Wohnen

Ein Grund­be­dürfnis

Nach Nahrung und Beklei­dung gehört das Wohnen, das heißt zunächst der Schutz vor den Unbilden der Witterung, zu den Grund­be­dürf­nissen des Menschen. Über den Zeitraum von Jahr­tau­senden und über verschie­dene Völker und Kulturen hinweg haben sich unter­schied­lichste Formen des Wohnens heraus­ge­bildet, resul­tie­rend aus klima­ti­schen Gege­ben­heiten, nutzungs­spe­zi­fi­schen Anfor­de­rungen und unter­schied­li­chen Modellen des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens. Mit dem ausge­henden 19. Jahr­hun­dert und beschleu­nigt im 20. Jahr­hun­dert traten tradierte Formen des Wohnens und damit auch ihre bauliche Ausdrucks­formen immer weiter zurück und stan­dar­di­sierte Typo­lo­gien setzten sich mehr und mehr durch. Das nahezu unge­bremste Wachstum der Welt­be­völ­ke­rung und die damit verbun­dene weltweite Verstäd­te­rung beschleu­nigten diesen Prozess.

Der sukzes­sive sozio­lo­gi­sche Wandel von einer ländlich geprägten Gesell­schaft mit großen Fami­li­en­ver­bänden hin zu einer städ­ti­schen, stark indi­vi­dua­li­sierten Gesell­schaft mit einem stetig wach­senden Anteil an Single­haus­halten führt unwei­ger­lich zu geän­derten Anfor­de­rungen. Doch wie sehen diese Anfor­de­rungen  aus? Wie müssen Wohn­mo­delle der Zukunft beschaffen sein – und was heißt „inno­va­tives Wohnen“?

Aktuell behandeln die Medien und in Folge auch die Verant­wort­li­chen aus Politik und Wohnungs­wirt­schaft die Thematik einer Wohnungsnot, obwohl alle Betei­ligten wissen, dass es in Deutsch­land keine Wohnungsnot an sich gibt, sondern beschleu­nigte Nach­fra­ge­ver­schie­bungen konsta­tiert werden müssen: Rückgang der Bevöl­ke­rung in einigen Städten und Regionen, Zunahme in anderen, was zu einer Verknap­pung von Wohnungen insbe­son­dere im eher günstigen Miet­zins­ni­veau in den nach­ge­fragten Städten führt. Nur am Rande sei bemerkt, dass gerade auch dieje­nigen Städte eine Zunahme der Bevöl­ke­rung regis­trieren, die eher über anerkannt attrak­tive Stadt­bilder verfügen. Zu dieser Binnen­wan­de­rung kommt die steigende Zahl von Single­haus­halten hinzu, aber auch die gleichen Phänomene, die bereits in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahr­hun­derts den Wohnungs­markt beein­flussten: Die Gene­ra­tion der Baby­boomer drängte in den Wohnungs­markt und Zuwan­de­rung ließ die Bevöl­ke­rung wachsen, heute suchen die Kinder der Baby­boomer, wenn auch in ihrer Anzahl geringer, ihre eigenen Wohnungen und es ist erneut eine Zuwan­de­rung zu verzeichnen. Ob die Lösung wieder in die Diskus­sion gebrachte neue Groß­sied­lungen sind, darf bezwei­felt werden. Auch wird mehr Dichte allein nicht den komplexen Anfor­de­rungen von Stadt und Wohnen gerecht. Die extrem verdich­tete Stadt, ob mittel­al­ter­lich oder grün­der­zeit­lich geprägt, führte nicht ohne Grund zum jahr­zehn­te­lang gültigen Ideal von  Licht, Luft und Sonne als Quali­täts­maß­stab für Stadt­pla­nung und Wohnungsbau.

Karl Böttcher (1904–1992), Studie: Wohnung für das Exis­tenz­mi­nimum, Abb.: Archi­tek­tur­mu­seum TU Berlin

Und ob der stark durch den Wieder­aufbau geprägte Wohnungs­be­stand, oft eher im Erschei­nungs­bild als Siedlung denn als Stadt, in den vorherr­schenden – an der Klein­fa­milie orien­tierten – Wohnungs­ty­po­lo­gien geeignet ist, die Bedürf­nisse der Menschen in Zukunft noch zu erfüllen, darf auch bezwei­felt werden. Doch wie verändern sich die Vorstel­lungen über das Wohnen über Gene­ra­tionen hinweg, wie wirken sich gewan­delte Lebens­mo­delle oder ethnische Unter­schiede auf die Wohn­si­tua­tionen aus? Und welche Schluss­fol­ge­rungen für den zukünf­tigen Wohnbau ergeben sich aus dieser genauen Betrach­tung von unter­schied­li­chen „Ziel­gruppen“?  Vor allem muss erörtert werden, wie der mensch­liche Aspekt in der exis­ten­zi­ellen Bedeutung des Wohnens Raum findet: Sich „zuhause“ zu fühlen in einem guten städ­te­bau­li­chen Umfeld, in funk­ti­ons­durch­mischten, gut gestal­teten Quar­tieren oder Nach­bar­schaften, einge­bunden in ein möglichst viel­schich­tiges soziales Umfeld und ein Wohnen in quali­tät­vollen Räumen hat wesent­li­chen Einfluss auf die Lebens­qua­lität. Wohnen ist mehr als Ener­gie­ef­fi­zienz, Vermarkt­bar­keit oder Rendite.

Dipl.-Ing. Heiner Farwick (*1961) studierte Archi­tektur und Städtebau am Fach­be­reich Bauwesen der Univer­sität Dortmund, wo er 1989 diplo­mierte. Nach Mitarbeit im Archi­tek­tur­büro Hans Busso von Busse (München) erfolgte 1992 die Gründung des Büros farwick + grote archi­tekten BDA stadt­planer, Ahaus / Dortmund. Von 2007 bis 2009 war Heiner Farwick koop­tiertes Mitglied im BDA-Präsidium, ab 2009 Präsi­di­ums­mit­glied, seit 2011 Vize­prä­si­dent und seit Dezember 2013 ist er Präsident des BDA.

 

Autor*innen

Karl Böttcher (1904–1992), Studie: Wohnung für das Exis­tenz­mi­nimum, Abb.: Archi­tek­tur­mu­seum TU Berlin