vorhalle oder fabrik?

Der angel­säch­si­sche Begriff der „lobby“ wurzelt wohl in den römischen lobia, den „Lauben“: Hier wurden die römischen Senatoren von bestimmten Inter­es­sen­gruppen an die Möglich­keit ihrer Abwahl erinnert. Da man ihnen auf diesem Wege auch Vergüns­ti­gungen oder Schwie­rig­keiten bei bestimmten Entschei­dungen oder Abstim­mungen in Aussicht stellen konnte, hatte diese baulich oft als Vorhalle gedeutete Schnitt­stelle zwischen Bürgern und Politik eine nicht geringe Bedeutung für die poli­ti­sche Meinungs- und Willens­bil­dung im antiken Rom.

Der Lobby­ismus, der sich aus dieser Praxis entwi­ckelt hat, steht in zwei­fel­haftem Ruf. Nicht von ungefähr beschäf­tigen sich bürger­recht­liche Orga­ni­sa­tionen wie Lobby­Con­trol seit längerem mit den Auswir­kungen der Einfluss­nahme gerade der mächtigen Lobby­isten. Die Frage, wer in Berlin oder Brüssel tatsäch­lich regiert, beant­worten Kritiker dieses Systems mit einem Halbsatz: „Nur der Profi­ti­smus“.

2115 Verbände und Inter­es­sen­ver­tre­tungen listet zum gegen­wär­tigen Zeitpunkt die Lobby­liste des Deutschen Bundes­tags auf. Der Eintrag in sie ist frei­willig und sagt lediglich etwas darüber aus, wer zu den Anhö­rungen des Bundes­tags geladen wird. Deshalb kreuzen sich hier die Wege von Inter­es­sen­ge­mein­schaften wie der  Arbeits­ge­mein­schaft „Zukunft Amateur­funk­dienst“ bis zu ZeLeM, dem Verein zur Förderung des messia­ni­schen Glaubens in Israel. Natürlich sind auch der BUND oder der WWF dabei. Wer jedoch tatsäch­lich in der Haupt­stadt die Strippen zieht, ist dieser Liste wohl kaum zu entnehmen.

No. 236 der „ Ständig aktualisierte(n) Fassung der öffent­li­chen Liste über die Regis­trie­rung von Verbänden und deren Vertre­tern“ ist derzeit der Bund Deutscher Archi­tekten BDA, unmit­telbar vor dem Bund Deutscher Baum­schulen (No. 238) und nicht weit entfernt vom Bund Deutscher Kanin­chen­züchter (No. 247) und dem Bund Deutscher Karneval (No. 248). Manche dieser Orga­ni­sa­tionen haben überaus konkrete Ziele: So setzen sich die Kanin­chen­züchter für die artge­rechte Haltung, für die Auffin­dung und Rückgabe verlo­ren­ge­gan­gener Tiere, für den Kanin­chen­sport (KaninHop & Agility), Kanin­chen­kunst (KaninArt) und Bastel­ar­beiten in „Crea­tiv­gruppen“ sowie für die Verwer­tung von Kanin­chen­pro­dukten wie Wolle, Fell, Fleisch, Mist und Gülle ein. Der BDA bleibt da vornehmer und unver­fäng­li­cher, in dem er sich als „Inter­es­sen­ver­tre­tung frei­be­ruf­li­cher Archi­tek­tinnen und Archi­tekten im öffent­li­chen, berufs­po­li­ti­schen und ‑recht­li­chen Bereich sowohl auf natio­naler wie auch inter­na­tio­naler Ebene“ darstellt.

Das ist eigent­lich ein bisschen wenig, weil der wesent­liche Unter­schied der Inter­es­sen­lagen so nicht erkennbar wird –  denn spätes­tens mit der Satzungs­re­form von 1972 des damaligen BDA-Präsi­diums unter Busso von Busse, hat der BDA eine Neude­fi­ni­tion erfahren. Aus der ehema­ligen Lobby­or­ga­ni­sa­tion zum Schutz der Rechte der frei­schaf­fenden Archi­tekten wurde – nach der Gründung der vor allem berufs­po­li­tisch tätigen BAK – qua präsi­dialer Erklärung eine gesell­schafts­po­li­tisch orien­tierte Denk­fa­brik für die Kultur des Bauens. Diese Fähigkeit des BDA und seiner enga­gierten Mitglieder, früh­zeitig archi­tek­tur­kul­tu­relle und archi­tek­tur­po­li­ti­sche Themen zu entdecken, aufzu­be­reiten und in die poli­ti­sche und öffent­liche Diskus­sion einzu­schleusen, ist ein inzwi­schen gerne von Politik und Wirt­schaft genutztes Potential. Dabei wird die Funktion des Verbandes wohl kaum die unmit­tel­bare Beein­flus­sung von Poli­ti­kern sein. Zu den wich­tigsten Funk­tionen von Denk­fa­briken zählen nach einer verbrei­teten Defi­ni­tion die Forschung, das Agenda Setting, die Beratung von Politik, Verwal­tung und Öffent­lich­keit, die Forcie­rung einer öffent­li­chen und wissen­schaft­li­chen Debatte – und eventuell die Ausbil­dung eines Pools von Experten: alles Dinge, die der BDA auf Bundes‑, Landes- und lokaler Ebene mit seinen Gremien und Ausschüssen, mit seinen Veran­stal­tungen wie dem Berliner Gespräch und den BDA-Symposien, mit seiner Zeit­schrift und dem DAZ, mit der Formu­lie­rung des Klima-Manifests und seinen Jahres­pro­grammen in den vergan­genen Jahren immer wieder erfolg­reich umgesetzt hat.

Die Art der Poli­tik­be­ra­tung, die der Verband damit leistet, muss unab­hängig und öffent­lich sein. Nur so kann der BDA seine große Stärke halten und mehren: Es ist die Äußerung von objek­ti­vierten Wert­ur­teilen, die ihn von allen anderen Verbänden und Kammern im Feld der Archi­tektur abhebt. Dieses Profil gilt es zu stärken. Das idea­lis­ti­sche Denken, das nicht-profit­ori­en­tierte Handeln machen den Bund Deutscher Archi­tekten BDA im Unter­schied zu vielen anderen Orga­ni­sa­tionen der „Lobby­liste“ zu einem „think tank“, dem viele Zukünf­tiges zutrauen. Das könnte seine Mitglieder sehr stolz machen.

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