Wege in die Globa­lo­polis

Buch der Woche: Die Stadt der Zukunft

In Deutsch­land leben derzeit gut drei Viertel der Bevöl­ke­rung in Städten. Das ist etwas mehr als das euro­päi­sche Mittel (74 Prozent), aber deutlich weniger als der südame­ri­ka­ni­sche Durch­schnitt, wo der Anteil der Stadt­be­völ­ke­rung bereits 84 Prozent der Gesamt­be­völ­ke­rung ausmacht. Was alle Konti­nente eint: Die Prognosen gehen davon aus, dass sich dieser Anteil weiter erhöhen wird. Und zwar merklich. In ihrem Buch „Globa­lo­polis“ vertreten Friedrich von Borries, studierter Architekt, und der Stadt­planer Benjamin Kasten die nach­voll­zieh­bare These, dass es nicht um die Frage geht, ob die Welt verstäd­tert, sondern wie.

Da den Autoren zufolge in Städten heute rund 75 Prozent der global erzeugten Energie verbraucht und etwa 80 Prozent der welt­weiten CO2-Emis­sionen ausge­stoßen werden, muss sich auch vor dem Hinter­grund einer Erhaltung der Lebens­fä­hig­keit der Spezies Mensch und einer globalen Gerech­tig­keit auf die Stadt als Lebens­raum konzen­triert werden. Kluger­weise lassen sich von Borries und Kasten erst gar nicht auf die alten Streit­ham­mel­fragen nach der Rich­tig­keit vom Ideal der euro­päi­schen Stadt ein, sondern konsta­tieren aktuelle Beob­ach­tungen als Gege­ben­heiten: Städte sind unter­schied­lich, sie eint lediglich, dass sie Stadt sind. Und derzeit auch der Wett­be­werb. Städte wollen attraktiv sein, um die poten­testen Arbeit­geber, die besten Fach­kräfte, die krea­tivsten Eliten und willigsten Ausfüh­renden an sich zu binden. Von diesem kapi­ta­lis­ti­schen Wett­be­werb der Städte jedoch wollen die Autoren weg, hin zu einer gleich­be­rech­tigten Form der Koope­ra­tion der Städte unter­ein­ander: zur Globa­lo­polis, der Stadt der Zukunft.

Das aber erfordert vor allem Offenheit, so von Borries und Kasten. So ist die ange­strebte Globa­lo­polis eben nicht nur ein riesen­haft verstäd­terter Raum, sondern eine gesell­schaft­liche Idee. Die Stadt, so die These, ist das poli­ti­sche Konstrukt, in dem am unmit­tel­barsten auf die Belange der Bürge­rinnen und Bürger einge­gangen werden kann, als Einheit kleiner als die histo­risch junge Idee von der Nation, aber groß genug, um seiner Einwohner wegen, eine gewisse Wirkmacht zu entfalten und dabei weitaus agiler als supra­na­tio­nale Insti­tu­tionen wie die Vereinten Nationen. Neben den inter­na­tio­nalen Migra­ti­ons­strömen weisen für die Autoren auch hybride kultu­relle Iden­ti­täten und gelebter alltäg­li­cher Kosmo­po­li­tismus darauf hin, dass die Zeit der Natio­nal­staaten zu Ende geht.

Einiges an diesem Buch ist bemer­kens­wert. Etwa der Stel­len­wert, den Kasten und von Borries der Gestal­tung zuspre­chen. Den nur mit guter Gestal­tung gelingt es, autofreie Städte mit einem ähnlichen Appeal von Freiheit, Glück und eigener Stärke aufzu­laden, wie das dem Auto dank Design und gut gestal­teter Werbung in den letzten 70 Jahren gelungen ist.

Oder die Betrach­tung der Mobilität: Sie wird hier dankens­werter Weise nicht nur als (flie­ßender und stehender) Verkehr begriffen, sondern allgemein mit Hinblick auf die Möglich­keit einer Beweg­lich­keit in und zwischen den Städten der verschie­denen Länder und Konti­nente. „Soziale Mobilität“ nennen die beiden Autoren das. Viele Menschen sind weltweit unterwegs – und fast immer versuchen sie, Städte zu erreichen. Je reicher sie sind, desto leichter fällt es ihnen. Profes­so­rinnen und Profes­soren haben in den seltensten Fällen Probleme, inter­kon­ti­nental von einer Stadt zu andern zu migrieren. Arbei­te­rinnen und Arbeitern, die noch keinen Job in Aussicht haben, machen oft spätes­tens die Leute von Frontex einen Strich durch die Rechnung. Und das bedeutet, dass sich Städte entweder zu massiven Festungen aufrüsten oder offen für eine Vielzahl von Bewohnern sein werden, für die es gilt, Arbeit und Wohnraum bereit­zu­stellen.

In dieser Stadt sind Natur und Stadt nichts wider­sprüch­li­ches, sondern müssen als Einheit wahr- und ernst­ge­nommen werden. Dazu gehört auch das Anlegen neuer ökolo­gisch produk­tiver Land­schafts­flä­chen, die Luft reinigen und kühlen, Wasser speichern oder Lebens­mittel produ­zieren. Damit würde die Stadt an sich zum Produ­zenten werden, der nicht mehr sein Umland aussaugen muss und gleich­zeitig resi­li­enter gegenüber klima­ti­schen Extremen wäre. Häuser und Infra­struk­turen werden hier als hybride Formen gelesen, bei denen das Tragwerk Teil einer wach­senden Pflanze sein könnte, die Abwässer Teil einer Dünge­an­lage und die Fassaden Energie erzeugen und die Luft reinigen.

Die Stadt, die Struktur ihrer Gebäude, wird in der Globa­lo­polis als Ressource verstanden, bei der ein rele­vanter Teil der Entwurfs­leis­tung auch darin besteht, die Einzel­teile so zu fügen, dass sie später leicht von einander getrennt und weiter verar­beitet werden können. Bauen ist hier das intel­li­gente Zwischen­la­gern oder – markt­ori­en­tiert – wert­hal­tige „Anlegen“ jener Ressourcen, die alle Bauma­te­ria­lien sind.

Was sich theo­re­tisch, utopisch oder gar dysto­pisch liest, haben die Autoren intel­li­gent geerdet: Die jewei­ligen Abschnitte sind angefüllt mit in Klammern geschrie­benen, roten Begriffen. Es sind die Beispiele, auf die schon im Text verwiesen wird, und die sich als Sammlung am Ende des Buches ausführ­li­cher studieren lassen. Der Anspruch ist dabei nicht, dass ausge­reifte Lösungen präsen­tiert werden, sondern vielmehr eine Kollek­tion zusam­men­ge­tragen wird, die alter­na­tive Denk- und Hand­lungs­mög­lich­keiten aus der jüngeren und älteren Vergan­gen­heit aufzeigt.

Lesens­wert sind dabei auch die Inter­views, die die Autoren mit verschie­denen Akteuren geführt haben. Es kommen der in Peking als Architekt arbei­tende und am MIT unter­rich­tende Yung Ho Chang, Diébédo Francis Kéré – ebenfalls Architekt, der mit seinem Berliner Büro Projekte auf verschie­denen Konti­nenten reali­siert – und die aus Brasilien stammende Künst­lerin und Forscherin Luiza Prado O. Martins zu Wort. Durch diese Ergänzung erfährt das Buch den notwen­digen Perspek­tiv­wechsel aus der euro­zen­tris­tisch geprägten Sicht der beiden Autoren.

Friedrich von Borries und Benjamin Kasten schlagen keinen „man müsste mal“-Ton zwischen Konjunktiv und Resi­gna­tion an, sondern zeigen opti­mis­tisch auf, dass Stadt nicht nur eine prin­zi­piell erstre­bens­werte Form des Zusam­men­le­bens ist, sondern auch, welche konkreten Optionen gegeben sind, um sich schritt­weise weg vom aktuellen, ins Desaster führenden Hyper­ka­pi­ta­lismus zu bewegen.

David Kasparek

Friedrich von Borries, Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft – Wege in die Globa­lo­polis, 208 S., Fischer Taschen­buch, Frankfurt/​Main 2019, ISBN 978–3‑596–70432‑3