecke den Raum zu arti­ku­lieren, sie Raum werden zu lassen; Formen nach Zwecken zu errichten. Umgekehrt kann der Raum und das Gefühl von ihm nur dann mehr sein als das arm Zweck­mä­ßige, wo Phantasie in die Zweck­mä­ßig­keit sich versenkt. Sie sprengt den imma­nenten Zweck­zu­sam­men­hang, dem sie sich verdankt.“16
Das von Adorno beschwo­rene Sprengen des unmit­tel­baren Entste­hungs­zu­sam­men­hangs weist bereits im Moment der Voll­endung eines Gebäudes über das Jetzt hinaus. Sein Argument, das sich um den engeren Bereich der archi­tek­to­ni­schen Gestal­tung legt, wendet sich an dieser Stelle genau jenem „Spielraum“ zu, den Behne vierzig Jahre zuvor benannt hatte. Dieser war bei ihm nicht nur Merkmal „großer Archi­tektur“ gewesen, sondern hatte den wesent­li­chen Kern eines zukunfts­fä­higen, seiner gesell­schaft­li­chen Verant­wor­tung gerecht werdenden Bauens ausge­macht.Behne 1928 (wie Anm. 8), S. 29. ↩︎Ebd., S. 59. ↩︎Theodor W. Adorno, „Funk­tio­na­lismus heute“ (1965), in: ders., Ohne Leitbild. Parva Aesthe­tica, Frankfurt am Main 1968, S. 104 – 127, hier S. 118. ↩︎Ebd., hier S. 118 – 119. ↩︎

Albert Kahn, Seamless Steel Tubes Company, Detroit 1922. Abb. aus: Behne 1926

„Spielraum“ für mögliche Zukünfte

Für Conrads wie für Adorno war die Sachlage Mitte der 1960er-Jahre ange­sichts eines in Forma­lismus zu erstarren drohenden Nach­kriegs­funk­tio­na­lismus klar gewesen: Es musste sich etwas ändern in der Baupro­duk­tion. Der Blick in die Geschichte könnte helfen. Und so ist es kein Zufall, dass Ersterer Behnes Der moderne Zweckbau neu herausgab und meinte, das Buch könne auch „nach vierzig Jahren noch einmal fruchtbar werden (…) für ein von erstarrten Begriffen bedrängtes Bauen, neu im Sinne einer Wegwei­sung des Bauens“.17 Es mag kaum eine Bedie­nungs­an­lei­tung für das Entwerfen abgegeben haben, doch zur begriff­li­chen Schärfung trug Behnes klar­sich­tige Analyse in der Tat bei.
Auch heute mag dessen Zweck­be­griff ange­sichts des ihm einge­schrie­benen (keines­falls forma­lis­tisch zu verste­henden) dyna­mi­schen Moments unver­min­dert hilfreich sein. Obschon auch wir bisweilen mit einer Art neuem Histo­rismus konfron­tiert sind, welcher sich innerhalb einer Nische in teils politisch moti­vierten, immer aber von norma­tiven Geschichts­bil­dern getrie­benen Rekon­struk­tions- und Ersatz­neu­bau­vor­haben äußert, wird doch der zukunfts­wei­sende Archi­tek­tur­dis­kurs von der Einsicht geprägt, dass Bauen zukünftig ein manchmal mini­mal­in­va­sives, immer aber ressour­cen­scho­nendes Um- und Weiter­bauen wird sein müssen.
Genau hier gewinnt Behnes „Spielraum“ sein Gewicht. Beim Um- und Weiter­bauen nämlich geht es nicht zuerst um die Form, weder um die im Bestand vorge­fun­dene noch um die mit dem baulichen Eingriff ange­strebte, sondern um die Möglich­keit, Struk­turen zweck­mäßig zu adap­tieren, ihre Offenheit verant­wor­tungs­be­wusst weiter­zu­schreiben, weiteren Zukünften Raum zu geben und somit „aus einem möglichst neutralen Zustande eine verjüngte, lebendige, atmende Form zu schaffen.“18Conrads 1964 (wie Anm. 6), S. 10. ↩︎Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 9 – 10. ↩︎

Prof. Dr. Rainer Schüt­zei­chel (*1977) lehrt Archi­tektur- und Stadt­bau­ge­schichte an der FH Potsdam. Zuvor war er Gast­do­zent und Lehr­be­auf­tragter für Geschichte und Theorie der Stadt und der Archi­tektur an der Hoch­schule München sowie wissen­schaft­li­cher Mitar­beiter an der ETH Zürich, dort am Institut für Geschichte und Theorie der Archi­tektur (gta) sowie am Institut für Denk­mal­pflege und histo­ri­sche Baufor­schung (IDB).

  1. Behne, Adolf: Der moderne Zweckbau, München / Wien / Berlin 1926, o. S. (S. 8). ↩︎
  2. Ebd., S. 9. ↩︎
  3. Ebd. ↩︎
  4. Siehe hierzu etwa die Beispiele, die Gropius in seinem im Werkbund-Jahrbuch publi­zierten Vortrag nennt: Walter Gropius, „Die Entwick­lung moderner Indus­trie­bau­kunst“, in: Die Kunst in Industrie und Handel, Jena 1913, S. 17 – 22. Im selben Jahr hatte auch Behne in den Preu­ßi­schen Jahr­bü­chern über den modernen Indus­triebau publi­ziert: Adolf Behne, „Kunst. Roman­tiker, Pathe­tiker und Logiker im modernen Indus­triebau“ (1913), in: Haila Ochs (Hg.), Adolf Behne. Archi­tek­tur­kritik in der Zeit und über die Zeit hinaus, Texte 1913 – 1946, Basel / Berlin / Boston 1994, S. 17 – 21. ↩︎
  5. Vgl. Rosemarie Haag Bletter, „Intro­duc­tion“, in: Adolf Behne, The Modern Func­tional Building, Santa Monica 1996, S. 1 – 83, bes. S. 1 – 2 und S. 32. Zu Behnes „nuanced discus­sion“ im Vergleich zu anderen Stimmen im zeit­ge­nös­si­schen Diskurs um die „Sach­lich­keit“ wie Walter Gropius, Ludwig Hilbers­eimer oder Philip Johnson und Henry Russell Hitchcock siehe: ebd., S. 70. Zur Stil­de­batte siehe auch Sarah Williams Goldhagen, „Something to talk about: Modernism, Discourse, Style“, in: Journal of the Society of Archi­tec­tural Histo­rians 64 (2005), H. 2, S. 144 – 167. ↩︎
  6. Ulrich Conrads, „Vor vierzig Jahren. Vorbe­mer­kungen zum Neudruck 1964“, in: Adolf Behne, 1923. Der moderne Zweckbau, Frankfurt am Main / Berlin 1964, S. 6 – 10, hier S. 9. ↩︎
  7. Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 65. ↩︎
  8. Adolf Behne, Eine Stunde Archi­tektur, Stuttgart 1928, S. 21. ↩︎
  9. Zur Veran­ke­rung des Arguments im Sozialen bei Behne siehe etwa Frederic J. Schwartz, „Form Follows Fetish: Adolf Behne and the Problem of ‚Sach­lich­keit‘“, in: Oxford Art Journal 21 (1998), H. 2, S. 45 – 77. ↩︎
  10. Behne 1928 (wie Anm. 8), S. 7. ↩︎
  11. Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 45. ↩︎
  12. Ebd., S. 62. ↩︎
  13. Behne 1928 (wie Anm. 8), S. 29. ↩︎
  14. Ebd., S. 59. ↩︎
  15. Theodor W. Adorno, „Funk­tio­na­lismus heute“ (1965), in: ders., Ohne Leitbild. Parva Aesthe­tica, Frankfurt am Main 1968, S. 104 – 127, hier S. 118. ↩︎
  16. Ebd., hier S. 118 – 119. ↩︎
  17. Conrads 1964 (wie Anm. 6), S. 10. ↩︎
  18. Behne 1926 (wie Anm. 1), S. 9 – 10. ↩︎

Autor*innen

Erich Mendelsohn, Hutfabrik, Lucken­walde bei Berlin 1921 – 23. Abb. aus: Adolf Behne, Der moderne Zweckbau, 1926
Otto Wagner, Kassen­saal der Post­spar­kasse, Wien 1905. Abb. aus: Behne 1926
Erich Mendelsohn mit Erich Laaser, Umbau Textil­werke, Turmtrakt, Wüste­giers­dorf 1922 / 23. Abb. aus: Behne 1926
Albert Kahn, Seamless Steel Tubes Company, Detroit 1922. Abb. aus: Behne 1926