Wohn­träume werden wahr

Gerhard Schulze

Ein sozio­lo­gi­scher Blick in deutsche Lebens­welten

 

Die Laut­lo­sig­keit verschenkter Chancen

Um die Wende zum 20. Jahr­hun­dert herum sagte Heinrich Zille, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Er war sozusagen als zeich­nender Sozi­al­re­porter des Berliner Arbei­ter­mi­lieus in feuchten, engen und dunklen Behau­sungen unterwegs, wie wir sie inzwi­schen weit­ge­hend hinter uns gelassen haben. Heute leben wir mit neuen Defiziten des Wohnens, doch erfordert es geistige Anstren­gung, sie überhaupt wahr­zu­nehmen. Sie mani­fes­tieren sich nicht als Bedrängnis, vielmehr führen sie die lautlose Existenz verschenkter Chancen. Gegen dieses Schweigen ange­gangen zu sein, ist das Verdienst meiner Vorredner, die hundert Jahre nach Heinrich Zille darüber nach­dachten, was die Über­win­dung des Elends erst lohnend macht – die Suche nach Glück, die spie­le­ri­sche Selbst­ent­fal­tung, das Projekt des schönen Lebens in einem guten Ambiente.

Archi­tektur der Lebens­welt

Der Ort dieses Projekts ist die Lebens­welt. Mit diesem für die Sozio­logie zentralen Begriff ist alles gemeint, was wir als selbst­ver­ständ­lich akzep­tieren und nur dann noch wahr­nehmen, wenn es Störungen gibt. Man erkennt die Lebens­welt an ihren Krisen. „Was kommt denn da für ein Lärm von draußen? Ach so, sie reißen wieder mal die Straße auf.“ Die Press­luft­hämmer kündigen Verän­de­rungen in der räum­li­chen Dimension der Lebens­welt an.

Doch auf das Räumliche lässt sich die Lebens­welt nicht redu­zieren. Zu ihr gehört etwa auch der folgende Satz: „Du bist immer so ein Morgen­muffel, aber heute hast du alar­mie­rend gute Laune – da stimmt doch irgendwas nicht.“ Viel­leicht wurde dieser Satz zu Hause gespro­chen, viel­leicht irgendwo unterwegs. Er spielt auf den sozialen Aspekt der Lebens­welt an, der vom räum­li­chen zu unter­scheiden ist.

Nun könnte es aber sein, dass der Partner am Morgen weniger mürrisch wäre, wenn er sich nicht das Wasch­be­cken mit zwei Schul­kin­dern teilen müsste. Die soziale Dimension der Lebens­welt wird von der räum­li­chen mitbe­stimmt, aber auch die räumliche von der sozialen. Ob beispiels­weise ein Quartier verwahr­lost oder nicht, hängt sowohl von seiner Archi­tektur ab wie auch von der Verant­wor­tung, die Menschen für ihre Wohn­um­ge­bung ergreifen.

Lebens­welten entstehen aus dem Zusam­men­spiel zwischen den Gege­ben­heiten im Raum einer­seits und dem täglichen Umgang damit ande­rer­seits. Archi­tekten und ihre Auftrag­geber bewirt­schaften den Raum als gebaute Konstel­la­tion von Chancen und Hinder­nissen. Indirekt greifen sie damit immer auch in die soziale Dimension der Lebens­welt ein. Zu beneiden sind sie um diese Aufgabe nicht, denn sie müssen dies anti­zi­pie­rend tun, als Prognos­tiker von Dreh­bü­chern des Alltags, denen sie eine passende Szenerie zur Verfügung stellen sollen. Archi­tektur ist immer auch implizite Sozio­logie.

Wie heikel dies ist, lässt sich an miss­lun­genen Visionen studieren. Wohn­träume werden wahr, und was dann? Ich komme beispiels­weise oft an einem ins südliche Dach gefrästen Winter­garten vorbei, in dem ein Ohren­sessel steht – ein Platz, der als Paradies gedacht ist, den aber niemand aufsucht. Auch ich würde mich nicht frei­willig hinsetzen. Jeder würde mich sehen, während ich schutzlos dem Anblick der tristen Fassaden gegenüber ausge­lie­fert wäre und in der Sonne schwitzen müsste, umgeben von Kakteen, denn andere Pflanzen halten es dort nicht aus.

Privat­heit und Öffent­lich­keit

Dass die Privat­sphäre der Wohnung in einen öffent­li­chen Nahbe­reich einge­bettet ist, merkt man auch innerhalb der eigenen vier Wände auf Schritt und Tritt. Vor die Wahl gestellt, in einem schönen Haus zu wohnen, von dem aus ich auf ein häss­li­ches blicken muss, oder umgekehrt aus dem häss­li­chen heraus auf das schöne zu schauen, würde ich mich für Letzteres entscheiden.

Archi­tektur kann noch so privat gemeint sein, sie mag die Umgebung noch so sehr igno­rieren, es wird ihr doch nicht gelingen, den Wirkungen zu entgehen, die der immer schon vorhan­dene öffent­liche Kontext auf sie ausüben wird, ebenso wie umgekehrt der Kontext jedem neuen privaten Projekt ausge­lie­fert ist. Privat­sphäre und nahe Öffent­lich­keit stehen in einem unauf­lös­baren ästhe­ti­schen und lebens­welt­li­chen Verwei­sungs­zu­sam­men­hang zwischen Synergie und Kata­strophe. Ob der privat beauf­tragte Architekt nun einen Winter­garten ins Dach keilt, ob er die Fenster bodentief oder als schmale Glas­bänder in Kopfhöhe plant, ob er die Fassade weiß oder gelb streichen lässt, er setzt immer auch ein Zeichen im Kontext und wird ande­rer­seits vom Kontext verein­nahmt. Es ist deshalb ein verhäng­nis­voller Kate­go­rien­fehler, Privat­heit und Öffent­lich­keit als gegen­ein­ander abschließ­bare Bezirke zu sehen. Vielmehr handelt es sich um unter­schied­liche Exis­tenz­formen, die gleich­zeitig zu uns gehören und sich ständig berühren.

Die Exis­tenz­form der Öffent­lich­keit ist die wesent­lich ältere, ja man kann geradezu sagen: Am Anfang war die Öffent­lich­keit. Am Anfang stand das wech­sel­sei­tige Beob­achten, die Neugier auf die anderen, die Verstän­di­gung über gemein­same Ziele, wie Michael Tomasello in seiner Theorie über die Ursprünge der Kommu­ni­ka­tion in empi­ri­schen Studien der Zeige­gesten von Primaten und Klein­kin­dern heraus­ge­ar­beitet hat. Diese Zeige­gesten setzen etwas voraus, das Tomasello als „geteilte Inten­tio­na­lität“ bezeichnet. Öffent­lich­keit ist ein Verhältnis gemein­samer Absichten, in das jeder eintreten kann, der die Zeige­gesten versteht. Sie mani­fes­tieren sich etwa als auf das Trottoir gestellte Caféhaus-Bestuh­lung, als Verkehrs­schild oder rosa­far­bener Verputz.

Die Idee der Privat­heit konnte erst aufkommen, als Öffent­lich­keit herge­stellt war. Sie ist dialek­tisch zu verstehen, als Negation, als Gegen­prinzip: niemand sehen zu müssen, von niemand gesehen zu werden, mit niemand in ein gemein­sames Projekt eintreten zu müssen, und bestehe dieses nur im Warten vor einer roten Ampel.

Es mag mit dieser dialek­ti­schen Entste­hungs­ge­schichte zusam­men­hängen, dass Privat­heit und Öffent­lich­keit oft ausein­an­der­di­vi­diert werden, objektiv etwa im Verhältnis von Vorstädten einer­seits und diversen städ­ti­schen Funk­ti­ons­arealen ande­rer­seits, subjektiv in priva­tis­ti­schen Wohn­träumen unter der Leitidee strikter Abschir­mung.

Doch wenn wir Tomasello folgen, gehen Mensch­sein und Öffent­lich­keit Hand in Hand. Die sozialen Netzwerke im virtu­ellen Raum verdanken ihre Existenz einem univer­sellen Sinn für Öffent­lich­keit. Auch im physi­schen Raum wird dieser Sinn unver­meid­lich und ständig ange­spro­chen. Er äußert sich als Neugier oder Genervt­sein der Beob­achter, und als Eitelkeit oder Scham der Beob­ach­teten.

Ein wohnender Mensch ohne Öffent­lich­keit ist ein Insasse, ein herum strei­fender Mensch ohne Privat­heit ist ein Obdach­loser. Ein normaler Mensch jedoch will in seiner Lebens­welt beide Sphären vereinen. Ob er es sich nun klar macht oder nicht: Fenster, Haustüren, Garten­zäune, Balkon­sicht­blenden, Vorhänge und Jalousien sind nicht bloß Absper­rungs­vor­rich­tungen. Das sind sie auch, doch das ist nicht alles. Diese Schnitt­stellen schotten die Öffent­lich­keit einer­seits ab, stellen ande­rer­seits aber auch erst den Kontakt mit ihr her. Mensch­lich wirken sie dann, wenn sie archi­tek­to­nisch als Schleusen oder Über­gangs­zonen inter­pre­tiert werden.

Falsche Träume

Doch was machen wir daraus? „Wohn­träume werden wahr“: Mein Thema ist ein Zitat, für das Google 206.000 Such­ergeb­nisse liefert. Die Klicks führen zu Immo­bi­li­en­firmen, Bauträ­gern, Archi­tek­tur­stu­dios, Möbel­häu­sern, Baustoff­firmen, Fertig­haus­fa­bri­kanten und anderen Anbietern, die alle eines gemeinsam haben: die Vorstel­lung von Wohn­konsum als Höhlen­auf­ent­halt. Wohnen heißt in dieser Semantik Drinsein. Auch das zur Wohnung gehörende Draußen der Gärten, Balkone, Terrassen und Loggien ist als Frisch­luft­be­reich von Enklaven kodiert. Aus dieser Sicht ist die konsti­tu­ie­rende Bedingung jeder Wohnwelt die Abrie­ge­lung. Allein die Grenz­si­che­rungs­maß­nahmen ernähren eine ganze Branche. Als Wappen­tier der Wohn­träu­menden eignet sich am besten der Nacktmull, ein Spezia­list des Innen­raums.

Wenn nun Wohn­träume wahr werden, sind wir gemäß der Meta­phorik von Markt und Werbung im soge­nannten Wohn­pa­ra­dies ange­kommen. Doch was geschieht eigent­lich im Wohn­pa­ra­dies? Idea­ler­weise nichts. Das Wohn­pa­ra­dies gilt weniger als Ort einer Tätigkeit denn als optimal ausge­stat­teter Raum für einen Zustand, den die ameri­ka­ni­sche Trend­pro­phetin Faith Popcorn in den neunziger Jahren als cocooning definiert hat, vulgo „Abhängen“, „Akkus aufladen“ oder „Seele baumeln lassen“.

In solchen Idiomen schwingt der Horror des Nackt­mulls mit: das Andere, Fremde, Äußere, gegen das sich die Grenz­si­che­rungs­maß­nahmen der Wohnwelt richten. Gegen­wär­tige Wohn­träume konstru­ieren die Öffent­lich­keit als stres­sigen, riskanten und unge­müt­li­chen Topos. Seine Wohnwelt verlässt der Nacktmull mit einge­zo­genem Kopf, am besten umschlossen vom Auto als Wohnwelt-Shuttle. Als Flüch­tender kehrt er in sie zurück.

Nun könnte jemand einwenden: Aber so ist es doch gar nicht! Unsere Fußgän­ger­zonen, unser welt­weiter Massen­tou­rismus, unsere Event­kultur passen keines­wegs zu dieser Beschrei­bung von uns als agora­pho­bi­schen Vermei­dern der Öffent­lich­keit. Schon gar nicht passen unsere geliebten alltäg­li­chen Bewe­gungen durch den äußeren Bezirk der Lebens­welt dazu: der Rundgang mit dem Kinder­wagen, das Hunde­aus­führen, der leicht voyeu­ris­ti­sche und ein wenig klatsch­süch­tige Quar­tier­spa­zier­gang, die kleinen Besor­gungen um die Ecke, das Warten an der Bushal­te­stelle.

Auf diesen Einwand lässt sich erwidern: Ja genau, das ist der Punkt. Unsere Wohn­mo­delle, Wohn­ideale, Wohn­träume stehen im Wider­spruch zu unserer realen, ange­bo­renen Öffent­lich­keits­zu­wen­dung. Die markt­gän­gigen Wohn­träume insze­nieren einen anthro­po­lo­gi­schen Irrtum. In unseren Phan­ta­sien mutieren wir zu Insassen von luxu­riösen Gefäng­nissen, im realen Leben dagegen sagen wir: „Ich muss jetzt mal raus hier, sonst werde ich noch verrückt.“ Hier spricht der Öffent­lich­keits­sinn. Als Symbol­tier für unsere lebens­welt­liche Praxis eignet sich nicht der Nacktmull, sondern die Katze mit ihrer Leiden­schaft für die Umgebung. Sie bewegt sich auf imagi­nären Pfaden durch den Nahbe­reich wie wir Menschen auf unseren Quar­tiers­gängen.

Phäno­me­no­logie der Umgebung

Eine kleine Phäno­me­no­logie der Umgebung zeigt uns als terri­to­riale Gewohn­heits­tiere mit tenden­ziell kommu­nis­ti­schem Einschlag. Im Idealfall behandeln die Anwohner ihre gemein­same Umgebung wie eine Allmende. Sie gehört allen. Sie ist ein kollek­tiver, öffent­li­cher Ort, dessen Aura nicht nur durch die Nähe zur eigenen Wohnung bestimmt wird, sondern entschei­dend auch zu den Wohnungen der Anderen. Was ich im Terri­to­rium mache, wird für die anderen zum Ereignis, und umgekehrt. Joggen, Spazie­ren­gehen, Stehen­bleiben, Sitzen, dies und anderes sind Formen öffent­li­chen Bewohnens. Die Umgebung wird durch das Handeln der dort wohnenden Menschen erst zu dem, was sie ist.

Doch unser Öffent­lich­keits­sinn will aufge­for­dert und einge­laden werden. Auf Abwei­sungen reagiert er mit Rückzug. Einge­laden fühlen wir uns durch Schönheit, Ruhe, Geschichten, Ziel­punkte und Andock­stellen für den Körper, abge­wiesen durch Kraut-und-Rüben-Archi­tektur, Eintö­nig­keit, Verwahr­lo­sung, schrille Logos, Graffiti, Farb­ka­ta­stro­phen, Mate­ri­al­sünden, viel­be­fah­rene Straßen, Lärm und soziale Verstöße gegen die Regeln der Allmende.

In Wohn­träumen kommt die Umgebung höchstens am Rande vor, chif­friert als Lage. Die Gestal­tung der Allmende führt ein Schat­ten­da­sein auf dem Immo­bi­li­en­markt zwischen kryp­ti­schen Bebau­ungs­plänen, gutge­meinter Verschan­de­lung, gele­gent­li­chem Gelingen und völliger Ignoranz. Der einzelne Bauherr oder Architekt hat darauf wenig Einfluss, weil die meisten Baupro­jekte vonein­ander isoliert unter der Ägide von Geld­ge­bern und Büro­kra­tien abzu­wi­ckeln sind. Kontrol­lieren kann man immer nur das laufende Projekt, nicht die schon gelau­fenen. Man kann ein schönes Haus hinstellen, nicht aber die häss­li­chen drum herum abreißen. Allen­falls kann man Anblicke geschickt verdecken, statt sie unaus­weich­lich über den Blick aus dem Fenster in die Wohnung zu holen.

Die Umgebung verlangt nach Ensem­ble­denken, der Markt dagegen tendiert zur Indi­vi­dua­li­sie­rung der Vorhaben innerhalb büro­kra­tisch vorge­ge­bener Gestal­tungs­muster, bei denen der Flächen­an­teil von Gauben an der Gesamt­dach­fläche wichtiger genommen wird als das Offen­sicht­liche, etwa Stra­ßen­be­gleit­grün, Sitzbänke, Gehwege, Spiel­straßen, Tief­ga­ragen, Fassa­den­farben oder der Winkel, in dem Häuser zuein­ander stehen. So wurden uns neue Quartiere nach dem geome­tri­schen Muster einer Tafel Scho­ko­lade zur größten Selbst­ver­ständ­lich­keit. Was bleibt, sind intro­ver­tierte Wohn­träume, was fehlt, ist das Ganze.

Anzeichen einer neuen Durch­läs­sig­keit

Im Land der zwei Meter hohen Thuja­he­cken und der herun­ter­ge­las­senen Rollos greift heute jedoch allmäh­lich eine gewisse Unbe­fan­gen­heit um sich. Der Privat­be­reich wird immer weniger optisch dicht gemacht, hollän­di­sche Sitten machen sich breit. Wenn alle sich ein wenig zuschauen lassen, schaut keiner mehr hin. Das moderate Vordringen der Öffent­lich­keit in den inneren Bezirk ist eine kollek­tive Leistung ohne Anstren­gung und Verpflich­tung. Man fühlt sich freier dabei und gleich­zeitig aufge­hoben in einer Gemein­schaft auf Distanz, verbunden im Rhythmus des Privat­le­bens. Wer das Rollo oben lässt, nimmt diskret am Alltag der Anderen teil und lässt am eigenen Alltag teil­nehmen.

Es geht dabei um etwas Allge­mei­neres. Es geht darum, in der Öffent­lich­keit des Nahbe­reichs ein Geflecht des Austauschs von Vertrau­ens­be­kun­dungen entstehen zulassen. Sich nicht voll­ständig hinter Sicht­blenden zu verste­cken, ist nur eine von vielen Formen für das Vertraut­werden von Fremden.

Darin eine Auffor­de­rung zur zwang­haften Selbst­ver­öf­fent­li­chung zu sehen, wäre aller­dings ein Miss­ver­ständnis. Zum Vertrauen gehört auch die Wahrung der Distanz. In den ideo­lo­gi­schen Kinder­tagen der Wohn­ge­mein­schaften konnte es passieren, dass man als Spießer atta­ckiert wurde, wenn man es wagte, die Klotür nicht offen­stehen zu lassen. Die große Familie, in der es keine Geheim­nisse gibt, ist kein Modell für Quartiere. Distanz­lose, tota­li­täre Gemein­schaften rauben ihren Mitglie­dern die Freiheit und begüns­tigen Xeno­phobie.

Alte Zentren

Wohn­quar­tiere können hinter­wäld­le­risch werden. Diesem Effekt steht hier­zu­lande die Gegen­macht über­lo­kaler Öffent­lich­keiten gegenüber. Auf Reisen in den fernen Osten oder in die USA wurde mir die spezi­fisch Euro­päi­sche Prägung meiner Wahr­neh­mung von Sied­lungen immer wieder bewusst. Wo ist das Zentrum, habe ich mich oft gefragt, die Kirche, das Rathaus, die Geschäfte und Gast­stätten der Mitte? Wo ist jenes in Europa tausend­fach wieder­holte Arran­ge­ment mit der Aura einer gemein­samen über­ört­li­chen Zone? Wo ist der quar­tiers­ferne Teil meiner räumlich-sozialen Lebens­welt?

Von der euro­päi­schen Großstadt bis zum Dorf hinunter finden wir die Idee des Zentrums durch­buch­sta­biert, je nach Sied­lungs­größe ergänzt durch Hoch­kul­tur­tempel wie Theater, Oper und Museen; durch Amts­ge­richte, Tief­ga­ragen und histo­ri­sche Bauten. Die tradi­tio­nellen Zentren bilden eine Gegenwelt sowohl zum Privaten wie zur näheren Öffent­lich­keit der Wohn­um­ge­bungen. Wir schätzen sie als Terrain für kleine Fluchten aus der Nähe, für das Bad in Anony­mität, für die Sensa­tionen des Uner­war­teten und für den Kitzel des Fremd­ar­tigen. Wir hängen an dieser Idee, wir kulti­vieren sie, wir restau­rieren jeden alten Stein mit einer von breiten Schichten getra­genen Leiden­schaft für öffent­liche Schönheit und tradi­tio­nelle Symbolik.

Neue Zentren

Fixiert auf diesen kultu­rellen Aktiv­posten haben wir aller­dings die Gestal­tung der neuen über­lo­kalen Zentren vernach­läs­sigt. Sie finden sich in peri­pheren Lagen, meist in der Nähe von Auto­bahn­aus­fahrten – Konglo­me­rate von Super­märkten, Facto­ry­out­lets, Hambur­ger­sa­lons, Fast-Food-Chinesen, Tank­stellen, Erotik­con­tai­nern und ähnlichen Angeboten für den Schnell­konsum. Der Mittel­punkt­cha­rakter dieser neuen Zentren ist nicht mehr durch ihre Lage im Stadt­ge­biet definiert, sondern durch die Über­kreu­zung der Alltags­wege tausender Menschen, die jenseits ihrer Wohn­um­ge­bungen unterwegs sind.

Diese über­lo­kalen öffent­li­chen Räume folgen ausschließ­lich dem Gesetz der instru­men­tellen Vernunft, wobei drei Gesichts­punkte domi­nieren: Verbrau­cher­be­dürf­nisse, Aufmerk­sam­keits­kon­kur­renz und Park­mög­lich­keiten. Das Resultat sind ästhe­tisch amorphe Ensembles, immer wieder anders und doch zum Verwech­seln ähnlich, so dass sie zur ubiqui­tären Heimat der mobilen Vielen werden konnten.

Diese öffent­li­chen Räume der Peri­pherie wachsen so schnell wie das Gras der grünen Wiesen, auf die sie gesetzt werden. In ihrer Mitte finden wir meist eine Leer­stelle, den Groß­park­platz. Ihr Genius Loci bleibt auf die funk­tio­nalen Impe­ra­tive des Massen­kon­sums, der kurzen Wege und der Einhal­tung der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung beschränkt. In den alten Zentren dagegen spüren wir immer noch einen bedeu­tungs­vollen Hauch aus der Tiefe der Zeit.

So struk­tu­riert sich der öffent­liche Raum unserer Sied­lungen als doppelter Gegensatz: zum einen als Gegensatz zwischen lokalen und zentralen Öffent­lich­keiten, zum anderen als Gegensatz zwischen alten und neuen Zentren. Ästhe­tisch gesehen stellt sich der zweite Gegensatz als Kontrast von wohl­über­legtem Arran­ge­ment und wild wuchernder Kontin­genz dar, von lesbarer Konstel­la­tion in einer verges­senen alten Zeichen­sprache und zusam­men­ge­wür­felter Gebäu­de­an­häu­fung unter dem Diktat offen­sicht­li­cher Zwecke.

Archi­tek­to­nisch gesehen lassen die neuen Zentren noch viel Luft nach oben. Sie demons­trieren den Kernsatz der gestalt­psy­cho­lo­gi­schen Wahr­neh­mungs­lehre ex negativo: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wo auch immer, und sei es noch so klischee­haft, dieser Satz berück­sich­tigt wird, etwa in Wertheim Village ein paar Auto­bahn­aus­fahrten westlich von Würzburg, wo Giebel­fas­saden das Shop­ping­center mit einer Prise Spitzweg würzen, strömen Besucher aus allen Teilen der Welt herbei.

Lang­sam­keit, Aneignung, Ensem­ble­denken

Archi­tek­to­nisch und städ­te­bau­lich haben wir alle Chancen, etwas Gutes zu machen, aber zehn Minuten Autofahrt durch ein belie­biges deutsches Sied­lungs­ge­biet genügen, um jede Menge Beispiele für kost­spie­liges, plan­volles Scheitern in bester Absicht zu sammeln. Was kann man dagegen tun? Ich antworte mit drei Stich­worten: Lang­sam­keit, Aneignung, Ensem­ble­denken.

Erstens: Lang­sam­keit. Träume sind notwendig, aber riskant. Ohne Traum, ohne eine Vision von schöner Lebens­welt und faszi­nie­render Öffent­lich­keit bleibt nur platte Funk­tio­na­lität ohne Lebens­welt­bezug. Das Ergebnis sind von Kommerz­kisten umstan­dene Groß­park­plätze, kilo­me­ter­lange Reihen bezie­hungs­loser Bauten an Verkehrs­achsen, austausch­bare Wohn­re­gale, verewigt durch gutge­meinte ener­ge­ti­sche Sanie­rungen, oder seriell ange­ord­nete Glücks­schach­teln mit der Anmutung von Baustoff­la­gern. Träume verwehen, doch ihr Ergebnis ist nach­haltig, was sich oft genug als fatal heraus­stellt. Private Wohn­träume können mit einem Ohren­sessel im Winter­garten enden, in den sich nie jemand setzt, öffent­liche Wohn­träume können enden wie Gibellina Nuova auf Sizilien.

Als im Jahr 1968 ein Erdbeben die alte ländliche Siedlung Gibellina in den Bergen von West­si­zi­lien voll­ständig zerstörte, orga­ni­sierte der über­le­bende Bürger­meister Geld und begeis­terte eine Gruppe inter­na­tional renom­mierter Archi­tekten und Künstler für das Projekt Gibellina Nuova. Sie träumten am Reißbrett und setzten ihre Visionen eins zu eins in die Tat um. So entstand zehn Kilometer vom zerstörten Ort entfernt eine kleine futu­ris­ti­sche Stadt für das Volk von einma­liger ästhe­ti­scher Geschlos­sen­heit. Sie hat alles, wonach sich moderne Öffent­lich­keits­träumer schon immer sehnten: Versamm­lungs­plätze, ein riesiges Theater, Boule­vards für Arbeiter und Bauern, Groß­skulp­turen, raffi­nierte Perspek­tiven und kubis­ti­sche Wohn­häuser, deren Anordnung das Volk in über­schau­bare Nach­bar­schafts­kol­lek­tive gliedern soll.

Wer sich für moderne Archi­tektur und Stadt­pla­nung inter­es­siert, kann in Gibellina Nuova gar nicht mehr aufhören zu foto­gra­fieren. Aber das Volk hatte mit den Stein gewor­denen 68er-Träumen nichts im Sinn. Gibellina blieb so leer wie der geis­ter­hafte Ohren­sessel im Winter­garten. Auf der wunderbar weit­läu­figen Piazza Josef Beuys, vor dem entvöl­kerten Palast der Gemein­de­ver­wal­tung, sah ich ein paar Ragazzi mit ihren Inline­skates, streu­nende Hunde und Gras­bü­schel zwischen den Steinen.

Komple­mentär zum schnellen, träu­menden Planen brauchen wir Techniken der Verlang­sa­mung. Eine davon ist die Methode der Annä­he­rung: Nicht gleich die ganze bauliche Tatsache vollenden, sondern schritt­weise vorgehen und den nächsten Abschnitt erst planen, wenn man sein Verhältnis zum Vorhan­denen halbwegs beur­teilen kann. Das langsame Bauen und das allmäh­liche Wachsen von Quar­tieren haben den ästhe­ti­schen und lebens­welt­li­chen Vorteil der Rück­be­züg­lich­keit für sich.

Was aber tun, wenn langsames, selbst­re­fe­ren­zi­elles Bauen nicht geht? Dann stehen immer noch andere Erschei­nungs­formen der Lang­sam­keit zur Verfügung. Eine davon ist Erfahrung. Nach spätes­tens zehn Jahren ist ein Architekt schon oft genug mit seinen Träumen geschei­tert, um nicht mehr zum Opfer von Utopien zu werden, die ihr Verspre­chen nicht halten. Hier steckt die Lang­sam­keit nicht im einzelnen Projekt, sondern in der Serie.

Noch mehr gilt dies für eine andere Erschei­nungs­form der Lang­sam­keit, für Tradi­tionen. Solche Tradi­tionen kulti­vieren wir immer noch in den alten euro­päi­schen Zentren, während wir sie in den neuen Zentren noch nicht einmal in Spuren­ele­menten ausge­bildet haben. Tradi­tionen speichern Desil­lu­sio­nie­rungen und geben Träumen eine schon bewährte Gestalt. Ein neueres Beispiel dafür scheint mir die Renais­sance der Wohnküche zu sein.

Zweitens: Aneignung. Die Verant­wor­tung für gelin­gendes Wohnen liegt nicht bloß bei den Archi­tekten und Stadt­pla­nern. Wenn sie nach der Fertig­stel­lung abziehen, hängt alles Weitere von den Menschen vor Ort ab. Wie gehen sie mit ihrem Quartier um? In der Fürther Südstadt etwa, wo ich wohne, haben Bauträger, Stadt­planer und Archi­tekten aus einem früheren Mili­tärareal ein Wohn­ge­biet gemacht. Der ehemalige Exer­zier­platz ist jetzt ein Park, leer­ste­hende Einzel­ge­bäude verwan­delten sich in eine Musik­schule, eine Weiter­bil­dungs­ein­rich­tung, eine Halle für Veran­stal­tungen, eine Bäckerei mit Café und Ähnliches. Alles wird intensiv genutzt, der Park zieht Menschen von überall aus der Umgebung an, er ist für alle da und wird nicht von Jugend­banden oder Dealern verein­nahmt. Für Hunde­be­sitzer herrscht Tüten­pflicht, die auch weit­ge­hend respek­tiert wird. Eine Struktur wurde geschaffen, von den Menschen vor Ort ange­nommen und von der Stadt­ver­wal­tung auch nach der Fertig­stel­lung gepflegt.

Als gelungene Aneignung eines jahr­zehn­te­lang völlig vernach­läs­sigten Areals ist die Fürther Südstadt ein Beispiel für einen kollek­tiven städ­te­bau­li­chen Lern­pro­zess, der in den sechziger Jahren einsetzte, angeregt vor allem durch Alexander Mitscher­lichs Buch Die Unwirt­lich­keit der Städte, und der sich in kultur­po­li­ti­schen Konzepten der siebziger Jahre fort­setzte, vorge­tragen etwa von Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann. Aus dem Leitbild der auto­ge­rechten Stadt wurde das öffent­lich­keits­zu­ge­wandte Leitbild der Urbanität. Wir haben die Fähigkeit zur kultu­rellen Konstruk­tion lokaler Öffent­lich­keit unter Beweis gestellt. Umso mehr irritiert die gedan­ken­lose Öffent­lich­keits­ver­ges­sen­heit vieler ganz neu errich­teter Quartiere im festen Griff des „Terrors der Intimität“ (Richard Sennet).

Drittens: Ensem­ble­denken. Was sich hier zeigt, ist ein ekla­tantes Defizit der Kulti­vie­rung der Allmende. Dem sozio­lo­gi­schen Begriff der Öffent­lich­keit entspricht der archi­tek­to­ni­sche Begriff des Ensembles. Was nun ein gutes Ensemble auszeichnet, ist alles andere als eine Geschmacks­sache. Ein gutes Ensemble hat Gestalt­qua­li­täten; ein gutes Ensemble ist in Teilen homogen und gleich­zeitig ein wenig unre­gel­mäßig; ein gutes Ensemble ist unauf­dring­lich; und vor allem bietet ein gutes Ensemble Anschluss­mög­lich­keiten für das Alltäg­liche.

Wenn es aber so einfach ist, wie können dann schlechte Ensembles überhaupt entstehen? Hier wirken mehrere Ursachen zusammen. Wir haben uns erstens an die erra­ti­sche Addition hete­ro­gener Objekte gewöhnt, die nur für sich gesehen werden und nicht im schon exis­tie­renden Kontext. Wir schützen zweitens zwar bestehende Ensembles, lassen es aber dabei bewenden. Neue Bauge­biete werden meist von der puren ökono­mi­schen Logik und den Einflüs­te­rungen von Marke­ting­stra­tegen, Werbe­leuten und Markt­for­schern bestimmt. Drittens fehlt bei der Erschlie­ßung neuer Bauge­biete eine lebens­welt­lich und ästhe­tisch inte­grie­rende Instanz, die über die geistige Ausstat­tung und die plane­ri­schen Befug­nisse verfügt, um aus dem Aggregat der Teile ein Ensemble zu machen.

Warum aber sorgen die kommu­nalen Bebau­ungs­pläne, die Landes­bau­ord­nungen und das Bundes­bau­ge­setz nicht schon längst dafür? Die insti­tu­tio­nellen Voraus­set­zungen sind da, man müsste sie nur im Sinn der Lebens­welt nutzen. Aber das machen wir doch, sagen die Akteure, als ob der Job der Ensem­ble­pla­nung schon mit der Umsetzung von Abstands­re­geln, Brand­schutz­vor­schriften und Umwelt­auf­lagen erledigt wäre. Dass der Job damit erst anfängt, ist die leise, unbe­ach­tete Botschaft unserer alten Zentren.

Prof. Dr. Gerhard Schulze (Jahrgang 1944), studierte Sozio­logie in München und Nürnberg. Es folgte die Promotion zum Dr. rer.pol. sowie die Habi­li­ta­tion für Sozio­logie an der Univer­sität Nürnberg. Gerhard Schulze ist Professor (em) für Methoden der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung und Wissen­schafts­theorie an der Univer­sität Bamberg, Fakultät Sozial- und Wirt­schafts­wis­sen­schaften. Themen­felder: sozialer und kultu­reller Wandel, Zeit­dia­gnosen, Zukunft; Beschrei­bung sozialer Kontexte und der daran betei­ligten Akteure; Methoden der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung; Wissen­schafts­theorie und Sozio­logie der Forschung.

 

Literatur

Arnheim, Rudolf: Die Dynamik der archi­tek­to­ni­schen Form. Köln 1980.
Benevolo, Leonardo: Die Stadt in der euro­päi­schen Geschichte. München 1999.
Ferrara, Paolo G. L.: Gibellina – vergo­gnia­mici, tutti. In: Storia e critica 2002. http://​www​.antithesi​.info/​t​e​s​ti/
Mitscher­lich, Alexander: Die Unwirt­lich­keit unserer Städte. Frankfurt a. M. 1968.
Rieniets, Tim: Zur Lage des öffent­li­chen Raums. In: trans, Nr. 20, 2012.
Schöttker, Detlev: Auge und Gedächtnis. Ästhetik der Archi­tektur. Merkur, Juni 2002.
Schütz, Alfred und Thomas Luckmann: Struk­turen der Lebens­welt. Frankfurt a. M. 1979.
Sennet, Richard: Verfall und Ende des öffent­li­chen Lebens. Der Terror der Intimität. Frankfurt a. M 1983
Tomasello, Michael: Die Ursprünge der mensch­li­chen Kommu­ni­ka­tion. Frankfurt a. M. 2011.