Zur univer­salen Schätzung des Schönen

Wolfgang Welsch über die Permanenz der Schönheit

An dieser Stelle geben wir den Essay von Wolfgang Welsch wieder, den wir in gekürzter Fassung im Heft 5/15 mit dem Titel „bestän­dig­keit der schönheit“ veröf­fent­licht haben.

Wenn ich im folgenden das Schöne thema­ti­siere, so hinsicht­lich einer einzigen Frage: Gibt es univer­sale Formen des Schön­heits­emp­fin­dens? Die Konzen­tra­tion auf diesen Punkt zwingt dazu, andere Probleme, die mit dem Thema des Schönen verbunden sind, beisei­te­zu­lassen, beispiels­weise die Unter­schei­dung zwischen dem Natur- und dem Kunst­schönen oder die Frage, inwiefern Schönheit für Kunst konsti­tutiv ist oder nicht. Es soll im folgenden ausschließ­lich um die Frage gehen, ob und gege­be­nen­falls welche Typen univer­saler Schätzung von Schönem es gibt.

Das Faktum: Univer­sale Schätzung von Schönheit.

Univer­sa­lität trotz kultu­reller Varianz

Die Ausgangs­these ist sehr einfach. Sie besagt: Schönheit wird in allen Kulturen geschätzt. Alle Menschen schätzen Schönes. Die Schätzung von Schönheit ist universal. Das bedeutet freilich nicht, dass alle Menschen dasselbe als schön betrachten würden. In unter­schied­li­chen Kulturen kann durchaus Verschie­denes als schön angesehen werden.1 So gelten Tattoos in manchen Kulturen als schön, in anderen eher als abstoßend. Und innerhalb ein und derselben Kultur kann sich die Einschät­zung, ob etwas schön sei oder nicht, histo­risch verändern; in Europa beispiels­weise galten die Gebirge bis ins 18. Jahr­hun­dert als abschre­ckend und wurden erst dann als erhaben und im weiteren Verlauf als schön empfunden. Kurzum: Es ist zwar so, dass in allen Kulturen einiges als schön gilt und entspre­chend geschätzt wird, aber was im einzelnen als schön angesehen wird, kann diffe­rieren.Darauf weist auch allein schon der Umstand hin, dass die Semantik der Termini, die in verschie­denen Kulturen für ›schön‹ stehen, zum Teil beträcht­lich diffe­riert. Vgl. dazu: Crispin Sartwell, Six Names of Beauty, New York 2004. ↩︎

Das könnte die Vermutung nahelegen, dass Schönheit grund­sätz­lich ein kultu­relles Konstrukt sei, dass allen­falls das Verlangen nach Schönheit als solches universal sei, die konkrete Bestim­mung des Schönen jedoch jeweils eine kultu­relle Ange­le­gen­heit darstelle. Diese Auffas­sung käme der heute in den Human- und Kultur­wis­sen­schaften domi­nie­renden Denkweise entgegen, nach der alles (gar noch die Natur) ein Produkt kultu­reller Konstruk­tion sei.

Aber so ist es nicht. Es gibt tatsäch­lich univer­sale Muster des Schön­heits­emp­fin­dens – ästhe­ti­sche Präfe­renzen, die für Menschen in jeder Kultur glei­cher­maßen gelten. Alle Menschen schätzen Gegen­stände, die diesen Mustern entspre­chen, als schön ein. – Ich werde im Folgenden drei Typen solch univer­salen Schön­heits­emp­fin­dens vorstellen.2Ob dieser Katalog erschöp­fend ist, mag im Moment offen­bleiben. ↩︎

Ein erster Typus univer­saler Schätzung von Schönem: auf Land­schaften und mensch­liche Körper bezogen

Ein erster Typus bezieht sich auf nur zwei Gegen­stands­arten: auf Land­schaften und auf mensch­liche Körper. Man hat heraus­ge­funden, dass alle Menschen savan­nen­ar­tige Land­schaften schätzen – unab­hängig davon, ob sie solche Land­schaften aus ihrem Lebens­raum kennen oder jemals durch Reisen kennen­ge­lernt haben. Die Einhel­lig­keit der Savan­nen­prä­fe­renz ist Kulturen- und Sozi­al­schich­ten­über­grei­fend. 3 Das heißt nicht, dass nicht auch andere Land­schafts­typen geschätzt werden könnten, etwa Gebirgs­land­schaften. Nur ist deren Schätzung nicht universal. Sie kann vielmehr von Kultur zu Kultur sowie innerhalb einer Kultur von Schicht zu Schicht und von Indi­vi­duum zu Indi­vi­duum variieren.Vgl. Gordon H. Orians / Judith H. Heerwagen, »Evolved Responses to Land­scapes«, in: Jerome H. Barkow / Leda Cosmides / John Tooby [Hrsg.], The Adapted Mind: Evolu­tio­nary Psycho­logy and the Gene­ra­tion of Culture, New York 1992, S. 555–579; Stephen Kaplan, »Envi­ron­mental prefe­rence in a knowledge-seeking, knowledge-using organism«, in: The Adapted Mind, a. a. O., S. 581–600; Roger S. Ulrich, »Biophilia, Biophobia and Natural Land­scapes«, in: The Biophilia Hypo­thesis, hrsg. von Stephen R. Kellert und Edward O. Wilson, Washington D. C. 1993, S. 73–137; Judith H. Heerwagen / Gordon H. Orians, »Humans, Habitat, and Aesthe­tics«, in: The Biophilia Hypo­thesis, a. a. O., S. 138–172. ↩︎

Was mensch­liche Körper angeht, so gelten ein betont symme­tri­scher Körperbau und Gesichts­schnitt als schön.4 Zudem werden makellose Haut und kräftiges, glän­zendes Kopfhaar univer­sell als schön einge­stuft.5 Ferner gibt es Präfe­renzen, die Propor­tionen des Körper­baus betreffen. So hat eine Studie von Devendra Singh 1993 gezeigt, dass Männer weltweit bei Frauen eine Taille-Hüfte-Propor­tion von 7 : 10 als ideal ansehen.6 Der Befund könnte unglaub­haft erscheinen. Wir wissen doch, dass in manchen Kulturen üppigere und in anderen schlan­kere Körper­formen bevorzugt werden – also kann es doch kein univer­sales Idealmaß geben. Dieser Hinweis ist richtig, steht aber nicht in Wider­spruch zu der Behaup­tung, dass universal ein Taille-Hüfte-Verhältnis von 7 : 10 bevorzugt werde. Denn dieses Verhältnis kann natürlich in unter­schied­li­chen absoluten Zahlen reali­siert sein – beispiels­weise sowohl mittels der in Europa geläu­figen 60 : 90-Zenti­meter-Propor­tion als auch durch eine in anderen Kulturen bevor­zugte Propor­tion von 80 : 115 Zenti­me­tern. So beruht, was an der kultu­rellen Ober­fläche als unter­schied­lich erscheint, eben doch auf einem inter­kul­tu­rell gemein­samen Tiefenmaß, eben der Propor­tion 7 : 10.Vgl. Nancy Etcoff, Survival of the Prettiest: The Science of Beauty, New York 1999, S. 185–187. ↩︎Vgl. ebd., S. 91 f. ↩︎Vgl. Devendra Singh, »Adaptive signi­fi­cance of female physical attrac­ti­ve­ness: Role of waist-to-hip ratio«, in: Journal of Perso­na­lity and Social Psycho­logy 65 (1993), S. 293–307. ↩︎

Dem ist generell die Warnung zu entnehmen, kultu­relle Unter­schiede nicht partout für das letzte ihrer selbst anzusehen und von da aus einem fröh­li­chen Kultur-Rela­ti­vismus und Anti-Univer­sa­lismus das Wort zu reden, sondern in jedem Fall erst einmal zu prüfen, ob die kultu­rellen Diffe­renzen nicht, genauer betrachtet, ein univer­sales Muster nur auf unter­schied­liche Weise reali­sieren.

Dieser erste Typus ästhe­ti­scher Univer­sa­lien ist, was mögliche schöne Gegen­stände angeht, sehr beschränkt. Nur Land­schaften und Körper kommen in Frage. So ist dieser einfachste Typus univer­seller Schätzung zugleich der begrenz­teste.

Ein zweiter Typus: die univer­sale Schätzung atem­be­rau­bend schöner Kunst­werke

Das ist beim zweiten Typus anders. Er bezieht sich auf her-ausra­gende kultu­relle Gebilde, etwa auf Kunst­werke. Man denke beispiels­weise an das Taj Mahal oder an die Mona Lisa oder an Beet­ho­vens Neunte Symphonie. Auch solche Werke erfreuen sich univer­saler Schätzung. Sie faszi­nieren Menschen jeglicher Herkunft, Menschen aus allen Kulturen.7 Dabei kommen als Gegen­stände oder Themen nun nicht mehr nur Land­schaften und Körper infrage, sondern ebenso Fabel­wesen, Alltags­ge­gen­stände, abstrakte Konfi­gu­ra­tionen usw. Das Feld ästhe­ti­scher Schätzung ist hier poten­tiell für alle möglichen Gegen­stände offen.Meine Rede von ›großer‹ oder ›atem­be­rau­bender‹ Schönheit bezieht sich vor allem darauf, dass es dabei, im Unter­schied zur Stan­dard­schön­heit, nicht einfach um das Wohl­ge­fallen an einer Entspre­chung geht, sondern dass die große Schönheit uns über unsere gewohnte Verfas­sung immer auch hinaus­führt, uns gleichsam einen Stoß versetzt. Das Stan­dard­schöne hingegen steht immer in der Gefahr, zum bloß Hübschen zu verfallen. ↩︎

Nun ist das Faktum einer univer­salen Schätzung heraus­ra­gender Werke, an sich betrachtet, höchst erstaun­lich. Denn man hat es dabei offenbar mit hoch­gradig kultur­spe­zi­fi­schen Produkten zu tun: das Taj Mahal konnte nicht in Bayern, sondern nur in Indien entstehen; die Mona Lisa wäre zu ihrer Zeit in Japan undenkbar gewesen, sondern konnte nur im Zug der italie­ni­schen Renais­sance gemalt werden; und Beet­ho­vens Neunte gehört so sehr zur Wiener Klassik wie Éluards Dichtung zum fran­zö­si­schen Surrea­lismus. Dennoch erfahren diese hoch­gradig kultur­spe­zi­fi­schen Werke eine kulturenüber­grei­fende Schätzung.8 Sie werden trans­kul­tu­rell (quer durch die Kulturen), sie werden universal als groß­ar­tige Werke geschätzt, ganz unab­hängig von der kultu­rellen Herkunft und Bildung der Rezi­pi­enten.9Vgl. Wolfgang Welsch, »Rethin­king identity in the age of globa­liza­tion – a trans­cul­tural perspec­tive«, in: Hiroshi Okaba­yashi [u. a.] [Hrsg.], Symposion on Beauty and Art. Fest­schrift for Tsune­michi Kamba­yashi, Tokyo 2002, S. 333–346. ↩︎Das heißt nicht, dass jeder einzelne mögliche Rezipient de facto von der über­ra­genden Qualität solcher Werke ergriffen werden müsste. Es mag da im einzelnen Alters‑, Gewohn­heits- oder Sozi­al­bar­rieren geben. Aber poten­tiell ist jeder Mensch imstande, diese Faszi­na­tion zu erfahren. In diesem Sinn wies schon Charles Baude­laire darauf hin, dass jedermann bis zu einem gewissen Grad den Sinn für univer­sale Schönheit besitzt und diesen noch weiter ausbilden kann (vgl. Charles Baude­laire, »Die Welt­aus­stel­lung 1855 – Die schönen Künste« [1868], in: Ch. B., Der Künstler und das moderne Leben, Leipzig 1990, S. 138–164, insbes. S. 138 f.). ↩︎

Ein Beispiel dafür ist der Ginkakuji-Tempel in Kyoto. Viele Menschen, die zum ersten Mal nach Japan kommen und diese Tempel­an­lage sehen, sind von ihr tief faszi­niert und verweilen dort stun­den­lang. Sie werden vom Magne­tismus des Ortes gefangen genommen. Und diese Faszi­na­tion – darauf kommt es an – stellt sich unab­hängig von kultu­rellen Vorbe­din­gungen ein. Sie betrifft auslän­di­sche ebenso wie inlän­di­sche Besucher. Und sie setzt offenbar kein kultu­relles Vorwissen voraus: den meisten auslän­di­schen Besuchern fehlt dieses ohnehin, aber auch die meisten japa­ni­schen Besucher haben von der Kultur des 15. Jahr­hun­derts wenig Ahnung und von der beson­deren Situation, aufgrund derer der Shogun Yoshimasa diese Anlage errich­tete, schon gar nicht.

Ginkakuji, Kyoto, Foto: Oilstreet, Wikimedia CC BY 2 5
Ginkakuji, Kyoto, Foto: Oilstreet, Wikimedia CC BY 2 5

Wie kann es sein, dass etwas so sehr Kultur­spe­zi­fi­sches zugleich univer­sale Attrak­ti­vität besitzt? Anschei­nend wird durch solche Werke eine Schicht in uns ange­spro­chen, die tiefer liegt als unsere kultu­rellen Prägungen und die deshalb auch univer­saler ist und somit ein kulturen-über­grei­fendes Verstehen ermög­licht. Die mensch­liche Verfas­sung scheint (mindes­tens) zwei Etagen aufzu­weisen: das »Piano nobile«, das edle Ober­ge­schoß, auf das wir gemeinhin achten und das durch die Prägungen der jewei­ligen Kultur bestimmt ist, in der wir aufge­wachsen sind und der wir uns zugehörig fühlen; und eine oftmals über­se­hene Sockel­zone, welche diesen kultu­rellen Prägungen voraus- und zugrun­de­liegt und sie trägt, ohne ihrer­seits durch sie bestimmt zu sein. Diese Tiefen­schicht ist – im Unter­schied zum kultur­spe­zi­fi­schen »Piano nobile – universal«.10, 11Vgl. zur Doppelung von Kultur­spe­zifik und trans­kul­tu­reller Tiefen­schicht: Wolfgang Welsch, »Trans­kul­tu­ra­lität – neue und alte Gemein­sam­keiten«, in: W. W., Immer nur der Mensch? Skizzen zu einer anderen Anthro­po­logie, Berlin 2011, S. 294–322. ↩︎Ein alter­na­tiver Erklä­rungs­ver­such, die kulturen-über­grei­fende Faszi­na­tion durch heraus­ra­gende kultu­relle Gebilde nicht als Folge dieser humanen Tiefen­schicht, sondern als Effekt der Kultur­in­dus­trie zu verstehen, scheint mir hoch­gradig abwegig. Es ist zwar nicht zu übersehen, dass eine globa­li­sierte Kultur- und Tourismus-Industrie sich gerade auf Werke wie das Taj Mahal oder die Mona Lisa oder Beet­ho­vens Neunte stürzt. Aber dass sie gerade solche Werke wählt, erklärt sich eben daraus, dass diesen ein beson­deres Potential zu univer­seller Schätzung innewohnt. Man sollte hier Ursache und Wirkung nicht verwech­seln. Nicht schafft die kultur­in­dus­tri­elle Zuwendung die univer­sale Faszi­na­ti­ons­kraft der Werke, sondern das den Werken immanente univer­sale Potential macht sie zu Erfolgs­kan­di­daten für ihre kultur- und touris­mus­in­dus­tri­elle Ausbeu­tung. ↩︎

Die Kultur­theorie des 20. Jahr­hun­derts hat lange Zeit von einem solchen Sockel nichts wissen wollen und über die Annahme von Univer­sa­lien herab­las­send gelächelt – bis schließ­lich einige lieb gewordene Axiome des kultu­rellen Rela­ti­vismus im Licht empi­ri­scher Unter­su­chungen wie ein Karten­haus zusam­men­fielen, sodass man die Augen vor der Existenz von Univer­sa­lien nicht mehr verschließen konnte.12 Dabei rückten zuerst emotio­nale und mimische und dann ästhe­ti­sche Univer­sa­lien in den Fokus der Aufmerk­sam­keit.Freeman wider­legte 1983 Margaret Meads Samoa-Mythos (Derek Freeman, Margaret Mead and Samoa: The Making and Unmaking of an Anthro­po­lo­gical Myth, Cambridge/​London 1983), und im gleichen Jahr demon­tierte Malotki die einst so einfluss­rei­chen Behaup­tungen von Benjamin Lee Whorf über die Sprache der Hopi-Indianer (Ekkehart Malotki, Hopi Time, Berlin 1983). Vgl. zum heutigen Diskus­si­ons­stand in Sachen Univer­sa­lien: Christoph Antweiler, Was ist den Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen, Darmstadt 2007. ↩︎

Erklä­rungen

Nachdem ich bislang zwei Typen univer­saler Schön­heits­er­fah­rung im Grundriss vorge­stellt habe (der dritte Typus wird später folgen), mache ich mich nun an die Erklä­rungs­auf­gabe.

Evolu­ti­ons­bio­lo­gisch erklär­bare Schön­heits­muster (Land­schafts- und Körper­prä­fe­renzen)

Der erste Typus, die univer­sale Schätzung bestimmter Land­schafts- und Körper­typen, hat eine evolu­ti­ons­bio­lo­gi­sche Erklärung.
Für die Savan­nen­prä­fe­renz lautet sie folgen­der­maßen: Unsere Bevor­zu­gung savan­nen­ar­tiger Land­schaften, die Weitblick gewähren, einen Wasser­lauf oder eine Quelle erkennen lassen und ebenso einige Bäume aufweisen (die Schatten spenden oder zur Flucht vor Tieren dienen können), rührt daher, dass derlei Gegenden während der langen Periode der Mensch­heit, als die Savanne ihr bestim­mender Lebens­raum war, über­le­bens­güns­tige Gegenden darstellten.13 Wer damals darauf program­miert war, auf solche Land­schaften positiv zu reagieren, der war, wenn es darum ging, einen neuen Lebens­raum zu erschließen, ein guter Anführer. Das hat auf lange Sicht zur Selektion dieser Präferenz im mensch­li­chen Genom geführt. Und weil unser Genom sich seit der Steinzeit kaum mehr verändert hat, ist diese Prägung auch in uns noch lebendig. Deshalb schätzen noch wir, die wir nicht mehr in Savannen leben, allesamt diesen Land­schaftstyp.14Vgl. Gordon H. Orians / Judith H. Heerwagen, »Evolved Responses to Land­scapes« (s. Anm. 3), S. 558. ↩︎Man bedenke, dass wir alle von Vorfahren abstammen, welche sich während einer langen Zeit (zunächst in Afrika) in einem solchen Lebens­raum entwi­ckelt haben. ↩︎

Auf ähnliche Weise finden die körper­be­zo­genen Präfe­renz­muster (etwa die Bevor­zu­gung symme­tri­schen Körper­baus oder glatter Haut oder eines Taille-Hüfte-Verhält­nisses von 7 : 10) eine evolu­ti­ons­bio­lo­gi­sche  Erklärung. Diese körper­li­chen Merkmale waren (so die verbrei­tete Theorie) Signale für gute Gene bzw. für Frucht­bar­keit und wurden dementspre­chend selek­tiert.15 Und wieder gilt: Weil sich das mensch­liche Genom in der kultu­rellen Periode kaum noch verändert hat, sind auch wir heutigen Menschen noch durch diese Prägungen bestimmt. Die alten Schemata bilden den Grund unserer Bewer­tungen, an dem kultu­relle Über­for­mungen dann zwar ansetzen, den sie aber nicht einfach außer Kraft setzen.»Symmetry is tied to beauty because it acts as a measure of overall fitness« (Nancy Etcoff, Survival of the Prettiest, New York 1999, S. 186); »symmetry is an indicator of health and fitness« (ebd., S. 162). »Krank­hafte Verän­de­rungen des Körpers betreffen in aller Regel nicht beide Arme, Beine, Augen oder Ohren in genau gleicher Weise. Krankheit – was immer es sei – macht daher asym­me­trisch« (Manfred Spitzer, Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke, Stuttgart 2007, S. 111). ↩︎

Donald Symons hat die evolu­ti­ons­bio­lo­gi­sche Erklärung der auf die Schönheit von Land­schaften und Körpern bezogenen ästhe­ti­schen Univer­sal­muster auf eine griffige Formel gebracht: »beauty is in the adapt­a­tions of the beholder«.16 Der ältere Stan­dard­satz der Ästhetik hatte gelautet: »beauty is in the eye of the beholder«. Diese Formel sollte die Subjek­ti­vität der Empfin­dung des Schönen zum Ausdruck bringen. Evolu­ti­ons­bio­lo­gisch aber ist klar, dass unser Auge kein unschul­diges und subjek­ti­vis­ti­sches Auge, sondern ein durch alte biolo­gi­sche Anpas­sungen stam­mes­ge­schicht­lich geprägtes Auge ist. Derlei Anpas­sungen liegen der Empfin­dung des Schönen zugrunde – daher »beauty is in the adapt­a­tions of the beholder«.D. Symons, »Beauty is in the adapt­a­tions of the beholder«, in: P. R. Abramson / S. D. Pinkerton [Hrsg.], Sexual nature / sexual culture, Chicago 1995, S. 80–118. ↩︎

Gene­rel­lere Schön­heits­muster: Symmetrie und komple­xere Formen der Selbst­ähn­lich­keit

Was jedoch den zweiten Typus univer­salen Schön­heits­emp­fin­dens angeht – die Faszi­na­tion durch die atem­be­rau­bende Schönheit kultu­reller Gebilde –, müssen wir offenbar nach einer anderen Erklärung Ausschau halten. Die evolu­tions-biolo­gi­schen Muster einer 7 : 10-Propor­tion bei Körpern oder der Savan­nen­prä­fe­renz können dafür nicht ausrei­chen.

So haben ja die wunder­vollen Propor­tionen des Taj Mahal offenbar nichts mit der zuvor erwähnten Taille-Hüfte-Propor­tion zu tun, weshalb sich die Tatsache, dass wir die Propor­tionen des Taj Mahal schätzen, nicht als Effekt einer Über­tra­gung des in Bezug auf mensch­liche bzw. weibliche Körper entwi­ckelten Präfe­renz­mus­ters auf archi­tek­to­ni­sche Gebilde erklären lässt. Ebenso mag Leonardo da Vincis Mona Lisa zwar auch aufgrund ihrer Hinter­grund­s­land­schaft faszi­nie­rend sein, aber es handelt sich dabei eben nicht um eine gefällige Savan­nen­land­schaft, sondern um einen gegen­tei­ligen Typus, um eine wilde Gebirgs­land­schaft.

Taj Mahal, Agra India, Foto: Yann
Taj Mahal, Agra India, Foto: Yann

Wir werden, wenn wir die Faszi­na­tion durch kultu­relle Gebilde erklären wollen, nach wesent­lich allge­mei­neren, nicht auf bestimmte Gegen­stände (Land­schaften und Körper) beschränkten Kriterien suchen müssen, denn im Bereich der Kunst kommen, wie zuvor gesagt, alle möglichen Gegen­stände als Schön­heits­kan­di­daten in Frage. Daher muss man hier weit eher nach formalen als nach mate­rialen Kriterien Ausschau halten (wie man das in der Tradition der Ästhetik auch immer wieder getan hat), also nach Kriterien, die, eben als formale, für die Schönheit von Objekten aller möglichen Art ausschlag­ge­bend sein können. Welche Kriterien kommen dafür in Frage?

Symme­trie­prä­fe­renz

Als erstes könnte man an unsere Präferenz für Symmetrie denken.17 Zwar spielte Symmetrie schon bei der Schön­heits­ta­xie­rung der Geschlechts­partner eine Rolle, aber wir schätzen Symmetrie eben nicht nur in Bezug auf Körperbau und Gesichter, sondern weit darüber hinaus: bei Pflanzen ebenso wie in der Archi­tektur oder bei geome­tri­schen Gebilden und selbst bei Zahlen­folgen. Es ist recht unwahr­schein­lich, dass diese allge­meine Symme­trie­prä­fe­renz als Gene­ra­li­sie­rungs­ef­fekt einer ursprüng­lich nur auf Körper bezogenen Bevor­zu­gung von Symmetrie zu erklären ist.18 Sie dürfte einen weitaus allge­mei­neren Grund haben. – Worin könnte dieser liegen?Das Taj Mahal ist ja ein eindrucks­volles Beispiel für Symmetrie. ↩︎Es könnte genau umgekehrt gewesen sein. Die Symme­trie­prä­fe­renz in Bezug auf die Körper von Geschlechts­part­nern ist mögli­cher­weise bloß der besondere Fall einer weitaus allge­meiner begrün­deten Symme­trie­prä­fe­renz. Die aller­meisten lebens­welt­lich rele­vanten Objekte sind symme­trisch: gefähr­liche Jagdtiere ebenso wie gesuchte Beute­tiere und eben auch Sexu­al­partner. Daher könnte es vorteil­haft gewesen sein, in Form gene­reller Symme­trie­auf­merk­sam­keit eine Art Frühwarn-system für relevante Objekte zu entwi­ckeln. Dieser generelle Symme-triesinn hätte dann in Bezug auf den mensch­li­chen Körper nur eine seiner Anwen­dungen, ohne dass die Part­ner­wahl die Ursprungs­sphäre dieses Sinns gewesen wäre. ↩︎

Generelle Präferenz für Selbst­ähn­lich­keit

Es gibt verschie­dene Formen von Symmetrie. Die einfachste liegt bei der Spiegel- oder Achsen-Symmetrie vor. Dabei sind die rechte und die linke Hälfte eines Gebildes, auf eine zentrale Spie­ge­lungs­achse bezogen, genau gleich.

Aller­dings befrie­digt uns diese simpelste Form von Symmetrie ästhe­tisch nicht recht. Voll­kommen symme­tri­sche Gesichter empfinden wir geradezu als lang­weilig. Man kann sich das anhand von Dürers Selbst­bildnis von 1500 klar­ma­chen. Niemand wird bezwei­feln, dass man hier ein besonders schönes Gesicht vor sich hat. Aber ist es symme­trisch? Wenn man die beiden Gesichts­hälften separiert und jeweils spie­gel­bild­lich zu einem vollen Gesicht ergänzt, stellt man nicht nur fest, wie unter­schied­lich die beiden so entste­henden Gesichter sind, sondern auch, dass diese perfekt symme­tri­schen Gesichter weitaus weniger attraktiv sind als das Ausgangs­ge­sicht, das keines­wegs voll­kommen symme­trisch ist, dafür aber umso leben­diger wirkt. – Die Spiegel- oder Achsen­sym­me­trie als solche kann es also nicht sein, was unsere ästhe­ti­sche Faszi­na­tion erzeugt.19Die Rekla­m­e­indus­trie weiß sehr genau, dass voll­kommen symme­tri­sche Gesichter lang­weilig sind. Sie nützt diesen Effekt bei der Haar-Reklame. Man wählt Models mit möglichst symme­tri­schen Gesich­tern, damit beim Betrachter das Gesicht gleichsam ›durch­rutscht‹ und die Aufmerk­sam­keit sich, wie gewünscht, nur auf die Haare richtet. ↩︎

Wie aber steht es mit dem nächst-komple­xeren Typ von Selbst­ähn­lich­keit, mit dem Goldenen Schnitt? Im Unter­schied zur Spie­gel­sym­me­trie erfolgt die Teilung einer Strecke hier nicht in der Mitte, sondern so, dass der dadurch entste­hende kürzere Teil sich zum längeren so verhält wie dieser zur Gesamt­strecke.20Die beiden Strecken stehen dabei im Verhältnis 1 : 1,618… ↩︎

Eine Propor­tio­nie­rung nach dem Goldenen Schnitt galt in der abend­län­di­schen Kunst lange Zeit als vorbild­lich. Man sprach dafür sogar von der »gött­li­chen Propor­tion«.21 Die Beispiele reichen von der grie­chi­schen Archi­tektur bis ins 20. Jahr­hun­dert.22 Aber nicht nur in unserer Kultur wird der Goldene Schnitt bevorzugt, sondern eine Propor­tio­nie­rung nach dem Goldenen Schnitt wird, wie neuere Studien zeigen, in allen Kulturen als besonders wohl­ge­fällig beurteilt.23 Auch diese Präferenz ist universal. Ein eindrucks­volles außer­eu­ro­päi­sches Beispiel ist der Stein­garten des RyØan-ji in Kyoto – der wohl berühm­teste Stein­garten nicht nur Japans, sondern der ganzen Welt. Man hat lange gerätselt, welcher Algo­rithmus der Anordnung der Steine zugrunde liegen könnte und warum deren Arran­ge­ment trotz der schein­baren Zufäl­lig­keit ihrer Plat­zie­rung insgesamt eine so voll­endete Harmonie ausstrahlt. Inzwi­schen hat man heraus­ge­funden, dass sowohl die Maße der recht­eckigen Sand­fläche als auch die Entfer­nungen der Steine zuein­ander sowie zur Umfassung nach dem Prinzip des Goldenen Schnitts angelegt sind.24So erstmals Luca Pacioli in seinem Werk De Divina Propor­tione von 1509 und erneut Johannes Kepler in Harmo­nices Mundi (1619). Vgl. dazu insgesamt: Albert van der Schoot, Die Geschichte des Goldenen Schnitts, Stuttgart-Bad Cannstatt 2005. ↩︎Die Säulen- und Giebel­front des Parthenon war so dimen­sio­niert, dass sie sich in ein liegendes Rechteck mit goldener Propor­tion einfügte. Le Corbusier entwi­ckelte ein Maßsystem (»Modulor«), das auf den mensch­li­chen Maßen und dem Goldenen Schnitt beruhte. ↩︎»Psycho­phy­sical expe­ri­ments show that irre­spec­tive of culture and education, people prefer golden rectan­gles, the lengths of whose sides are related by the golden section ratio, to any other shape of rectangle« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty«, in: Jan Baptist Bedaux / Brett Cooke [Hrsg.], Socio­bio­logy and the Arts, Amsterdam 1999, S. 63–81, hier S. 75). ↩︎Vgl. György Doczi, Die Kraft der Grenzen. Harmo­ni­sche Propor­tionen in Natur, Kunst und Archi­tektur [1981], München 1984, S. 138 f. Eine andere Inter­pre­ta­tion geben van Tonder und Lyons, kommen dabei aber ebenfalls zu dem Schluss, dass Struk­turen der Selbst­ähn­lich­keit ausschlag­ge­bend sind (Gert J. van Tonder / Michael J. Lyons, »Visual Percep­tion in Japanese Rock Garden Design«, in: Axio­ma­thes 15 [2005], S. 353–371, hier S. 363 und 366). ↩︎

Ryoan-Ji, Kyoto, Foto: cquest, Wikimedia CC BY 2 5
Ryoan-Ji, Kyoto, Foto: cquest, Wikimedia CC BY 2 5

Was aber ist das Besondere am Goldenen Schnitt? Warum löst diese Propor­tion bei uns ästhe­ti­sches Wohl­ge­fallen aus? Der Goldene Schnitt geht über die Spiegel-Symmetrie insofern hinaus, als die Selbst­ähn­lich­keit hier nicht einfach eine der Teile zuein­ander, sondern eine der Teile zum Ganzen ist. Wir haben es bei der Goldenen Propor­tion mit der ersten Form holis­ti­scher Selbst­ähn­lich­keit zu tun.25 Genau dass die einzelnen Teile zum Ganzen stimmen, scheint hier unser Schön­heits­emp­finden zu erregen.Man kann dafür auch sagen: Die Gleich­heit ist hier nicht mehr eine von Teilen, sondern eine von Verhält­nissen. Insofern handelt es sich, anders als bei der Achsen­sym­me­trie, um Ungleich­heit auf der Teilebene und Gleich­heit erst auf der Metaebene. Der Goldene Schnitt kombi­niert (für Philo­so­phen von Heraklit bis Hegel und darüber hinaus hoch­in­ter­es­sant) Bruch auf der Erschei­nungs- und Zusam­men­stim­mung auf der Wesen­s­ebene. – Im übrigen soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Verhält­nis­zahl des Goldenen Schnitts eine sehr besondere Zahl ist: sie ist die irra­tio­nalste aller Zahlen (diejenige, die sich, auch nähe­rungs­weise, am wenigsten durch ein Verhältnis ratio­naler Zahlen ausdrü­cken lässt) und die nobelste aller Zahlen (die Zahl, deren Ketten­bruch­dar­stel­lung am frühesten nur noch Einsen enthält). ↩︎

Selbst­ähn­lich­keit und Selbst­or­ga­ni­sa­tion – unser Schön­heits­sinn als Detektor von Selbst­or­ga­ni­sa­tion

Beispiele solch holis­ti­scher Selbst­ähn­lich­keit finden sich mannig­fach in der Natur. So entspre­chen Wachs­tums­muster oftmals der Appli­ka­tion des Goldenen Schnitts auf einen Kreis (und dem daraus resul­tie­renden Gesetz des »Goldenen Winkels«).26 Das Bildungs­ge­setz dieser Goldenen Propor­tionen wird durch die Fibonacci-Reihe ausge­drückt, bei der die nächst-folgende Zahl jeweils der Addition der beiden voran­ge­gan­genen entspricht. Diese Bildungs­ge­setz­lich­keit findet man beispiels­weise bei den Schuppen eines Kiefern­zap­fens oder den Samen einer Sonnen­blume, aber auch in der Anordnung der Augen des Pfau­en­rades oder in der Struktur von Muscheln.27Tatsäch­lich enthält jede Propor­tio­nie­rung nach dem Goldenen Schnitt intrin­sisch eine Anweisung zur Gene­rie­rung weiterer ›golden‹ propor­tio­nierter Gebilde. Addiert man nämlich die größere Teil­strecke zum Ganzen, so erhält man erneut ein Gebilde, das nach dem Goldenen Schnitt propor­tio­niert ist (wobei in dem neuen Gebilde die vorherige längere Strecke die kürzere und die vorherige Gesamt­strecke die längere Strecke bildet). Das macht verständ­lich, warum diese Propor­tion als Wachs­tums­ge­setz dienen kann. ↩︎Vgl. Friedrich Cramer, Chaos und Ordnung: Die komplexe Struktur des Leben­digen, Stuttgart 31989, S. 195–202. Ebenso: Friedrich Cramer / Wolfgang Kaempfer, Die Natur der Schönheit: Zur Dynamik der schönen Formen, Frankfurt a. M. 1992, S. 264–283. ↩︎

Und all diese Gebilde empfinden wir als schön. Unsere ästhe­ti­sche Vorliebe für holis­ti­sche Selbst­ähn­lich­keit – das ist nun nach­zu­tragen – stellt einen dritten univer­salen Typus ästhe­ti­scher Schätzung dar. Dieser steht gewis­ser­maßen in der Mitte zwischen unserer Vorliebe für bestimmte Land­schaften und Körper auf der einen und unserer Faszi­na­tion durch atem­be­rau­bende Schönheit auf der anderen Seite.

Nun handelt es sich, physi­ka­lisch betrachtet, bei den genannten Formen holis­ti­scher Selbst­ähn­lich­keit jeweils um Gebilde, die aus Rück­kopp­lungs­pro­zessen hervor­ge­gangen sind. Sie beruhen auf dem Prinzip der Selbst­or­ga­ni­sa­tion. Dieses Prinzip ist das allgemein-ste Prozess­prinzip, demgemäß die Natur Ordnungs­struk­turen hervor­bringt – von den Galaxien über die Orga­nismen bis hin zu kultu­rellen Gebilden.28»The funda­mental tendency or theme of the universe […] is refle­xi­vity or feedback« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty« [s. Anm. 23], S. 79). »The process of evolution itself is a prime example of a gene­ra­tive feedback process. Variation, selection, and heredity consti­tute a cycle, which when repeated over and over again produces out of this very simple algorithm the most extra­or­di­na­rily complex and beautiful lifeforms« (ebd., S. 80). Neuer­dings hat man sogar schon im Quan­ten­be­reich Reali­sa­tionen der Propor­tion des Goldenen Schnittes entdeckt (R. Coldea [u. a.], »Quantum Criti­cality in an Ising Chain: Expe­ri­mental Evidence for Emergent E8 Symmetry«, in: Science Vol. 327 [8. Januar 2010], S. 177–180). ↩︎

Die Selbst­ähn­lich­keit, die wir an Formen der geschil­derten Art wahr­nehmen und als schön empfinden, ist also ein Indiz dafür, dass das betref­fende Gebilde aus einem Prozess der Selbst­or­ga­ni­sa­tion hervor­ge­gangen ist. Unser Schön­heits­sinn, der solche Selbst­ähn­lich­keit intuitiv als ›schön‹ bewertet, ist im Grunde ein Detektor von Selbst­or­ga­ni­sa­tion.29 Insofern hat er eine stark kognitive Kompo­nente.30 ›Schön‹ ist (bei diesem Typus) das ästhe­tisch-emotio­nale Steno­gramm für Selbst­or­ga­ni­sa­tion.Vgl. Turner: »The iterative feedback principle which is at the heart of all these processes is the deep theme or tendency of all of nature […] and it is what we feel and intuit when we recognize beauty« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty« [s. Anm. 23], S. 80). ↩︎Die Empfin­dung des Schönen ist »Ausdruck eines impli­ziten Wissens […], das uns zur Wahr­neh­mung des Gesetz­mä­ßigen im Komplexen und damit zur Reduktion von Komple­xität befähigt« (Bernd-Olaf Küppers, »Die ästhe­ti­schen Dimen­sionen natür­li­cher Komple­xität«, in: Wolfgang Welsch [Hrsg.], Die Aktua­lität des Ästhe­ti­schen, München 1993, S. 247–277, hier S. 248). ↩︎

Kognitiv: leichte Bewäl­ti­gung von Komple­xität

Das legt die Frage nahe, warum es für uns so bedeutsam ist, Selbst­or­ga­ni­sa­tion zu erkennen – so überaus bedeutsam, dass wir dafür, eben mit dem auf Selbst­ähn­lich­keit anspre­chenden Schön­heits­sinn, einen eigenen Detektor ausge­bildet haben. Inwiefern könnte es für unsere Vorfahren nützlich gewesen sein, Selbst­or­ga­ni­sa­tion intuitiv zu erkennen?

Ein Selbst­or­ga­ni­sa­tions-Detektor ist kognitiv doppelt vorteil­haft. Erstens erlaubt er die rasche, schier instantane Erfassung eines komplexen Daten­zu­sam­men­hangs, den man ohne einen solchen Detektor erst Punkt für Punkt abgreifen und dann synthe­ti­sieren müsste – was außer­or­dent­lich aufwendig und fehler­an­fällig wäre. Im Vergleich damit ist das ästhe­ti­sche Schnell­ver­fahren leicht und sicher. Es stellt daher ein vorzüg­li­ches Mittel zur Unüber­sicht­lich­keits-Bewäl­ti­gung dar. Zweitens ist dieser Detektor, da zahl­reiche natür­liche Formen auf Selbst­or­ga­ni­sa­tion beruhen, weithin einsetzbar und dienlich. Er stellt beinahe einen kogni­tiven Univer­sal­schlüssel in einer Welt dar, deren Gegen­stände großen­teils auf Selbst­or­ga­ni­sa­tion beruhen. Er erlaubt eine schnelle und souveräne Sortie­rung der Daten­man­nig­fal­tig­keit nach zusam­men­ge­hö­renden Figuren und damit eine Glie­de­rung des Daten­pro­fils nach den tatsäch­li­chen Gegen­ständen. Es scheint geradezu so zu sein, dass uns hier – in Gestalt eines ästhe­ti­schen Sinns – die Grund­logik der physi­schen Welt verfügbar ist. Die Fähigkeit, Phänomene der Selbst­or­ga­ni­sa­tion spontan zu erkennen, dürfte jeden­falls sowohl wegen ihrer Schnel­lig­keit als auch wegen ihrer breiten Anwend­bar­keit einer besonders inten­siven positiven Selektion unter­legen haben.

Kogni­ti­ons­lust generell: Kohä­renz­lust

Wenn nun die ästhe­ti­sche Entschlüs­se­lung von Formen der Selbst­ähn­lich­keit eigent­lich ein ästhe­ti­scher Stell­ver­tre­terakt für eine kognitive Leistung ist, dann dürfte auch das damit verbun­dene Wohl­ge­fallen letztlich kogni­tiver Art sein.

Worin besteht kogni­tives Wohl­ge­fallen? Unsere Kognition ist generell auf Kohärenz aus. Die Errei­chung von Kohärenz ist es, die kognitive Befrie­di­gung bzw. Lust auslöst. Nun hat solche Kohärenz nicht nur eine gegen­stands­be­zo­gene, sondern auch eine subjek­tive Seite. Wenn sich die gegen­ständ­li­chen Daten (etwa durch die Anwendung des Selbst­ähn­lich­keits­mus­ters) zu einem schlüs­sigen Zusam­men­hang fügen, so entsteht zum einen gegen­ständ­liche Kohärenz (Iden­ti­fi­ka­tion und Abgren­zung einzelner Gegen­stände vonein­ander sowie von ihrer Umgebung). Diese gegen­ständ­liche Kohärenz stellt aber zugleich die Außen­seite einer internen Kohärenz dar. Wahr­neh­mungs­pro­zesse spielen sich nämlich stets in einem Span­nungs­feld von Vorer­war­tung und Datenscan ab, wobei bestimmte Muster jeweils vorak­ti­viert sind und das Wahr­nehmen in einem Abgleich zwischen Muster und Daten besteht.31 Wenn nun bei diesem Abgleich Deckung eintritt (also die Daten­man­nig­fal­tig­keit zur Vorer­war­tung stimmt), dann sind wir zum einen kognitiv und in Objekt­hin­sicht überzeugt, einen Sach­ver­halt zutref­fend erfasst zu haben, und zum anderen finden wir uns dann emotional und in unserem subjek­tiven Zustand befrie­digt bzw. beglückt.32 So gehen externe und interne Kohärenz Hand in Hand.Das wissen wir seit der Gestalt­theorie des letzten Jahr­hun­derts und verstärkt durch neuere Befunde der Neuro­logie. Vgl. zur Rolle der Vorer­war­tungen: Manfred Fahle, »Ästhetik als Teil­aspekt bei der Synthese mensch­li­cher Wahr­neh­mung«, in: Ralf Schnell [Hrsg.], Wahr­neh­mung – Kognition – Ästhetik. Neuro­bio­logie und Medi­en­wis­sen­schaften, Bielefeld 2005, S. 61–109; ferner zur internen Bewertung von Hirn­zu­ständen im Zusam­men­hang mit den Vorer­war­tungen: Wolf Singer, »Das Bild in uns – Vom Bild zur Wahr­neh­mung«, in: Christa Maar / Hubert Burda [Hrsg.], Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln 2004, S. 56–76. ↩︎Stim­mig­keit hat tatsäch­lich schon im einfachsten Erkennt­nis­ur­teil einen Beiklang von Lust. Dieser Beiklang ist aller­dings im Normal­fall kaum merklich, sondern nur in den ästhe­ti­schen Fällen sowie in kogni­tiven Extrem­fällen (Heureka) deutlich. ↩︎

Diese Kongruenz zwischen objek­tiver und subjek­tiver Kohärenz besteht übrigens nicht deshalb, weil wir die Welt nach unserem Bild (unseren kogni­tiven Bedürf­nissen) konstru­ieren würden, sondern weil die im Wahr­nehmen vorak­ti­vierten Erwar­tungs­muster ihrer­seits schon auf Welt­erfah­rung (phylo­ge­ne­ti­scher wie epige­ne­ti­scher Art) beruhen. Es ist diese Erfah­rungs­ge­prägt­heit unseres Wahr­neh­mungs­ap­pa­rats, die dafür sorgt, dass unsere subjek­tiven Kohä­renz­vor­gaben – die für unsere Wahr­neh­mungs­akte de facto leitend sind – mit den objek­tiven Kohä­renz­an­for­de­rungen über­ein­stimmen.

Die neuro­lo­gi­sche Beson­der­heit dieser Schön­heits­er­fah­rung: Resonanz von Cortex­be­rei­chen

Nun liegt das Besondere unserer ästhe­ti­schen Freude an Symmetrie, Goldenem Schnitt und Selbst­ähn­lich­keit neueren Erkennt­nissen der Neuro­logie zufolge darin, dass in diesen Fällen nicht nur eine lokale Befrie­di­gung eintritt (wie bei einfachen Wahr­neh­mungen, etwa der Fest­stel­lung, dass ein vermu­teter Ausgang tatsäch­lich ein Ausgang ist), sondern dass sich hier über das lokale Kohä­renz­erlebnis hinaus eine Resonanz mit anderen Cortex­be­rei­chen einstellt.33Vgl. Manfred Fahle, »Ästhetik als Teil­aspekt bei der Synthese mensch­li­cher Wahr­neh­mung« (s. Anm. 31), S. 107 f. – Mit ›lokal‹ meine ich: ›auf eine spezi­fi­sche Funktion bezogen‹. Gewiss können schon an deren Erfüllung weit­läu­fige Netzwerke beteiligt sein, so dass die Erregung zwar an einer räum­li­chen Stelle ihr Maximum hat, aber nicht auf diese Stelle beschränkt ist. Das Reso­nanz­phä­nomen zeichnet sich demge­gen­über dadurch aus, dass nicht nur u. U. weit entfernte Verbin­dungen, die für die jeweilige spezi­fi­sche Funktion unent­behr­lich sind, aktiviert werden, sondern dass neuronale Komplexe miterregt werden, die zu der Ausgangs­funk­tion als solcher nichts beitragen. ↩︎

Das Ausgangs­phä­nomen als solches ist kaum anders als bei den normalen Wahr­neh­mungs­leis­tungen auch: eine Vorer­war­tung erfüllt sich. Aber im ästhe­ti­schen Fall hat der Wahr­neh­mungsakt zusätz­lich Auswir­kungen, die über den einzelnen Sinnes­be­reich hinaus­gehen. Die lokale Kohärenz erzeugt kolla­te­rale Kohä­renzen. Die stimmige Akti­vie­rung des einen Sinnes­ge­biets versetzt zugleich andere Sinnes- und Kogni­ti­ons­be­reiche in Schwin­gung. Offenbar wurde im Ausgangs­be­reich ein Grundton unseres kogni­tiven Apparates insgesamt ange­schlagen, gewis­ser­maßen dessen Grund­stim­mung angeregt. Deshalb schwingen auch die anderen Bereiche mit. Und durch diese korti­kalen Reso­nanzen kommt es zu einer insgesamt weitaus umfas­sen­deren Kohärenz als bei gewöhn­li­chen Wahr­neh­mungen.34 Es ist just diese zusätz­liche, diese multi­di­men­sio­nale Kohärenz, die wir als ästhe­ti­sche Freude oder Lust erfahren.35Man beachte auch: für kognitive Kohärenz ist insgesamt weit mehr verlangt als eine einzelne Passung zwischen Schema und Befund. Es braucht darüber hinaus eine Kohärenz zwischen vielen solchen Passungen quer durch die Sinnes­ge­biete, ja durch poten­tiell alle Dimen­sionen unserer Welt­erfas­sung. Oder anders gesagt: Es braucht nicht nur die vertikale Passung zwischen Schema und Einzel­be­fund, sondern auch die hori­zon­tale Kohärenz zwischen verschie­denen kogni­tiven Feldern. Genau das letztere ist im Fall bereichs­über­grei­fender Reso­nanzen der Fall. Entspre­chend weist z. B. Redies darauf hin, dass ästhe­ti­sche Reize zu maximal synchro­ni­sierten Antworten in verschie­denen neuro­nalen Netz­werken führen (Christoph Redies, »A universal model of esthetic percep­tion based on the sensory coding of natural stimuli«, in: Spatial Vision Vol. 21 (2007), No. 1–2, S. 97–117, hier S. 106). ↩︎Vgl. dazu auch Rama­ch­andrans und Hirsteins Hinweis, dass zur ästhe­ti­schen Erfahrung die Verstär­kung schon bestehender tempo­rärer Bindungen von Zell­ensem­bles gehört (»feature binding«), was mit einer Akti­vie­rung des limbi­schen Systems einher­geht (Vilayanur S. Rama­ch­andran / William Hirstein, »The Science of Art – A Neuro­lo­gical Theory of Aesthetic Expe­ri­ence«, in: Journal of Conscious­ness Studies 6 (1999), S. 15–51, hier S. 21 f.). ↩︎

Das Reso­nanz­phä­nomen unter­scheidet diesen zweiten – auf Selbst­ähn­lich­keit und Selbst­or­ga­ni­sa­tion bezogenen – Typus univer­saler Schön­heits­er­fah­rung aufs deut­lichste vom ersten, auf Land­schaften und Körper bezogenen Typus. Dort werden nur sehr spezi­fi­sche Hirn­re­gionen aktiviert (eben dieje­nigen, in denen die betref­fenden Präfe­renz­muster verankert sind). Bei der ästhe­ti­schen Freude an Formen der Selbst­ähn­lich­keit hingegen ist gerade die Resonanz mehrerer Cortex­be­reiche, also eine weitaus inte­gra­lere Akti­vie­rung unseres kogni­tiven Apparates typisch. – Und vollends integral wird unser Gehirn dann beim Phänomen der großen, der atem­be­rau­benden Schönheit aktiviert. Dies sei jetzt erläutert.

Große, atem­be­rau­bende Schönheit

Erfah­rungs­cha­rak­te­ristik und Kantische Auslegung

Gehen wir vom phäno­me­nalen Befund aus. Was kenn­zeichnet unsere Empfin­dungs­lage, wenn wir großer Schönheit begegnen? Wir finden uns beglückt. Wir fühlen: »das ist schön«. Derglei­chen wollten wir immer schon sehen. So etwas möchte man öfter, möchte man dauernd sehen. Man sieht es von Herzen gern. Diese volle Beglü­ckung ist der entschei­dende Punkt – nicht nur in der Erfahrung, sondern auch für die Erklärung.

Kant, der das Geschmacks­ur­teil eindring­lich analy­siert hat, sah diesen Punkt sehr deutlich. Als schön empfinden wir Kant zufolge dasjenige, was so ist, wie wir die Dinge wahr­nehmen wollen. Dieses subjek­tive Moment ist entschei­dend. Schön ist, was unserem allge­meinsten und tiefst­lie­genden Wahr­neh­mungs­be­dürfnis entspricht.

Und worin besteht dieses Bedürfnis? Kant gab eine vermö­gens­theo­re­ti­sche Antwort: Wir suchen eine Zusam­men­stim­mung von begriff­li­cher und sinn­li­cher Seite (also das, was zuvor unter dem Stichwort ›Kohärenz‹ beschrieben wurde). In der Termi­no­logie Kants heißt das: wir erstreben eine Harmonie von Einbil­dungs­kraft und Verstand. Wo diese Harmonie sich wie von selbst einstellt, da haben wir die Erfahrung des Schönen. Kant bestimmt das ästhe­ti­sche Wohl­ge­fallen dementspre­chend als Wohl­ge­fallen bzw. Lust »an der Harmonie der Erkennt-nis-ver-mö-gen«.36Immanuel Kant, Kritik der Urteils­kraft [1790], hrsg. von Gerhard Lehmann, Stuttgart 1963, S. 91, B 29 [§ 9]. ↩︎

Im kogni­tiven Normal­fall müssen wir eine derartige Zusam­men­stim­mung von begriff­li­cher und sinn­li­cher Seite durch begriff­liche Tätigkeit (durch Synthe­se­leis­tungen des Verstandes) gewinnen. Im ästhe­ti­schen Ausnah­me­fall hingegen stellt sie sich wie von selbst ein. Das begründet den Sonder­status und Glücks­cha­rakter des Ästhe­ti­schen.

Um noch einmal den entschei­denden Punkt heraus­zu­heben: In der ästhe­ti­schen Erfahrung bekommen wir just das, was wir von uns aus wollen. Genau dafür steht das Erlebnis ›schön‹. Ein Gegen­stand ist nicht als solcher, ist nicht objektiv schön, sondern wir erleben ihn deshalb als schön, weil seine Wahr­neh­mung unser grund­le­gendstes Wahr­neh­mungs­be­dürfnis – eben das nach kogni­tiver Harmonie – erfüllt. Die Erfahrung des Schönen beruht auf dieser subjek­tiven Bedingung. Wir wollen etwas – von uns aus. Und im Fall des Schönen wird es uns voll­kommen zuteil.37Vgl. dazu schon Baum­gar­tens Bestim­mung der Schönheit als Voll­endungs-Phänomen (Vollerfül­lungs-Phänomen) sinn­li­cher Erkenntnis: »Ziel der Ästhetik ist die Voll­kom­men­heit der sinn­li­chen Erkenntnis als solcher. Und eben das ist die Schönheit« – Alexander Gottlieb Baum­garten, Aesthe­tica, 1. Teil [1750], Hildes­heim 1970, S. 6 [§ 14]. ↩︎

Die neuronale Erklärung

Und wie lautet die neuronale Erklärung für das Erlebnis atem­be­rau­bender Schönheit? Charak­te­ris­tisch ist in diesem Fall, dass die neuronale Erregung (mehr noch als im Fall der kolla­te­ralen Resonanz bei Phäno­menen der Selbst-ähnlich­keit) unseren Wahr­neh­mungs­ap­parat im Ganzen ergreift. Die Erfahrung großer, atem­be­rau­bender Schönheit geht mit Erre­gungs­wellen einher, die sich über den gesamten Cortex ausbreiten. Sie nehmen zwar ebenfalls von einer bestimmten Sphäre (etwa der visuellen oder der akus­ti­schen) ihren Ausgang, versetzen jedoch unseren gesamten aisthe­ti­schen und kogni­tiven Apparat in einen Schwin­gungs­zu­stand, der dessen grund­le­gender Konfi­gu­ra­tion und Erwar­tungs­hal­tung entspricht. Deshalb finden wir uns in diesem Fall integral und optimal aktiviert. Daher rührt das große Glück bei der Erfahrung atem­be­rau­bender Schönheit.38Darin, dass für das Erlebnis großer Schönheit eine subjek­tive Beglü­ckung ausschlag­ge­bend ist, die aus einer ganz­heit­li­chen Akti­vie­rung unserer Grund­kon­stel­la­tion resul­tiert, stimmen also Phäno­men­be­trach­tung, Kantische Analyse und neuronale Erklärung des Schönen überein. ↩︎

Zusam­men­fas­sender Vergleich der drei Typen univer­saler Schön­heits­er­fah­rung

Über­blicks­haft will ich die drei geschil­derten Typen univer­saler Schön­heits­er­fah­rung noch einmal verglei­chen, und zwar zunächst hinsicht­lich ihrer neuro­nalen Charak­te­ristik und anschlie­ßend hinsicht­lich des Grundes ihrer Univer­sa­lität.

Neuronale Charak­te­ristik

Wenn wir einen Körper oder eine Land­schaft als schön empfinden, so beruht dies auf der hoch­gradig lokal beschränkten Akti­vie­rung eines bestimmten neuro­nalen Musters. Wenn wir hingegen Formen der Selbst­ähn­lich­keit als schön erleben, so erfolgt dabei eine weiter­rei­chende Akti­vie­rung des Cortex infolge der Resonanz angren­zender Cortex­be­reiche. Die Erfahrung großer, atem­be­rau­bender Schönheit schließ­lich beruht auf einer inte­gralen Akti­vie­rung unserer gesamten aisthe­ti­schen und kogni­tiven Archi­tektur.

Nun gilt freilich für jeden dieser drei Typen, dass Schönheit eigent­lich »brain-happiness« ist.39 Struktur und Inten­sität dieser »happiness« sind jedoch charak­te­ris­tisch unter­schied­lich: lokal, wenn ein biolo­gi­sches Programm aktiviert wird; kolla­teral, wenn unser kogni­tives Programm aktiviert wird; integral im Fall der über­großen Schönheit.Das ist die generelle These der Neuro­äs­thetik. Sie könnte trivial erscheinen – ist es aber nicht. Man überlege nur einmal, wie anders man Kunst­aus­stel­lungen und Museen nützen wird, wenn man dieser These vertraut. Man wird sie nicht mehr als Andacht­s­tempel ansehen oder als Sonn­tag­nach­mit­tags­pflichten aufsuchen, sondern man wird sie als Trainings- und Fitness­zen­tren für das Gehirn nützen: zum Zweck des Beset­zungs­um­baus, zur Erzeugung neuer Verbin­dungen, für Inte­gr­a­ler­re­gungen. Oder einem Sona­ten­satz wird man nicht mehr als histo­ri­sche Kurio­sität nach­for­schen, sondern man wird ihn auf das hin abhören, was er mit unserem Gehirn macht. Und es muss nicht der Sona­ten­satz sein – Ligeti oder Nono kommen dafür ebenso in Frage. ↩︎

Und nicht nur die Extension der neuro­nalen Erregung, sondern auch die jeweilige Erleb­nis­qua­lität ist charak­te­ris­tisch verschieden: bei lokaler Erregung empfinden wir Attrak­ti­vität, bei kolla­te­raler Erregung beträcht­li­ches Wohl­ge­fallen, und bei inte­graler Erregung eben atem­be­rau­bende Schönheit. – So viel zur neuro­nalen Grammatik der Schönheit.

Unter­schied­liche Gründe der Univer­sa­lität

Schließ­lich noch einmal zur Frage der Univer­sa­lität: Woher rührt es, dass die drei genannten Typen von Schön­heits­er­fah­rung allesamt universal sind? – Die Gründe dafür sind so unter­schied­lich wie die Typen selbst.

Die Körper- und Land­schafts­prä­fe­renzen sind universal, weil sie sich Selek­ti­ons­ef­fekten verdanken, die – vor aller kultu­rellen Diver­si­fi­zie­rung – das Genom vom Homo sapiens betroffen haben. Deshalb sind sie unver­än­dert auf uns gekommen und wirken noch heute univer­sell. Dieser Schön­heits­typus hat sich in der proto­kul­tu­rellen Periode der Mensch­heit heraus­ge­bildet (die von vor ca. 2,5 Millionen Jahren bis vor ca. 40 000 Jahren reichte).40 Dieser Typus ist human­spe­zi­fisch. Seiner Funktion nach ist er auf Repro­duk­tion und Ökologie bezogen. – Er steht damit, innerhalb des Ästhe­ti­schen, sozusagen für das Gute.Vgl. Wolfgang Welsch, »Das Rätsel der mensch­li­chen Beson­der­heit«, in: W. W., Immer nur der Mensch? Skizzen zu einer anderen Anthro­po­logie, S. 277–293. ↩︎

Die ästhe­ti­sche Präferenz für Formen der Selbst­ähn­lich­keit, die auf Selbst­or­ga­ni­sa­tion verweisen, ist ebenfalls schon in der Phylo­ge­nese ausge­bildet und selek­tiert worden. Ihre heutige Univer­sa­lität ergibt sich aus der Permanenz der entspre­chenden gene­ti­schen Ausstat­tung. Aller­dings ist dieser Schön­heits­typus schon vor dem Menschen – im Zug der kogni­tiven Entwick­lung der Tiere, die über ein dorsales Nerven­system und ein Gehirn verfügen – entstanden. Er ist der älteste Typus ästhe­ti­scher Schätzung. Darwin hat ihn mit der Genese des Schön­heits­emp­fin­dens überhaupt, das längst vor dem Menschen im Tierreich entwi­ckelt worden war, in Verbin­dung gebracht.41 Der Vorteil dieses Schön­heits­typus liegt auf kogni­tivem Gebiet. – Er reprä­sen­tiert, innerhalb des Ästhe­ti­schen, sozusagen das Wahre.Vgl. beispiels­weise: »Die Wahr­neh­mung und mögli­cher­weise auch die Freude an musi­ka­li­schen Kadenzen sowie am Rhythmus ist wahr­schein­lich allen Tieren gemeinsam und beruht ohne Zweifel auf der gemein­samen physio­lo­gi­schen Struktur ihrer Nerven­sys­teme« (Darwin, Die Abstam­mung des Menschen und die geschlecht­liche Zuchtwahl, Stuttgart 21871/72, Bd. II, S. 292). Vgl. dazu in diesem Band: »Der anima­li­sche Ursprung der Ästhetik«, bes. S.  243–247. ↩︎

Die Univer­sa­lität der Faszi­na­tion durch große Schönheit schließ­lich dürfte daher rühren, dass diese Begeis­te­rung schlicht auf der Archi­tektur des Cortex als solchem beruht. Und da diese Archi­tektur bei allen Ange­hö­rigen von Homo sapiens dem Grunde nach gleich ist, sind wir alle – kulturen-über­grei­fend – dieses Schön­heits-Erleb­nisses fähig und ist somit auch dieser Typus von Schön­heits­er­fah­rung universal. Zeitlich gesehen hat sich dieser Typus aber vermut­lich erst in der kultu­rellen Periode der Mensch­heit, also in den letzten 40 000 Jahren heraus­ge­bildet. Er ist der jüngste der drei Typen.42 Anders als bei den vorge­nannten Typen glaube ich jedoch nicht, dass die Faszi­na­tion durch große Schönheit auf einem spezi­fi­schen Nutzen beruht. Vielmehr scheint das Gehirn sich hier selbst zu feiern, scheint gleichsam intern zu jubi­lieren. Große Schönheit ist ein zweck­freies neuro­nales Feuerwerk – jenseits eines biolo­gi­schen oder kogni­tiven Nutzens. Insofern betreten wir erst mit diesem Typus die Sphäre des ganz und gar Schönen, des Schönen um des Schönen willen. – Dieser Typus stellt also, innerhalb des Ästhe­ti­schen, das eigent­lich Schöne (bzw. Hyper­schöne) dar.Dieser Typus, der an keinerlei Inhalte gebunden ist – weder an die vorder­grün­digen des ersten Typs (Land­schaft, Körper) noch an die tiefer­rei­chenden des zweiten Typs (Selbst­ähn­lich­keit, Selbst­or­ga­ni­sa­tion) –, sondern ganz auf der Erregung der Archi­tektur des Cortex als solchen beruht, ist natürlich auch nicht an bestimmte kultu­relle Inhalte gebunden. Eben deshalb ist die Faszi­na­tion ja, wenn­gleich stets durch Werke mit bestimmter kultu­reller Prägung veran­lasst, ihrem Grunde wie ihrer Extension nach universal. Dennoch ist anzu­nehmen, dass dieser Typus erst in der Periode der Kultur zur Geltung kam bzw. verfolgt wurde – weil hier erst die elemen­taren biolo­gi­schen und kogni­tiven Notwen­dig­keiten abgedeckt waren und ein ›freies Spiel‹ von Wahr­neh­mungen und Erfin­dungen beginnen konnte. Der Grund der Faszi­na­tion durch atem­be­rau­bend schöne Werke also liegt tiefer als alles Kultu­relle, aber diese Möglich­keit kam erst in der Kultur frei zum Tragen. ↩︎

Rückblick und Ausblick

Univer­sa­lität und Einzel­heit

Was, so könnte man fragen, ist durch die vorste­henden Über­le­gungen gewonnen? Für die Ästhetik insgesamt, denke ich, einiges. Für die detail­lierte Analyse einzelner schöner Gebilde, etwa eines Kunst­werks, hingegen vergleichs­weise wenig.

Die ange­führten Befunde lehren uns besser zu verstehen, warum wir Menschen so weithin durch Schönheit faszi­niert sind – nicht nur im zwischen­mensch­li­chen Bereich, sondern ebenso hinsicht­lich der Natur und der Kunst. Wir sind schön­heits-süchtig, weil Schönheit nicht nur für unsere Sexua­lität, sondern ebenso für unsere Kognition, ja für unser Wohl­be­finden insgesamt eine gewich­tige Rolle spielt. Unser wich­tigstes, unser einziges gesamt­heit­li­ches ›Organ‹, das Gehirn, strebt in der Erfahrung des Schönen nach seinem Best­zu­stand.

Dass die Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen nach Schönheit gesucht haben, ist der ästhe­ti­schen Theorie vertraut. Aber man hat das Augenmerk doch insgesamt zu einseitig auf die kultu­relle Diver­sität – auf die Unter­schied­lich­keit der Schön­heits­er­zeu­gung und ‑schätzung in den verschie­denen Kulturen – gerichtet. Über dem Lobpreis der ästhe­ti­schen Vielfalt hat man den Umstand übersehen oder gar geleugnet, dass schöne Produkte, die für einen Kultur­kreis kenn­zeich­nend sind, auch von Ange­hö­rigen anderer Kultur­kreise als schön erfahren werden können. Man hat die poten­ti­elle Univer­sa­lität des Schönen verkannt. Der Kultu­ra­lismus – dem zufolge alle Hervor­brin­gungen der Menschen ausschließ­lich auf kultu­rellen und nicht auch auf tieferen, präkul­tu­rellen Grund­lagen beruhen –, hat auch hier zu einem Ghet­to­ismus geführt, der die kultu­rellen Erzeug­nisse strikt an die Leine ihrer Herkunfts­kultur legen und die Möglich­keit genuinen Verste­hens und genuiner Schätzung auf diese beschränken
wollte.

Im Gegensatz dazu weisen die vorste­henden Ausfüh­rungen auf das präkul­tu­relle Unter­futter und die trans­kul­tu­rellen Tiefen­di­men­sionen des Ästhe­ti­schen hin, aus denen sich sowohl erklärt, dass in hoch­gradig unter­schied­li­chen Kulturen dieselben ästhe­ti­schen Präfe­renz­muster wirksam sein können, wie durch sie auch verständ­lich wird, dass Ange­hö­rige einer Kultur die Schön­heits­leis­tungen einer ganz anderen Kultur glei­cher­maßen schätzen können. Es gibt sowohl eine produk­tive als auch eine rezeptive Univer­sa­lität des Ästhe­ti­schen. Es ist an der Zeit, das kultu­ra­lis­ti­sche Vorurteil abzulegen und sich den Univer­sa­li­täts­di­men­sionen des Ästhe­ti­schen zuzu­wenden.

Aber so wichtig die letzteren für die Sphäre des Ästhe­ti­schen insgesamt sind, so wenig vermag ihre Beachtung doch für die detail­lierte Analyse einzelner Phänomene auszu­tragen. Universal sind die genannten Typen ästhe­ti­scher Schätzung. Aber tausen­derlei Phänomene können einem dieser Typen zugehören und doch in ihrer ästhe­ti­schen Qualität beträcht­lich verschieden sein. Um die Gründe für die jeweilige Qualität anzugeben (was eine Aufgabe ästhe­ti­scher Analyse ist), hilft der Hinweis auf die Typik nichts mehr, sondern hier müssen andere Kriterien ins Spiel gebracht werden – unter Umständen sogar hoch­gradig spezi­fi­sche Kriterien, gar solche, die überhaupt erst durch dieses Werk (sofern es stil­bil­dend war) in die Welt gelangten. Mehrere grie­chi­sche Tempel und etliche japa­ni­sche Stein­gärten sind durch die Goldene Propor­tion bestimmt, aber das Besondere des Parthenon oder des RyØan-ji bedarf einer zusätz­li­chen Erklärung. Und Beet­ho­vens 3. Symphonie gewinnt ihre Groß­ar­tig­keit nicht aus der Erfüllung von Sona­ten­form und sympho­ni­scher Satz­technik, sondern aus der Reali­sie­rung eines bis dato uner­hörten Pathos.

Der Univer­sa­l­aspekt hat hier also eine deutliche Grenze. Er vermag die univer­sale Faszi­na­tion durch ästhe­ti­sche Typen zu erklären, nicht aber auch noch die größere oder geringere Qualität einzelner Mani­fes­ta­tionen dieses Typus. Freilich: eine derartige Grenze gehört stets zu ästhe­ti­schen Erklä­rungs­mus­tern allge­meiner Art. Ob man an generelle Grund­sätze wie ›variatio delectat‹ oder ›ut pictura poesis‹ oder an semi-generelle Prin­zi­pien wie Tiefen­per­spek­tive oder Diago­nal­kom­po­si­tion denkt – jedesmal wird es darauf ankommen, dass das Einzel­werk nicht nur solchen Leit­li­nien genügt, sondern in seiner Beson­der­heit wahr­ge­nommen zu werden verlangt und verdient. Und es wäre wohl ohnehin paradox, ausge­rechnet vom Univer­sa­l­aspekt zu erwarten, dass er Aufschluss über alles Einzelne gibt.

Bloße Subjek­ti­vität der Erfahrung des Schönen?

Die Konver­genz von klas­si­scher und neuro­naler Subjek­ti­vi­täts­these

Man könnte die neuro­nalen Erklä­rungen des Schönen, die ich referiert habe, rundweg als Bestä­ti­gung der These von der Subjek­ti­vität des Ästhe­ti­schen ansehen. Die letztere These ist mindes­tens seit dem 18. Jahr­hun­dert weit verbreitet. Kant, auf den ich mich zuvor bezog, hat sie am klarsten expli­ziert. Demzu­folge ist ›schön‹ keine Eigen­schaft, die den Erschei­nungen objektiv anhaftet (wie etwa deren Größe), sondern eine ganz und gar rela­tio­nale Eigen­schaft, welche gewissen Erschei­nungen nur in Bezug auf das mensch­liche Erkennt­nis­ver­mögen und die mensch­liche Betrach­tungs­weise zuerkannt werden kann. Dinge sind nicht deshalb schön, weil sie an sich schön wären, sondern sie sind für uns schön, weil wir ihnen aufgrund unserer Art, die Welt zu betrachten, und im Duktus der dabei leitenden Bedürf­nisse diese Eigen­schaft zuschreiben, sie ihnen aufgrund unserer Verfas­sung als Subjekte verleihen.43 – Ganz analog lehrt nun auch die neuere Hirn­for­schung, dass die Erfahrung des Schönen durch die interne Archi­tektur unseres Gehirns bestimmt, dass die neuronale Dispo­si­tion von uns Subjekten für Schönheit ausschlag­ge­bend, dass Schönheit eigent­lich »brain-happiness« ist.Dabei ist mit ›Subjek­ti­vität‹ natürlich die allen Menschen gemein­same Gattungs-Subjek­ti­vität gemeint, nicht die gerade in aesthe­ticis später so beliebt gewordene Indi­vi­dual-Subjek­ti­vität. ↩︎

Aller­dings regten sich schon Ende des 18. Jahr­hun­derts Einsprüche gegen die Subjek­ti­vi­täts­these. Schiller z. B. meinte, dass Schönheit zumindest auch etwas Objek­tives sein müsse und etwa als »Freiheit in der Erschei­nung« zu bestimmen sei.44 Oft wurde auch darauf hinge­wiesen, dass Schönheit schon deshalb keine rein subjek­tive Ange­le­gen­heit sein könne, weil uns doch offenbar nicht jeder beliebige Gegen­stand als schön erscheint, schöne Gegen­stände also offen­sicht­lich auch gewisse objektive Bedin­gungen erfüllen müssten, um als schön zu gelten. Symmetrie und Goldene Propor­tion beispiels­weise seien objektiv veri­fi­zier­bare Eigen­schaften der betref­fenden schönen Gegen­stände. Friedrich Schiller, »Kallias oder Über die Schönheit. Briefe an Gottfried Körner« [1793 entst., 1847 publ.], in: F. Sch., Sämtliche Werke, Bd. 5, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, München 61980, S. 394–433, hier S. 400 [Brief vom 8. Februar 1793]. ↩︎

So sehr ich anschlie­ßend selber Objek­ti­vi­täts­di­men­sionen des Ästhe­ti­schen das Wort reden möchte, muss ich doch zunächst diesen zu einfachen Einwand gegen die Subjek­ti­vi­täts­these zurück­weisen. Auf dem geschil­derten Weg lässt sich keine Bresche für die Objek­ti­vi­täts­these schlagen. Es ist nämlich nicht so, dass die Vertreter der Subjek­ti­vi­täts­these gänzlich bestreiten müssten, dass die Schön­heits­er­fah­rung auch auf objek­tiven Eigen­schaften der Gegen­stände beruht. Was sie behaupten, ist vielmehr nur, dass diese objek­tiven Bestim­mungen allen­falls notwen­dige, keines­falls aber hinrei­chende Bedin­gungen des Schön­heits­er­leb­nisses darstellen. Derlei Gegen­stands­ei­gen­schaften vermögen die Erfahrung des Schönen allen­falls auszu­lösen, können sie aber nicht von sich aus bewirken. Und auch auslösen können sie die Schön­heits­emp­fin­dung nur deshalb, weil wir Menschen von unserer sinn­li­chen und mentalen Konsti­tu­tion her gewis­ser­maßen schön­heits-süchtig, grund­le­gend auf Schönes aus sind. Nur in diesem durch unsere Subjek­ti­vität bestimmten Such­ho­ri­zont können entspre­chende Gegen­stands­merk­male dann schön­heits­aus­lö­sende Wirkung haben. Insofern bleibt, auch wenn objektive Faktoren eine Rolle spielen, grund­le­gend die Subjek­ti­vi­täts­these im Recht.

Die Objek­ti­vi­täts­hy­po­these – zur evolu­tio­nären Rückseite der Subjek­ti­vität

Eine Über­schrei­tung der These von der bloßen Subjek­ti­vität des Ästhe­ti­schen muss also anders ansetzen. Eigent­lich liegt der Ansatz­punkt auf der Hand. Man braucht bloß die Rückseite der Subjek­ti­vität ins Auge zu fassen. Woher rührt es denn, dass die mensch­liche Subjek­ti­vität, die für unsere Erfahrung des Schönen ausschlag­ge­bend ist, just die Konsti­tu­tion besitzt, die sie besitzt? Warum ist sie so verfasst, wie sie es ist? Diese eigent­liche Grund­frage wird von den Vertre­tern der Subjek­ti­vi­täts­these regel­mäßig beisei­te­ge­schoben bzw. ignoriert.

Solange man dies tut, erscheint es dann zwangs­läufig so, als sei unsere ganze Schön­heits­be­geis­te­rung nur eine humane Eigen­wil­lig­keit bzw. Idio­syn­krasie, die bloß mit uns, aber nichts mit der Welt zu tun habe. Aber die Idio­syn­krasie-These ist aus mindes­tens zwei Gründen hoch­gradig unplau­sibel: Erstens ist unsere ästhe­ti­sche Empfäng­lich­keit tief in unserer kogni­tiven Archi­tektur verankert, sodass man, unsere Ästhetik als idio­syn­kra­tisch einschät­zend, unsere gesamte Kognition der Idio­syn­krasie verdäch­tigen müsste. Und zweitens setzt sich in der mensch­li­chen Ästhetik (wie Darwin dargelegt hat) die längst vor dem Menschen begonnene anima­li­sche Genese und Geschichte des ästhe­ti­schen Empfin­dens fort, weshalb man, die mensch­liche Ästhetik der Idio­syn­krasie anheim­ge­bend, auch die ästhe­ti­sche Sensi­bi­lität der Tiere, ja den gesamten Umwelt­bezug der sich auf Nerven­system und Gehirn verlas­senden Tiere der Idio­syn­krasie über­ant­worten müsste.

Im Gegensatz zur gene­rellen Idio­syn­krasie-Vermutung wurde im vorigen wahr­schein­lich gemacht, dass unser ästhe­ti­sches Empfinden – bei aller subjek­tiven Veran­kert­heit seiner Schemata – durchaus auf objek­tiven Bedin­gungen beruht. Das wurde insbe­son­dere im Blick auf den zweiten Univer­sal­typus, die Faszi­na­tion durch Gebilde der Selbst­ähn­lich­keit, deutlich. Wir empfinden Formen, die durch Selbst­ähn­lich­keit gekenn­zeichnet sind und die auf diese Weise anzeigen, dass sie aus Rück­kopp­lungs­pro­zessen hervor­ge­gangen sind, unmit­telbar als schön. Nun ist Selbst­or­ga­ni­sa­tion aber das allge­meinste onto­lo­gi­sche Prinzip der Natur. Insofern ist unser ästhe­ti­scher Sinn geradezu ex-trem objektiv orien­tiert – also alles andere als idio­syn­kra­tisch: Er antwortet mit Lust und Beglü­ckung auf das, was die Welt im Innersten antreibt. Er pulsiert gleichsam im Takt der Welt. Er ist als humanes zugleich ein onto­lo­gi­sches bzw. kosmi­sches Sensorium.

Wie eine solche Kongruenz von subjek­tiver Empfin­dung und objek­tiver Relevanz möglich ist, lässt sich evolu­ti­ons­theo­re­tisch erklären. Letztlich bewährt sich im Gang der Evolution nur das, was auf die Welt, in der es zurecht­kommen muss, auch eini­ger­maßen passt. Das heißt nicht, dass man einem simplen Anpas­sungs­theorem das Wort reden sollte. Stephen J. Gould und andere haben über­zeu­gend dargetan, dass die evolu­tio­näre Dynamik der Orga­nismen in starkem Maß als innen­ge­steuert und nicht einfach als außen­be­dingt zu begreifen ist. Nur: Was immer da im Duktus innerer Orga­ni­sa­ti­ons­lo­giken erwächst, muss letztlich doch so sein, dass es durch den Druck der Außen­be­din­gungen nicht wegse­lek­tiert wird, sondern ihm stand­zu­halten, ja idea­ler­weise mit den Umwelt­be­din­gungen zu koope­rieren vermag. Das letztere zeichnet die Erfolgs­mo­delle der Evolution aus.

Hier ist nicht der Ort, die Frage von Subjek­ti­vität und Objek­ti­vität abschlie­ßend zur Entschei­dung zu bringen. Dennoch sei gegen das moderne Stan­dard­theorem von der bloßen Subjek­ti­vität des Ästhe­ti­schen eine Lanze für die mögliche Objek­ti­vität des Ästhe­ti­schen gebrochen. Es lässt sich durchaus angeben, wie Objek­ti­vität und Subjek­ti­vität zusam­men­gehen können. Solange man nur ins Auge fasst, dass neuronale Dispo­si­tionen, die zur Konsti­tu­tion des Homo sapiens gehören, für die Typen unseres univer­salen Schön­heits­emp­fin­dens verant­wort­lich sind, scheint die Subjek­ti­vi­täts­these im Recht. Aber unsere subjek­tiven Dispo­si­tionen sind nicht einfach – wie die Theo­re­tiker der Subjek­ti­vität das gerne hätten – das letzte ihrer selbst, sondern sie sind durch ihre evolu­tio­näre Herkunft und Rückseite bestimmt. Aus ihr erklärt sich sowohl die Existenz wie das Design dieser subjek­tiven Formen. Das aber bedeutet: Diese Formen sind in Wahrheit schon welt­ge­prägt, und von daher wohnt ihnen grund­le­gend ein Objek­ti­vi­täts­po­ten­tial inne.

Das gilt natürlich auch für den ästhe­ti­schen Sinn. Und so wäre es – dies als letzter Gedanke – viel­leicht nicht über­trieben zu sagen, dass in diesem auf gewisse Weise die Welt zu sich kommt. Warum lässt sich das sagen? Sinn­li­ches und Sinnes­ver­mögen sind, evolu­tionär verständ­lich, von gleicher Art. Tritt nun der Fall ein, dass Sinn­li­ches uns so begegnet, dass unser Sinnes­ver­mögen dabei in seine beste Verfas­sung gelangt, dann erfahren wir Schönheit – die subjek­tive Beglü­ckung durch Schönheit. Diesen Vorgang muss man aber nicht einfach, wie üblich, als Prozess subjek­tiver Erfüllung ansehen. Sondern man kann ihn auch als objek­tiven Prozess betrachten. Man muss dafür nur einen Blick­wechsel vom Erleben des Subjekts auf die Korre­la­tion von sinn­li­chem Gegen­stand und ästhe­ti­schem Sinn vornehmen. Wenn ein Schön­heits­er­leben eintritt, so beruht dies auf einer Selbst­ver­stär­kung dieser Korre­la­tion. Eine Gegen­stands­qua­lität erregt den ihr korre­spon­die­renden Sinn, und dieser verleiht der Gegen­stands­qua­lität über ihre physische Existenz hinaus eine phäno­me­nale Präsenz. Es kommt also zu einer Rück­kopp­lung zwischen Gegen­stand und Sinn. Insofern vollzieht sich in der ästhe­ti­schen Wahr­neh­mung just das, was generell die onto­lo­gi­sche Grund­dy­namik der Welt überhaupt ausmacht. Anders gesagt: Diese Grund­dy­namik vollzieht sich hier, sich auf sich selbst beziehend, als ästhe­ti­sche Wahr­neh­mung. In der Erfahrung von Schönheit kommt somit nicht (wie man naiver­weise meint) die Schönheit der Welt, sondern (wie es reflek­tier­ter­weise zu sehen ist) deren selbst­ge­ne­ra­tiver Charakter zum Ausdruck. Die Schön­heits­er­fah­rung ist eine in uns sich voll­zie­hende Selbst­er­fah­rung der Welt.

  1. Darauf weist auch allein schon der Umstand hin, dass die Semantik der Termini, die in verschie­denen Kulturen für ›schön‹ stehen, zum Teil beträcht­lich diffe­riert. Vgl. dazu: Crispin Sartwell, Six Names of Beauty, New York 2004. ↩︎
  2. Ob dieser Katalog erschöp­fend ist, mag im Moment offen­bleiben. ↩︎
  3. Vgl. Gordon H. Orians / Judith H. Heerwagen, »Evolved Responses to Land­scapes«, in: Jerome H. Barkow / Leda Cosmides / John Tooby [Hrsg.], The Adapted Mind: Evolu­tio­nary Psycho­logy and the Gene­ra­tion of Culture, New York 1992, S. 555–579; Stephen Kaplan, »Envi­ron­mental prefe­rence in a knowledge-seeking, knowledge-using organism«, in: The Adapted Mind, a. a. O., S. 581–600; Roger S. Ulrich, »Biophilia, Biophobia and Natural Land­scapes«, in: The Biophilia Hypo­thesis, hrsg. von Stephen R. Kellert und Edward O. Wilson, Washington D. C. 1993, S. 73–137; Judith H. Heerwagen / Gordon H. Orians, »Humans, Habitat, and Aesthe­tics«, in: The Biophilia Hypo­thesis, a. a. O., S. 138–172. ↩︎
  4. Vgl. Nancy Etcoff, Survival of the Prettiest: The Science of Beauty, New York 1999, S. 185–187. ↩︎
  5. Vgl. ebd., S. 91 f. ↩︎
  6. Vgl. Devendra Singh, »Adaptive signi­fi­cance of female physical attrac­ti­ve­ness: Role of waist-to-hip ratio«, in: Journal of Perso­na­lity and Social Psycho­logy 65 (1993), S. 293–307. ↩︎
  7. Meine Rede von ›großer‹ oder ›atem­be­rau­bender‹ Schönheit bezieht sich vor allem darauf, dass es dabei, im Unter­schied zur Stan­dard­schön­heit, nicht einfach um das Wohl­ge­fallen an einer Entspre­chung geht, sondern dass die große Schönheit uns über unsere gewohnte Verfas­sung immer auch hinaus­führt, uns gleichsam einen Stoß versetzt. Das Stan­dard­schöne hingegen steht immer in der Gefahr, zum bloß Hübschen zu verfallen. ↩︎
  8. Vgl. Wolfgang Welsch, »Rethin­king identity in the age of globa­liza­tion – a trans­cul­tural perspec­tive«, in: Hiroshi Okaba­yashi [u. a.] [Hrsg.], Symposion on Beauty and Art. Fest­schrift for Tsune­michi Kamba­yashi, Tokyo 2002, S. 333–346. ↩︎
  9. Das heißt nicht, dass jeder einzelne mögliche Rezipient de facto von der über­ra­genden Qualität solcher Werke ergriffen werden müsste. Es mag da im einzelnen Alters‑, Gewohn­heits- oder Sozi­al­bar­rieren geben. Aber poten­tiell ist jeder Mensch imstande, diese Faszi­na­tion zu erfahren. In diesem Sinn wies schon Charles Baude­laire darauf hin, dass jedermann bis zu einem gewissen Grad den Sinn für univer­sale Schönheit besitzt und diesen noch weiter ausbilden kann (vgl. Charles Baude­laire, »Die Welt­aus­stel­lung 1855 – Die schönen Künste« [1868], in: Ch. B., Der Künstler und das moderne Leben, Leipzig 1990, S. 138–164, insbes. S. 138 f.). ↩︎
  10. Vgl. zur Doppelung von Kultur­spe­zifik und trans­kul­tu­reller Tiefen­schicht: Wolfgang Welsch, »Trans­kul­tu­ra­lität – neue und alte Gemein­sam­keiten«, in: W. W., Immer nur der Mensch? Skizzen zu einer anderen Anthro­po­logie, Berlin 2011, S. 294–322. ↩︎
  11. Ein alter­na­tiver Erklä­rungs­ver­such, die kulturen-über­grei­fende Faszi­na­tion durch heraus­ra­gende kultu­relle Gebilde nicht als Folge dieser humanen Tiefen­schicht, sondern als Effekt der Kultur­in­dus­trie zu verstehen, scheint mir hoch­gradig abwegig. Es ist zwar nicht zu übersehen, dass eine globa­li­sierte Kultur- und Tourismus-Industrie sich gerade auf Werke wie das Taj Mahal oder die Mona Lisa oder Beet­ho­vens Neunte stürzt. Aber dass sie gerade solche Werke wählt, erklärt sich eben daraus, dass diesen ein beson­deres Potential zu univer­seller Schätzung innewohnt. Man sollte hier Ursache und Wirkung nicht verwech­seln. Nicht schafft die kultur­in­dus­tri­elle Zuwendung die univer­sale Faszi­na­ti­ons­kraft der Werke, sondern das den Werken immanente univer­sale Potential macht sie zu Erfolgs­kan­di­daten für ihre kultur- und touris­mus­in­dus­tri­elle Ausbeu­tung. ↩︎
  12. Freeman wider­legte 1983 Margaret Meads Samoa-Mythos (Derek Freeman, Margaret Mead and Samoa: The Making and Unmaking of an Anthro­po­lo­gical Myth, Cambridge/​London 1983), und im gleichen Jahr demon­tierte Malotki die einst so einfluss­rei­chen Behaup­tungen von Benjamin Lee Whorf über die Sprache der Hopi-Indianer (Ekkehart Malotki, Hopi Time, Berlin 1983). Vgl. zum heutigen Diskus­si­ons­stand in Sachen Univer­sa­lien: Christoph Antweiler, Was ist den Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen, Darmstadt 2007. ↩︎
  13. Vgl. Gordon H. Orians / Judith H. Heerwagen, »Evolved Responses to Land­scapes« (s. Anm. 3), S. 558. ↩︎
  14. Man bedenke, dass wir alle von Vorfahren abstammen, welche sich während einer langen Zeit (zunächst in Afrika) in einem solchen Lebens­raum entwi­ckelt haben. ↩︎
  15. »Symmetry is tied to beauty because it acts as a measure of overall fitness« (Nancy Etcoff, Survival of the Prettiest, New York 1999, S. 186); »symmetry is an indicator of health and fitness« (ebd., S. 162). »Krank­hafte Verän­de­rungen des Körpers betreffen in aller Regel nicht beide Arme, Beine, Augen oder Ohren in genau gleicher Weise. Krankheit – was immer es sei – macht daher asym­me­trisch« (Manfred Spitzer, Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke, Stuttgart 2007, S. 111). ↩︎
  16. D. Symons, »Beauty is in the adapt­a­tions of the beholder«, in: P. R. Abramson / S. D. Pinkerton [Hrsg.], Sexual nature / sexual culture, Chicago 1995, S. 80–118. ↩︎
  17. Das Taj Mahal ist ja ein eindrucks­volles Beispiel für Symmetrie. ↩︎
  18. Es könnte genau umgekehrt gewesen sein. Die Symme­trie­prä­fe­renz in Bezug auf die Körper von Geschlechts­part­nern ist mögli­cher­weise bloß der besondere Fall einer weitaus allge­meiner begrün­deten Symme­trie­prä­fe­renz. Die aller­meisten lebens­welt­lich rele­vanten Objekte sind symme­trisch: gefähr­liche Jagdtiere ebenso wie gesuchte Beute­tiere und eben auch Sexu­al­partner. Daher könnte es vorteil­haft gewesen sein, in Form gene­reller Symme­trie­auf­merk­sam­keit eine Art Frühwarn-system für relevante Objekte zu entwi­ckeln. Dieser generelle Symme-triesinn hätte dann in Bezug auf den mensch­li­chen Körper nur eine seiner Anwen­dungen, ohne dass die Part­ner­wahl die Ursprungs­sphäre dieses Sinns gewesen wäre. ↩︎
  19. Die Rekla­m­e­indus­trie weiß sehr genau, dass voll­kommen symme­tri­sche Gesichter lang­weilig sind. Sie nützt diesen Effekt bei der Haar-Reklame. Man wählt Models mit möglichst symme­tri­schen Gesich­tern, damit beim Betrachter das Gesicht gleichsam ›durch­rutscht‹ und die Aufmerk­sam­keit sich, wie gewünscht, nur auf die Haare richtet. ↩︎
  20. Die beiden Strecken stehen dabei im Verhältnis 1 : 1,618… ↩︎
  21. So erstmals Luca Pacioli in seinem Werk De Divina Propor­tione von 1509 und erneut Johannes Kepler in Harmo­nices Mundi (1619). Vgl. dazu insgesamt: Albert van der Schoot, Die Geschichte des Goldenen Schnitts, Stuttgart-Bad Cannstatt 2005. ↩︎
  22. Die Säulen- und Giebel­front des Parthenon war so dimen­sio­niert, dass sie sich in ein liegendes Rechteck mit goldener Propor­tion einfügte. Le Corbusier entwi­ckelte ein Maßsystem (»Modulor«), das auf den mensch­li­chen Maßen und dem Goldenen Schnitt beruhte. ↩︎
  23. »Psycho­phy­sical expe­ri­ments show that irre­spec­tive of culture and education, people prefer golden rectan­gles, the lengths of whose sides are related by the golden section ratio, to any other shape of rectangle« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty«, in: Jan Baptist Bedaux / Brett Cooke [Hrsg.], Socio­bio­logy and the Arts, Amsterdam 1999, S. 63–81, hier S. 75). ↩︎
  24. Vgl. György Doczi, Die Kraft der Grenzen. Harmo­ni­sche Propor­tionen in Natur, Kunst und Archi­tektur [1981], München 1984, S. 138 f. Eine andere Inter­pre­ta­tion geben van Tonder und Lyons, kommen dabei aber ebenfalls zu dem Schluss, dass Struk­turen der Selbst­ähn­lich­keit ausschlag­ge­bend sind (Gert J. van Tonder / Michael J. Lyons, »Visual Percep­tion in Japanese Rock Garden Design«, in: Axio­ma­thes 15 [2005], S. 353–371, hier S. 363 und 366). ↩︎
  25. Man kann dafür auch sagen: Die Gleich­heit ist hier nicht mehr eine von Teilen, sondern eine von Verhält­nissen. Insofern handelt es sich, anders als bei der Achsen­sym­me­trie, um Ungleich­heit auf der Teilebene und Gleich­heit erst auf der Metaebene. Der Goldene Schnitt kombi­niert (für Philo­so­phen von Heraklit bis Hegel und darüber hinaus hoch­in­ter­es­sant) Bruch auf der Erschei­nungs- und Zusam­men­stim­mung auf der Wesen­s­ebene. – Im übrigen soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Verhält­nis­zahl des Goldenen Schnitts eine sehr besondere Zahl ist: sie ist die irra­tio­nalste aller Zahlen (diejenige, die sich, auch nähe­rungs­weise, am wenigsten durch ein Verhältnis ratio­naler Zahlen ausdrü­cken lässt) und die nobelste aller Zahlen (die Zahl, deren Ketten­bruch­dar­stel­lung am frühesten nur noch Einsen enthält). ↩︎
  26. Tatsäch­lich enthält jede Propor­tio­nie­rung nach dem Goldenen Schnitt intrin­sisch eine Anweisung zur Gene­rie­rung weiterer ›golden‹ propor­tio­nierter Gebilde. Addiert man nämlich die größere Teil­strecke zum Ganzen, so erhält man erneut ein Gebilde, das nach dem Goldenen Schnitt propor­tio­niert ist (wobei in dem neuen Gebilde die vorherige längere Strecke die kürzere und die vorherige Gesamt­strecke die längere Strecke bildet). Das macht verständ­lich, warum diese Propor­tion als Wachs­tums­ge­setz dienen kann. ↩︎
  27. Vgl. Friedrich Cramer, Chaos und Ordnung: Die komplexe Struktur des Leben­digen, Stuttgart 31989, S. 195–202. Ebenso: Friedrich Cramer / Wolfgang Kaempfer, Die Natur der Schönheit: Zur Dynamik der schönen Formen, Frankfurt a. M. 1992, S. 264–283. ↩︎
  28. »The funda­mental tendency or theme of the universe […] is refle­xi­vity or feedback« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty« [s. Anm. 23], S. 79). »The process of evolution itself is a prime example of a gene­ra­tive feedback process. Variation, selection, and heredity consti­tute a cycle, which when repeated over and over again produces out of this very simple algorithm the most extra­or­di­na­rily complex and beautiful lifeforms« (ebd., S. 80). Neuer­dings hat man sogar schon im Quan­ten­be­reich Reali­sa­tionen der Propor­tion des Goldenen Schnittes entdeckt (R. Coldea [u. a.], »Quantum Criti­cality in an Ising Chain: Expe­ri­mental Evidence for Emergent E8 Symmetry«, in: Science Vol. 327 [8. Januar 2010], S. 177–180). ↩︎
  29. Vgl. Turner: »The iterative feedback principle which is at the heart of all these processes is the deep theme or tendency of all of nature […] and it is what we feel and intuit when we recognize beauty« (Frederick Turner, »The Socio­bio­logy of Beauty« [s. Anm. 23], S. 80). ↩︎
  30. Die Empfin­dung des Schönen ist »Ausdruck eines impli­ziten Wissens […], das uns zur Wahr­neh­mung des Gesetz­mä­ßigen im Komplexen und damit zur Reduktion von Komple­xität befähigt« (Bernd-Olaf Küppers, »Die ästhe­ti­schen Dimen­sionen natür­li­cher Komple­xität«, in: Wolfgang Welsch [Hrsg.], Die Aktua­lität des Ästhe­ti­schen, München 1993, S. 247–277, hier S. 248). ↩︎
  31. Das wissen wir seit der Gestalt­theorie des letzten Jahr­hun­derts und verstärkt durch neuere Befunde der Neuro­logie. Vgl. zur Rolle der Vorer­war­tungen: Manfred Fahle, »Ästhetik als Teil­aspekt bei der Synthese mensch­li­cher Wahr­neh­mung«, in: Ralf Schnell [Hrsg.], Wahr­neh­mung – Kognition – Ästhetik. Neuro­bio­logie und Medi­en­wis­sen­schaften, Bielefeld 2005, S. 61–109; ferner zur internen Bewertung von Hirn­zu­ständen im Zusam­men­hang mit den Vorer­war­tungen: Wolf Singer, »Das Bild in uns – Vom Bild zur Wahr­neh­mung«, in: Christa Maar / Hubert Burda [Hrsg.], Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, Köln 2004, S. 56–76. ↩︎
  32. Stim­mig­keit hat tatsäch­lich schon im einfachsten Erkennt­nis­ur­teil einen Beiklang von Lust. Dieser Beiklang ist aller­dings im Normal­fall kaum merklich, sondern nur in den ästhe­ti­schen Fällen sowie in kogni­tiven Extrem­fällen (Heureka) deutlich. ↩︎
  33. Vgl. Manfred Fahle, »Ästhetik als Teil­aspekt bei der Synthese mensch­li­cher Wahr­neh­mung« (s. Anm. 31), S. 107 f. – Mit ›lokal‹ meine ich: ›auf eine spezi­fi­sche Funktion bezogen‹. Gewiss können schon an deren Erfüllung weit­läu­fige Netzwerke beteiligt sein, so dass die Erregung zwar an einer räum­li­chen Stelle ihr Maximum hat, aber nicht auf diese Stelle beschränkt ist. Das Reso­nanz­phä­nomen zeichnet sich demge­gen­über dadurch aus, dass nicht nur u. U. weit entfernte Verbin­dungen, die für die jeweilige spezi­fi­sche Funktion unent­behr­lich sind, aktiviert werden, sondern dass neuronale Komplexe miterregt werden, die zu der Ausgangs­funk­tion als solcher nichts beitragen. ↩︎
  34. Man beachte auch: für kognitive Kohärenz ist insgesamt weit mehr verlangt als eine einzelne Passung zwischen Schema und Befund. Es braucht darüber hinaus eine Kohärenz zwischen vielen solchen Passungen quer durch die Sinnes­ge­biete, ja durch poten­tiell alle Dimen­sionen unserer Welt­erfas­sung. Oder anders gesagt: Es braucht nicht nur die vertikale Passung zwischen Schema und Einzel­be­fund, sondern auch die hori­zon­tale Kohärenz zwischen verschie­denen kogni­tiven Feldern. Genau das letztere ist im Fall bereichs­über­grei­fender Reso­nanzen der Fall. Entspre­chend weist z. B. Redies darauf hin, dass ästhe­ti­sche Reize zu maximal synchro­ni­sierten Antworten in verschie­denen neuro­nalen Netz­werken führen (Christoph Redies, »A universal model of esthetic percep­tion based on the sensory coding of natural stimuli«, in: Spatial Vision Vol. 21 (2007), No. 1–2, S. 97–117, hier S. 106). ↩︎
  35. Vgl. dazu auch Rama­ch­andrans und Hirsteins Hinweis, dass zur ästhe­ti­schen Erfahrung die Verstär­kung schon bestehender tempo­rärer Bindungen von Zell­ensem­bles gehört (»feature binding«), was mit einer Akti­vie­rung des limbi­schen Systems einher­geht (Vilayanur S. Rama­ch­andran / William Hirstein, »The Science of Art – A Neuro­lo­gical Theory of Aesthetic Expe­ri­ence«, in: Journal of Conscious­ness Studies 6 (1999), S. 15–51, hier S. 21 f.). ↩︎
  36. Immanuel Kant, Kritik der Urteils­kraft [1790], hrsg. von Gerhard Lehmann, Stuttgart 1963, S. 91, B 29 [§ 9]. ↩︎
  37. Vgl. dazu schon Baum­gar­tens Bestim­mung der Schönheit als Voll­endungs-Phänomen (Vollerfül­lungs-Phänomen) sinn­li­cher Erkenntnis: »Ziel der Ästhetik ist die Voll­kom­men­heit der sinn­li­chen Erkenntnis als solcher. Und eben das ist die Schönheit« – Alexander Gottlieb Baum­garten, Aesthe­tica, 1. Teil [1750], Hildes­heim 1970, S. 6 [§ 14]. ↩︎
  38. Darin, dass für das Erlebnis großer Schönheit eine subjek­tive Beglü­ckung ausschlag­ge­bend ist, die aus einer ganz­heit­li­chen Akti­vie­rung unserer Grund­kon­stel­la­tion resul­tiert, stimmen also Phäno­men­be­trach­tung, Kantische Analyse und neuronale Erklärung des Schönen überein. ↩︎
  39. Das ist die generelle These der Neuro­äs­thetik. Sie könnte trivial erscheinen – ist es aber nicht. Man überlege nur einmal, wie anders man Kunst­aus­stel­lungen und Museen nützen wird, wenn man dieser These vertraut. Man wird sie nicht mehr als Andacht­s­tempel ansehen oder als Sonn­tag­nach­mit­tags­pflichten aufsuchen, sondern man wird sie als Trainings- und Fitness­zen­tren für das Gehirn nützen: zum Zweck des Beset­zungs­um­baus, zur Erzeugung neuer Verbin­dungen, für Inte­gr­a­ler­re­gungen. Oder einem Sona­ten­satz wird man nicht mehr als histo­ri­sche Kurio­sität nach­for­schen, sondern man wird ihn auf das hin abhören, was er mit unserem Gehirn macht. Und es muss nicht der Sona­ten­satz sein – Ligeti oder Nono kommen dafür ebenso in Frage. ↩︎
  40. Vgl. Wolfgang Welsch, »Das Rätsel der mensch­li­chen Beson­der­heit«, in: W. W., Immer nur der Mensch? Skizzen zu einer anderen Anthro­po­logie, S. 277–293. ↩︎
  41. Vgl. beispiels­weise: »Die Wahr­neh­mung und mögli­cher­weise auch die Freude an musi­ka­li­schen Kadenzen sowie am Rhythmus ist wahr­schein­lich allen Tieren gemeinsam und beruht ohne Zweifel auf der gemein­samen physio­lo­gi­schen Struktur ihrer Nerven­sys­teme« (Darwin, Die Abstam­mung des Menschen und die geschlecht­liche Zuchtwahl, Stuttgart 21871/72, Bd. II, S. 292). Vgl. dazu in diesem Band: »Der anima­li­sche Ursprung der Ästhetik«, bes. S.  243–247. ↩︎
  42. Dieser Typus, der an keinerlei Inhalte gebunden ist – weder an die vorder­grün­digen des ersten Typs (Land­schaft, Körper) noch an die tiefer­rei­chenden des zweiten Typs (Selbst­ähn­lich­keit, Selbst­or­ga­ni­sa­tion) –, sondern ganz auf der Erregung der Archi­tektur des Cortex als solchen beruht, ist natürlich auch nicht an bestimmte kultu­relle Inhalte gebunden. Eben deshalb ist die Faszi­na­tion ja, wenn­gleich stets durch Werke mit bestimmter kultu­reller Prägung veran­lasst, ihrem Grunde wie ihrer Extension nach universal. Dennoch ist anzu­nehmen, dass dieser Typus erst in der Periode der Kultur zur Geltung kam bzw. verfolgt wurde – weil hier erst die elemen­taren biolo­gi­schen und kogni­tiven Notwen­dig­keiten abgedeckt waren und ein ›freies Spiel‹ von Wahr­neh­mungen und Erfin­dungen beginnen konnte. Der Grund der Faszi­na­tion durch atem­be­rau­bend schöne Werke also liegt tiefer als alles Kultu­relle, aber diese Möglich­keit kam erst in der Kultur frei zum Tragen. ↩︎
  43. Dabei ist mit ›Subjek­ti­vität‹ natürlich die allen Menschen gemein­same Gattungs-Subjek­ti­vität gemeint, nicht die gerade in aesthe­ticis später so beliebt gewordene Indi­vi­dual-Subjek­ti­vität. ↩︎
  44.  Friedrich Schiller, »Kallias oder Über die Schönheit. Briefe an Gottfried Körner« [1793 entst., 1847 publ.], in: F. Sch., Sämtliche Werke, Bd. 5, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert, München 61980, S. 394–433, hier S. 400 [Brief vom 8. Februar 1793]. ↩︎
Ginkakuji, Kyoto, Foto: Oilstreet, Wikimedia CC BY 2 5
Ginkakuji, Kyoto, Foto: Oilstreet, Wikimedia CC BY 2 5
Taj Mahal, Agra India, Foto: Yann
Taj Mahal, Agra India, Foto: Yann
Ryoan-Ji, Kyoto, Foto: cquest, Wikimedia CC BY 2 5
Ryoan-Ji, Kyoto, Foto: cquest, Wikimedia CC BY 2 5