Wie groß ist  zu groß?

 Kirchen­bauten auf Sinnsuche

Schrump­fende Mitglie­der­zahlen, noch weniger Gottes­dienst­be­su­cher und klamme Kassen führen dazu, dass mehr und mehr Kirchen­ge­bäude geschlossen werden. Sie werden verkauft, umgenutzt oder abge­rissen. Die Theologin und Kunst­his­to­ri­kerin Karin Berkemann zeigt, was dabei auf dem Spiel steht: Es sind nicht nur archi­tek­to­ni­sche Land­marken, sondern auch iden­ti­täts­stif­tende Orte des Zusam­men­kom­mens mit eminenten städ­te­bau­li­chen Quali­täten. Sie zu priva­ti­sieren und einer kommer­zi­ellen Nutzung zuzu­führen, beraubt die Innen­städte und Dorfkerne eines wichtigen öffent­li­chen Raums. Kirchen sind Gemein­güter – daran sollte auch ihre Trans­for­ma­tion nichts ändern.

Kirchen werden gebaut, sie werden geschlossen, umgenutzt und abge­rissen, das passiert seit Jahr­hun­derten. Neu aber ist die Geschwin­dig­keit, mit der sich der Bestand verändert. Die beiden großen christ­li­chen Konfes­sionen verlieren rasant an Mitglie­dern, Personal und Finanzen. Daher gehen Exper­tinnen und Experten davon aus, dass von den rund 45.000 Kirchen­bauten in Deutsch­land1 künftig ein Drittel bis die Hälfte infrage gestellt werden. Inzwi­schen hat sich ein Problem aufsum­miert, das nicht nur kirch­liche Kreise, sondern die gesamte Gesell­schaft betrifft. Es geht um eine dichte Kultur­land­schaft, und genau hier setzen die kirch­li­chen Spar­maß­nahmen an: Man habe einfach zu viele und zu große Immo­bi­lien, als dass sie sich auf Dauer rechnen könnten. Da lohnt sich ein Blick auf die Stärken, die in der groß­zü­gigen Weite von Kirchen liegen – als tradi­ti­ons­reiche Bewe­gungs­räume, iden­ti­täts­stif­tende Grenz­werte, viel­schich­tige Sinnorte und heilsame Stör­fak­toren.Evan­ge­lisch-landes­kirch­liche und römisch-katho­li­sche Gemein­de­kir­chen. Der Theologe Konstantin Manthey rechnet in seinem Vortrag zu verlo­renen Kirchen in Berlin am 20. Januar 2025 in der Katho­li­schen Akademie in Berlin – Kapellen und litur­gi­sche Räume in Sonder­bauten, von Kommu­ni­täten und Ordens­ge­mein­schaften hinzu­zäh­lend – in Deutsch­land mit insgesamt 95.220 Objekten der beiden großen Konfes­sionen (noch ohne Frei­kir­chen und christ­liche Sonder­ge­mein­schaften). ↩︎

Bewe­gungs­räume

Ein Modell der 2014 abge­ris­senen Kirche St. Paul aus Duisburg-Marxloh (1970, Paul Günther) gehört am Emscher Kunstweg zur Instal­la­tion „Neustadt“ (2021, Julius von Bismarck, Marta Dyachenko), die verlo­renen Bauten der Region ein kleines Denkmal setzt. Foto: Cfbolz (CC BY-SA 4.0)

Mit einer Reise­an­ek­dote eröffnete der Hamburger Architekt Friedhelm Grundmann 1972 seinen Fach­bei­trag, der für eine bewegte Nutzung großer Kirchen warb: „Früh am Morgen kam ich in den Mailänder Dom. Der Raum war völlig frei von Gestühl, aber an den Pfeilern, nahe dem Eingang, lehnten Kolonnen von Klapp­stühlen.“ Neugierig geworden, kehrte er am Abend in die histo­ri­sche Kirche zurück. „Die Gestühls­berge waren abgebaut, aber überall im Raum zeugten die nun leeren Sitz­gruppen von den verschie­densten Orten der Andacht und Teilnahme.“2 In einem Akt kura­tierter Anarchie hatte man es den Nutze­rinnen und Nutzer über­lassen, ihren Stuhl genau an der Stelle aufzu­klappen, wo sie ihn gerade brauchten. Grundmann zeichnete damit nicht nur das Idealbild, wie er sich die flexible Aneignung eines großen Raums vorstellte. Er verwies zugleich auf die Geschichte, auf die gotischen Dome. „In ihnen lebte die Gemeinde ‚alltäg­lich‘ – nicht nur im Sonn­tags­got­tes­dienst.“ Gerade Frei­flä­chen ohne Gestühl boten hier die Möglich­keit, nach und neben litur­gi­schen Nutzungen auch Geschäfte anzu­bahnen, Stadt­siegel zu verwahren und Gerichts­ver­hand­lungen abzu­halten.Grundmann, Friedhelm: Leben in alten Kirchen­räumen, in: kunst und kirche 35, 1972, S. 9 – 11, die hier zitierten Stellen: S. 10, 9. Zur frühen Nutzungs­de­batte vgl. auch die Berliner Gespräche (1987 – 1994), vgl. u. a. Neue Nutzungen von alten Kirchen. Erstes Berliner Gespräch. 16. und 17. November 1987. Doku­men­ta­tion der Veran­stal­tung, Referate und Diskus­si­ons­bei­träge, hg. von der Evan­ge­li­schen Kirche in Berlin-Bran­den­burg (Berlin West), vom Senator für Stadt­ent­wick­lung und Umwelt­schutz und von der Tech­ni­schen Univer­sität Berlin, Institut für Kunst­wis­sen­schaft, Berlin 1988. ↩︎

Was sich auf evan­ge­li­scher Seite nach 1945 langsam entwi­ckelte, das Ausba­lan­cieren fester und flexibler Elemente in histo­ri­schen Groß­räumen, nahmen viele römisch-katho­li­sche Gemeinden in einem einzigen Schritt: Die Reform­vor­schriften des Zweiten Vati­ka­ni­schen Konzils (1962 – 1965) lagen in Deutsch­land erst mit Verzö­ge­rung in einer auto­ri­sierten Über­set­zung vor. Auf dieser Grundlage stellte man den Altar nun gerne auf die Schwelle von Schiff und Chor, damit sich die Gläubigen als Gemein­schaft um ihn herum scharen konnten. Ähnlich funk­tio­nierten viel­glied­rige Kirchen­neu­bauten der Spät­mo­derne, die manches beweglich hielten, mit Ausnahme einer unver­rück­baren litur­gi­schen Keimzelle. Das voll­ständig flexible Gemein­de­zen­trum, das keinen der litur­gi­schen Orte fixieren mochte, blieb ein kontro­vers disku­tiertes Ideal. Um 1970 jedoch gehörte in jeden guten evan­ge­li­schen Archi­tek­tur­wett­be­werb zumindest einmal das Schlag­wort „multi­funk­tional“ – neben Grund­riss­va­ri­anten, die den Gottes­dienstraum auch als Kirchen­café oder Kino zeigten.

Bei einigen Rokoko-Bänken in der Lindauer Kirche St. Stephan lassen sich die Rücken­lehnen umklappen, sodass man sich im Gottes­dienst bis heute je nach Bedarf zur Kanzel oder zum Altar wendet. Foto: Tilman2007 (CC BY-SA 4.0)

Eigen­schaften wie multi­funk­tional und poly­zen­trisch, mehrere Nutzungen und Mittel­punkte unter einem Dach, waren in histo­ri­schen Räumen oft bereits angelegt. Selbst das 19. Jahr­hun­dert mit seinen scheinbar unver­rückbar fest­ste­henden Sakral­bauten brachte Lösungen mit rollbaren Altären und versenk­baren Wänden hervor. Gräbt man in der Geschichte der Bauten tiefer, finden sich oft noch radi­ka­lere Umwäl­zungen. Mit Refor­ma­tion und Säku­la­ri­sie­rung wurden ehemalige Kirchen­räume nicht selten unter­glie­dert, um sie zu Laza­retten, Biblio­theken, Hörsälen, Pfer­de­ställen oder Münz­prä­ge­stätten umzu­nutzen. Und manche von ihnen kehrten später in eine gottes­dienst­liche Nutzung des Großraums zurück. Kurz, jede Kirche war (und ist) gedacht als atmender Raum für viel­fäl­tige Nutzungs­formen. Doch allzu häufig wurden solche Möglich­keiten nicht auf Dauer ausge­schöpft. Mal fehlte das Personal, mal fehlte die Fantasie, sodass viele Räume auf einem Status Quo einge­froren wurden. In über­lie­ferten Frei­flä­chen heute nur verschenkte unwirt­schaft­liche Quadrat­meter zu sehen, verkennt daher die Wurzeln und Möglich­keiten gewach­sener Kirchen­räume.

Grenz­werte

Schon die Bibel ist reich an Raum­bil­dern des Wanderns und Rastens, die später auf den Kirchenbau über­tragen wurden: vom Stifts­zelt, das die Israe­li­tinnen und Israe­liten bei ihrem Zug durch die Wüste begleitet, bis zum himm­li­schen Jerusalem, das am Ende aller Zeiten (mal pracht­voll, mal bescheiden) aufscheint. Eine Kirche galt durch die Jahr­hun­derte als Vorahnung des Kommenden, als Ruhepunkt auf dem Weg durch unbe­haustes Gebiet. Umso gründ­li­cher haben viele Gemeinden nicht nur einen litur­gi­schen Ort ausge­formt, sondern gleich noch das Umfeld mit sinn­stif­tenden Orten versehen. Bild­stöcke und Kapellen, Pilger­routen und Mari­en­fi­guren an Häuser­ecken, all das verband den Außenraum mit der Bewegung im Inneren. Eine Kirche konnte man sich folge­richtig nicht ersitzen, man musste sie sich erlaufen. Solche Netzwerke wieder sichtbar zu machen, hat sich bei Bera­tungs­pro­zessen in Gottes­dienst­räumen als hilfreich erwiesen. Beim People Mapping etwa, wie es die Denkmal- und Kirchen­päd­agogik erprobt haben, kartiert man gemeinsam Laufwege und macht so gut besuchte oder frei­blei­bende Zonen sichtbar.3 Auf dieser Grundlage können dann in einem zweiten Schritt neue gestal­te­ri­sche und funk­tio­nale Akzente erar­beitet werden.Vgl. u. a. Denkmal Europa. Das Workbook für Zeit­rei­sende, hg. von der Verei­ni­gung der Landes­denk­mal­pfleger, o. O. (Wiesbaden) o. J. (2020). ↩︎

Im Rahmen der Spring School „Kirche und Kultur­erbe“ markierten Studie­rende der Archi­tektur, Kunst­ge­schichte und Theologie 2023 alter­na­tive Laufwege im Hamburger Gemein­de­zen­trum Mümmel­manns­berg (1976, Grundmann – Rehder – Zeuner). Foto: Sonja Hnilica

Sowohl die Karte als auch den Akt des Kartie­rens beschreibt der Urbanist Jan Fries als Grenz­ob­jekt, und beruft sich dabei auf ein sozio­lo­gi­sches Modell von Susan Leigh Star und James R. Griesemer.4 Gerade bei Projekten im virtu­ellen Raum – von der Roten Liste des Deutschen Verbands für Kunst­ge­schichte bis zum Abriss-Atlas – eignen sich Akteu­rinnen und Akteure gemeinsam ihr Umfeld an, machen Miss­stände sichtbar und ermutigen zu Verän­de­rungen. Um dabei unter­schied­liche Haltungen und Herkünfte der Akti­visten über­brü­cken zu können, braucht es Objekte, die ein verbin­dendes Ziel stiften, eben Grenz­ob­jekte wie Kirchen­bauten. Daher koor­di­niert die Verfas­serin dieses Beitrags seit acht Jahren eine parti­zi­pa­tive Open-Access-Karte: Im gemein­nüt­zigen Online-Magazin moder­ne­RE­GIONAL macht die Datenbank „invi­si­bilis“ verlorene Kirchen mit aktuell 2.331 Einträgen sichtbar.5 Bereits 1.997 geschlos­sene, abge­ris­sene, bedrohte oder neu genutzte Kirchen, die in Deutsch­land seit 1850 entstanden, werden ergänzt um weitere sehens­werte Klein- und Seri­en­kir­chen. Damit bildet invi­si­bilis die größte publi­zierte Daten­samm­lung zum Thema.Vgl. Fries, Jan, Zwischen Gemein­gü­tern und Grenz­ob­jekten – Kollek­tives Kartieren als Gemein­schaffen, in: Arch+ 258, 2025, S. 60 – 63. ↩︎Vgl. https://​invi​si​bilis​.moderne​-regional​.de, Abruf: 17. Dezember 2024. Das DFG-Forschungs­pro­jekt SAWA etwa, das u. a. auf invi­si­bilis-Daten zurück­ge­griffen hat, beruht auf einer kleineren Datenbank mit knapp 1500 Einträgen, vgl. Löffler, Beate, Drei Jahr­zehnte sakral­to­po­gra­phi­schen Wandels. Auswer­tung der quan­ti­ta­tiven Erfassung, in: dies. / Sharbat Dar, Dunja (Hg.), Sakra­lität im Wandel. Religiöse Bauten im Stadtraum des 21. Jahr­hun­derts in Deutsch­land, Berlin 2022, S. 16 – 36, hier: S. 18f. ↩︎

Alle auf invi­si­bilis verzeich­neten Kirchen, die Verän­de­rungen unter­worfen sind, teilen sich in zwei Gruppen: Eine Hälfte (45 Prozent) befindet sich als bedroht oder geschlossen im Warte­stand. In der zweiten Hälfte (47 Prozent) haben die Räume die Grenze bereits über­schritten, wurden in eine gemischte bezie­hungs­weise profane Nutzung überführt oder abge­rissen. Nur ein kleiner Anteil (acht Prozent) ging an andere religiöse Gruppen. Bei diesen Zahlen spielt die ursprüng­liche Konfes­sion keine Rolle, aber das Entste­hungs­jahr: Auf drei Bauphasen (1850 – 1918, 1919 – 1945, 1976 – 2024) kommt je nur ein Zehntel (neun bis 15 Prozent) der Kirchen im Wandel. Die verblei­benden zwei Drittel (67 Prozent) entfallen auf die Boomjahre (1946 – 1975). Doch die These, dass Nach­kriegs­kir­chen (vergli­chen mit anderen Phasen) prozen­tual häufiger dem Bagger zum Opfer fallen, wird von der Statistik widerlegt. Eine histo­ris­ti­sche Kirche etwa hat in ihrer Phase die gleiche Abriss­wahr­schein­lich­keit wie ein Nach­kriegsbau, rund ein Viertel (26 bzw. 25 Prozent). Zahlen­mäßig sind zwar vorwie­gend Räume der boomenden Nach­kriegs­jahre betroffen, aber steht ein Bau erst einmal auf der Streich­liste, dann entscheiden andere Kriterien von Lage bis Sanie­rungs­stau. Wie sehr sich Menschen für das Besondere von Kirchen erwärmen, ist unab­hängig von Material und Stil.

Sinnorte

Wenn es darum geht, das Besondere von Kirchen­räumen genauer zu beschreiben, ringt die akade­mi­sche Theologie um Worte. Zur Jahr­tau­send­wende waren oft große Begriffe wie Aura, Heilig­keit oder Erha­ben­heit im Spiel. Doch seit diese Bauten an gesell­schaft­li­cher Selbst­ver­ständ­lich­keit verlieren, konzen­trieren sich kirch­liche Stellen immer häufiger auf eine schlichte Kosten-Nutzen-Abwägung. Wo Verän­de­rungen anstehen, werden sie gerne positiv kommu­ni­ziert – aus Umnutzung wird Nach­nut­zung oder Trans­for­ma­tion. Für die Nuancen dazwi­schen hat sich inner­theo­lo­gisch das wolkige „hybrid“ einge­bür­gert: Thomas Erne fasst damit eine von Ästhetik bis Spiri­tua­lität chan­gie­rende Raum­er­fah­rung. Im DFG-Projekt Transara hingegen beschreiben Alexander Deeg und Kerstin Menzel als „hybrid“ das Wech­sel­spiel von kirch­li­chen und nicht-kirch­li­chen Akteu­rinnen und Akteuren: Beide ‚Parteien‘ nutzen denselben Raum parallel (simultan) oder mit einer Trennwand (separiert); die neuen Nutze­rinnen und Nutzer beschränken sich auf Anbauten (ange­la­gert) oder bespielen alleine (abgelöst) den gesamten Bau, dessen litur­gi­sche Vergan­gen­heit ablesbar bleibt.6Vgl. Deeg, Alexander / Menzel, Kerstin, Poten­tiale span­nungs­voller Koope­ra­tionen. Begriff und Praxis hybrider Kirchen­nut­zung, in: Albert, Gerhards (Hg.), Kirche im Wandel. Erfah­rungen und Perspek­tiven (Sakral­raum­trans­for­ma­tionen 1) Münster 2022, S. 171 – 189. ↩︎

Seit 2011 werden in der profa­nierten Kirche St. Ursula in Hürth-Kalscheuren (1956, Dominikus und Gottfried Böhm) wech­selnde Kunst­aus­stel­lungen gezeigt – die litur­gi­schen Ausstat­tungs­stücke der Bauzeit hat man zuvor entfernt. Foto: Felix Hemmers, Baukultur NRW

Wird ein Gottes­dienstraum voll­ständig aus seiner litur­gi­schen Nutzung entlassen, spricht die evan­ge­li­sche Seite von Entwid­mung, die römisch-katho­li­sche von Profa­nie­rung. Nach diesem Abschied fühlen sich die kirch­li­chen Stellen oft nicht mehr für den Bau verant­wort­lich – nicht umsonst endet die neue Hand­rei­chung des Erzbis­tums Köln zum Thema genau an diesem Punkt.7 Die Erfahrung der Gemeinden ist eine andere, wenn sie nach einem vorge­ge­benen Zeitplan und Bemes­sungs­schlüssel zügig aussor­tieren müssen. Zum einen fürchten sie vorschnelle und damit falsche Entschei­dungen, zum anderen werden sie vor Ort noch sehr lange mit ihrem ehema­ligen Bauwerk und dessen Schicksal verknüpft. Vor diesem Hinter­grund bildete sich im Frühjahr 2024 die „initia­tive kirchen​ma​ni​fest​.de“.8 Zehn baukul­tu­relle Akteu­rinnen und Akteure, darunter die Verfas­serin dieses Beitrags, veröf­fent­lichten im Mai 2024 eine Petition mit der Über­schrift „Kirchen sind Gemein­güter!“. So wie zu ihrer Gestal­tung und Erhaltung oft jahr­hun­der­te­lang Stadt- und Orts­ge­mein­schaften beigetragen haben, so müssen diese jetzt auf Augenhöhe einbe­zogen werden. Entspre­chend unter­streicht das Kirchen­ma­ni­fest: Wer „diese Bauten heute allein privat­wirt­schaft­lich als Immo­bi­lien betrachtet, beraubt die Commu­nitas.“Vgl. Kirchen (um-)nutzen. Arbeits­hilfe zur Umnutzung von Kirchen im Erzbistum Köln, hg. vom Gene­ral­vi­ka­riat des Erzbis­tums Köln, Köln 2024, Vorab­ver­sion. ↩︎http://​www​.kirchen​ma​ni​fest​.de, Abruf: 20. Januar 2025. ↩︎

Das Manifest macht klar, dass es nicht den einen, alles bestim­menden Punkt gibt, mit dem der Wert einer Kirche steht und fällt: Vielmehr sind diese Bauten „mehrfach codierte Orte“. Sie bilden Merk­zei­chen in der Stadt- und Dorf­sil­hou­ette, hüten als Kunst­räume eine reiche Ausstat­tung, bergen als geschichts­träch­tige Orte das Wissen über nach­hal­tiges Bauen und bieten kühle Zonen in einer aufge­heizten Stadt. Heute benennt auch die Öffent­liche Theologie vermehrt den Wert von Kirchen­räumen als öffent­liche Orte, mit einem geist­li­chen Plus. Ähnliches arbeitet die Theorie der Vierten Orte heraus. Der Soziologe Ray Olden­bourg betonte in den 1980er-Jahren, dass es Dritte Orte brauche, an denen man sich zwischen dem Zuhause und dem Arbeits­platz austau­schen und kulturell begegnen kann. Zu dieser Rolle, die Kirchen­bauten tradi­tio­nell oft einnehmen, zieht eine Ausstel­lung von Baukultur NRW aktuell eine weitere Ebene ein: Als Vierte Orte ermög­li­chen Kirchen eine Sinn­erfah­rung über das Alltäg­liche hinaus. Damit eine solche weit­her­zige Deutungs- und Nutzungs­viel­falt trans­pa­rent ausge­han­delt werden kann, fordert das Manifest – das bereits von mehr als 21.000 Menschen unter­zeichnet wurde – eine neue Verant­wor­tungs­ge­mein­schaft: „mit einer Stiftung oder Stif­tungs­land­schaft für Kirchen­bauten und deren Ausstat­tungen.“

Stör­fak­toren

Das frühere Karstadt-Gebäude (1996, Harald Deilmann) in der Lübecker König­straße dient aktuell als „Über­gangs­haus“ für Kultur und Bildung. Foto: Karin Berkemann

Um den Blick für Kirchen zu weiten, hilft der Verweis auf andere Großräume mit ähnlichen Problemen: Kauf­häuser. Auch sie liegen an zentralen Orten, werben mit einer beson­deren Gestal­tung um Lauf­kund­schaft, können dieses Verspre­chen immer weniger einlösen und stehen zunehmend leer. Die Diskus­sionen, wie beide Baug­at­tungen gemein­we­sen­ori­en­tiert nach­zu­nutzen seien, verlaufen nicht unähnlich, aber meist unab­hängig vonein­ander. In Lübeck etwa hat die Stadt mit Bundes­mit­teln das Programm „Über­gangs­weise“ aufgelegt, um leer­fal­lende Räume kreativ neu zu bespielen. Als „Über­gangs­in­seln“ werden Ruhe­punkte angeboten, deren Partner von der Buch­hand­lung bis zur Kultur­kirche St. Petri reichen. Als zentraler Raum dient das ehemalige Karstadt-Kaufhaus in der König­straße, das 1996 nach Entwürfen des Archi­tekten Harald Deilmann fertig­ge­stellt wurde. 2022 von der Stadt angekauft, steht dieses „Über­gangs­haus“ seit 2024 / 25 unter der Woche täglich mehrere Stunden offen, für Kultur und Bildung: Die lokale Univer­sität, TH und Musik­hoch­schule stellen digitale (Lern-)Techniken vor und bereit.9 Hier können sich Schü­le­rinnen und Schüler aufhalten und austau­schen. Und das Stadt­pla­nungsamt lädt zu Betei­li­gungs­pro­zessen ein.Vgl. Rethfeld, Stefan / Sonne, Wolfgang (Hg.), Harald Deilmann – lebendige Archi­tektur, Ausstel­lungs­ka­talog, Baukunst­ar­chiv NRW Dortmund, 2021, Dortmund 2021; https://​www​.luebeck​-tourismus​.de/​u​e​b​e​r​g​a​n​g​s​w​e​i​s​e​/​u​e​b​e​r​g​a​n​g​s​h​aus, Abruf: 11. Januar 2025. ↩︎

Wie es mit diesem Mixed-Use-Konzept auf Dauer weiter­geht, entscheidet die Stadt Lübeck gemeinsam mit den Nutze­rinnen und Nutzern im Projekt­ver­lauf – der Erfolgs­faktor liegt schon jetzt im kura­tierten Mitmachen. In diesem Geist könnten Kirchen­räume – auch wenn sie nie dazu gedacht waren, sich ökono­misch zu rechnen – viel für das alltäg­liche Zusam­men­leben leisten. Denn, so die These des Sozio­logen Rainald Manthe, gerade in scheinbar beiläu­figen Begeg­nungen findet Demo­kratie statt: bei der U‑Bahnfahrt zur Arbeit oder beim Besuch der Dorf­kneipe.10 Hier begreifen wir, dass Menschen sehr unter­schied­lich sind und dennoch alles am Ende irgendwie funk­tio­niert. Für eine solche „demo­kra­ti­sche Irri­ta­tion“ sieht Manthe bei Kirchen als Dritte Orte ein großes, noch unge­ho­benes Potenzial.11Vgl. Manthe, Rainald, Demo­kratie fehlt Begegnung. Über Alltags­orte des sozialen Zusam­men­halts, Bielefeld 2024, S. 20, 53, 58f. ↩︎Vgl. Manthe, Rainald, Demo­kratie jenseits von Wahlen. Alltäg­liche Begeg­nungs­orte der Demo­kratie, in: Aus Politik und Zeit­ge­schichte, 11. Oktober 2024, https://​www​.bpb​.de/​s​h​o​p​/​z​e​i​t​s​c​h​r​i​f​t​e​n​/​a​p​u​z​/​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​j​e​n​s​e​i​t​s​-​v​o​n​-​w​a​h​l​e​n​-​2​0​2​4​/​5​5​2​9​0​8​/​a​l​l​t​a​e​g​l​i​c​h​e​-​b​e​g​e​g​n​u​n​g​s​o​r​t​e​-​d​e​r​-​d​e​m​o​k​r​a​t​ie/, Abruf: 20. Januar 2025. ↩︎

Dass ein dichtes Netz reli­giöser Räume vielfach Sinn macht, belegt nicht zuletzt die Tradition des Kirchen­asyls. Hier können sich Schutz­be­dürf­tige auf Zeit zurück­ziehen und ihr Schicksal neu verhan­deln. Mit einer entspre­chenden Petition, die schon von über 77.000 Menschen unter­zeichnet wurde, legt die Ökume­ni­sche „Bundes­ar­beits­ge­mein­schaft Asyl in der Kirche e. V.“ ihren Finger in eine poli­ti­sche Wunde.12 Die ab 1983 geübte Praxis wurde 2015 in einem Abkommen zwischen dem Bund und den großen christ­li­chen Gemein­schaften bekräf­tigt. Doch seit einigen Monaten werden Geflüch­tete, so führt es die Petition aus, vermehrt poli­zei­lich aus Kirchen geholt und abge­schoben. Gerade im drohenden Verlust solcher Schutz­räume wird sichtbar, wie sehr Kirche und Gesell­schaft glei­cher­maßen auf sie ange­wiesen sind.https://​weact​.campact​.de/​p​e​t​i​t​i​o​n​s​/​w​i​r​-​b​r​a​u​c​h​e​n​-​d​e​i​n​e​-​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​t​-​m​i​t​-​d​e​m​-​k​i​r​c​h​e​n​a​syl, Abruf: 11. Januar 2025. ↩︎

PD Dr. habil. Karin Berkemann, Theologin und Kunst­his­to­ri­kerin, lehrt und forscht als Kustodin der Dalman-Sammlung an der Theo­lo­gi­schen Fakultät Greifs­wald sowie als Privat­do­zentin für Archi­tek­tur­ge­schichte und Denk­mal­pflege an der TU Dortmund. Sie ist Mither­aus­ge­berin von moder­ne­RE­GIONAL, Mitin­itia­torin des Kirchen­ma­ni­fests und erhielt 2024 eine Besondere Auszeich­nung im Rahmen des BDA-Preises für Archi­tek­tur­kritik.

  1. Evan­ge­lisch-landes­kirch­liche und römisch-katho­li­sche Gemein­de­kir­chen. Der Theologe Konstantin Manthey rechnet in seinem Vortrag zu verlo­renen Kirchen in Berlin am 20. Januar 2025 in der Katho­li­schen Akademie in Berlin – Kapellen und litur­gi­sche Räume in Sonder­bauten, von Kommu­ni­täten und Ordens­ge­mein­schaften hinzu­zäh­lend – in Deutsch­land mit insgesamt 95.220 Objekten der beiden großen Konfes­sionen (noch ohne Frei­kir­chen und christ­liche Sonder­ge­mein­schaften). ↩︎
  2. Grundmann, Friedhelm: Leben in alten Kirchen­räumen, in: kunst und kirche 35, 1972, S. 9 – 11, die hier zitierten Stellen: S. 10, 9. Zur frühen Nutzungs­de­batte vgl. auch die Berliner Gespräche (1987 – 1994), vgl. u. a. Neue Nutzungen von alten Kirchen. Erstes Berliner Gespräch. 16. und 17. November 1987. Doku­men­ta­tion der Veran­stal­tung, Referate und Diskus­si­ons­bei­träge, hg. von der Evan­ge­li­schen Kirche in Berlin-Bran­den­burg (Berlin West), vom Senator für Stadt­ent­wick­lung und Umwelt­schutz und von der Tech­ni­schen Univer­sität Berlin, Institut für Kunst­wis­sen­schaft, Berlin 1988. ↩︎
  3. Vgl. u. a. Denkmal Europa. Das Workbook für Zeit­rei­sende, hg. von der Verei­ni­gung der Landes­denk­mal­pfleger, o. O. (Wiesbaden) o. J. (2020). ↩︎
  4. Vgl. Fries, Jan, Zwischen Gemein­gü­tern und Grenz­ob­jekten – Kollek­tives Kartieren als Gemein­schaffen, in: Arch+ 258, 2025, S. 60 – 63. ↩︎
  5. Vgl. https://​invi​si​bilis​.moderne​-regional​.de, Abruf: 17. Dezember 2024. Das DFG-Forschungs­pro­jekt SAWA etwa, das u. a. auf invi­si­bilis-Daten zurück­ge­griffen hat, beruht auf einer kleineren Datenbank mit knapp 1500 Einträgen, vgl. Löffler, Beate, Drei Jahr­zehnte sakral­to­po­gra­phi­schen Wandels. Auswer­tung der quan­ti­ta­tiven Erfassung, in: dies. / Sharbat Dar, Dunja (Hg.), Sakra­lität im Wandel. Religiöse Bauten im Stadtraum des 21. Jahr­hun­derts in Deutsch­land, Berlin 2022, S. 16 – 36, hier: S. 18f. ↩︎
  6. Vgl. Deeg, Alexander / Menzel, Kerstin, Poten­tiale span­nungs­voller Koope­ra­tionen. Begriff und Praxis hybrider Kirchen­nut­zung, in: Albert, Gerhards (Hg.), Kirche im Wandel. Erfah­rungen und Perspek­tiven (Sakral­raum­trans­for­ma­tionen 1) Münster 2022, S. 171 – 189. ↩︎
  7. Vgl. Kirchen (um-)nutzen. Arbeits­hilfe zur Umnutzung von Kirchen im Erzbistum Köln, hg. vom Gene­ral­vi­ka­riat des Erzbis­tums Köln, Köln 2024, Vorab­ver­sion. ↩︎
  8. http://​www​.kirchen​ma​ni​fest​.de, Abruf: 20. Januar 2025. ↩︎
  9. Vgl. Rethfeld, Stefan / Sonne, Wolfgang (Hg.), Harald Deilmann – lebendige Archi­tektur, Ausstel­lungs­ka­talog, Baukunst­ar­chiv NRW Dortmund, 2021, Dortmund 2021; https://​www​.luebeck​-tourismus​.de/​u​e​b​e​r​g​a​n​g​s​w​e​i​s​e​/​u​e​b​e​r​g​a​n​g​s​h​aus, Abruf: 11. Januar 2025. ↩︎
  10. Vgl. Manthe, Rainald, Demo­kratie fehlt Begegnung. Über Alltags­orte des sozialen Zusam­men­halts, Bielefeld 2024, S. 20, 53, 58f. ↩︎
  11. Vgl. Manthe, Rainald, Demo­kratie jenseits von Wahlen. Alltäg­liche Begeg­nungs­orte der Demo­kratie, in: Aus Politik und Zeit­ge­schichte, 11. Oktober 2024, https://​www​.bpb​.de/​s​h​o​p​/​z​e​i​t​s​c​h​r​i​f​t​e​n​/​a​p​u​z​/​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​j​e​n​s​e​i​t​s​-​v​o​n​-​w​a​h​l​e​n​-​2​0​2​4​/​5​5​2​9​0​8​/​a​l​l​t​a​e​g​l​i​c​h​e​-​b​e​g​e​g​n​u​n​g​s​o​r​t​e​-​d​e​r​-​d​e​m​o​k​r​a​t​ie/, Abruf: 20. Januar 2025. ↩︎
  12. https://​weact​.campact​.de/​p​e​t​i​t​i​o​n​s​/​w​i​r​-​b​r​a​u​c​h​e​n​-​d​e​i​n​e​-​s​o​l​i​d​a​r​i​t​a​t​-​m​i​t​-​d​e​m​-​k​i​r​c​h​e​n​a​syl, Abruf: 11. Januar 2025. ↩︎

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Ein Modell der 2014 abge­ris­senen Kirche St. Paul aus Duisburg-Marxloh (1970, Paul Günther) gehört am Emscher Kunstweg zur Instal­la­tion „Neustadt“ (2021, Julius von Bismarck, Marta Dyachenko), die verlo­renen Bauten der Region ein kleines Denkmal setzt. Foto: Cfbolz (CC BY-SA 4.0)
Bei einigen Rokoko-Bänken in der Lindauer Kirche St. Stephan lassen sich die Rücken­lehnen umklappen, sodass man sich im Gottes­dienst bis heute je nach Bedarf zur Kanzel oder zum Altar wendet. Foto: Tilman2007 (CC BY-SA 4.0)
Im Rahmen der Spring School „Kirche und Kultur­erbe“ markierten Studie­rende der Archi­tektur, Kunst­ge­schichte und Theologie 2023 alter­na­tive Laufwege im Hamburger Gemein­de­zen­trum Mümmel­manns­berg (1976, Grundmann – Rehder – Zeuner). Foto: Sonja Hnilica
Seit 2011 werden in der profa­nierten Kirche St. Ursula in Hürth-Kalscheuren (1956, Dominikus und Gottfried Böhm) wech­selnde Kunst­aus­stel­lungen gezeigt – die litur­gi­schen Ausstat­tungs­stücke der Bauzeit hat man zuvor entfernt. Foto: Felix Hemmers, Baukultur NRW
Das frühere Karstadt-Gebäude (1996, Harald Deilmann) in der Lübecker König­straße dient aktuell als „Über­gangs­haus“ für Kultur und Bildung. Foto: Karin Berkemann